Interview | Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung - Wie Herzberg mit modernen Ideen der Abwanderung trotzt

Symbolbild: Wahrenbrueck im Landkreis Elbe-Elster, im Vordergrund der Fluss "Schwarze Elster". Luftaufnahme mit einer Drohne. (Quelle: dpa/A. Franke)
Bild: dpa/A. Franke

Sind ostdeutsche Gemeinden krisenfester als westdeutsche? Diese Frage hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in zwölf ostdeutsche Gemeinden untersucht. Eine davon Herzberg (Elbe-Elster). Am Mittwoch gab es die Ergebnisse.

rbb|24: Frau Dähnert, Sie sind Mitautorin der Studie und Projektleiterin. Sie wollten herausfinden, ob ostdeutsche Gemeinden durch die permanenten Herausforderungen krisenfester sind, als westdeutsche. Dazu haben sie mehrere Bürgermeister befragt. Sind denn Kommunen in Ostdeutschland krisenfester?

Susan Dähnert: Auf alle Fälle haben sie gelernt mit Krisen umzugehen, sie haben eine Gelassenheit entwickelt, vielleicht auch Pragmatismus. Oft haben wir gehört, so schnell haut uns nichts mehr um, wir wissen wie es ist, wenn es mal komplett den Bach runtergeht und wir wieder aufstehen und uns Lösungen überlegen müssen. Gleichzeitig würden wir sagen, diese Krisenfestigkeit hat weniger mit Ost und West, mit Stadt oder Land zu tun. Es hat vor allem mit den handelnden Personen zu tun, was sie stemmen in ihren Gemeinden, wie sie Lösungen und sich Unterstützung suchen.

Karsten Eule-Prütz, Bürgermeister in Herzberg (Elster). (Quelle: Presse Karsten Eule-Prütz)
Bild: Presse Karsten Eule-Prütz

Insgesamt zwölf Kommunen in Ostdeutschland haben Sie für Ihre Studie ausgewählt, eine davon Herzberg. Warum gerade diese Stadt?

Wir haben Herzberg ausgewählt, weil der Landkreis Elbe-Elster, wenn man sich die demographischen Entwicklungen anschaut, einer der am härtesten getroffenen Landkreise in Deutschland ist. Da sind besonders viele Leute abgewandert, die Bevölkerung ist im Schnitt schon sehr stark gealtert. Das Berlin-Institut hat vor zwei/drei Jahren eine Bevölkerungs-Prognose gerechnet und da gehörte der Landskreis Elbe-Elster zu einem der Landkreise, die auch zukünftig von weiteren Bevölkerungs-Rückgängen betroffen sein dürften. Und da haben wir uns gefragt, wie reagieren Kommunen in dieser Region, wie stellen sie sich diesen Herausforderungen. Und haben dann Herzberg gefunden, weil es eine Kommune ist, die mit ihrem Bürgermeister (Anm. d. Red.: Karsten Eule-Prütz, parteilos) einen sehr offenen und innovativen Menschen an der Spitze hat, der neue Sachen ausprobiert, der sagt, wie schaffen wir es, neue Leute hierher zu holen trotz unserer peripheren Lage. Wie können wir die Digitalisierung nutzen um die Kommune voranzubringen.

Haben Sie Beispiele dafür, was Herzberg anders macht als andere Orte?

Herzberg ist sehr offen, neue digitale Lösungen zu testen, zu überlegen, was bringt uns voran. Herzberg hat eine Städte-App zm Beispiel entwickelt. Hier kann man sich vernetzen, hier bekommt man Informationen zur Kommune aus erster Hand. Und Herzberg hat eine Bürgerbeteiligungs-Plattform entwickelt, hier kann man sich Online an Stadtentwicklungsprozessen beteiligen. Ganz aktuell gibt es ein Modellvorhaben. Da geht es darum, wie kann die Arbeit von Vereinen durch digitale Lösungen verbessert werden. Gerade Vereine stehen vielerorts vor den Herausforderungen, dass sie schwer Nachwuchs finden, andere die Arbeit schon viele Jahrzehnte machen und älter werden. Es droht, dass Vereine einschlafen und aussterben, wenn die Mitstreiter fehlen. Und welche Möglichkeiten gibt es da mit neuen digitalen Lösungen, Vereinsarbeit einfacher zu machen und Leute zu motivieren, dabei zu sein.

Gibt es in der Arbeit von Verwaltungen noch Unterschiede zwischen Ost und West?

Wir haben sehr exemplarisch 12 Kommunnen herausgesucht, die ähnlich wie Herzberg vor besonderen Herausforderungen stehen und diese mit innovativen Lösungen angehen. Wir haben erst einmal keine Vergleichsstudie angelegt. Wir wollten sehen, wie schaffen es die Leute vor Ort trotz der Probleme die sie haben, neue Ideen zu generiern und neue Projekte anzustoßen. Da haben wir bei den zwölf Kommunen in Ostdeutschland gesehen, dass Stadtoberhäupter sagen, wir brauchen eine schlagkräftige Verwaltung um überhaupt Innovationen umsetzen zu können. Die einen bauen ihre Verwaltungen aus und bieten Ausbildung für junge Leute an. Andere sagen, wir müssen auch Leute von außerhalb reinholen, mit ganz anderen Professionen und nicht nur mit einem Verwaltungshintergrund. Wir brauchen Externe, wir brauchen Leute, die aus der praktischen Arbeit kommen. Also eine gute Mischung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch hat Florian Ludwig für rbb|24 geführt.

Sendung: Antenne Brandenburg, 06.10.2021, 15.40 Uhr

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