25 Jahre Umsiedlung von Kausche - "Ich habe auf dem Bagger gesessen und meinen eigenen Ort weggebaggert"

Das alte Kausche (Bild: rbb)
Das alte Kausche | Bild: rbb

Vor genau 25 Jahren war Kausche im Spree-Neiße-Kreis der erste Ort, der nach sozialverträglichen Maßstäben umgesiedelt wurde. Das alte Dorf musste dem Braunkohletagebau weichen. Auch 25 Jahre später sind nicht alle Wunden verheilt.

Neu Kausche (Landkreis Spree-Neiße) wirkt auf den ersten Blick wie ein normales Dorf. Wer sich im Ort genauer umsieht, wird allerdings feststellen, dass die Wohnhäuser und die übrigen Gebäude im Dorf erstaunlich neu aussehen.

Neu Kausche existiert erst seit 25 Jahren. Das Dorf wurde aus dem Nichts erschaffen - bevölkert mit den Einwohnern aus dem alten Ort Kausche. Der musste Mitte der 90er Jahre dem Braunkohletagebau Welzow weichen. Die Einwohner wurden damals erstmals nach sozialverträglichen Maßstäben umgesiedelt. Es sollte darauf geachtet werden, die Dorfgemeinschaft zu erhalten. Der Friedhof oder auch ein alter Gedenkstein aus dem Dorf zogen gleich mit um, ein neues Bürgerhaus ist entstanden.

Doch auch 25 Jahre nach der Umsiedlung sind nicht alle Einwohner zufrieden mit der Situation.

Stellvertretender Ortsvorsteher Oliver Senkel (Bild: rbb)
Stellvertretender Ortsvorsteher Oliver Senkel | Bild: rbb

Erinnerungen an das alte Dorf

Oliver Senkel kennt das alte Kausche noch. Dort ist er aufgewachsen, bis er 16 war. Heute ist der 41-Jährige stellvertretender Ortsvorsteher von Neu Kausche. Die Erinnerungen an das alte Dorf sind ihm geblieben. Ab und zu kramt er mit seinem Ortsvorsteher-Kollegen in einer Erinnerungskiste, mit zahlreichen Bildern des alten Kausche. "Es hängen immer noch Emotionen dran", sagt er. Manchmal träume er sogar noch vom alten Ort, wie er erzählt.

1995 müssen die Einwohner das Dorf verlassen. Der Ort wird vom Braunkohletagebau Welzow geschluckt und sechs Kilometer entfernt wieder aufgebaut.

Nicht alle sind glücklich mit der Veränderung

Auch Reinhardt Döbler wird umgesiedelt. Die bittere Ironie für ihn: Er arbeitet damals selbst im Tagebau. "Ich habe ja auf dem Bagger gesessen und meinen eigenen Ort mit weggebaggert", erzählt der heute 70-Jährige. Er habe sich schließlich mit dem Gedanken abgefunden, sagt er.

Döbler beginnt zu malen. Das alte Kausche lebt in seinen Bildern zwar weiter, die Narben, die die Bagger hinterlassen haben, sind bei ihm aber noch immer nicht verheilt. "Für mich ist alles kaputtgegangen. Der Zusammenhalt, so wie es im alten Kausche war, ist nicht mehr."

Gemälde von Reinhardt Döbler (Bild: rbb)
Gemälde von Reinhardt Döbler | Bild: rbb

Bemühungen um Erhalt der Dorfgemeinschaft

Die Planer der Umsiedlung geben sich vor 25 Jahren aber - erstmals im Lausitzer Revier - viel Mühe, die Dorfgemeinschaft zu erhalten. So wird beispielsweise auch ein alter Gedenkstein samt Baum nach Neu Kausche gebracht. Der Friedhof zieht gleich mit um, ein neues Bürgerhaus entsteht. Auch eine neue Kirche wird errichtet. Neu Kausche sollte kein generischer Ort werden, stattdessen sollte das Dorf samt Dorfgemeinschaft umziehen.

Oliver Senkel denkt, dass sich im neuen Dorf viele verbessert haben. So wie auch er selbst. "Als Kind musste ich noch Kohlen holen und Feuer machen. Das brauchte ich hier nicht mehr", wie er sagt. Auch eine Bekannte von ihm, Kerstin Popp, ist zufrieden in ihrem mittlerweile 25 Jahre alten, neuen Zuhause. "Ich habe tolle Nachbarn hier. Wir helfen uns auch untereinander. So wie es früher war, versuchen wir es noch ein bisschen beizubehalten", erklärt sie.

Die alten Kauscher werden immer weniger, mittlerweile kommen neue Bewohner hinzu. Für Oliver Senkel ist die Umsiedlung geglückt. "Es ist nicht mehr der alte Ort, aber es ist ein schöner neuer Ort entstanden", sagt er.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 09.10.2021, 19.30 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Den Menschen gefällt es in Neu-Kausche. Dagegen ist das Dorf Hornow auf ewig nun entzweit.

  2. 1.

    Befehl ist Befehl.

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