Interview | Kampf um Lützerath aus Lausitzer Sicht - "Die Region ist möglicherweise ganz froh, dass es ein Stück weit weg ist"

Do 12.01.23 | 19:09 Uhr
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Vor dem Ortsausgangsschild von Lützerath (Nordrhein-Westfalen) schaufelt ein Bagger Erdreich am Rande des Braunkohletagebaus Garzweiler. (Quelle: dpa/Oliver Berg)
Audio: rbb24 Inforadio | 12.01.2023 | Andreas Rausch | Bild: dpa/Oliver Berg

Der Kampf von Braunkohlegegnern gegen die Abbaggerung des Dorfes Lützerath für den Braunkohleabbau sorgt für Aufsehen und Debatten. In der Lausitz betrachte man den Kampf eher distanziert, sagt Andreas Rausch, Leiter des rbb-Studios Cottbus im Interview.

rbb: Andreas Rausch, wie werden die Proteste in Lützerath in der Lausitz verfolgt?

Andreas Rausch: Ich würde sagen, mit einem leicht distanzierten Schaufenster-Blick - gerade die Information, dass bundesweit heute Fridays for Future zu Solidaritätskundgebungen aufruft. Aber vielleicht sagt es genug aus, wenn mir hier in der Lausitz keinerlei solcher Demonstrationen oder Kundgebungen bekannt sind.

In der Tat ist es so, dass auch die Lausitz in den letzten Jahren immer mal wieder Schauplatz war von Auseinandersetzungen zwischen Klimaaktivisten und der Politik beziehungsweise der Kohlelobby. Das haben wir hier auch erlebt. Allerdings lässt sich das an einer Hand abzählen. Und dann muss man wahrscheinlich feststellen, dass für die Klimaschutzbewegung die Lausitz vielleicht auch ein Stück weit weg von den großen Schmelzpunktes des Protestes ist, und es auch sehr mühsam ist, hier so tief in den Osten einzutauchen. Insofern schaut sich die Region das an und ist möglicherweise nicht ganz unfroh, dass es ein Stück weit weg ist.

Auch in der Lausitz wird noch ein Dorf abgebaggert, genauer gesagt in Sachsen, kurz hinter der Brandenburger Landesgrenze: Mühlrose. Ist das klar, dass das kommt?

Das wird so kommen. Denn die Pläne zum Abbaggern des Dorfes Mühlrose für den Tagebau Nochten liegen schon weit vor dem Kohlekompromiss der Kohlekommission und dann dem Kohleausstiegsgesetz vor zweieinhalb Jahren. Braunkohle ist immer ein langfristiges Geschäft. Das hat viel mit Planungssicherheit zu tun. Aber in der Tat flammte dann noch mal kurz Protest auf. Aber jetzt ist es so, dass seit August die LEAG als Eigentümerin des Geländes dort angefangen hat, den Ort abzubrechen.

Der Ort ist nicht mehr lebenswert. Man muss sich das vorstellen, man lebt auf einer Insel, ähnlich wie Lützerath. Direkt vor der Nase ist eine Braunkohle-Grubenkante, da geht es hundert Meter tief in die Erde. Das Grundwasser abgepumpt, man kann also seinen Garten nicht mehr wässern. Und die Lebensqualität ist dort so, dass man in der Tat abwägt und sagt, am besten die Heimat abgeben. Und das ist in Mühlrose so erlebt worden. Es gibt dort zwei, drei Häuser, die noch von Einwohnern bewohnt werden. Der Rest ist schon längst weggezogen und hat sich auch mehrheitlich verbeten, dass der Ort instrumentalisiert wird für eine größere Auseinandersetzung um das Thema Klimaschutz.

Also auf der einen Seite sind die Brandenburger und auch Sachsen deutlich gelassener, was das angeht. Auf der anderen Seite sind sie entschiedener, nicht früher auszusteigen aus der Braunkohle. Denn das ist im Westen der Deal, dass RWE nicht 2038, sondern schon 2030 aussteigt aus der Kohle, und dafür eben noch Lützerath bekommt. Warum lehnt Brandenburg einen früheren Kohleausstieg so vehement ab?

Zum einen berufen sich die ostdeutschen Länder Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg gemeinsam auf den Kohlekompromiss. Der ist ja gesellschaftlich mühevoll ausgehandelt worden und man hat sich auf das Jahr 2038, möglicherweise schon 2035 für ganz Deutschland verständigt. Auf der anderen Seite ist es so, dass im RWE-Gebiet rund um Lützerath in Nordrhein-Westfalen der Kohleausstieg 2030 im Grunde eine Zeitverschiebung nach vorne ist: Denn in der Zeit bis 2030 kann RWE noch sehr viel mehr Kohle und am Ende ist der Effekt für das Klima gar nicht so groß. Und die Debatte, die um dieses Ausstiegsdatum 2030 oder 2038 läuft, ist im Wesentlichen nicht mehr eine Arbeitsplatz-Debatte und eine Strukturwandel-Debatte, sondern eine Versorgungssicherheits-Debatte.

Jetzt im Moment bringt noch keine Photovoltaikanlage ein Watt Leistung ins Netz. Wir haben noch keine Stromspeicher, wir haben noch kein ausgebautes Stromnetz. Und da gibt es schlicht die Debatte, wenn wir zu zeitig aus Kohle aussteigen, parallel aus Atomstrom, dass es nicht genug Strom gibt, um diese Industrienationen Deutschland am Leben zu erhalten.

Um da kurz einzuhaken: Es gibt ja auch den EU-Emissionshandel, gerade ab 2030 wird der den Kohlestrom extrem teuer machen. Da gibt es dann auch die Debatte zu sagen, lieber gezielt und begleitet von der Politik ab 2030 aussteigen, als kalt erwischt zu werden. Wie wird das hier debattiert?

Das ist richtig. Der Ausstieg läuft quasi schon. Zwar wurden jetzt im Zuge des Russlandkrieges in der Ukraine alte Meiler noch mal verlängert. Aber in der Tat ist es so, dass über den Zertifikate-Handel, das Thema CO2 in die Luft zu blasen, für die Unternehmen zunehmend teurer wird, auch schon in den letzten Jahren teurer geworden ist. Aber wie gesagt, es tobt die Debatte. Wir haben im letzten Jahr auch trotz der extrem hohen Gaspreise viel Gas verbrannt, um Strom zu erzeugen. Wenn am Ende das Thema Versorgungssicherheit oder Blackout auf der auf der Tagesordnung steht, bezweifle ich, dass eine reine Preisdebatte dazu führen wird, dass wir aus der Kohle aussteigen.

Andreas Rausch, danke für das Gespräch.

Das Interview führte Angela Ulrich für rbb24 Inforadio. Es handelt sich um eine redigierte Fassung. Die Audiofassung können Sie anhören, wenn Sie oben links auf das Symbol im Bild klicken.

Sendung: rbb24 Inforadio, 12.01.2023, 07:05 Uhr

19 Kommentare

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  1. 19.

    "Und da gibt es schlicht die Debatte, wenn wir zu zeitig aus Kohle aussteigen, parallel aus Atomstrom..."
    Kann es sein dass dieses "parallel" eines der großen Missverständnisse ist?
    Mit Atom ist auf Grund eines temporär evtl. sinnvollem Kompromiss erst in 2023 Schluss. Alles was bislang beim Ausstieg lief lief ohne Probleme für die Versorgung. Alle Probleme die es gab, haben nix damit zu tun.
    Kohle wünscht man sich 2030. Ob es klappt, steht auf einer anderen Seite. Wirtschaftlich unrentabel wird die Kohle ab 2030 ziemlich sicher. Ohne Frage, 2030 ist ein sehr anspruchsvolles Ziel. Aber wächst man nicht mit seinen Aufgaben?
    Das alles ist mitnichten parallel.
    2030 oder später ist der Atomausstieg längst Geschichte und wir beschäftigen uns nur noch mit den Spätfolgen des Abfalls und dem Rückbau.

  2. 18.

    Merkel war Kanzlerin, als der Atomausstieg bis Ende 2021 beschlossen wie auch beim Beschluss zum Kohleausstieg bis 2038. Dass gleichzeitig der Ausbau der Erneuerbaren jeweils von Brüderle und später Altmaier vernunftkräftig sabotiert worden ist, ist dabei ein Treppenwitz der Energiewende.

  3. 17.

    Die RWE bekommt nicht Lützerath wg. Kohleausstieg bis 2030. Das war schon viel länger in trockenen Tüchern. Stattdessen bleiben deshalb vier weitere Dörfer stehen, da Garzweiler II früher geschlossen wird als unter Merkel geplant. Deren Ex-Einwohner haben aber meist längst gegen eine großzügige Entschädigung an die RWE verkauft und wohnen jetzt in Neu-xy. Die gerettet Häuser allerdings wieder bewohnbar zu machen, ist nicht nur wegen des Sanierungstaus alles andere als trivial. Beim WDR gibt es einen interessanten Artikel.

  4. 16.

    Alles richtig und mir durchaus bekannt, entspricht aber nicht der Ausgangsbehauptung ohne Atom und Kohle geht es nicht.
    Es geht und wir sind auf dem Weg dahin. Wie lange es noch dauert ist eine andere Frage aber es geht.

  5. 14.

    Das sich die Versorgungssicherheit verbessert hat, ist schlichtweg falsch!
    Die Netzeingriffe der ÜNB und VNBs haben sich in den letzten Jahren vervielfacht, zuletzt gab es die ersten kontrollierten Abschaltungen großer Industrieunternhemen im Westen des Landes (vgl. Abschaltbare Lasten).
    Ist am Ende physikalisch logisch, da der erneuerbare und kaum regelbare Einspeiseanteil steigt.
    Quellen:
    https://www.energate-messenger.de/news/221610/grosseinsatz-fuer-abschaltbare-lasten
    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/916903/umfrage/volumen-redispatchmassnahmen-im-deutschen-uebertragungsnetz/

  6. 13.

    Viel zu wenig wird darüber berichtet, wie die Anwohner großzügig entschädigt wurden. Die Meisten nahmen dankbar das viele Geld und zogen in eine bessere nicht vom Bergbau betroffenen Gegend. Gekniffen sind die Verbleiber.

  7. 12.

    "Sie stellen die Forderungen der Klimaaktivisten bewusst falsch dar"
    Nein, ich wichte diese ..... So wie Sie auch.

    "Was soll das bringen?" - Mein Wunsch ist: Wir brauchen die jungen Leute für das Schaffen. Aber nicht auf einer Schildkrötenfarm sonst wo..... Wenn Sie verstehen wollen?

  8. 11.
    Antwort auf [Wossi] vom 13.01.2023 um 10:46

    Sie stellen die Forderungen der Klimaaktivisten bewusst falsch dar und argumentieren gegen einen Strohmann. Was soll das bringen?

  9. 10.

    Das Aufrechnen ist aber schon mal der grundsätzliche Fehler. Relevant sind ausschließlich die Zeiträume, in denen in Deutschland nicht genügend Strom aus regenerativen Quellen zur Verfügung stand und die Preise, die wir dann dafür zahlen mussten. Zu diesem Zeitpunkt hat Strom gefehlt, der weder produziert, noch aus Zwischenspeichern abgerufen werden konnte. Diese Lücke ist um ein Vielfaches größer, als es die aufaddierten Zahlen ausweisen. Wenn Sie einen Wasservorrat für 5 Tage haben und davon Vorrat für 4 Tage verschenken, weil Sie keinen Platz zum Lagern haben und hoffen, am nächsten Tag neues besorgen zu können, dann Wasser aber ausverkauft ist, sind Sie am fünften Tag wahrscheinlich trotzdem verdurstet. Ohne Lager kein Überleben. Ziemlich einfach.

  10. 9.

    Endlich mal ein ziemlich ehrliches Interview zum Thema, welches nicht einfach nur alles schönredet. Es ist zwar noch Luft nach oben, aber ein sehr guter Anfang. Gerade der Abschluss zeigt, was auf uns zukommt. Ohne Sicherstellung der Versorgungssicherheit durch geeignete und ausreichend große Energiespeicher wird der angedachte Sinn des Zertifikatehandels schlichtweg verpuffen und es wird einfach nur noch teurer für alle. Der Preis ist nachrangig, wenn Strom am Markt fehlt und Dunkelflauten sind kein seltenes Phänomen. Diese Zeiten zu überbrücken wird eine riesige Herausforderung, die man niemals bis 2030 lösen kann. Selbst 2038 ist in weiten Teilen dafür nach heutigem Stand eine Illusion, somit nicht mehr als ein (berechtigter) Zielwert. Verläuft die Entwicklung nicht wie erhofft, wird man dann ohnehin über den Ausstieg vom Ausstieg diskutieren müssen, trotz aller staatlichen Eingriffe und Abermilliarden staatlicher Förderung.

  11. 8.

    "Kohle und Atomausstieg kann und wird nicht funktionieren, auch wenn uns das die Kohlegegner gern erklären wollen."
    Falls Sie es nicht mitbekommen haben, wir sind seit 20 Jahren dabei und es funktioniert von Jahr zu Jahr besser.
    2002 summierte KW-Leistung Kohle+AKW in DEU 75GW Marktanteil Strom 81%
    2022 summierte KW-Leistung Kohle+AKW in DEU 42GW Marktanteil Strom 40%
    Die Versorgungssicherheit in den Übertragungsnetzen hat sich nicht verschlechtert eher verbessert.
    Scheint doch das der Glaube mit reichlich Fakten hinterlegt ist.
    Stromhandelsbilanz 2002 +0,7TWh also Import
    Stromhandelsbilanz 2022 -27,5TWh also Export

  12. 7.

    @Autor: In der zweiten Frage ist die Rede, dass "Müllrose" vom Abbau bedroht ist. Gemeint ist hier aber sicherlich das kleine Dorf "Mühlrose" an der Landesgrenze zwischen Sachsen und Brandenburg und nicht die Kleinstadt "Müllrose" in der Nähe von Frankfurt/Oder. Dadurch können Irritationen entstehen und ich bitte höflich um Korrektur. Vielen Dank.

  13. 6.

    Der Zeitraum beginnt heute und endet baldmöglichst. Es ist ja nicht so dass es völlig überraschend kommt, dass Kohle keine Zukunft hat. Die Politiker tun bloß immer so als wäre das anders. Und an Alternativen mangelt es nicht. Schon seit Jahrzehnten haben wir die nötige Technik. Man muss nur in die Zukunft investieren statt Vergangenes an den Steuertropf zu hängen.

  14. 5.

    Vielleicht noch zehn Jahre....dann werden auch Leute wie Sie schmerzlich begreifen das vermeintlicher Wohlstand , Energiesicherheit und die bösen Grünen unser geringstes Problem sind.

  15. 4.

    Es gibt leider solche H... die von einer Ecke des Landes in die andere reisen nur um Stunk zu machen, ob es Sinn hat oder nicht.

  16. 3.

    Welcher Zeitraum ist bei Ihnen jetzt? 2 Wochen um alle Kohlekraftwerke zu ersetzen, wohlgemerkt geht Gas auch nicht mehr und Atom fällt weg. Wie wollen Sie das machen bei einem Industriestaaten der einen riesigen Energiebedarf hat?

  17. 2.

    Ich glaube auch bei uns in der Lausitz gibt es ähnliche Chaoten wie in Lützenrath. Wenn nicht dann werden sie eben herabgekarrt. Solange für einige Leute der Strom eben nur aus der Steckdose kommt, ändert sich gar nichts. Kohle und Atomausstieg kann und wird nicht funktionieren, auch wenn uns das die Kohlegegner gern erklären wollen. Aber wie sagt man so schön, Glaube versetzt Berge.

  18. 1.

    Man kann halt jetzt Alternativen schaffen oder 2030 endlos viel Geld in den Rachen der Kohlekonzerne werfen. Ich weiß schon wo für sich unsere Politiker entscheiden werden. Gelackmeiert ist dann wieder der einfache Bürger.

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