Haus in der Siedlung Alwine in Südbrandenburg (Quelle: rbb/Iris Wußmann)
Audio: Antenne Brandenburg|25.03.2021|Sebastian Schiller | Bild: rbb/Iris Wußmann

Nach gescheiterter Dorf-Versteigerung - Bewohner von Alwine fühlen sich im Stich gelassen

"Dorf zu Ersteigern": Mit dieser Schlagzeile ist die verfallene Siedlung Alwine 2017 deutschlandweit berühmt geworden. Später sollte die Siedlung zum Erfinderdorf werden. Doch aus all dem wurde nichts, der Verfall geht weiter. Von Sebastian Schiller

Selten dürften ein paar heruntergekommene Häuser so einen Medienrummel ausgelöst haben: Als vor vier Jahren die Siedlung Alwine auf einen Schlag versteigert werden soll, bestürmen Journalisten die wenigen Bewohner, surren Drohnen über maroden Dächern.

Der erste Versteigerungsversuch scheitert, dann kauft ein Berliner Makler die Siedlung im Süden Brandenburgs. Zwei Österreicher werden ins Boot geholt, päsentieren sich in weißen Kitteln zwischen Mülltonnen und bröckelndem Putz, wollen aus Alwine ein Erfinderdorf machen. Doch daraus wird nichts, 2019 wird der Plan eher beiläufig begraben.

Schimmelpilze an den Wänden

Wer jetzt, gut drei Jahre nachdem sich Alwine in die Schlagzeilen katapultiert hat, in die Siedlung kommt, der könnte denken: Endlich passiert was! Das größte Haus ist eingerüstet, neue blaue Dachziegel glänzen in der Sonne. Doch das Gerüst steht seit mindestens zwei Jahren dort und auf einer Seite fehlen immer noch zahlreiche Ziegel.

"Bei mir regnet es im Schlafzimmer durch die Wand durch", sagt Paul Urbanek, einer der letzten fünf Anwohner. Er habe den Besitzer informiert, doch der hätte ihn nur aufgefordert zu lüften. Seit zwei Jahren dringt das Wasser in das Zimmer, Schimmelpilze wachsen an der Wand. Das ganze Haus riecht modrig, die Holzdielen geben unter den Füßen nach. Der Besitzer, ein junger Berliner, reagiere mittlerweile nicht mal mehr auf Anrufe, erzählt Manfred Kern, ein anderer Anwohner. " Wenn er mal rangeht, dann legt er sofort wieder auf", auch ein Einschreiben an ihn sei wieder zurückgekommen.

"Eigentümer sollte sich schämen"

Auch auf die rbb-Anfrage reagiert er nicht.

Überraschend haben die letzten fünf Bewohner dann aber doch Post aus Berlin bekommen: die Erhöhung der Betriebskosten. Paul Urbanek soll beispielsweise ab Januar statt 39 Euro fast 61 Euro monatlich zahlen. Das lehnt er ebenso wie die anderen Einwohner von Alwine ab. Sie haben sich einen Anwalt genommen und kürzen seit März Miete oder Nebenkosten.

Außerdem bezahlen sie kleinere Reparaturen aus der eigenen Tasche, erzählt die ehemalige Bewohnerin Dorit Illner. "Hier sind Ofenheizungen drin und die Schornsteine werden nicht gekehrt, das ist hochgradig gefährlich", klagt sie. Wenn ein Warmwasserboiler kaputt sei, habe der Besitzer die Mieter aufgefordert, sich selbst zu kümmern. Er müsse sich schämen, so mit alten Leuten umzugehen.

Der Ortsvorsteher von Domsdorf Peter Kroll im Interview mit dem rbb (Foto: rbb)
Ortsvorsteher Peter Kroll | Bild: rbb

Klage als einzige Möglichkeit

Mit einem Brief haben sich die Bewohner von Alwine nun erstmals hilfesuchend an die Stadt Uebigau-Wahrenbrück gewandt, zu der die Siedlung gehört. Dort werde nun geprüft, ob und wie den Menschen geholfen werden kann, so die ehrenamtliche Bürgermeisterin Dittgard Happich.

Für den Ortsvorsteher von Domsdorf, Peter Kroll, der ebenfalls für Alwine zuständig ist, gibt es nur noch den Klageweg. Gerichte müssten dem Eigentümer eine Zwangsmaßnahme auferlegen, etwas zu unternehmen. Eine andere Möglichkeit den Verfall von Alwine zu stoppen gebe es nicht.

Sendung: Antenne Brandenburg, 25.3.2021, 14.40 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Ja, ohne Gericht geht bei sowas kaum etwas* (wenn kein Landesgesetz, mit welchem spez. Befugnis). Ein Problem bundesweit ist jedoch, dass sich so ein Vorgang ziehen kann und erstmal mit Kosten für Mieter einhergeht, insbesondere wenn Eigentümer selbst gerichtlicher Aufforderung bzw. Zwangsmaßnahme nicht nachkommt (und in manchen Fällen darauf spekuliert, dass Mieter das Nutzungsrecht aufgeben).

    Und ich selber bin bei dem Thema allgemein für etwas strengere Auslegung, von schnellerem Verfahren bis zur Festlegung wann Dereliktion vorhanden ist (was derzeit nach § 959 BGB nur bewegliche Sachen betrifft).

    *außer, dass jemand in sozusagen diplomatischer Mission zum Eigentümer/mittelbarem-Besitzer** geschickt um zu klären wie es sich denn vorstellt - etwas was gesetzlich so zwar nicht gegeben, aber eben auch nicht verboten wenn korrekt, also keine "Nötigung" oder so, weswegen Betonung auf "diplomatisch" wo korrekte Umgangsweise ein hohes Muß.
    **Mieter ist unmittelbarer Besitzer.

  2. 1.

    Es muss doch möglich sein, diesen letzten Bewohnern eine andere Bleibe, Wohnung oder Haus in der näheren Umgebung anzubieten. Dann kann sich der Eigentümer und Vermieter in seine nackten Taschen fassen und die Ansiedlung vielleicht sogar wertsteigernd weiter verscherbeln.
    Also, auch trotz Corona eine schnelle Lösung finden, liebe Verantwortliche. Ich würde da keinen Cent mehr als Mieter investieren und mir ein neues Konto zulegen. Es gibt leider auch nur noch wenige Anwälte, die nicht vordergründig Mieterrechte- noch dazu solche schwierigen Fälle- uneigennützig vertreten. Auch ich habe solche negativen Erfahrungen vor vielen Jahren mit einer renommierten Anwaltskanzlei gemacht .

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