Kein Blitzableiter - Neue Bahnüberführung in Lauchhammer ist bei Gewitter lebensgefährlich

Ein Schild weist auf die Gefahr bei Gewitter hin (Foto: rbb/Erler)
video: rbb|24 | 09.09.2021| Material: Brandenburg aktuell | Bild: rbb/Erler

Schick und modern sollte er werden, der neue Bahnhof in Lauchhammer. Und sicherer: Statt über die Schienen geht's nun über eine Metallbrücke von Gleis 1 zu Gleis 2. Es sei denn, man fährt einen Rollstuhl - oder es gewittert.

Die neu gebaute Bahnhofsüberführung in Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) sorgt nicht nur für Kritik, weil sie nicht barrierefrei ist, sie kann auch bei Gewitter lebensgefährlich werden. Darauf weisen zurzeit mehrere Hinweisschilder am Bahnhof hin.

Grund ist, dass der Metallbrücke ein Blitzableiter fehlt. Deshalb darf sie bei Gewitter nicht betreten werden - und wer dann auf Gleis 2 will, müsste aktuell einen rund ein Kilometer langen Umweg in Kauf nehmen.

Bahn bittet um Entschuldigung

Etwa zehn bis 20 Minuten bräuchte man nun bis zum zweiten Gleis, berichtet eine Bahnreisende. Manche denken darüber nach, die Warnschilder an der Brücke zu ignorieren. "Ich würde sie wahrscheinlich trotzdem benutzen, wenn Gewitter wäre", sagt ein junger Mann und schiebt grinsend hinterher "Man sagt ja immer: No risk no fun."

Die Deutsche Bahn bittet in einer Antwort an den rbb die Reisenden für die Unannehmlichkeiten um Entschuldigung. "Erfahrungsgemäß sinkt im Spätsommer mit abnehmenden Temperaturen auch das Gewitterrisiko", heißt es in dem Schreiben. Der fehlende Blitzschutz soll laut Bahn so schnell wie möglich nachgerüstet werden.

Bereits Kritik wegen fehlender Barrierefreiheit

Bislang waren Reisende direkt über die Schienen zum anderen Gleis gekommen. Die neue Überführung wurde im Juli 2021 gebaut. Sie steht auch in der Kritik, weil sie nicht barrierefrei ist. Von Gleis eins auf Gleis zwei kommt man nur, wenn man gut zu Fuß ist.

Die Deutsche Bahn begründet den fehlenden Fahrstuhl mit einem geringen Personenaufkommen von 300 Reisenden pro Tag.

In Brandenburg gibt es 343 Bahnhöfe. Laut dem Verkehrsbund Berlin-Brandenburg (VBB) sind 201 davon barrierefrei (Stand: September 2020). 118 Bahnhöfe – also mehr als jeder dritte – ist gar nicht barrierefrei. 24 sind es zumindest teilweise, mal fehlt ein Blindenleitsystem, mal ein stufenloser Zugang.

Sendung: Antenne Brandenburg, 09.09.2021, 07:30 Uhr

29 Kommentare

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  1. 28.

    Meines Erachtens hätte das spärlich zustandegekommene Bauwerk garnicht abgenommen werden dürfen, denn die Bundesgesetzgebung und auch diejenige des Landes ist hier eindeutig.

    Mein Eindruck ist jedenfalls derjenige, dass die Deutsche Bahn AG Barrierefreiheit nur im Sinne der PR erwähnt, jedoch alles unterlässt, um ihr wirklich Substanz zu verleihen. Wenn ein Fahrstuhl ausfällt, dauert es bis zu einem Monat, bis der wieder in Betrieb ist. Dies deshalb, weil die Ersatzteile nicht etwa vor Ort gelagert sind, sondern erst aufwändig bestellt und geliefert werden müssen. Das will ich als Nichtbetroffener Barrierefreiheit unter Vorbehalt nennen.

    In Lauchhammer sieht die Anlage eher wie eine Restaurierung einer Altanlage aus den 1950ern aus. Dass da irgendwas "schick" sein soll, kann ich nicht erkennen.

  2. 27.

    Vermutlich muss viel mehr in unser ALLER Köpfe rein, dass barrierearme bis -freie Städte nicht nur für die Minderheit der körperlich mobilitätseingeschränkten Menschen Vorteile bringen, sondern ganz klar für ALLE Menschen: An Bauwerken wie dieser Brücke scheitern auch Leute mit Gepäck, Kinderwagen, Fahrrädern usw. Barrierefreiheit ist also keine Nettigkeit für eine "Randgruppe", sondern sie ist ein gemeinsames Bedürfnis von uns allen.
    Und klar ist hier "die Politik" in der Pflicht. Aber die hat eben auch nur begrenzte Chancen, gegen bürokratische Monstren mit allzu großen Köpfen und allzu vielen Vorschriften zu gewinnen - egal, ob die nun 'DB' oder 'Verwaltung' oder sonstwie heißen. "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" - darf nicht nur ein 230 Jahre alter Kalenderspruch sein.

  3. 26.

    Die Erdung der Brücke hilft dem Menschen den der Blitz auf der Brücke treffen könnte ziemlich wenig. Die Fangeinrichtungen auf der Brücke scheinen zu fehlen. Ableitung zur Erde wird sehr wahrscheinlich sehr gut funktionieren aber eben nicht das Einfangen des Blitzes am Menschen vorbei.
    Ist aber auch im Artikel undeutlich beschrieben.

  4. 25.

    Wer täglich mit mobilitätseingeschränkten Menschen arbeitet oder selbst betroffen ist, der weiß, dass man als Behinderter von der Deutschen Bahn nur als lästig betrachtet wird und im Vergleich zu gesunden Menschen extrem eingeschränkt ist hinsichtlich seiner Mobilität. Leider tut die Politik nichts.

  5. 24.

    Bei der Modenisierung von Bahnhöfen läuft generell etwas schief. Bei uns im Ort wurde vor Jahren der Tunnel unter den Gleisen erneuert. Ergebnis: tiefer, enger, verwinkelter und bei Regen bekam man regelmäßig nasse Füße. Letztes Jahr wurde der Bahnsteig erneuert und Fahrstuhl für den Tunnel nachgerüstet. Ergebnis: Bahnsteig nur noch halb so breit. So eng, dass man bei Begegnung mit Fahrräder, Kinderwagen und Rollstühlen nun in den Sicherheitsbereich ausweichen muss.
    Die Bahn ist auch so unflexibel, dass auf beiden Richtungsbahnsteigen immer der gleiche, kleine Wetterschutz steht. Dabei fahren nach Berlin viel mehr Leute als in der Gegenrichtung.
    Da die Bahn Kundenorientierung nicht kann, wäre es besser, Bshnhöfe wie früher von den Kommunen bauen zu lassen.

  6. 22.

    Laut https://www.openrailwaymap.org/ ist die Strecke unmittelbar nördlich von Blankenfelde (Kreis teltow-Fläming) in Richtung Abzweig Glasower Damm WestOst - Flughafen Schönefeld nur für 100 km/h zugelassen. Die Weichenverbindung in Richtung Abzweig Glasower Damm West und Mahlow darf nur mit 60 km/h befahren werden. Da ist also nichts mit 140 kn/h.

  7. 21.

    Das die Fußgängerbrücke keinerlei Erdung aufweisen soll, ist eigentlich sehr unwahrscheinlich. Denn wie eindeutig zuerkennen ist, gibt es dort eine Oberleitung, und da die Brücke eindeutig im Rissbereich ist, muß diese Bahngeerdet sein wie alle anderen metallischen Gegenstände (Geländer, Lampenmaste, Dachträger, usw.) innerhalb des Rissbereiches. Alles andere wäre hier wirklich grob Fahrlässig. Ich persönlich halte die Gefahr die von der Oberleitung ausgeht, realer als einen möglichen Blitzeinschlag, sofern die Bahnerde an dem Bauwerk wirklich fehlen sollte.

    Das dort keinen Fahrstuhl oder eben eine Rampe gebaut wurde ist natürlich sehr unvorteilhaft für entsprechend eingeschränkte Personen, wobei dieses ja auch entsprechend geerdet sein müssten.

  8. 20.

    " "Ich würde sie wahrscheinlich trotzdem benutzen, wenn Gewitter wäre", sagt ein junger Mann und schiebt grinsend hinterher "Man sagt ja immer: No risk no fun.""
    So sprach "The Flash".

  9. 18.

    Diese Brücke behindert insbesondere mobilitätseingeschränkte, aber insgesamt einfach alle Menschen deutlich. Sowas ist kein zeitgemäßes Zugangsbauwerk für das 21. Jahrhundert: Wer gerade aus dem Zug kommt, will meist so schnell wie möglich nach Hause; auch mit schwerem Koffer, Kinderwagen oder Rollstuhl - auch und gerade bei Gewitter.
    Physikalisch ist eine Blitz"schutz"anlage auf einer offenen Brücke übrigens eine sehr dürftige Sicherheit: Blitze legen zwischen Himmel und Erde (bzw umgekehrt) mehrere Kilometer zurück. Die paar Meter bessere Erdverbindung, die eine solche Fangstange bringt, sind für so manchen Blitz durchaus kein Hinderungsgrund, auch mal einen Menschen in der Nähe zu "betasten".

  10. 17.

    Das ist ja wirklich der (Lauch)Hammer! Hab mir das gerade mal auf der Karte angekuckt - und mit Ihrem Vorschlag hätte man tatsächlich mit überschaubarem Aufwand einen barrierefreien Übergang (bei nicht erhöhtem Blitzschlagsrisiko) schaffen können. Und die Lage dieses Haltepunkts wäre nicht für die meisten Anwohner nicht schlechter als vorher; für manche sogar besser - auch, aber nicht nur für mobilitätsbehinderte Menschen. Was für eine peinliche Farce aus dem vorherigen Jahrtausend, die die vielen Köche bei der DB da wieder servieren. Und leider beileibe nicht die einzige.

  11. 16.

    Vielleicht gefährlich, doch weit weniger als in luftiger Höhe auf einem Metallgestell (und womöglich noch mit Metallkrücken oder einem Rollstuhl) zu flanieren, während um einen herum die Blitze zucken.
    Und es gibt auf dem ganzen Bahnhof nichts, wo man sich mal für eine Weile unterstellen könnte (wenn man schon so unvernünftig war, den Wetterbericht zu ignorieren)?

  12. 15.

    Und was soll man Ihrer Meinung nach machen, wenn man bei Gewitter auf dem Bahnsteig ankommt? Auf dem Bahnsteig warten, bis das Gewitter vorbei ist? Das wäre auch gefährlich. Und einfach nicht aussteigen und weiterfahren mit der Begründung "das ist mir zu gefährlich" wird der/die Zugbegleiter*in wohl kaum akzeptieren...

  13. 14.

    Man sollte bei der Projektierung und der Bauplanung über den Zweck des Bauwerkes nachdenken. Es gibt Festlegungen, dass neuerrichtete, öffentliche Bauwerke behindertengerecht errichtet werden müssen und natürlich auch dem Unfallschutz genügen. Da hat wohl aber nicht nur der Projektleiter geschlafen.

  14. 13.

    Bahnübergang ins Nirgendwo

    Ist leider kein Einzelfall; das hier ist noch einen Tacken schärfer; finde ich...:
    https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/extra_3/videos_daserste/Realer-Irrsinn-Bahnuebergang-im-Nirgendwo,extra12218.html

    Gruß
    Hajakon

  15. 12.

    Erinnert alles sehr an den BER! Warum wird da niemand haftbar gemacht??? Ich muss doch auch für meinen Mist geradestehen.

  16. 11.

    Klar darf man einen Blitzschutz erwarten.
    Aber würden Sie auf dem Dach eines Hauses oder auf einer künstlichen Anhöhe entlangschlendern, wenn's gewittert?
    Mich wundert zwar, dass ein Blitzableiter in diesem Fall wohl nicht Vorschrift ist, aber "Erst denken, dann handeln" ist sicher nicht zuviel verlangt.

  17. 10.

    Wie ging das durch die Bauabnahme durch? Irgendwie erinnert mich das Teil an die abgerissene Fußgängerbrücke in Karlshorst.

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