Polizisten in Potsdam angeklagt - "Das war alles völlig unverhältnismäßig"

Mo 21.11.22 | 16:37 Uhr | Von Lisa Steger
Symbolbild: Polizisten gehen in das Potsdamer Amtsgericht. (Quelle: dpa/S. Stache)
Video: rbb24 | 21.11.2022 | Material: rbb24 Abendschau | Bild: dpa/S. Stache

Vor dem Amtsgericht Potsdam müssen sich seit Montag zwei Polizeibeamte verantworten. Der Vorwurf: gefährliche Körperverletzung im Amt. Bei einer Fahrzeugkontrolle sollen sie einen Autofahrer krankenhausreif geschlagen haben. Von Lisa Steger

Die Staatsanwaltschaft Potsdam wirft zwei Polizisten vor, einen Autofahrer vor einem Fußballspiel misshandelt zu haben. Am Montag begann im Potsdamer Amtsgericht der Prozess gegen einen 43-jährigen Mann aus Herzberg (Elbe-Elster) und seinen 34-jährigen Kollegen aus Nuthe-Urstromtal (Potsdam-Mittelmark).

Ein viereinhalb Jahre alter Fall

Blass und mit schwarzen Rändern unter den Augen sitzen die beiden Angeklagten im Saal. Für sie geht es um viel, und das schon länger. Sechs Termine gab es bereits, immer wieder wurde der Prozess verschoben oder abgebrochen. Zum Beispiel, weil eine Richterin in Pension ging oder ein Zeuge nicht kam. Einmal wurde ein Termin vertagt, weil der Sachverständige nicht geladen worden war. Viereinhalb Jahre liegt der Fall inzwischen zurück.

Es war im Mai 2018 - vor einem Landespokalfinale in Potsdam-Babelsberg hatten die beiden Beamten Dienst. Ihre Aufgabe: zu verhindern, dass gegnerische Fans aufeinandertreffen. Sie hatten eine Straße gesperrt und hielten Fahrer an. So auch Christian R., das mutmaßliche Opfer.

Der heute 45-Jährige wollte weiterfahren und habe die Polizisten unflätig beleidigt, so die Staatsanwaltschaft. Daraufhin wollten die Polizisten, dass er aussteigt, heißt es in der Anklage. Er wehrte sich, krallte sich am Lenkrad fest. Daraufhin hätten ihn die Beamten an seinem Zopf aus dem Wagen gezogen und zu Boden gebracht. Sie schlugen und traten ihn gegen den Kopf, so der Staatsanwalt heute. Mit drei Brüchen sei der Autofahrer in die Rettungsstelle gekommen: Das Nasenbein war kaputt, die äußere Augenhöhle und das Jochbein ebenfalls gebrochen.

Opfer wirft Polizisten Willkür vor

Das mutmaßliche Opfer Christian R. sagt im Amtsgericht als Zeuge aus. Der Potsdamer wird aus dem Gefängnis vorgeführt, zurzeit sitzt er ein. Warum, dazu gibt es keine Informationen. "Ich bin bestimmt kein Unschuldslamm, ich habe Fehler gemacht in meinem Leben, aber ich habe mich gebessert", beteuert der große, breitschultrige Mann. Er bestreitet, die Beamten beleidigt zu haben. Ein "Wortgefecht" habe es aber gegeben. Er habe sich nicht gewehrt, sei lediglich sitzen geblieben, statt auszusteigen. Völlig unvermittelt hätten die Beamten daraufhin Pfefferspray in sein Auto gesprüht, während sie ihn durch die offenen Türen bereits getreten und geschlagen hätten. Er habe an Atemnot gelitten. "Das war alles völlig unverhältnismäßig", so das mutmaßliche Opfer.

Als Christian R. vor dem Wagen auf dem Boden lag, habe er große Schmerzen verspürt, "durch die blutenden Verletzungen und das Pfefferspray", wie er aussagte. Die beiden Beamten hätten ihn zu einer Bank gebracht und dort einen Krankenwagen gerufen, der ihn schließlich in eine Rettungsstelle gefahren habe.

Polizisten äußern sich nicht

Die beiden angeklagten Polizisten haben am ersten Prozesstag geschwiegen. Wenn das Amtsgericht sie verurteilt, drohen drei Monate bis zu fünf Jahre Haft. Sollten sie eine Strafe bekommen, die danach rechtskräftig wird, könnten sie sogar ihren Beamtenstatus verlieren. Das passiert normalerwiese bei Haftstrafen von über einem Jahr. Darüber müsste das Potsdamer Innenministerium entscheiden. Am nächsten Prozesstag - dem Dienstag kommender Woche – soll die damalige Freundin des Autofahrers als Zeugin aussagen, sie saß auf dem Beifahrersitz. Dann wird vermutlich auch das Urteil verkündet.

Sendung: rbb24, 21.11.2022, 16:00 Uhr

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