Ein Jahr Schweinepest in Brandenburg - Warum auch vermeintlich unbetroffene Halter um ihre Existenz bangen

Schweine stehen in einem Stall. (Quelle: dpa/Sina Schuldt)
dpa/Sina Schuldt
Audio: Antenne Brandenburg | 10.09.2021 | Aline Lepsch | Bild: dpa/Sina Schuldt

Vor einem Jahr wurde erstmals in Deutschland die Schweinepest festgestellt, bei einem Wildschwein in Spree-Neiße. Seitdem gab es über 1.600 Fälle, im Juli schließlich auch bei einem Hausschwein, wieder in Spree-Neiße. Halter bangen um ihre Existenz. Von Aline Lepsch

Bis vor zwei Monaten war die Welt für Jana Noack noch fast normal. Die Geschäftsführerin der Schweinemastanlage Jocksdorf (Spree-Neiße) hatte zum Schutz vor der Afrikanischen Schweinepest (ASP) Zäune aufgebaut. Die Tierseuche sollte nicht in ihre Ställe kommen. Doch auf gewisse Weise hat die Schweinepest sie doch erreicht.

Am 16. Juli wurde das erste infizierte Hausschwein im Landkreis entdeckt, nur knapp drei Kilometer von Jocksdorf entfernt. Mit Auswirkungen auf Jana Noacks Betrieb. Ihre Tiere durften plötzlich gar nicht mehr oder nur noch für den halben Preis verkauft werden. Inzwischen fühlt sie "eher Resignation und maßlose Enttäuschung", wie sie sagt.

Geschäftsführerin Jana Noack vor der Schweinezucht- und Mastanlage (Foto: rbb/Lepsch)
Geschäftsführerin Jana Noack | Bild: rbb/Lepsch

Im schlimmsten Fall Tiere aus Tierwohlgründen töten

Mit dem ersten ASP-Fall bei einem Hausschwein lag Noacks Anlage plötzlich in Sperrzone drei. Das heißt: Mit einer Sondergenehmigung dürfte sie ihre Schweine verkaufen, aber vermarktet werden dürfen sie nicht - also nimmt sie ihr keiner ab.

Zwischenzeitlich folgte die Abstufung auf Kategorie zwei und so durfte Noack ihre Tiere zumindest an eine Schlachterei verkaufen. "Da hatte ich 70 Cent pro Kilogramm Schlachtgewicht bekommen." Zum Vergleich: Vor dem ersten Schweinepestfall in Deutschland lag der Preis bei 1,45 Euro. Inzwischen ist der Betrieb wieder der Kategorie drei zugeordnet. Im Moment geht also gar kein Tier weg.

4.500 Schweine stehen zurzeit im Stall und werden fetter und fetter. Der Platz wird immer enger und die Kosten laufen. Für Jana Noack tickt jetzt die Uhr. In den nächsten zwei Wochen bekomme sie nach eigener Aussage ein immenses Platzproblem. So könne es passieren, dass im schlimmsten Fall Tiere aus Tierwohlgründen getötet werden müssen.

Gleichzeitig können auch keine Ferkel angekauft werden. Das sei betriebswirtschaftlich problematisch. "Es ist unser Familienunternehmen wir machen das mit Herzblut", sagt Jana Noack. "Und jetzt stehe ich erstmal vor dem Nichts."

Gefahr für Wertschöpfungskette

Die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest betrifft laut dem Vorsitzenden des Kreisbauernverbandes Spree-Neiße, Frank Schneider, auch andere Betriebe in der Region.

"Wir leben hier von der Wertschöpfung. Wir produzieren Futter wie Getreide, Mais und andere Futterfrüchte." Wenn Schweinemastanlagen wegen Infektionsfällen stillgelegt werden, dann gehe die Wertschöpfung "massiv" verloren, sagt Schneider. "Wir geben die Produktion aus der Hand und müssen am Ende andere Vermarktungsstrategien für die Produkte suchen."

Um das zu verhindern, brauche es Hilfe für die betroffenen Anlagen, sagt Jana Noack. Sie hoffe, dass "Mindererlöse und Mehrkosten erstattet werden, dass wir die ansetzen können". Immerhin würde ihr Betrieb "unverschuldet in diesem Gebiet liegen".

Finanzielle Unterstützung würde sie nur bekommen, wenn sie selbst einen Schweinepestfall bei ihren Tieren hätte. Doch das zu provozieren sei ja auch keine Lösung, sagt sie.

Seuche breitet sich Richtung Norden aus

Im September 2020 erreichte die zuvor in Osteuropa kursierende Afrikanische Schweinepest das deutsche Staatsgebiet. Im Brandenburger Kreis Spree-Neiße wurde damals das erste infizierte Wildschwein entdeckt. Ein Spaziergänger fand den Kadaver sieben Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt.

Seitdem kämpfen Politik, Landkreise, Landwirte, Jäger und die betroffene Bevölkerung gegen die Ausbreitung der Tierseuche, Schweinehalter bangen um ihre Existenz. Die Hoffnung vieler Akteure, dass die Seuche sich nicht weiter ausbreitet, hat sich in den vergangenen zwölf Monaten aber nicht erfüllt.

Zunächst konzentrierte sich die Ausbreitung auf den Süden und Osten Brandenburgs, mittlerweile breitet sich die Schweinepest auch Richtung Norden aus. Nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums gibt es aktuell 1.622 bestätige Fälle der Tierseuche, die meisten mit 809 im Kreis Oder-Spree.

Sendung: Antenne Brandenburg, 10.09.2021, 16:10 Uhr

Nächster Artikel

Bild in groß
Bildunterschrift