Lausitzer Strukturwandel - Senftenberger Bergarbeiterchor singt künftig Seemannslieder

Archivbild: Der 'Chor der Bergarbeiter Brieske' singt waehrend der Festveranstaltung zum Bergmannstag 2014 im Saal der Kaiserkrone in Brieske (Bild: dpa/Andreas Franke)
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Video: Brandenburg Aktuell | 06.09.2021 | Anke Blumenthal | Bild: dpa/Andreas Franke

Die Kohleregion wird Seenland - das hat auch Auswirkungen auf den 110 Jahre alten Senftenberger Bergmannschor. Der wird nicht nur sein Repertoire grundlegend ändern - auch neue Auftrittskleidung hängt bereits im Schrank. Von Anke Blumenthal

Die Braunkohleverstromung endet, so der Plan, spätestens 2038, vielleicht auch früher. In die Tagebaulöcher wird Ruhe einkehren, Wasser fließen und so das Lausitzer Seenland weiter Gestalt annehmen. Damit endet auch ein Stück Kultur.

Der Chor der Bergarbeiter Senftenberg hat am Sonntag in der einstigen Bergarbeiterstadt Marga bei Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) sein Abschiedskonzert gegeben, 110 Jahre nach seiner Gründung. Doch das Ende ist gleichzeitig ein Anfang: Der Chor sattelt um - auf Shantys - ein Form des Seemannsliedes.

Bergarbeiterchor Senftenberg 1951 (Foto: Chronik Chor der Bergarbeiter)
Chor der Bergarbeiter 1951 | Bild: Chronik Chor der Bergarbeiter

Alte Stimmen und kein Nachwuchs

Sonntagnachmittag, ein letztes gesungenes "Glück Auf". Mit ihren Hahnenstutzen und Schachthut stehen die Sänger im Konzertgarten, es ist die Kopfbedeckung der Bergleute, wenn sie ihr Ehrenkleid tragen. Hunderte Menschen sind gekommen.

"Wir sind aufgeregt", sagt der Vereinsvorsitzende Klaus-Dieter Schulze über sich und die Chormitglieder. "Und eine Menge Wehmut ist dabei."

Einst waren sie über 40 Sänger, zuletzt noch 23, kein Chormitglied ist unter 60. Seit zehn Jahren ist niemand mehr dazugekommen. Die Stimmen seien alt, sagt Schulze. "Die Spannung in den Stimmbändern fehlt." Dazu hätten einerseits die gesundheitlichen Schwächen der Männer beigetragen, aber auch das Probeverbot wegen der Corona-Pandemie.

Die Jungen unter den Alten starten Neuanfang

Seit 1911 hat der Chor der Bergarbeiter über 280 Titel erarbeitet. Meist ging es um den Stolz und die einst so harte Arbeit der Bergleute. Er singt beim jährlichen Tag des Bergmanns und im DDR-Fernsehen, nach der Wende unter anderem vor dem NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau.

Nun ist Schluss. Tränen sind an diesem Sonntag auch im Publikum geflossen, bei dem oft ganze Familien im Bergbau gearbeitet haben. "Die Konzerte waren immer wunderbar, da konnte man schön mitsingen", sagt eine ältere Dame.

Wer singt jetzt noch die Lieder? "Kohleausstieg und Bergmannslieder, das passt nicht so recht zusammen, denken zumindest einige", sagt Gerd Rückert, einst Werksdirektor im Bergbau und Chormitglied. "Es ist ja nicht nur so, dass der Chor nicht mehr existiert. Auch das Liedgut, das damit im Zusammenhang steht, wird ja auch der Vergangenheit angehören."

Von den Kohlegruben zum Seenland. Diese Verwandlung kann auch ein Chor. Die Jungen unter den Alten wollen weitermachen, nur anders. Die ersten Shantys sind bereits einstudiert. Die neue Auftrittskleidung hängt schon im Schrank.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 06.09.2021, 19:30 Uhr

12 Kommentare

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  1. 12.

    Respekt an die Leute! Neue Zeiten, neue Lieder... Wer sich nicht so fest immer an das alte klammert, hat auch Chancen für die Zukunft. Ich wünsche dem Chor noch weitere erfolgreiche Jahrzehnte, dann eben mit Schifferliedern und Shantys.

  2. 11.

    Shanties abseits des Meeres?
    Irgendwie nicht soooo logisch.
    Warum wird der Chor nicht abgewickelt, sattelt auf Musik ohne Schwerpunkte oder Volkslieder um?
    Und da er laut Foto ja eh nur aus alten weißen Männern besteht, sehe ich für seine Zukunft ohnehin kohleschwarz...

  3. 10.

    Also 'n bisschen komisch finde ich das schon. Shantys am Teichrand - weiss nicht. Seegang entsteht dann, wenn die Gäste auf'm Dampfer mitschunkeln. Aber wer weiss, vll. wird was draus und andere ziehen nach oder mit. Platz für eine Seebühne wäre allemale - warum nicht Störtebecker mal in der Lausitz aufführen.

  4. 9.

    Die Heimat besingen wie sie einst war ist wohl zu schwierig ? "Wo einst der Bagger wühlte ist heute hier ein See-und diese hier der bringt weiter Wasser der Spree. Heute segeln hier Boote und schwimmt fröhlich das Kind. Wo einst schufteten Bergleute-heute Urlauber sind. Aus all unseren Landen kommen sie gereist.- Doch immer und ewig die Heimat LAUSITZ heißt."

  5. 8.

    Ist doch wohl ein verspäteter Aprilscherz!

  6. 7.

    Puh, das ist schon heftig, langsam fängt´s an, weh zu tun, merklich. Als Westfale, Ruhrpöttler und Rheinländer elternseitig, alle mit der (Braun-)Kohle verwachsen, die Dahlbusch-Bombe ein Familienmitglied... langsam dringt es in die einzelnen Fasern des Gehirns: es ist bald Schluss, ÜBERALL, nicht nur in Rotthausen und Alsdorf...

    Mann, tut das weh!

    Die Industrialisierung wäre in Ost wie West nicht möglich gewesen. Den Strukturwandel schafft die Lausitz nun besser als der Ruhrpott - Respekt!

    Seemannslieder... nunja... ich zitiere Hans Albers:

    ....einmal muß es vorbei sein....
    La Paloma, ade - auf Matrosen, ohé.....

  7. 6.

    Egal, Hauptsache es klingt gut.

  8. 5.

    Das wäre so, als wenn ein Fischereihafen ausser Betrieb geht, und die Seebären fangen an zu jodeln. Echt schräg. Dann wars mit der Traditionspflege wohl nicht so doll.

  9. 4.

    Bo eh, neues Repertoire und neue Auftrittskleidung, da sind die Jungs ja voll auf Zukunft eingestellt. Von Kohle und Bergbau kann man in Zukunft natürlich nicht mehr singen. Das macht jungen Leuten Angst, da kriegen die Panik.
    Da ist die Seefahrt als Thema schon besser. Allerdings sollte darauf geachtet werden, dass nur von CO2 neutralen Schiffen gesungen wird und sich das "Seemannslied" zukünftig in "Seefahrendenlied" wandelt!

  10. 3.

    Solch eine Idee kann nur aus dieser Region kommen. Darauf sind nicht einmal die Ruhrpott Kumpel gekommen. Bitte nicht falsch verstehen. Ich finde Chöre grundsätzlich gut.

  11. 2.

    Pirates Of The Coal Lake.
    Yo Ho, Yo Ho! A pirate's life for me.

  12. 1.

    Paradox: Bergmannschor singt keine entsprechenden Lieder mehr, da es keinen Bergbau mehr geben wird und sattelt auf Shantys um, die in der Ära der Segelschiffahrt fußen bzw. deren Arbeitslieder waren und die es auch nicht mehr gibt. Bin dezent verwirrt ... und singen die dann "Seemannsbraut ist DER See", um wenigstens noch einen lokalen Bezug zu waren? ;)

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