Serbski Sejm vs. Domowina - "Altstalinistische Terrororganisation" - scharfe Auseinandersetzung zwischen sorbischen Gremien

Bild von der Homepage von Serbski Sejm (Foto: rbb)
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Video: Brandenburg Aktuell | 10.06.2021 | Rico Herkner | Bild: rbb

Ein brisantes Video kursiert zurzeit im Netz. Es zeigt Sitzungen des Serbski Sejm, der sich selbst als sorbisch/wendische Volksvertretung bezeichnet. Im Clip werden der sorbische Dachverband Domowina und ihr Vorsitzender scharf attackiert - auch unter der Gürtellinie. Von Gregor Kliem und Rico Herkner

Ein Internetvideo sorgt für Aufregung unter den Sorben und Wenden in der Lausitz. Es kursiert seit Anfang Juni und ist ein Zusammenschnitt digitaler Sitzungen des Serbski Sejm, der sich selbst als sorbisch/wendische Volksvertretung bezeichnet. Es waren öffentliche Sitzungen, die jemand inkognito mitgeschnitten hat.

Darin zeugen Redebeiträge von einem seit Jahren schwelenden Konflikt zwischen dem sorbischen Dachverband Domowina und dem Serbski Sejm. Problematisch ist vor allem die Art und Weise der Kommunikation in den Sitzungen. Ein Mitglied des Sejms, Andreas Kluge, bezeichnet die Domowina unter anderem als "altstalinistische Terrororganisation".

Die Auszüge wurden im Netz unter anderem von einer "Gruppe junger Sorb*Innen" verbreitet, unter anderem mit dem Vermerk: "Das Sorbische Volk sind wir. Wir entscheiden selbst, wer uns vertritt, diese Gruppe jedenfalls nicht." Mittlerweile wurde das Video auf der Video-Plattform, wo es zuerst veröffentlicht worden war, gelöscht; ein Ausschnitt ist aber immer noch auf Instagram zu sehen.

"Fertig gemacht und systematisch gemobbt"

Im Wortlaut sagt Andreas Kluge in dem Video: "Die Domowina, der Dachverband ist eine altstalinistische Terrororganisation [...]. Der Dachverband und das zentrale Organ der Domowina, das ist nur ein Kollegium von Ja-Sagern."

Später wird Kluge noch persönlicher gegenüber dem Vorsitzenden der Domowina, David Statnik, und einzelnen Mitgliedern. Der Vorwurf: Bestimmte Personen würden innerhalb der Domowina fertiggemacht und systematisch gemobbt. Dass jemand gegen diese Äußerungen während der Sitzung Stellung bezieht, ist in den Ausschnitten nicht zu sehen.

Ein anderes Mitglied des Sejms, Gerhard Schramm, sagt im Video, er würde "Statnik so gerne eine rein leiern, den kompromittieren lassen, dass ihm das Sehen und Hören vergeht". Auf eine Anfrage des rbb dazu hat Schramm bis Freitagnachmittag nicht reagiert.

Domowina weist Vorwürfe von sich

Andreas Kluge bezeichnet sein Zitat auf rbb-Nachfrage als pointierte Sprache. Sein Sejm-Kollege Martin Schneider bestätigt die Äußerung und signalisiert inhaltlich Zustimmung. "Ich glaube im Kern gibt es noch Tendenzen in der Domowina, die den Begriff stalinistisch für manchen gerechtfertigt zeigen. Insofern muss man da ganz ins Detail gehen."

Hannes Willhelm-Kell, ebenfalls Mitglied des Sejms, kritisiert gegenüber dem rbb, dass hier einzelne Aussagen aus dem Kontext gerissen würden, eine nachfolgende kritische Diskussion in der Sitzung im Video nicht sichtbar sei und von einer inhaltlichen Debatte abgelenkt werde. Dennoch verteidigt er, dass sich im Sejm jeder frei äußern könne. "Wenn man zu Ergebnissen kommen will, dann kann man Missstände auch scharf formulieren."

David Statnik, der Vorsitzende der Domowina (Foto: rbb)
David Statnik, der Vorsitzende der Domowina | Bild: rbb

Der Domowina-Vorsitzende David Statnik weist den Vorwurf zurück, eine "altstalinistische Terrororganisation" zu leiten. "Es ist für mich sehr schmerzlich. Nicht nur, weil es Aussagen sind, die auf sehr verletzende Art und Weise meine Person beschreiben", sagte er dem rbb. "Sondern es sind auch Aussagen gegenüber einer Organisation, in der 200 Vereine und Verbände organisiert sind, gegenüber einer basisdemokratischen Bewegung."

Es sei für ihn ein "Armutszeugnis", wenn auf diese Weise Politik betrieben werde. Die Domowina erwarte eine Entschuldigung, sagte Statnik. "Es geht darum, dass Angestellte unseres Verbandes massiv diskreditiert werden. Ich denke, man muss dann wahrscheinlich auch darüber nachdenken, ob das nicht auch andere Konsequenzen für den Sejm selber hat."

Rechtliche Schritte könnten folgen

Am Wochenende wird der Sejm über das weitere Vorgehen beraten. Die sorbisch/wendische Volksvertretung will rechtlich gegen die Veröffentlichung des Videos vorgehen. Auch die Domowina will zusammenkommen, um über die nächsten Schritte zu beraten.

Karte: Hier in Brandenburg und Sachsen leben die Sorben und Wenden hauptsächlic (Grafik: rbb)
| Bild: rbb

In der Lausitz sind rund 60.000 Sorben und Wenden zu Hause. Die meisten leben in der Region zwischen Bautzen und Cottbus. Seit Jahrzehnten gibt es die Vertretung durch den Bund Lausitzer Sorben - die Domowina. Diese hat 7.300 Mitglieder und ist die von Bund und den Ländern Brandenburg und Sachsen anerkannte Sprecherin. So steht es auch in den Sorbengesetzen der Länder. Der Serbski Sejm wird dort nicht erwähnt.

Ihn gibt es seit 2018. Der Sejm verweist auf die Wahlen, die er vor drei Jahren durchgeführt hat, muss aber um Anerkennung auch unter den Sorben kämpfen: Damals haben 908 Menschen ihre Stimme abgegeben.

2 Kommentare

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  1. 2.

    Mir scheint eher, hier geht es psychologisch gesprochen um Projektion: Im öffentlichen Bewusstsein sind die Sorben leider unterrepräsentiert, die öffentlichste Erwähnung ist die zweisprachige Ausschilderung am Landtagseingang. Wo gewiss noch oder immer noch "dicke Bretter" zu bohren sind, wie leicht fällt es da, mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die gleichfalls faktisch einflusslos sind, bloß, weil sie der öffentliche Ansprechpartner sind?

  2. 1.

    starker Tobak...

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