Interview | Cottbus-Trainer Wollitz vor Rückrundenstart - "Wenn ich Wünsche habe, dann betreffen die nicht den Fußball"

Mi 19.01.22 | 15:13 Uhr | Von Lukas Witte
Energie Cottbus Trainer Claus Dieter Wollitz feuert an (imago images/Picture Point)
Bild: imago images/Picture Point

Für Energie Cottbus beginnt nächste Woche die Rückrunde in der Regionalliga Nordost, in der die Lausitzer durchaus Chancen auf den Aufstieg haben. Trainer Claus-Dieter Wollitz spricht über die Vorbereitung, den Transfermarkt und die Corona-Situation.

rbb|24: Claus-Dieter Wollitz, in diesen Zeiten die vielleicht wichtigste Frage am Anfang: Wie steht es derzeit um die Corona-Situation bei Energie Cottbus? Sind alle gesund?

Claus Dieter Wollitz: Wir sind Corona-frei im Moment. Man weiß nicht, wie das morgen aussieht, aber jetzt aktuell sind wir frei. Wir machen jeden Tag Schnelltests und wollen versuchen, auch ein Mal pro Woche einen PCR-Test bei allen zu machen. Das machen wir schon die ganze Zeit und haben auch alle Maßnahmen getroffen, um das Hygienekonzept umzusetzen. Wir tragen in der Kabine und im Kraftraum Maske. Natürlich während des Trainings nicht, das ist klar. Ansonsten versuchen wir alles. Ich glaube aber, dass es da keine hundertprozentige Garantie gibt. Das sieht man ja jetzt auch bei der Handball-EM.

Ein breiter Kader scheint derzeit wichtiger denn je zu sein. Schlägt Energie Cottbus auf dem Transfermarkt noch einmal zu?

Nur deshalb Spieler zu verpflichten, halte ich für den falschen Weg. Fakt ist aber auch, dass der Kader in dieser Saison allgemein sehr klein ist. Das liegt an der negativen Bilanz, mit der Energie Cottbus vergangenen Sommer in die Saison gegangen ist. Die Mitglieder wurden gebeten, den Verein mit einer Sonderumlage zu unterstützen. Und dann geht man mit diesen Geldern los und kauft einen 30-Mann-Kader? Ich denke, das wäre in der Außendarstellung falsch. Dennoch: Wenn es auf dem Transfermarkt ein oder zwei Spieler gibt, die der Mannschaft in dieser Situation helfen können, ist der Klub bereit, das zu unterstützen. Aber im Winter kriegst du auch nicht unbedingt den Spieler, der in einem kompletten Rhythmus und einer perfekten Verfassung ist. Das sind ja dann meistens eher Spieler, die Spielpraxis brauchen oder unzufrieden sind, weil sie wenig spielen. Die Frage ist: Können die dann kurzfristig helfen?

Hätten Sie denn einen Wunschspieler, den der Verein für die Mannschaft verpflichten könnte?

Wenn ich Wünsche habe, dann betreffen die nicht den Fußball. Ich habe andere Wünsche. Dass wir die Pandemie bekämpfen mit Solidarität. Wenn ich einen Wunsch haben dürfte, dann wäre das so ein Wunsch. Fußball ist dann nicht so wichtig. Ich habe insgesamt mit der Situation ein komplexes Problem. Bei der einen Veranstaltung dürfen 20.000 Zuschauer rein, bei anderen nur 1.000 oder 500. Dieses Ungleichgewicht tut allen nicht gut. Das beschäftigt mich viel mehr, als ob wir jetzt einen Wunschkandidaten für die Mannschaft haben.

Sie hatten sich dafür ausgesprochen, erst im März in die Rückrunde zu starten. Nun geht es aber am 29. Januar schon weiter. Befürchten Sie Spielabbrüche?

Ich bin gefragt worden und habe Mitte März vorgeschlagen, als vielleicht einigermaßen sicheren Zeitpunkt. Es ist anders entschieden worden. Das ist Demokratie und das akzeptiere ich auch. Wenn ich mir aber die aktuellen Infektionszahlen anschaue, tue ich mir schwer damit, Fußballspiele auszutragen. Und ich möchte einheitliche Regeln. In der Regionalliga ist zum Beispiel 3G. In den unteren Bereichen ist es 2G. Das halte ich schon für sehr fahrlässig und gefährlich. Ich muss mich da überraschen lassen und wir müssen das jeden Tag neu besprechen. Ich kann nur Eines sagen: Wenn hier jemand nur einen leichten Schnupfen oder Husten hat, kommt er nicht zur Mannschaft. Ich habe auch meine Bedenken, was die Folgeerscheinungen bei Leistungssportlern betrifft, wenn sie sich mit Corona infiziert haben. Aber natürlich kann das Leben keinen Stillstand ergreifen. Trotzdem sollten wir mit dieser Situation sorgfältiger umgehen und ich habe immer das Gefühl, dass der Fußball sich da ein Privileg rausnimmt, was ihm insgesamt nicht guttut.

Schauen wir trotzdem einmal sportlich nach vorne: Wie zufrieden sind Sie denn mit der Vorbereitung Ihrer Mannschaft bisher? Wie ist die Stimmung im Team?

Die Situation merkt man natürlich auch im Team. Letzte Woche hätten wir zum Beispiel gerne gespielt, aber unser Freundschaftsspiel wurde wegen Corona abgesagt. Und wenn du dann wegen der Witterung auch immer auf unterschiedlichen Trainingsplätzen bist, merkst du bei den Spielern auch manchmal so ein leichtes Knurren. Das ist aber aus meiner Sicht menschlich. Ansonsten versuchen wir alles, um nächste Woche Samstag so vorbereitet zu sein, dass wir die Ausgangsposition aufrechterhalten können, die sich die Mannschaft in den letzten Wochen so hart erarbeitet hat.

Ihr Team steht nun auf dem zweiten Tabellenplatz. Wie schafft man es jetzt, an dieses Leistungsniveau anzuknüpfen und über die Winterpause den Fokus nicht zu verlieren?

Das ist die Kunst. Das ist am Ende die Qualität jedes Einzelnen. Nach so einer Erfolgsgeschichte gehst du dann in den Urlaub, den du auch brauchst. Obwohl du in so einem "Flow" warst. Und dann musst du wieder neu anfangen. Da gilt es, sich in jedem Training diese Stabilität wieder zu erarbeiten. Es geht wieder bei null los. Es kann nicht mehr dieselbe Selbstverständlichkeit geben, weil das Pausen unterbrechen.

Apropos Leistungsträger: Nach der zuletzt sehr erfolgreichen Phase haben Sie Bedenken geäußert, dass manche Ihrer Spieler nun auch in den Fokus von Vereinen aus der 3. Liga gelangen könnten und aus Cottbus weggekauft werden. Wird es noch im Winter Abgänge geben?

Bis jetzt ist wirklich noch keiner an uns herangetreten. Ich kann nur sagen, dass wir mit dem ein oder anderen Spieler Gespräche über eine vorzeitige Vertragsverlängerung unabhängig der Ligazugehörigkeit führen. Da gab es jetzt nicht so den Wunsch, den Verein zu verlassen. Aber eines ist auch klar: Die Begehrlichkeiten der Spieler haben sich aufgrund der guten Leistungen erhöht. Im letzten Sommer sind die Spieler unter anderen Vorzeichen hierhergekommen. Sie waren noch nicht so präsent und noch nicht so im Fokus. Jetzt muss man schon ganz andere finanzielle Maßnahmen treffen, um die Spieler davon zu überzeugen, hier zu bleiben. Das macht die Situation nicht einfacher. Ich habe den Spielern gesagt, dass sie sich schnell entscheiden sollen, um dann auch zu wissen, wie es im Sommer weitergeht.

Wo geht die Reise in der Rückrunde hin? Ist das Ziel und der Anspruch von Energie Cottbus der Aufstieg?

Nein, ist er nicht. Mir wurde der Auftrag gegeben, dass ich eine Mannschaft formen soll, die im nächsten Jahr unter den Top-Drei spielt. Das war die Maßgabe und der Wunsch. Die Mannschaft und der Verein können also zufrieden sein. Ich bin es aber nicht, weil wir in den Phasen im September und Oktober viel liegen lassen haben. Entscheidend ist, ob wir in den Rhythmus wieder reinkommen. Wenn man Zweiter ist, will man nicht sagen: 'Ich will jetzt noch Sechter werden.' Man will seine Position behalten und es spannend machen. Nur warne ich davor zu sagen: 'Wir wollen jetzt Erster werden!' Dass man das will ist klar! Das ist eine Grundvoraussetzung für jeden Sportler. Aber wenn man am Ende dann doch nur Dritter wird, darf es nicht so sein, dass jeder maßlos enttäuscht ist und wir wieder bei null anfangen. Für diesen Moment können wir zufrieden sein, aber wir sollten uns nicht auf dieser Zufriedenheit ausruhen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lukas Witte für den rbb Sport

Sendung: inforadio, 19.01.2022, 14:15 Uhr

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