A-Jugend ist Tabellenführer - Wie der Cottbuser Fußball-Nachwuchs die Bundesliga aufmischt

Torjubel bei den Cottbuser A-Junioren. / imago images/Lobeca
Bild: imago images/Lobeca

Sechs Spiele, 16 Punkte: Die A-Jugend von Energie Cottbus steht an der Spitze der Bundesliga-Tabelle. Vor Hertha BSC, RB Leipzig oder dem VfL Wolfsburg. Was die Nachwuchsarbeit der Lausitzer aktuell so erfolgreich macht. Von Johannes Mohren

Sebastian König kommt gerade vom Trainingsplatz. "Die Stimmung ist super", erzählt er am Telefon, "so macht natürlich alles mehr Spaß." Der Trainer und seine Cottbuser A-Jugend haben in den vergangenen Wochen eine Serie hingelegt, "die wir so wahrscheinlich nie wieder erleben werden", sagt König. Mit fünf Siegen und einem Unentschieden sind die Lausitzer in die Junioren-Bundesliga gestartet, sind ungeschlagener Tabellenführer der Staffel Nord/Nordost.

Vor Hertha BSC, vor RB Leipzig und auch vor Union Berlin. Allesamt Nachwuchsteams von Klubs, deren Profis in der Bundesliga spielen. Überhaupt ist Energie Cottbus - als U19 eines Regionalligisten - in dieser höchsten Junioren-Spielklasse eine seltene Ausnahme: 11 der 19 Konkurrenten sind Jugendmannschaften von Erst- oder Zweitligisten, vier von Drittligisten. Cottbus zählt zu den Kleinsten unter vielen Großen - und führt sie aktuell dennoch alle an. "Schon in dieser Liga zu sein, ist für Cottbus wie die Teilnahme an der Champions League. Und nun das. Es ist ein geniales Gefühl. Sowohl für die Jungs als auch für mich", sagt König.

 
 

Der Cottbuser Weg

Sie wissen in Cottbus, dass es sich "um eine absolute Momentaufnahme handelt". Gleichzeitig ist es für König jedoch eine Bestätigung. "Es zeigt den Jungs auch, dass dieser Weg von Erfolg gekrönt sein kann", sagt der 33-Jährige. Dieser Weg. Der Cottbuser Weg. Von dem ist schnell die Rede, wenn man mit den Verantwortlichen des Nachwuchsleistungszentrums (NWLZ) der Lausitzer spricht. Sei es mit dem A-Jugend-Trainer König oder aber mit dem Leiter Detlef Ullrich.

Es ist ein Weg, auf dem das Wort Einheit eine große Rolle spielt. Räumlich, strukturell und emotional. "Wir haben die perfekten Voraussetzungen in Cottbus. Es liegt alles sehr eng zusammen, alles ist fast fußläufg zu erreichen", sagt Ullrich. Und: "Das fördert natürlich die Zusammengehörigkeit". Lausitzer Sportschule, Internat, Nachwuchsleistungszentrum und auch der brandenburgischer Landesverband sind an einem Standort miteinander verwoben. So wollen sie bei Energie den Vorsprung ausgleichen oder zumindest verkleinern, den andere durch mehr Geld haben.

 
 
 
 
 
 
 
 

Zusammenhalt auch neben dem Platz

Das Internat nimmt dabei eine Schlüsselfunktion ein. Wer bei Cottbus ausgebildet wird - auf und neben dem Platz -, lebt auch dort. Mehr als hundert Nachwuchskicker sind es aktuell. "Für uns ist es ein riesiger Vorteil. Da gibt es dann ohnehin schon eine Einheit", sagt König. Seine gerade an die Spitze gestürmte A-Jugend ist das beste Beispiel dafür: Fast alle Spieler sind seit der siebten oder achten Klasse zusammen. "Sie kennen sich also", sagt König. Nicht nur als Fußballer auf dem (Trainings-)Platz, sondern eben auch als Menschen daneben.

 
 
 
 

Und sie hatten und haben mehr Zeit, um zu trainieren. Holen andere Nachwuchsakademien teilweise ihre Spieler erst zuhause zu den Übungseinheiten ab, sind sie in Cottbus sofort vor Ort. "Die Jungs müssen in den ersten Jahren, in denen sie hier sind, nicht mal eine Straße überqueren", sagt König. Auch mit dieser besonderen Infrastruktur werben sie in Cottbus um die Talente.

 
 

Harter Kampf um Talente

Denn der Kampf um die besten Jugendspieler ist hart. Und die Cottbuser sind nicht in der Pole Position. "Wir würden uns was vormachen, wenn wir sagen, dass wir alle Talente halten könnten", sagt Ullrich. Sie wissen um ihre Rolle. Auch wenn Energie in der A-Junioren-Bundesliga gerade vor Hertha oder Leipzig liegt, im Duell um die besten Jugendspieler stehen sie oft hintenan. "Der erste, zweite oder dritte der Ausbildungskette ist vielleicht nicht zu halten", sagt Ullrich, "aber dann muss der vierte und fünfte so gut ausgebildet sein, dass er das Profiteam immer verstärken kann."

Zwei Drittel der Top-Talente gingen verloren, schätzt auch König. "Wir wissen, wo wir in der Nahrungskette stehen", sagt der 33-Jährige. Die Tatsache an sich ärgert ihn nicht. Er macht sich keine Illusionen. Deutlich schlechter kann er sich damit abfinden, wann und zu welchen Konditionen diese Wechsel ablaufen. "Die Hemmschwelle für andere Vereine müsste deutlich höher sein. Wenn etwa der VfL Wolfsburg ein Talent aus Cottbus holt, müsste er dafür deutlich mehr bezahlen, als er es aktuell tut", sagt er. Und: "Der VfL Wolfsburg hat das Geld und für Cottbus wäre es entscheidend, wenn wir 50.000 Euro mehr bekommen. Davon könnten wir zwei hauptamtliche Stellen besetzen und wieder Talente besser machen."

 
 
 

"Cottbus hat sich jetzt als Talentschmiede definiert"

Talente, die der Klub vor allem im eigenen Bundesland findet. Auch das gehört zum Cottbuser Weg. Was sie nach oben verlieren, suchen sie sich vor der eigenen Haustür wieder zusammen. Das Sichtungssystem des Verbandes - selbst bekanntlich auch Teil des Nachwuchskomplexes - ist auf die Lausitzer zugeschnitten. "Alle Stützpunkte in Brandenburg sichten quasi für Energie und die besten Spieler des Landes gehen nach Cottbus", sagt König.

Und so sind sie optimistisch, weiter ganz oben in der Nachwuchsförderung mitspielen zu können, auch weil diese hohe Priorität im Verein habe. "Energie hat sich jetzt als Talentschmiede definiert. Das ist das wichtigste. Das war zuletzt nicht ganz so. Da hat man die eigenen Talente nicht so berücksichtigt. Das war ein fataler Fehler", sagt Ullrich. Claus-Dieter Wollitz hingegen stehe als aktueller Trainer der Regionalliga-Mannschaft für Chancen für die Jugend, für eine höhere Durchlässigkeit zu den Profis. "Er ist ein sensationeller Typ für Leute aus dem Nachwuchs."

 
 
 

Die Hoffnung: Aufstieg der Profis

Davon soll nun ganz konkret auch die furiose A-Jugend von Sebastian König profitieren. Energie will allen Spielern peu à peu die Chance bei den Profis in der vierten Liga geben und dann hoffen, dass die Besten auch bleiben und nicht den finanzkräftigen Argumenten der höherklassigen Konkurrenz folgen. Dass es einige wohl dennoch tun werden, wissen sie. Noch zumindest. Denn bei der letzten Einschulung in der Lausitzer Sportschule, erzählt Ullrich, habe er den Eltern folgendes gesagt: "Wenn Ihre Kinder, die jetzt in der siebten Klasse eingeschult werden, im bezahlten Fußball ankommen, ist Energie Cottbus wieder Dritt- oder Zweitliga-Verein." Dann hätte auch das Nachwuchsleistungszentrum des Klubs im Kampf um Talente noch bessere Argumente.

 
 

6 Kommentare

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  1. 6.

    Und das einzige Unentschieden mussten die Cottbusser gegen die A-Jugend von Viktoria Berlin hinnehmen. Einer Jugendabteilung ohne Nachwuchleistungszentrum und großer Konkurrenz in Berlin. Viktoria ist übrigens der einzige Verein mit A- und B-Jugend in der Bundesliga ohne Nachwuchsleistungszentrum und einer großen Jugendabteilung mit vielen Breitensportmannschaften. Das haben die anderen Bundesligisten / Proficlubs auch nicht.

  2. 5.

    Nach außen Hui. Innen Pfui. Dieser Artikel beschönigt einfach nur und zeigt nichts von dem, wie es in diesem Verein im Nachwuchs tatsächlich aussieht. Die können froh sein, wenn da überhaupt noch Kinder spielen wollen.

  3. 4.

    Tolle Nachwuchsarbeit die dort in Cottbus gelebt und gearbeitet wird. Das ist einfach klasse und genau auch aus diesem Grund sollte der Verein bald wieder stark genug für die 3.Liga sein. Alles Gute auf dem Weg dorthin!

  4. 3.

    Es dauert nicht lange, dann wird der Cottbuser Nachwuchs wieder von den Bayern weggekauft. Cottbus darf dann wieder von vorn beginnen.

  5. 2.

    In Cottbus wird Fußball gearbeitet, gelebt und geatmet. Ein schöner Artikel.

  6. 1.

    In Cottbus wird Fußball gearbeitet, gelebt und geatmet. Ein schöner Artikel.

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