Kommentar | Kohleausstieg schon 2030 - Die grüne Nagelprobe

Mi 24.11.21 | 18:05 Uhr | Von Andreas Rausch
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Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG). Davor steht eine einzelne Windenergieanlage und dreht sich im Wind. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
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Video: Brandenburg Aktuell | 24.11.2021 | Stephanie Teistler | Studiogast Andreas Rausch | Bild: dpa/Patrick Pleul

Die Grünen atmen auf. Sie haben ihr zentrales Wahlversprechen - den Kohleausstieg 2030 - in den Ampel-Koalitionsvertrag gerettet. Die betroffenen Reviere wie die Lausitz sollen dabei nicht vergessen werden. Andreas Rausch warnt vor den Tücken der Umsetzung.

Des Deutschen Stromverbrauch, für Kaffeemaschine, Fernseher und Industrieanlage, findet sich für jeden zugänglich in einer Torte namens Strommix. Aus dieser ergeben sich für das Jahr 2020 diverse Informationen, z.B. dass wir alle zusammen etwa 489 Terrawattstunden verbraucht haben, und dass davon etwa die Hälfte aus erneuerbaren und die andere Hälfte aus fossilen Energien plus Kernkraft stammten. Allein 24 Prozent, also ein knappes Viertel, machten Stein- und Braunkohle aus. Nimmt man dieses dicke Stück hinaus aus der Torte, hat man ein Problem – es ist nicht genügend Strom für alle da, die Lücke muss anderweitig gestopft werden.

Um das Dilemma zu verdeutlichen, sind zwei weitere Punkte wichtig: Ein anderes Tortenstück, die Kernkraft, immerhin zwölf Prozent groß, verschwindet bis Ende 2022 auch noch - das ist mit dem Atomausstieg die geltende Gesetzeslage, an der niemand rütteln wird. Und es gehört auch zur Wahrheit: Die Torte wird jedes Jahr größer. Experten schwanken in den Prognosen zwischen 650 TWh pro Jahr bis zu einer Verdoppelung des jetzigen Standes. Die E-Mobilität, die Umstellung von Öl auf Erdwärme und die Wasserstofferzeugung als aktuell diskutierte Form der Energiespeicherung werden einen Stromhunger entwickeln, den wir so noch nicht gesehen haben. Die Strommix-Torte von heute wird dagegen schon bald wie ein Törtchen aussehen.

Applaus aus der Wissenschaft

Kann das gut gehen? Experten sagen, ja, wenn der Anteil erneuerbarer Energien massiv ausgebaut wird. Deutschland braucht einen Booster bei Windkraftanlagen und Solarparks. Die Akademie der Wissenschaften spricht von einer Verdoppelung des heutigen Bestandes an Windenergieanlagen auf mindestens 65.000. Doppelschub braucht es auch beim Ausbau der Stromnetze, weil die alten für eine solche Umstellung der Stromerzeugung im Land einfach nicht gemacht sind. Ach so, industriell nutzbare Stromspeicher wären auch schön, genauso wie in Flauten nicht zu oft auf Strom unserer Nachbarn zurückgreifen zu müssen - Kohlestrom aus Polen etwa oder Atomstrom aus Frankreich. Und die alten Reviere auch in der Lausitz sollen blühende Zukunft erfahren. Ja, ist denn heut' schon Weihnachten?

Die frisch geputzte Ampel blinkt in schillernden Farben "Fortschritt". Der Ausbau der Erneuerbaren wird forciert, parallel sollen Gaskraftwerke errichtet werden, die den steigenden Strombedarf auffangen, preiswert soll der Strom sein und von der Nachhaltigkeit der Zukunft zugewandt. Alles zum Wohle des Planeten und des vereinbarten 1,5 Grad-Klimaziels von Paris, so steht es im Vertrag.

Der Ausbau der Netze hinkt

Die Realität aber sieht (noch?) trübe aus. Zwar wird in der Industrie längst an Alternativen zu Koks und Öl geforscht, Kohlestrom wird immer unrentabler, Klimaschutz ist nichts exotisches mehr. Aber der Ausbau der Stromnetze hinkt, dabei müsste er doch vielmehr einen Dauersprint einlegen. Der hippe Wasserstoff ist noch weit entfernt von wirtschaftlich tragfähiger Nutzung, der Windradbau liegt am Boden, Hersteller wie Vestas Lauchhammer haben sich schon aus Deutschland verabschiedet.

Politische Beschränkungen verhinderten bislang die Energiewende

Ja, am miesen Zustand der Energiewende sind zahlreiche politische Beschränkungen in der Vergangenheit schuld, aber alles darauf zu schieben, wäre zu billig. Auch die Klagefreudigkeit der Deutschen bremst, zahllose langwierige Gerichtsverfahren, Regulierungswut, Ungleichbehandlungen, Schuldzuweisungen, zermürbende Debatten und, und, und. Ganz zu schweigen von den schwierigen Bemühungen, in den betroffenen Revieren so etwas wie Freude auf Strukturwandel und eine Perspektive für die Bergleute zu schaffen.

Vielerorts wirken die vielen Milliarden Unterstützer-Euros bislang eher wie Beruhigungspillen. Das wird mit dem Koalitionsbekenntnis, Projekte wie die Uni-Medizin in Cottbus nun vorzuziehen und den Betroffenen stärkere Unterstützung zu gewähren, nicht automatisch anders. Die Verunsicherung ist groß.

Damit Deutschland seine Klimaziele halten kann, muss mehr passieren als bisher vorgesehen. Ein Kohleausstieg 2030 ist definitiv ein Schritt in diese Richtung. Das steht nun im Ampel-Koalitionsvertrag - wenn die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. Mit Stand heute ist für 2030 Skepsis angebracht. Es sei denn, es käme eine Revolution. Revolutionen aber wurden nie auf Papieren gemacht.

Sendung: Inforadio, 24.11.2021, 17:40 Uhr

14 Kommentare

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  1. 14.

    Wer als Physiker "Elektrolyse wurde im Jahr 1800 entdeckt, warum wurde diese Technik seit über 200 Jahren denn bisher nirgends bei der Energieerzeugung großtechnisch eingesetzt?" schreibt hat im Studium wohl nicht aufgepasst.

    Wann hat jemals jemand versucht mit "Elektrolyse" Energie zu erzeugen? Puh ....nebenbei bemerkt sollte man auch als Physiker wissen, dass Elektrolyse eine extrem große Bedeutung für die Gewinnung von Metallen und zur Herstellung von diversen Stoffen hat. Natürlich wird Elektrolyse seit rund 150 Jahren massenweise Großtechnisch genutzt,nur eben nicht für H2 Herstellung weil Dampfreformierung eben billiger ist.

  2. 13.

    1. ICE Werk Cottbus, 2. Renaturierung braucht auch Bergleute/Geologen etc., 3. BASF Kathodenherstellung, 4. Arbeitskräftemangel, da fragt man sich wer dort Lithiumhydroxid herstellen soll, 6. Durchschnittsalter der Bergleute, wieviele sind davon in 10 Jajren noch nicht in Rente?

    Usw. Usf....

  3. 12.

    Elektrolyse wurde noch nirgends bei der Energieerzeugung eingesetzt, weil man damit keine Energie erzeugt, sondern speichert. Das war nicht nötig solange man auf fossile Energiespeicher zugreifen konnte. Und selbstverständlich sind Versuchsanlagen zum Versuchen da. Das sieht man schon am Namen. Wie gesagt, wir sind noch nicht so weit mit der Energiewende, dass man das tatsächlich braucht, darum werden die Anlagen zu Forschungszwecken betrieben. Ist doch logisch.

  4. 11.

    Die Elektrolyse wurde im Jahr 1800 entdeckt, Warum wurde diese Technik seit über 200 Jahren denn bisher nirgends bei der Energieerzeugung großtechnisch eingesetzt? Weil physikalische Gesetzmäßigkeiten dagegen sprechen. Die Versuchsanlagen die Sie meinen, sind Instituts-Spielzeuge, die nur solange betrieben werden, wie Steuergelder fließen.

  5. 10.

    Elektrolyse ist Ihnen als Physiker unbekannt? Ich hatte Physik nur als Nebenfach, aber Elektrolyse lernt man schon in der Schule. Wenn man den Wasserstoff nicht speichern will kann man auch noch Methan draus machen. Die Effizienz ist halt Strom-zu-Strom nicht so berauschend, warum das zur Zeit keine große Rolle spielt, es gibt aber in Deutschland schon eine größere Zahl von Versuchsanlagen im MW Bereich, also durchaus großtechnisch.

  6. 9.

    " Ein Kohleausstieg 2030 ist definitiv ein Schritt in diese Richtung. Das steht nun im Ampel-Koalitionsvertrag - wenn die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. " Das ist eine unverbindliche Inaussichtstellung. Wie es jetzt aussieht, könnte zwar der Kohleausstieg 2030 in Deutschland kommen, dann wird eben auf Kohlestrom aus Polen, Atomstrom aus Frankreich und Erdgas aus Russland zurückgegriffen. Denn ein schlüssiges Konzept, bei gleichzeitigem Ausstieg aus Kohle und Atom hierzulande die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, gibt es nicht.

  7. 8.

    Die grüne Nagelprobe wird scheitern.
    - Wir haben das Thema Dieselfeinstaub nicht gelöst. Unverändert existiert der Kaufanreiz durch den Spritpreis.
    - Wir sind orientierungslos in der Weltgeschichte unterwegs, indem wir alles der Globalisierung opfern, ohne zumindest bei strategischen Industriezweigen gegenzusteuern. Im Ergebnis praktizieren wir wirtschaftlichen Suizid.
    - Wir proklamieren eine "Energiewende" ohne Zukunftorientierung und Ressorcenabwägung. Statt die Atomenergie sicherer zu machen wie Frankreich, verteufeln wir sie und wollen mit ein paar lächerlichen Windmühlen den Bedarf der nächsten Jahrzehnte absichern.
    - Wir können IT weder freihändig buchstabieren noch umsetzen. Wenn alle Rechner bei uns im Netz sind, brechen die Datennetze zusammen, was aber zukünftig nicht weiter auffällt, da zeitgleich die Stromversorgung zusammenbricht.
    - Wir können nur hoffen, dass sich das mit den e-Autos bald gibt. Wenn die auch noch alle ans Netz gehen....

  8. 7.

    "Große Stromspeicher gibt es noch nicht, weil sich das wirtschaftlich noch nicht rechnet. ". Mir als Physiker ist kein Verfahren bekannt, welches hoffen läßt, daß man großtechnisch in der Lage sein wird, Strom aus erneuerbaren Energien zu speichern.

  9. 6.

    Große Stromspeicher gibt es noch nicht, weil sich das wirtschaftlich noch nicht rechnet. Der Anteil an erneuerbaren ist noch nicht hoch genug, damit das Sinn ergibt. Trotzdem existieren natürlich Demoanlagen, zum Beipsiel zur Herstellung von Methan aus Strom. Man nutzt die Zeit, bis diese Dinge tatsächlich gebraucht werden um den Preis weiter zu drücken.

  10. 5.

    Wir Alten sind damals, noch als Schüler und Studenten, gegen die Atomkraft und die Endlagerung, die nicht nur sprichwörtlichen Barrikaden vorgegangen und wir waren viele, wurden aber nicht ernst genommen.
    Heute sind wir zwar alt, haben aber eine Simme, haben Geld und Rechtsanwälte und haben immer noch die gleine Meinung zu dieser Energieform und deren Muellagerung.
    Auch haben wir nicht vergessen.

  11. 4.

    Noch eine Nagelprobe: Vorgestern wurde bekannt, daß die Koalitionäre ihre Koalitionsverhandlungen unterbrochen hatten, um zu einer Feinabstimmunng mit der geschäftsführenden Noch-Bundeskanzlerin geeilt sind. Vielleicht wird jetzt der Austieg aus dem Austieg der Atomtechnik doch noch kommen, denn Merkel findet zwar den Ausstieg weiter richtig, kündigte allerdings dann das Gegenteil an, Die Kernkraft werde wohl auf EU-Ebene schon bald als grüne nachhaltige Technologie eingestuft. denn der grüne Atomstrom ist jetzt ganz oben auf der Agenda. Von den Grünen selbst kommen noch keine deutlichen Stellungnahmen. Schließlich hatte die Grüne Bundestagsfraktion noch am 11.03.2021 befunden, "Für uns Grüne im Bundestag ist klar: Atomkraft hat keine Zukunft. Sie ist klimaschädlich, gefährlich und teuer."

  12. 3.

    Es lohnt sich neben dem Blick auf die Torte auch ein Blick auf das Angebot der verschiedenen Stromangebote im Tages- und Wochenverlauf. Solar ist in der Nacht auf 0 und auch im Winter generell niedrig. Wind weht, wann es ihm beliebt. Das reicht hinten und vorne nicht. Speicher in den benötigten Grössenordnungen gibt es nicht. Als Ausgleich haben wir die höchsten Strompreise. Einfach mal nach Agorameter gucken und staunen. Physik interessiert sich nicht für Ideologie.

  13. 2.

    Ich habe Zwei Anmerkungen dazu. Erstens: Ja es stimmt, das unzählige Bürgerinitiativen gegen alles klagen und notwendige Projekte verhindern oder stark verzögern. Nur hat noch keine der 3 Parteien gesagt, wie sie das ändern wollen. Entweder kennt man das Problem in der Politik nicht. Wäre ja nichts neues wenn Politik was einfach nicht wahrhaben will. Oder man will (oder muss) das Klagerecht einschränken. Was natürlich unpopulär ist und im Wahlkampf verschwiegen wird. Zu diesem Thema hört man einfach nichts. Das wird total unterschätzt. Zweitens: Eine Uni-Medizin ist ja gut und schön, wird auch Arbeitsplätze schaffen. Nur, heutigen Bergbau-Mitarbeitern wird das überhaupt nichts nützen, da eine komplett andere Welt. Vom Bagger zur Uni? Wohl kaum. Es fehlen Industrie-Arbeitsplätze in großer Zahl, die kann man in 8 Jahren im Normalfall nicht schaffen. Auf die Lausitz kommen schwere Zeiten zu, Abwanderung inklusive.

  14. 1.

    > Auch die Klagefreudigkeit der Deutschen bremst, zahllose langwierige Gerichtsverfahren, Regulierungswut, Ungleichbehandlungen, Schuldzuweisungen, zermürbende Debatten und, und, und

    Klagemöglichkeiten, die Länge von Gerichtsverfahren und Regulierung sind auch politische Einschränkungen, lieber Herr Rausch. Je nachdem, was Sie unter "Ungleichbehandlung" verstehen fällt das auch drunter. Sowas kann die Politik alles ändern, wenn sie denn will.

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