24.09.2019, Brandenburg, Jänschwalde: Das Gelände des intensivpädagogischen Projekts «Neustart». (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Audio: Antenne Brandenburg | 24.09.2019 | Martina Rolke | Bild: dpa/Patrick Pleul

Berichte über Misshandlungen in Jänschwalde - Behörden gehen Vorwürfen gegen Jugendeinrichtung nach

Schwere Vorwürfe gegen eine Jugendeinrichtung des Arbeiter-Samariter-Bundes in der Lausitz: Kinder und Jugendliche sollen drangsaliert und eingesperrt worden sein. Das Landesbildungsministerium versichert, hier bereits früh auf Hinweise reagiert zu haben.

Nach einem Medienbericht über möglicherweise zu harte Maßnahmen in einer Jugendeinrichtung des Arbeiter-Samariter-Bundes ASB in Jänschwalde (Spree-Neiße) laufen erste Ermittlungen durch Behörden. Das Brandenburger Ministerium für Bildung, Jugend und Sport teilte rbb|24 am Montag mit, dass es zusammen mit dem Jugendamt des Spree-Neiße-Kreises an der Aufklärung arbeitet. Unmittelbar nachdem die Behörde Hinweise erhielt, habe man "sofort reagiert".

Die Tageszeitung "taz" hatte am Samstag zuerst berichtet. Demach sollen Kinder und Jugendliche drangsaliert, fixiert oder eingesperrt worden sein. Laut "taz" läuft bei der Staatsanwaltschaft ein "Prüfverfahren" zu den Vorgängen. Die Polizeidirektion Süd bestätigte am Dienstag auf Nachfrage, dass ein ehemaliger Heimbewohner Anzeige gegen Heimerzieher erstattet hat.

"Freiheitsentziehenden Maßnahmen sind unzulässig"

Das Bildungsministerium teilte rbb24 in einer schriftlichen Stellungnahme mit, dass dem Ministerium erste Hinweise auf Vorwürfe gegen die intensivpädagogische stationäre Einrichtung am 22. August zugegangen seien. "Wir haben sofort reagiert und die Staatsanwaltschaft Cottbus informiert, da teils Handlungen beschrieben wurden, die strafrechtlich relevant sein können", hieß es dazu. Mitarbeiter der Einrichtungsaufsicht und des Jugendamtes Spree-Neiße hätten am 23. August die Einrichtung aufgesucht und dabei "die Gebäude und Räume in Augenschein genommen" und die "anwesenden Fachkräfte und Vertreterinnen und Vertreter des Trägers befragt".

In der Einrichtung in Trägerschaft des Arbeiter-Samariter-Bundes werden Kinder- und Jugendliche aufgenommen, die besonders schwierige und herausfordernde Verhaltensweisen aufweisen. Da es sich aber um eine offene Einrichtung handelt, seien jegliche freiheitsentziehenden Maßnahmen unzulässig, stellte das Ministerium gegenüber rbb|24 fest.

Ministerium hofft auf Hinweise Betroffener

Am Montag nun forderte das Brandenburger Ministerium für Bildung, Jugend und Sport nach eigenen Angaben den Träger der Einrichtung auf, sich zu den Vorwürfen zu äußern, und sicherzustellen, "dass keine freiheitentziehenden Maßnahmen zur Anwendung kommen".

Der Träger habe inzwischen erklärt, "dass er bis zum Abschluss der Prüfungen das bisherige Aufnahmeverfahren nicht mehr praktizieren wird", teilte das Ministerium mit. Die Prüfung der Vorwürfe sei damit aber noch nicht abgeschlossen. "Es bedarf einer weiteren Sachaufklärung." Außerdem erklärte die Behörde, dass es für die Heimaufsicht im Jugendministerium "hilfreich" sei, "wenn sich betroffene Kinder und Jugendliche direkt an das Ministerium wenden". Alle Hinweise und Anliegen würden dabei streng vertraulich behandelt.

Innenhof des Haasenburg-Heims in Neuendorf am See. (Bild: rbb/Franziska Weigelt)

Skandal um "Haasenburg"-Heime erschütterte Brandenburg

Der Fall weckt Erinnerungen an den Skandal um die "Haasenburg"-Heime in Brandenburg: Im Jahr 2013 war bekannt geworden, dass Erzieher jugendliche Bewohner in drei Heimen in Neuendorf am See im Unterspreewald und Jessern (Dahme-Spreewald) sowie in Müncheberg (Märkisch-Oderland) drangsaliert und gedemütigt haben sollen. Die drei mussten Ende 2013 auf Weisung der damaligen Jugendministerin Martina Münch (SPD) schließen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte in Dutzenden Verfahren. Es habe dabei auch viele Doppel-Anzeigen gegeben und Anzeigen von Unbeteiligten, hieß es. Es gab schließlich zwei Gerichtsprozesse wegen körperlicher Gewalt. Einer endete mit einem Freispruch, der andere wurde gegen eine Geldzahlung eingestellt. Zudem ging es in zwei weiteren Gerichtsverfahren um sexuellen Missbrauch. Einer der Prozesse gegen einen Ex-Betreuer wurde gegen die Zahlung einer Geldbuße eingestellt. In dem anderen Verfahren erhielt ein ehemaliger Erzieher eine Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

13 Kommentare

  1. 13.

    Hier wird von finanziellen Nöten solcher Einrichtungen gesprochen. Zur Info: Das JA zahlt der Einrichtung pro Kind 6000 bis 7000 Euro im Monat. Und ja, ich habe mich nicht vertippt! Leider ist die Haltung vieler Erzieher eben so, dass es sich um "nicht normale Kinder" handelt, anstatt um Kinder, die Hilfe brauchen. Und das ist der entscheidende Punkt. Ich kenne selber eine Einrichtung, wo Kindern Arme verdreht werden. Und das wird auch nicht mal verheimlicht. Der Anspruch solcher Einrichtungen ist, Kinder und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Nun aber sieht die Realität anders aus. Es läuft das meiste auf Bestrafung aus. Und das IST leider eine wahre Realität.

  2. 12.

    Als leitende Angestellte in einer KJE darf ich anmerken, dass wir in diesem Land die freie Berufswahl haben. Niemand der Sozialpädagogen muss diesen Beruf ausüben. Die berufsüblichen Modalitäten inkl. tariflichen Entlohnungen sind vor Tätigkeitsaufnahme bekannt.

    Hier geht es erstinstanzlich um das Wohl und um die Rechte von Schutzbefohlenen und nicht, wie einige Kommentatoren glauben zu wissen, um das der Betreuer.

    Derartige Vorfälle, die leider wieder erst durch die Presse außerhalb Brandenburgs bekannt wurden, bergen sehr viel Informationen über längst bekannte Probleme in der Kinder- und Jugendhilfe, die endlich angegangen werden müssen.

  3. 11.

    "Quereinsteiger" ist nicht abwertend gemeint. Selbstverständlich werden sie ausgebildet. Ich ziehe ebenfalls meinen Hut vor den Betreuern in einer Jugendeinrichtung. Diese haben größtenteils auch selbst eine Familie, die sie kaum zu Gesicht bekommen, auf Grund der Dienstzeiten und der angespannten, finanziellen Situation. Sie tragen eine große Verantwortung. Wie gesagt, es handelt sich verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche, da stoßen selbst studierte Pädagogen an ihre Grenzen. Man muß es mal kennengelernt haben, um mitzureden.
    Übrigens: In jungen Jahren hat mich mal ein "Quereinsteiger" operiert. Er war früher Lokschlosser, hat dann studiert und arbeitete als Chirurg - als hervorragender Chirurg. Es gibt auch einen Arzt, der als "Quereinsteiger" Comedy macht und abendfüllende Sendungen erfolgreich bestreitet.

  4. 10.

    sorry für die kleinen rechtschreibfehler wie türk (Tür)oder ähnliches. Autovervollständigung und Eile passen nicht zusammen.

  5. 9.

    Zu denen " ungelernten". Im größten Teil der stationären Jugendhilfe arbeitet selbstverständlich ausgebildetes Personal, hat was mit Betriebserlaubnis und Fachlichkeit zutun. Leider lassen kostensätze also finanzielle Zwänge und die teilweise schlechte Ausbildung häufig nicht mehr an Personal zu. Ist ein anderes, politisches Problem.

  6. 8.

    Ah, da isses wieder, dieses umgedrehe der Wörter. Niemand wird als Freiwild behandelt! Tatsache ist, das wir hier nicht von "normalen kindern " sprechen sondern von teilweise höchst aggressiven, in ihrer impulsteuerung massiv gestörten Kindern und Jugendlichen, von intensiv gewalttätigen Jugendlichen, von Tätern. Wer also glaubt hier mit muttipädagogischen Mitteln einen fuss in die Türk zu bekommen der kann es nicht ernst meinen. Es gibt Situationen (zb. Bezüglich selbst und Fremdgefährdung) die ein laie auf dem Gebiet nicht nachvollziehen kann. Sorry wir reden hier nicht von "oh der hat haltst Maul gesagt und deshalb gibt es heute kein Fernsehen mehr", sondern von intensivpädagogischer Arbeit. Ach und eins noch, ich ziehe jeden Tag aufs neue meinen Hut vor den Kollegen die tagtäglich 24 oder 48 Stunden in den stationären Einrichtungen arbeiten, im übrigen oft allein. Und nochmal, ja auch für diese Jugendlichen und Kinder gilt Artikel 1 gg die würde des ... sollte ja jeder kennen.

  7. 7.

    Hallo "Besserwessi". Nennen Sie sich doch lieber "Nichtswissi". Auch in Westdeutschland gibt es solche Einrichtungen. Ich nenne keine Namen. Allerdings ist es auch für ausgebildete Pädagogen nicht immer einfach mit "Systemsprengern" umzugehen. Pädagogen hilft ihr studiertes Wissen oft auch nicht weiter. Auch in diesem Bereich gibt es überwiegegend "Quereinsteiger". Das Jugendamt hat bei Jugendeinrichtungen da keine Auswahl. Unter den Blinden ist der Einäugige König.

    Thema: Niedriglohnsektor!

    Die Altparteien geben nur heiße Luft von sich. Auch die schadet nicht nur dem Klima.
    Kinder sind die Wähler von morgen!

  8. 5.

    Wenn Sie keine Ahnung haben, um welches Klientel es sich dreht, dann sollten Sie Ihre Meinung für sich behalten. Ick kann der Aussage von snafu nur zustimmen. Leider wird sich diese Situation künftig noch verschärfen. Und Rumänien ist sowieso Unsinn.

  9. 4.

    Bevor man sich ein Urteil bildet, sollte man sich schon mit der Materie befassen. Einsperren, fixieren usw. klingt für Menschen die nicht wissen mit welcher Klientel es diese Einrichtungen zu tun haben, schon fragwürdig und nachvollziehbar. Ich empfehle daher sich den Film Systesprenger mal anzuschauen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das es recht häufig zu körperlichen Übergriffen auf Mitarbeiter in stationären jugendeinrichtungen durch kommt. Und um es nicht zu missverstentnissen kommen zu lassen, übergriffigkeit gegen Schutzbefohlenen sind nicht zulässig und zu verurteilen. Doch bitte ich um Augenmaß und Hintergrundwissen bevor wieder über Dinge geurteilt werden ohne Ahnung von der Materie zu haben. Ach und diesen blöden Hinweis auf jugendwerkhöfe und ddr Methoden kann man sich tatsächlich sparen.

  10. 3.

    "der andere wurde gegen eine Geldzahlung eingestellt..."
    Soll man sich noch über irgendetwas wundern in diesem Land?

  11. 2.

    Wundern täts mich nicht. Wenn man schon aus Kindergärten hört, dass Kinder gekniffen werden, die nicht schlafen wollen oder bei Nicht-Bravsein der Kopf ins Waschbecken gehalten werden (also seitens der Erzieher). Sind in Jänschwalde nur ausgebildete Erzieher??

  12. 1.

    Tja, da soll wohl die Tradition der sogenannten "Jugendwerkhöfe" fortgeführt werden. Passt zu Brandenburg als "kleiner DDR" (Manfred Stolpe).

Das könnte Sie auch interessieren

Bild in groß
Bildunterschrift