Verheerende Waldbrandbilanz für Brandenburg - "Die Frage ist nicht ob, sondern wann die ersten Häuser verbrennen"

Do 22.09.22 | 07:16 Uhr | Von Roberto Jurkschat und Torsten Mandalka
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Ein Feuerwehrmann löscht Glutnester in einem Waldgebiet im Elbe-Elster-Kreis (Foto: dpa/Woitas)
dpa
Audio: rbb 88.8 | 22.09.22 | Andreas Marschner | Bild: dpa

Große Waldbrände haben in diesem Jahr die Häuser hunderter Menschen in Brandenburg bedroht. Experten appellieren an die Landesregierung, gefährdete Siedlungen besser zu schützen. Von Roberto Jurkschat und Torsten Mandalka

Vivien Kaiser erinnert sich genau an den Tag, als die Hubschrauber über ihrem Haus donnernd auf eine riesige Rauchsäule zugeflogen sind. Polizeiwagen rollten durch die Straßen in Frohnsdorf (Potsdam-Mittelmark), über Lautsprecher wurden alle Anwohner aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. "Wir haben am Abend vorher schon die Koffer gepackt, um die wichtigsten Dokumente und Wertsachen zu schützen", sagt die 26-Jährige im Gespräch mit rbb24-Recherche.

Zwei Tage nach dem Ausbruch des Waldbrandes bei Frohnsdorf am 17. Juni hatte das Großaufgebot von Feuerwehrkräften die Kontrolle über das Feuer verloren. Wind schob die Flammen über den ausgetrockneten Waldboden immer weiter auf die Siedlung zu.

Flammen 300 Meter vor der Siedlung

Vivien Kaiser ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr im Ort, nach der Evakuierung eilte sie zur Wache, "um zu retten, was zu retten ist", wie sie sagt. "Meinen Mann und unser Kind sind zu meiner Schwiegermutter gefahren. Wir wussten nicht, wie es hier aussehen wird, wenn alle wiederkommen."

Jens Heinze, Kreisbrandmeister in Potsdam-Mittelmark, arbeitete am Tag der Evakuierung im Krisenstab, der sich zwischenzeitlich in einem Frohnsdorfer Vereinsheim einquartiert hatte. "Am Ende waren wir mit den Flammen 300 Meter von den Häusern entfernt. Wir haben alles an Kräften reingeworfen, was wir hatten", sagt Heinze rbb24-Recherche. "Am Ende hatten wir Glück, dass der Wind sich gedreht hat. Sonst hätten wir den Ort vielleicht nicht halten können."

1.411 Hektar durch Waldbrände beschädigt

Das Jahr 2022 war in Brandenburg sowie in ganz Europa bisher ein verheerendes Waldbrandjahr. Dem EU-Waldbrandinformationssystem EFFIS zufolge beschädigten Feuer bis Mitte September insgesamt 758.333 Hektar Wald, in den 15 Jahren zuvor war in der EU durchschnittlich ein Drittel dieser Fläche betroffen.

Allein in Brandenburg wurden laut Umweltministerium in diesem Jahr bei 501 Waldbränden - so viele wie in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr - 1.411 Hektar Waldfläche beschädigt oder zerstört. Im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre ist das das Dreieinhalbfache. Größer war der flächenmäßige Schaden zuvor nur im Waldbrand-Rekordjahr 2018, in dem 1.664 Hektar betroffen waren.

Sogar in Berlin ist der Schaden in diesem Jahr durch den Großbrand im Grunewald außergewöhnlich hoch: Die Berliner Forsten haben zusätzlich 23 Brände im Berliner Stadtgebiet registriert und acht weitere auf städtischen Waldflächen im Umland. Insgesamt sind dabei 7.500 Quadratmeter Wald in Mitleidenschaft gezogen worden. Nach dem Brand im Grunewald, der allein auf 50 Hektar wütete, ist der Feuerschaden in der Hauptstadt in diesem Jahr laut Waldbrandstatistik der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung 27 mal so groß wie im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre [ble.de].

Schäden im zweistelligen Millionenbereich

Offiziell endet die Waldbrandsaison erst Ende Oktober, aber schon jetzt schätzt das Brandenburger Umweltministerium den entstandenen Schaden auf 11 bis 14 Millionen Euro. Kosten für die Wiederaufforstung sind darin nicht enthalten.

Neu ist in diesem Jahr aber auch, in welchem Umfang große Brände Siedlungen bedroht haben, die in unmittelbarer Waldnähe liegen. 2022 wurden mindestens sieben Ortschaften sowie Teile von Beelitz evakuiert. Eine Sprecherin des Innenministeriums teilte auf Anfrage mit, Evakuierungen würden zwar nicht statistisch erfasst, aus den vergangenen Jahren seien allerdings sonst nur noch drei Evakuierungen bekannt, die infolge des ersten großen Waldbrandes bei Treuenbrietzen im Jahr 2018 angeordnet wurden.

Fahrlässige und vorsätzliche Brandstiftung

Nach Angaben des Landesforstbetriebs hat die Feuerwehr in ihren Einsatzprotokollen in diesem Jahr meistens fahrlässige oder vorsätzliche Brandstiftung als mögliche Ursache vermerkt.

Kreisbrandmeister Jens Heinze sieht mit Blick auf die Klimakrise in den kommenden Jahren aber noch ein anderes Risiko. "Das Problem bei uns in Brandenburg ist, dass viele einzelne Häuser und Siedlungen ohne Sicherheitsabstand im Wald stehen", sagt Heinze. "Dass man mitten in diesen Gefahrenbereich hinein auch jetzt noch weitere Wohnsiedlungen baut, ist für mich absolut nicht nachvollziehbar. Aus meiner Sicht ist die Frage nicht ob, sondern wann die ersten Häuser verbrennen."

Neubau im Kiefernwald

Einen vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zwischen Wäldern und Häusern gibt es in manchen Bundesländern, in Mecklenburg-Vorpommern etwa müssen zwischen Wäldern und Häusern mindestens 30 Meter unbebaut bleiben.

In Brandenburg, wo der Landesforstbetrieb das Waldbrand-Risiko als besonders hoch einschätzt, gibt es solche Auflagen nicht. Neues Bauland wurde zum Beispiel im beliebten Berliner Speckgürtel auch in den vergangenen Jahren direkt in Kiefernwäldern ausgewiesen. Im Flächennutzungsplan der Ortschaft Borkwalde (Potsdam-Mittelmark) etwa hat die Kommunalverwaltung den "Erhalt des Waldsiedlungscharakters" als Ziel festgeschrieben. In den 1990er Jahren entstand in dem Ort eine Schwedenhaus-Siedlung mit Holzfassaden, heute entstehen Neubauten direkt am Waldrand.

Schutzstreifen um Ortschaften geplant

Nach den großen Waldbränden in diesem Sommer hat der Brandenburger Agrarminister Axel Vogel (Grüne) in einem Interview mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung angekündigt, den Schutz von Wohnsiedlungen mit einem neuen Waldgesetz zu stärken [maz-online.de]. Unter anderem sollen 200 bis 300 Meter breite Schutzstreifen rings um gefährdete Siedlungen angelegt werden. In den Bereichen sollen schwerer entzündbare Laubbäume und Sträucher die Waldbrandgefahr senken. Wie viele Siedlungen betroffen sein werden, soll eine interministerielle Arbeitsgruppe nach dem Ende der Waldbrandsaison im Oktober ermitteln.

Experten fordern bessere Prävention

Johann Georg Goldammer, Leiter des Instituts für Feuerökologie am Freiburger Max-Planck-Institut, ist der Ansicht, dass das Land Brandenburg bei der Waldbrandprävention noch stärker auf wissenschaftliche Expertise zurückgreifen könnte. "Büsche und andere Bodenpflanzen können in Siedlungsnähe ein zusätzliches Risiko darstellen, vor allem, wenn sie nach langen Dürrezeiten im Sommer ausgetrocknet sind", sagt Goldammer im Gespräch mit rbb24-Recherche. "In den Schutzkorridoren sollten das Unterholz und die Bodenvegetation eigentlich entfernt und regelmäßig kurzgehalten werden." Wichtig sei, dass dem Wald alles "brennbare Material" entzogen werde.

Dieser Auffassung ist auch die Berliner Waldbrandexpertin Juliane Baumann, die sich nach den Erfahrungen der vergangenen Waldbrandjahre dafür ausspricht, fachliche Kompetenzen in Sachen Waldbrandbekämpfung und -prävention stärker als bisher auf Landesebene zu bündeln. "Mein Vorschlag wäre ein Landeskompetenzzentrum für Waldbrände, das unabhängig vom Landesbetrieb Forst ist, aber mit den interdisziplinären Akteuren aus dem Bereichen Forst, Katastrophenschutz und Feuerwehr", sagt Baumann. Grundsätzlich solle Prävention ganzheitlicher gedacht werden. "Neben dem Waldumbau ist es auch wichtig, dass Siedlungen selbst so gestaltet werden, dass sie weniger anfällig für Brände sind. Holzfassaden sind da eher ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte."

Anwohnerin: "Man fragt sich, wie lange das hier noch gutgeht"

Das Brandenburger Innenministerium verweist gegenüber rbb24-Recherche auf die bereits existierende Arbeitsgruppe, in der Mitarbeiter des Katastrophenschutzes, des Landesforstbetriebs und der Polizei zusammenkommen. Diese Gruppe könne anlassbezogen um weitere Mitglieder ergänzt werden. Ein "darüber hinaus gehender Bedarf" bestehe derzeit nicht.

Bis wann die Landesregierung ein neues Waldgesetz beschlossen hat und Wälder rings um Ortschaften sicher umgestaltet werden können, ist im Moment noch unklar. Vivien Kaiser hofft auf schnelles Handeln in der Landesregierung, damit sie eine Evakuierung wie im Juni nicht noch einmal erleben muss. "Wir hatten Bilder im Kopf, wie das Feuer alles zerstört, was wir uns hier aufgebaut haben. Man fragt sich dann schon, wie lange das hier noch gutgeht."

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 22.09.2022, 19:30 Uhr

35 Kommentare

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  1. 35.

    https://www.swr.de/wissen/brennglaseffekt-koennen-glasscherben-einen-waldbrand-ausloesen-100.html
    "Normales Glas löst wahrscheinlich kein Feuer aus"

  2. 34.

    https://www.swr.de/wissen/brennglaseffekt-koennen-glasscherben-einen-waldbrand-ausloesen-100.html
    "Normales Glas löst wahrscheinlich kein Feuer aus"

  3. 33.

    Das gilt im Wald, aber am Waldrand gilt etwas anderes:

    "Richtlinie zum Erhalt und zur Anlage von Waldrändern im Land Brandenburg
    Stand Juli 2020
    3.3. Grundsätze
    Die Verkehrssicherung ist zu beachten."

  4. 32.

    Die Haftung des Waldbesitzers für waldtypische Gefahren ist nach einem Urteil des BGH ausgeschlossen.

  5. 31.

    Nein, eine Verkehrssicherungspflicht gibt's pauschal nicht. Diese kann durch das Anbringen entsprechender Schilder ausgeschlossen werden.

    Ich bewirtschafte seit vielen Jahren Wald und habe schon einige solcher Verfahren gewonnen.

  6. 29.

    "Natürlich können auch Glasscherben Brände verursachen."
    Das wurde untersucht und als unwahrscheinlich nachgewiesen. Glasscherben sind eben keine Brenngläser.

  7. 28.

    "Windbruch"
    Naja, Verkehrssicherungspflicht für die Bäume am Waldrand haben Sie schon.

  8. 27.

    Wie ich meinen Privatwald manage ist meine Entscheidung. Nicht mal der Forst hat ein Mitspracherecht. Von Wäldern geht keine Gefahr aus, denn Waldbrände sind sehr oft Fremdverschulden. Verantwortlich ist der Verursacher des Waldbrands und nicht der Waldbesitzer.

    Wenn man sich für die naturnahe Bewirtschaftung entscheidet, bleibt alles Totholz liegen. Totholz entzündet sich nicht selbst.

    Wer am Waldrand baut, muss das Risiko tragen. Dazu zählen nicht nur Brand, sondern auch Windbruch

  9. 26.

    Ich biete Grundstücksbesitzern, deren Grundstücke an meinen Wald grenzen einen Schutzstreifen von 250 Meter Breite an. Kosten pro Grundstück etwa
    3000 -4000 Eur pro Jahr.

    Das ist nur auf freiwilliger Basis möglich

  10. 25.

    Natürlich muss die Feuerwehr auch Brände in privaten Wäldern löschen. Die Feuerwehr löscht ja auch Eigenheime und andere Bauten auf privaten Grundstücken

    Internationale Experten haben erhebliche Zweifel an Brandprävention in Wäldern. Es ist nicht möglich und nicht zahlbar, Löschwasserleitungen ect zu verlegen.

    Waldumbau ist eine gute Lösung, wenn möglich und finanzierbar. Aber waldumbau ist ein Generationenproblem und leider auch sehr teuer

  11. 24.

    "Jeder Hausbesitzer, der am Waldrand baut, muss das Risiko in Kauf nehmen und sein Haus entsprechend schützen."
    Die Siedlungen sind sicher meist älter als 80 Jahre. Einzelne Häuser vielleicht nicht, aber die Dörfer schon. Das heißt die Bäume drumherum sind meist jünger.
    Forsthäuser die ich so kenne sind meist sehr holzlastig gebaut. Warum wohl?
    Stahl und Beton passt nicht so richtig in den Wald.
    Beim Neubau wäre es Aufgabe der Feuerwehr beim Bauantrag entsprechenden Brandschutz zu fordern. Das kann auch mal ein Streifen im benachbarten Wald sein, der u.U. durch den Bauherren beim Waldbesitzer gesichert und entschädigt werden muss.

  12. 23.

    "Wie ich als Waldbesitzer meinen Wald manage, ist meine sache

    Das Beräumen des Totholzes bringt nichts und zerstört den Lebensraum vieler Tiere. Außerdem wird die Humusbildung gestört."
    Wenn von Privateigentum eine Gefährdung für andere ausgeht, ist es nicht allein Sache des Eigentümers. Ich glaube es ist nicht allein Ihre Sache, wie Sie Ihren Wald managen.
    Dann ist es auch Ihre Sache wenn Ihr Wald brennt und die öffentliche Feuerwehr löschen soll?
    Wenn ich etwas baue, bewertet die Feuerwehr den Brandschutz, ohne dem keine Genehmigung.
    Scheint Hr. Goldammer hat Recht mit seiner Aussage "das Land Brandenburg bei der Waldbrandprävention noch stärker auf wissenschaftliche Expertise zurückgreifen könnte."
    Es geht um die genannten 200-300m im Siedlungsbereich. "Wichtig sei, dass dem Wald alles "brennbare Material" entzogen werde."

  13. 22.

    In Brandenburg wird also weiter "diagnostiziert", "Monitoring betrieben", "drüber nachgedacht", "sich ausgetauscht". Nach dem in diesem Jahr die größten Flächenverluste überhaupt festzustellen sind!?
    Wo anders werden in nicht mal 4 Wochen nachdem nicht mal 100ha abgebrannt sind FAKTEN geschaffen!
    Löschflugzug. Stationiert und unterhalten.
    https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/harz/kreistag-will-eigenes-loeschflugzeug-waldbraende-100.html

    Brandenburg diskutiert da seit 3 Jahren drüber. Und hat das komplett tot geredet.
    Nun holen sich andere den Topf für ein EU-Rescue.
    Und Brandenburg schickt lieber seine Kameradinnen und Kameraden los.

  14. 21.

    Grüne Windräder......um meinen Grill anzuheizen nehme ich auch immer einen grünen Fön, brennt super!
    Sprengplatz......die verdammte Allierten, die haben ja sowieso unser schönes grünes Land (oder wars braun?) kaputt gemacht.
    Freue mich auf noch mehr Expertenkommentare.

  15. 20.

    Natürlich können auch Glasscherben Brände verursachen. Daher muss es jeden Waldbesitzer oder Pächter selbst überlassen sein, ob er ein Betreten zulässt oder nicht

    Leider gibt's immer mehr Menschen, die sich im Wald nicht benehmen können, Müll wegwerfen, Waldbrände verursachen oder gar Hunde frei rumlaufen lassen.

    Dann gibt's noch die Raucher, die ihre Kippe in den Wald werfen.

  16. 19.

    Unabhängig davon, dass Müll selbstverständlich nicht in den Wald gehört, können Glasscherben eher keinen Waldbrand verursachen, heiße Katalysatoren schon eher.

    "Eine Lösung wäre, das Betreten der Wälder generell zu untersagen."
    Ggf. das Befahren von Waldwegen, aber doch nicht das Betreten ?!

  17. 18.

    "Was haben Windräder mit Waldbränden zu tuen?"

    Das ist Wissenschaft a la AfD. Einen dazu passenden Artikel finden Sie hier:
    https://afd-sh.de/2022/07/12/klimaveraenderungen-durch-zu-viele-windraeder/

    Den Faktencheck hier:
    https://faktencheck.afp.com/doc.afp.com.32EC6LW

  18. 17.

    Es ist schon merkwürdig, wofür manche Menschen die Politik alles verantwortlich machen, obwohl bewiesen wurde, dass die meisten Feuer durch Menschenhand gelegt wurden.

  19. 16.

    Holz kann schon jetzt gegen Bezahlung erworben werden. Eine kostenlose Entnahme ist nicht machbar. Immerhin handelt es sich um Eigentum des waldbesitzers oder pächters

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