Umbau zu teuer - Bordsteinkanten machen Rollstuhlfahrern in Lübbenau das Leben schwer

Mi 05.01.22 | 12:53 Uhr
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Bordsteinkanten machen Rollstuhlfahrern in Lübbenau das Leben schwer. (Quelle: rbb/Daniel Friedrich)
Audio: Antenne Brandenburg | 05.01.2022 | Daniel Friedrich | Bild: rbb/Daniel Friedrich

Mit einem Hilferuf wandte sich Steffi Kunze aus Lübbenau an den rbb. Die Bordsteinkanten in ihrer Stadt seien für die Rollstuhlfahrerin zu hoch. Die Stadt konnte zunächst nicht helfen. Wie sieht es über ein Jahr später aus?

Vor über einem Jahr wandte sich Steffi Kunze aus Lübbenau an den rbb. Die 39-Jährige sitzt im Rollstuhl und hat ein Problem mit der mangelnden Barrierefreiheit in ihrer Stadt, genauer mit den zu hohen Bordsteinkanten. Ihre Frage an die Stadt war damals, ob die Bordsteinkanten nicht abgesenkt werden könnten, um es Rollstuhlfahrern zu erleichtern, die Straße zu überqueren.

Die Stadt Lübbenau konnte damals keine schnelle Hilfe versprechen. Und auch über ein Jahr später sieht es noch nicht viel besser aus.

Trotz Neubau kein sicherer Übergang

Am Kreisverkehr am Roten Platz in Lübbenau hat sich für Steffi Kunze bislang nichts getan. Kunze muss die vielbefahrene Kreuzung überqueren, wenn sie zum Einkaufen will. Die hohen Kanten bereiten ihr nach wie vor Probleme. "Und schon halte ich den Verkehr auf", sagt sie, als sie erfolglos versucht die Bordsteinkante zu überqueren. "Ich muss mich jetzt umdrehen und rückwärts die Kante hoch." Die Autofahrer warten geduldig, das ist aber nicht immer so, erzählt Steffi Kunze.

Ein paar Meter weiter befindet sich die Robert-Koch-Straße. Die ist kürzlich komplett erneuert worden. Doch auch hier gibt es für die Rollstuhlfahrerin Probleme. Die Mittelinsel auf der Straße hat zwar abgeflachte Kanten, aber auch eine Erhöhung. Das Gefälle ist kaum zu sehen - für Rollstuhlfahrer aber dennoch zu steil.

Steffi Kunze aus Lübbenau (Bild: rbb)
Steffi Kunze aus Lübbenau | Bild: rbb

Kompromiss zwischen Rollstuhlfahrern und Blinden

Die Ursache für die nicht abgeflachten Kanten liegt in einem Kompromiss in der Planungsphase, erklärt Bürgermeister Helmut Wenzel (parteilos). Die Bordsteinkanten sollten einerseits flach genug sein, damit Rollstuhlfahrer sie allein überqueren können, andererseits sollte eine spürbare Kante zurückbleiben, damit Blinde, die mit einem Blindenstock unterwegs sind, diese erfühlen können.

"Jetzt in einen Bestand einzugreifen, ist ein relativ komplexes Thema und würde pro Übergangsstelle zwischen 7.500 und 10.000 Euro kosten", so Wenzel. Der Stadt ist das schlicht zu teuer. Stattdessen sollen die Kanten immer dann abgeflacht werden, wenn eine Straße ohnehin saniert wird.

Dem Stadtverordneten Sebastian Liedtke (Linke) reicht das nicht aus. In der kommenden Stadtverordnetenversammlung soll der Antrag noch einmal besprochen werden. "Es sind zwei Jahre vergangen und es ist einfach zu wenig passiert in der Richtung", so Liedtke.

Bis dahin muss sich Steffi Kunze gedulden - und wird zwangsläufig auch immer wieder den Verkehr aufhalten, wenn sie zum Einkaufen die Straße überquert.

Sendung: Antenne Brandenburg, 05.01.2022, 16:10 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    Das Problem scheint aber ehr zu sein, dass man die Kante nicht total abflachen kann wegen den Blinden.
    Andere Sache, der Verkehr wird aufgehalten? Sehe das nicht so, die Autofahrer, was ja im Prinzip auch Rollstuhlfahrer mit Motor sind, können doch wohl mal einen Rollstuhlfahrer über die Straße lassen. Das wird nicht länger dauern, als eine Rot-Phase.
    Ich denke mal, das Hauptproblem sind ein kleiner Teil von Autofahrern, die nur an sich denken.

  2. 5.

    Wenn ich in dem Beitrag richtig gesehen habe, sind die Bordsteine abgesenkt worden auf 3 cm. Das ist eine gesetzlicher Kompromiss die den Menschen mit Sehbehinderung geschuldet sind. Die Menschen benötigen eine Kante um mit dem Taststock zu Erkennen, dass dort eine Borddteinkante ist.
    Die BVG in Berlin hat dafür schon eine Lösung. Die Auftrittkante wird mit taktilen Elementen so eingerichtet, dass Sehbehinderte die Kante erkennen und Rollstuhlfahrer eine 0 cm Kante also ein glatter Zugang ist.

  3. 4.

    Im Gegesstz zu den Vorschriften in den USA gibt es in Deutschland nur ein menschenverachtenes Schulterzucken. Aber kaum Veränderung. Einzig bei der BVG hat man gute Fortschritte gemacht, wenn auch das Ziel Barrirefrei bis 2022 verfehlt wurde. Das liegt in erster Linie an den bürokratischen Hürden, an denen man festhält als gehe die Welt unter. Das allerdings zum Nachteil einer sehr großen Gruppe von Menschen die unsere Solidarität dringend benötigen.

  4. 3.

    Es ist kaum zu fassen wie unsere Politiker im 13. Jahr nach Ratifizierung der UN Behindertenrechtskonvention mit Inklusion ungehen. Teilweise interssiert die es nicht mal, obwohl Berge an Papier in Sachen Inklusion vollgeschrieben wurden. Ich nenne es gleichgültigrn Egoismus durch große Teile verantwortlicher Politiker.
    Anders in den USA, nach 30 Jahre ADA. Die brauchten keine UNO um sich für Behinderte einzusetzen. In den USA gibt es harte Sanktionen bei Verletzung der Vorschrift.

  5. 2.

    nicht NUR in Lübbenau
    bei uns in der Gropiusstadt auch
    Hikel schon angeschrieben- keine Planung und kein Geld

  6. 1.

    Zitat:"Die Autofahrer warten geduldig, das ist aber nicht immer so, erzählt Steffi Kunze."

    Aufgrund der Erfahrung mit meiner im Rollstuhl sitzenden Mutter, hätte ich die Warnblinkanlage eingeschaltet, wäre ausgestiegen und hätte ihr meine Hilfe angeboten.
    Es ist wirklich traurig, wie wenig Beachtung Menschen mit Einschränkungen finden. Die Kante für Sehbehinderte kann man sich sparen, wenn diese weißen Riffelplatten eingesetzt werden. Diese sind an Bahnsteigen, Ampeln usw. bereits üblich und sind für diese Menschen gewohnte Orientierungshilfe.


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