Bürgerdialog Cottbus Jugendliche (Foto: rbb/Schiller)
Video: Brandenburg Aktuell | 06.08.2020 | Herkner/Schiller | Bild: rbb/Schiller

Wissenschaftliche Analyse - Cottbuser Bürgerdialoge unter der Lupe

Vor mehr als zwei Jahren organisierte der rechtsextremistische Verein "Zukunft Heimat" regelmäßig Demonstrationen in Cottbus gegen die Flüchtlingspolitik in Deutschland. Die Stadtspitze reagierte mit Bürgerdialogen. Die sind jetzt wissenschaftlich analysiert worden.

Zwei Jahre nach den Bürgerdialogen in Cottbus haben Wissenschaftler der Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) und der Berliner Alice-Salomon-Hochschule (ASH) eine Analyse der Veranstaltungen in den sechs Stadtteilen vorgelegt. [bt-u.de]. Diese Dialoge waren die Antwort der Stadtspitze auf die aufgeheizte Atmosphäre in Cottbus. Es gab regelmäßige Demonstrationen in der Stadt gegen die Flüchtlingspolitik in Deutschland.

Die Autoren würdigen die Tatsache, dass es diese Gesprächsangebote überhaupt gab. Zugleich aber kritisieren sie, dass rassisitsche Redebeiträge nicht also solche benannt wurden, sagt BTU- Wissenschaftlerin Heike Radvan.

"Was zu wenig passiert ist: dass sich Politiker nachvollziehbar, verlässlich, verständlich und unmittelbar zu rassistische, verschwörungsmythischen Aussagen positionieren und versuchen, diese zu entkräften." Es seien keine klaren inhaltlichen Regeln aufgestellt, zu wenig hinterfragt, zu viel stehen gelassen worden, begründet Radvan ihre Kritik.

Dr. Heike Radvan von der BTU Cottbus Senftenberg
Dr. Heike Radvan | Bild: rbb/Iris Wußmann

Initiatoren widersprechen der Kritik

Bei den Veranstaltern der Bürgerdialoge kommt die Kritik der Wissenschaftlerinnen nicht gut an. Von insgesamt 18 Veranstaltungen seien nur drei ausgewählt worden, beklagen sie eine "nicht nachvollziehbare Willkür".

Bei der Bewertung komme völlig zu kurz, in welcher Situation sie sich damals befunden hätten, sagt Pfarrer Uwe Weise, damals Moderator der Dialoge. "Ich glaube, dass der Studie das Feingefühl für die Situation fehlt."

Der Vorsitzende der Cottbuser Stadtverordnetenversammlung Reinhard Drogla (SPD) hätte sich gewünscht, mehr einbezogen zu werden. "Jetzt hab ich ein Papier gelesen, in dem mehr bewertet wird, was nicht gesagt worden ist, oder was die Autorinnen erwartet hätten, das es gesagt werden würde. Und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, finde ich ein wenig zu kurz gesprungen."

Drogla sei enttäuscht und wisse nicht, ob diese Studie der Stadt Cottbus helfe. Er halte die Studie für unvollkommen und für eine verpasste Chance.

Ergebnis der Analyse unzureichend

Der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) findet es nach eigener Aussage richtig, diese Dialoge zu analysieren. Allerdings halte er das, was dabei rausgekommen ist, für unzureichend. Eine breitere Betrachtung wäre dem Ganzen mehr gerecht geworden, so Kelch.

"Ich stehe dazu, dass diese Dialoge das richtige Mittel zum richtigen Zeitpunkt waren. Wir haben ein Ventil angeboten von den Dauermonologen in den Dialog mit den politisch Verantwortlichen in der Stadt zu kommen", resümiert Kelch die 18 Gesprächsrunden.

Im rbb-Interview erklären sich beide Seiten, Wissenschaftler und Stadtspitze, bereit weiter im Gespräch miteinander zu bleiben.

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15 Kommentare

  1. 15.

    Das widerspricht ja auch nicht grundsätzlich meiner Aussage. Es gibt im demokratischen Spektrum alle Meinungen von "alle rein" bis "Grenze dicht". Das hat aber nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun sondern ist eine Einstellung, bis zu welchem Punkt man bereit ist, Hilfe zu leisten. Da gab es in Cottbus aber auch nie einen wirklichen Disput. Die absolute Mehrheit war immer dafür, Flüchtlingen zu helfen, wenn diese diese Unterstützung wirklich benötigen und diese humane Geste auch dankbar annehmen.

  2. 14.

    " ... warum Deutschland mehr Ausländer aufnimmt wie der Rest der EU. " Eine sehr interpretationsfähige Äußerung. Meine Vermutung geht dahin, dass es bewusst so gewählt worden ist. Pardon.

    Motto: Was können Sie denn dafür, wenn jemand das so "missversteht", Deutschland hätte zahlenmäßig mehr Flüchtende aufgenommen wie der Rest der EU ZUSAMMEN?

  3. 13.

    Dass Herr Drogla von einer Studie vor Allem erwartet, dass sie der Stadt hilft, beweist erneut die mangelnde Kritikfähigkeit, die auch in der Studie bemängelt wird. Alles Böse kommt von Außen, von der Antifa, die auf das Rassismusproblem in CB hinweist, von der Bundespolitik, die die Flüchtlinge bringt und jetzt von der Wissenschaft, die zeigt, dass die Bürgerdialoge ein Forum für Nazis und Verschwörungsspinner geboten haben.

  4. 12.

    Diese Art Cotbusser gibt es sicher auch. Aber es gibt auch Cotbusser, die nicht verstehen, warum Deutschland mehr Ausländer aufnimmt wie der Rest der EU.
    Wie schon Alt-Kanzler Schmidt sagt, ist Aufnahme von Ausländern auch ein Problem von Maas und Mitte.

  5. 11.

    Da sind sie aber auf dem rechten Auge zumindest von derlausitzer Sonnen geblendet. Sie wissen ja garnicht was da geäußert wurde. Besonders schlimme Entgleisungen hätten sie dann auch durchgehen lassen, nur um die arme vorurteilsgeladene Seele zu streicheln? Außerdem geben sie ausschließlich "kriminellen Ausländern" die Schuld. Dass es dort schon immer eine gutvernetzte Naziszene gab, die auf die Eskalation nur gewartet hat, lassen sie vollkommen außen vor.

  6. 10.

    2
    Sicherlich wäre ein Forschungssetting, das alle 18 Bürger*innen Dialoge untersucht, wünschenswert gewesen. Im Rahmen der Ressourcen war dies vermutlich nicht möglich und aus den vorliegenden Ergebnissen gewinnen die Autor*innen trotzdem wichtige Erkenntnisse, die für die Veranstalter*innen und Moderatoren hilfreich sein könnten. Sebastian Schiller fasst diese im Filmbeitrag gut zusammen:
    - Marginalisierte Gruppen aus dem Gemeinwesen aktiv in die Dialoge einbeziehen
    - Vor Diskriminierung schützen (das beginnt nicht erst bei verfassungsfeindlichen Aussagen)
    - Fake News, Verschwörungstheorien, völkisch autoritäre Beiträge kritisch Hinterfragen und Stellung beziehen.
    - Podien divers besetzten.
    Schade, dass davon im Artikel nichts zu lesen ist aber gut das Stadt und Wissenschaft ins Gespräch gehen werden.

  7. 9.

    1
    Die Studie ist sehr interessant und kann bei der Konzeption folgender Formaten eine gute Hilfestellung sein. Die Studie geht folgender Fragestellung nach: „Wie können unter den spezifischen Bedingungen – Teilnehmende, die bewusst und z.T. strategisch die Regeln des Sagbaren brechen, diskriminieren und z.T. nicht am Austausch von sachbezogenen Argumenten interessiert sind – diese Veranstaltung vorbereitet und durchgeführt werden?“ Für die Studie wurden sechs Bürger*innendialoge gesichtet und drei davon im Verfahren der maximalen Kontrastierung ausgewertet. Das bedeutet, das sich intensiv mit Veranstaltungen beschäftigt wurde, in denen, bezogen auf die Fragestellung, sehr unterschiedliche Umgangsweisen deutlich waren. Insofern ist die Auswahl nicht der "nicht nachvollziehbare Willkür" überlassen, sondern sie ergibt sich aus der Sammlung von validen Daten.

  8. 8.

    Ohne Menschen wie die Verfassenden der Studie würde sich Cotbtus nie entwickeln. Chancen ohne Ende, die sich daraus ergeben. Mensch muss sie bloß ergreifen. "Kill the messenger" war noch nie eine gute Strategie.

  9. 7.

    Der RBB und alle Kommentierenden hier vergessen, dass Rassismus für Menschen die davon betroffen sind immernoch lebensgefährlich ist. Jede unkommentierte Wiederholung gleicht für die von Ressentiments durchsetzte Stadtgesellschaft nunmal einer Zustimmung. Dem als Stadtpolitik eine Bühne zu bieten und massive rassistische Vorurteile einfach unkommentiert stehen zu lassen bleibt für weiße sicherlich unproblematisch. Dass hier keine Betroffenenvertretung gefragt wird, wie sie die Bürgerdialoge und die Reaktionen darauf wahrnehmen oder einsortieren ist sehr schade! Warum werden hier in keiner Weise Menschen nach ihrer Meinung gefragt, die mit den Folgen der unkommentierten und unwiderlegten(trotz umfangreichen seriösen Quellen die herangezogen werden könnten) Gebetsmühlenartigen Wiederholung von rassistischen Vorurteilen leben müssen? Eine echt schwache Nummer von der Stadt UND vom RBB.

  10. 5.

    Genau so! Eine moralisierte Zensierung der Meinungsbeiträge hätte zu diesem Zeitpunkt nur Öl ins Feuer gegossen, zumal auch gern unangenehme Wahrheiten als Rassismus betitelt wurden. Die allermeisten Cottbuser haben und hatten nichts gegen Ausländer im Allgemeinen, es ging speziell um laute, aggressive und teils extrem gewalttätige Gruppen von einigen Jugendlichen. Viele Einwohner hatten schlicht Angst. In solch einer Situation mit (tatsächlicher oder auch nur gefühlter) Zensur zu begegnen, hätte zur sofortigen Eskalation geführt. Wie man heute sieht, waren die Veranstaltungen sehr erfolgreich, das zählt. Dass es immer Leute gibt, die noch was Schlechtes mit der Lupe suchen, darf man auch mal ignorieren.

  11. 4.

    Liebe rbb24-Redaktion!

    Mich würde mal interessieren, um welchen Fachbereich es sich hier handelt und wie die Studie heißt und wo man sie findet.

    Das gehört bei so einem Artikel nämlich dazu. Könntet ihr das bitte nachholen.

    Danke,
    Maik

  12. 3.

    Zugegeben aus der Betrachtung eines Außenstehenden:
    Herangehensweise der Wissenschaft ist die "überpersönliche" Betrachtung von Ereignissen, um allgemeine Schlüsse daraus zu ziehen. Den damaligen Beteiligten war es (aber) darum gegangen, eine Befriedung der Verhältnisse zu erreichen. Da ist es m. E. schon ratsam, auch mal "Fünfe gerade sein zu lassen", also Menschen nicht spontan maßzuregeln, wenn sie die empfunden "falsche Wortwahl" ergriffen haben.

    Wo soll es denn herkommen?

    Die DDR war als obrigkeitsstaatlich geprägter Staat ein Staat, der das definitiv richtige vom definitiv falschen glasklar unterschied. So sehr Menschen inhaltlich in Differenz dazu waren, so schwer fiel es, vom Vorgehen dazu in Differenz zu sein. So wird Vieles im Vorgehen bis dato weitergetragen. - Das ist eine "Fehlstelle" bei der Einschätzung, weshalb solche "Durchbuchstabierung von außen" m. E. zu kurz greift.

  13. 2.

    Gemäß der Nachrichtenlage beim RBB scheint die Stimmung in Cottbus heute deutlich weniger aufgeheizt als 2018, jedenfalls sind mir in letzter Zeit keine (der damals fast alltäglichen) Meldungen von Auseinandersetzungen zwischen Zuwanderern und Einheimischen erinnerlich. Dass an dieser Entwicklung die Bürgerdialoge - in genau der Form, in der sie geführt wurden - zumindest einen Anteil gehabt haben, darf wohl angenommen werden.

    Ob die Bürgerdialoge diese Ventilfunktion auch hätten entfalten können, wenn - wie durch die Sozialarbeitsfakultät der BTU und die Berliner Gedichtsüberpinselhochschule nahegelegt - Redebeiträge von oben herab bewertet und gemaßregelt worden wären, ist demgegenüber zweifelhaft. Der Traum von der Instant-Umerziehung von Menschen mit Vorbehalten gegen Zuwanderung zu strammen Antirassisten wird eine Traumtänzerei bleiben.

  14. 1.

    Die Studie werde ich noch lesen.

    Allerdings kann ich die ablehnende Haltung nicht nachvollziehen. Das Scheinargument der Unvollständigkeit verfängt, weil hier die Methodik der Studie ignoriert wird. Wer so mit Kritik umgeht, muss sich nicht wundern, auch weiterhin z.T. problematisch zu handeln.

    In Durchführung und Kommunikation ähnelten die Dialoge durchaus den beiden äußerst fragwürdigen und hochproblematischen Podiumsdiskussionen, die der rbb in Cottbus initiierte: Distanzlosigkeit, Desensibilisierung, Ausblendung von Problemen, Nichthinterfragen rechter Narrative, kein Rückgriff auf fachliche Expertise aus Wissenschaft, Betroffenenverbänden bzgl. rechter Gewalt oder Aktivist*innen, Normalisierung und Verbreitung rechtsextremer ideologiefragmente - nebst dem Anbieten einer Bühne für Rechtsextreme. Es geht eigentlich kaum schlechter.

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