Streit um Fluglärm am BER - Anwohner kritisieren Ausweichroute von Easyjet-Flugzeugen

Ein Passagierflugzeug der britischen Fluggesellschaft easyJet startet von der Nordbahn des Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg "Willy Brandt" (BER). (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Video: rbb|24 | 27.08.2021 | Material: Brandenburg aktuell | Bild: dpa/Patrick Pleul

Drei Gemeinden in der Nähe des BER sind verstärkt von Fluglärm betroffen. Es gibt Zweifel, ob die Airline Easyjet tatsächlich aus technischen Gründen die Ausweichroute über Eichwalde, Schulzendorf und Zeuthen fliegen muss. Von Oliver Soos.

 

In Eichwalde, Schulzendorf und Zeuthen (Landkreis Dahme-Spreewald) protestieren Bürgerinitiativen. Aus ihrer Sicht ist die Situation ziemlich perfide: Die ersten Wohnsiedlungen liegen nur etwa drei Kilometer südöstlich des Flughafens BER und dennoch gibt es hier keinen Schallschutz.

Denn den Anwohnern wurde versprochen, dass die Flugrouten hier nicht entlangführen. Nun passiert es aber doch jeden zweiten Monat, immer dann, wenn am BER die Südbahn benutzt wird und wenn die Flugzeuge Richtung Osten starten. Laut der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH gab es im August (bis zum 26. August) insgesamt 237 Abflüge über den drei Gemeinden.

Die Auswertungen der Flugdaten und Beobachtungen der Anwohner zeigen ein klares Bild: Es ist fast ausschließlich die Airline Easyjet, die diese Ausweichroute fliegt, um eine steile 90-Grad-Kurve, die sogenannte Hoffmann-Kurve, direkt nach dem Start zu vermeiden. Wer von dieser vorgeschriebenen Route abweicht, muss dafür gute Gründe liefern, doch bei den Gründen, die Easyjet bislang genannt hat, gibt es erhebliche Zweifel.

Easyjet sagt Fluglärmgespräch kurzfristig ab

An diesem Donnerstag saßen die Bürgermeister der betroffenen Gemeinden mit Flughafengeschäftsführer Michael Halberstadt in der Zeuthener Mehrzweckhalle zusammen, dabei wurden rund 500 Bürger per Livestream zugeschaltet. Easyjet-Deutschlandchef Stephan Erler und ein Experte der Flugsicherung wurden auch erwartet. Sie sollten mit technischen Details über das Easyjet-Abflugverhalten aufklären. Doch dazu kam es nicht, weil die Airline und die Flugsicherung kurzfristig abgesagt hatten.

Die Gemeindevertreter zeigten sich dementsprechend enttäuscht. "Das lasse ich jetzt mal unkommentiert. Wir werden versuchen, in dieser Woche oder Anfang nächster Woche, mit dem Deutschlandchef von Easyjet in Kontakt zu treten", sagte der Bürgermeister von Eichwalde, Jörg Jenoch. Der Bürgermeister von Schulzendorf, Markus Mücke, fügte hinzu: "Ich hätte Herrn Erler gerne gefragt, was andere Fluggesellschaften besser können als Easyjet, dass sie die 90 Grad-Kurve fliegen können."

Es soll am Gewicht von Gepäck und Passagieren liegen

Kurz vor dem Treffen hatte Erler der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erklärt, warum Easyjet den Kurvenstart am BER nicht hinbekommen würde: "Wir haben relativ viele Passagiere und mehr Gepäck als andere in den Flugzeugen. Das höhere Gewicht führt dazu, dass wir entweder die notwendige Höhe nicht haben oder die Wegpunkte nicht erreichen und es uns somit gesetzlich nicht erlaubt ist, diese Abflugroute zu fliegen."

Diesem Argument wollen viele Menschen in den betroffenen Gemeinden nicht glauben. Der Vertreter der Gemeinde Zeuthen in der BER-Fluglärmkommission, der Ingenieur und sachkundige Einwohner, Dirk Schulz, ist der Ansicht, dass diese Aussage nicht stimmen kann und dass er dafür einige Beweise gesehen habe. Er erzählt von Gesprächen, die er mit Piloten anderer Airlines geführt habe: "Die Piloten haben mir erzählt, dass sie die gleichen Maschinen wie Easyjet fliegen, mit ähnlicher Beladung, auf ähnlichen Strecken, bei ähnlichem Wetter und dass sie die Hoffmann-Kurve einhalten können."

Schulz habe unter anderem mitbekommen, wie ein A320 Airbus von Lufthansa die Kurve perfekt flog und wie fünf Minuten später der Pilot eines A320 Airbus von Easyjet einen Geradeaus-Start hinlegte und zuvor angab, dass die Konditionen nicht passen würden.

Entlarvende Flugdatenaufzeichnungen?

Noch etwas ist Dirk Schulz von der Fluglärmkommission aufgefallen. Bei einigen Flügen, bei denen die Piloten angegeben hätten, sie könnten nicht steil genug abheben, seien sie bei ihrem Geradeausabflug dann doch schnell genug in die Luft gestiegen. Das habe Schulz in der Dokumentation gesehen. "Die Steigraten, die geflogen wurden, kann man bei den einschlägigen Portalen, z.B. bei der Deutschen Flugsicherung, sehen. Ich konnte ausrechnen, dass Steigraten, die angeblich nicht erreicht werden können, von Easyjet dann doch erfüllt wurden." Dirk Schulz hofft, dass diese Ungereimtheiten bald aufgeklärt werden können.
Flughafen-Geschäftsführer Michael Halberstadt versprach den betroffenen Gemeinden, dass der Lärm analysiert werde und dass sich daraus Schallschutzansprüche für die Gemeinden ergeben könnten. Dirk Schulz von der Fluglärmkommission warnte dagegen vor zu großen Erwartungen, denn Schallschutz zu bekommen könne viele Jahre dauern, so Schulz.

Auch vom Verbot der Intersection Take-Offs für Easyjet, das laut Flughafengesellschaft zu einem Abfall des Lärmdrucks um zwei Dezibel und damit zu einer maßgeblichen Lärmreduzierung führen soll, erwartet Schulz nicht all zu viel. "Wer sich mit Physik auskennt, der weiß, dass man diesen Lärmdruck-Abfall kaum spüren wird", so Schulz.

Auch Wildau und Königs Wusterhausen betroffen

Beim Fluglärmtreffen in Zeuthen waren auch die Bürgermeisterinnen von Wildau, Angela Homuth, und von Königs Wusterhausen, Michaela Wiezorek, anwesend. Sie erzählten, dass ihre Städte teilweise Fluglärm erleben würden, wenn die Maschinen nicht über Eichwalde, Schulzendorf und Zeuthen abfliegen.

"Die Maschinen über unserer Stadt sind sehr unterschiedlich laut, es scheint sogar vom einzelnen Piloten abzuhängen", sagt Wiezorek. Sie fordert Messstationen und dass der Lärm in Königs Wusterhausen analysiert werde. "Wir überlegen, das im Zweifel auch selbst zu machen." Wiezorek ist der Ansicht, dass auch die Hoffmannkurve noch optimiert werden müsse.

Auch Angela Homuth erzählt, dass es am Himmel über Wildau mal laut und mal leise sei. "Die großen Boeing Dreamliner von Qatar Airways hören sich an wie ein leichtes Brummen und kleinere Maschinen sind zum Teil so laut, dass ich morgens davon aus dem Bett schrecke - und neben mir ist ein Seniorenheim. Ich bekomme rund um die Uhr Beschwerden: Frau Homuth, tun sie etwas dagegen, das ist eine Zumutung", erzählt die Bürgermeisterin. Homuth und Wiezorek fordern Lärmminderungs- und Schallschutzmaßnahmen auch für Wildau und Königs Wusterhausen.

Auf einer Karte sind Flugrouten vom Flughafen BER in Berlin zu sehen. (Quelle: rbb)

Sendung: Brandenburg aktuell, 27.08.2021, 19:30 Uhr

98 Kommentare

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  1. 97.

    Unter
    https://www.berlin-airport.de/de/presse/presseinformationen/verkehrsstatistik/index.php?vs_month=7&vs_year=2019
    findet man
    https://www.berlin-airport.de/de/_dokumente/presse/basisinformationen/verkehrsstatistik/2019/FactSheet-Juli-2019.pdf

    Die Zahlen bei Wikipedia sind mir auch ein Rätsel.

  2. 96.

    Dumm ist allenfalls andere Kommentare als dumm zu bezeichnen. Ein Flughäfen wird immer eine Belastung für Anwohner sein. Mit Anwohner meine ich wirklich nur die direkt angrenzenden Gemeinden. Wer diese Belastung nicht aushält, sollte wirklich wegziehen. Auch Schallschutz nützt einem nichts, wenn man zB im Garten ist. Flughäfen werden regelmäßig ausgebaut und somit wird die Belastung eher zu- als abnehmen.

  3. 95.

    Wenn man schon Witze reißen will, dann sollte man bei Sachen bleiben, mit denen man sich auskennt. Prosecco ist offenbar ein unbekanntes Ding für Sie. Und nur weil jemand Bine heißt einen Tierwitz zu machen ist völlig daneben, Trammy.

  4. 94.

    Tja, Pech gehabt, falsche Standortwahl. Und überhaupt: Hauptstadtflughafen....hätte der doch in TXL bleiben sollen und dort den Berlinern weiter auf die Nerven gehen sollen

  5. 93.

    Dann lachen Sie mal weiter kleine Alice und belesen sich richtig .11.417.495 Millionen in 2019.

  6. 92.

    Es ist reichlich unverschämt und dumm, wenn Einige hier den Betroffenen raten wegzuziehen. Es geht hier doch darum, dass die von einem (Cessna)-"Privatpiloten" erfundene Kotzkurve zu einer Verschiebung der startenden Flugzeuge über Königs Wusterhausen führt. Es ist ein Irrtum, dass die Flugzeuge bei diesem Manöver an Höhe gewinnen können und dann niemanden mehr stören. Die Frage stellt sich, ob die Flugzeuge im Geradeausflug nicht deutlich höher steigen können. Aber das wird nun hoffentlich untersucht. Trotzdem bleibt die Frage, wie konnte sich Zeuthen und Eichwalde so bei den Flugrouten durchsetzen ?

  7. 91.

    Wenn ihre Lieblingsbilligflieger in absehbarer Zeit mit synthetisch hergestelltem Sprit fliegen müssen wird auch ihnen das fliegen viel zu teuer sein. Wären sie aber eine echte BIENE würden sie selbst fliegen können. Sie haben ja nicht mal einen Stachel. Prosecco ? So etwas billigkramiges vom Discounter passt zu easyjet.

  8. 90.

    Zum Wohl der Allgemeinheit ist das ein akzeptables Risiko. Bei der Gelegenheit kann man übrigens auch anfangen Schalldicht und Energieeffizient zu sanieren.

    Dann senkt man auch die eigenen Kosten und senkt den Ausstoß von Treibhausgasen.

  9. 89.

    „ Es ist fast ausschließlich die Airline Easyjet, die diese Ausweichroute fliegt, um eine steile 90-Grad-Kurve, die sogenannte Hoffmann-Kurve, direkt nach dem Start zu vermeiden“

    Fast ausschließlich heißt, es machen auch andere Airlines. Wer, wie oft und weshalb?

  10. 88.

    Eh sachkundiger Einwohner…. herrlicher Witz.

  11. 87.

    Es ist ein Flughafen einer "Metropole" und man kann nichtmal mehr nach 24 Uhr dort landen. Wer Verzögerungen hat durch das Wetter usw. wird nach Hannover umgeleitetund sitzt im Bus nach Berlin bis in die Morgenstunden. Wie in der Provinz.

  12. 86.

    Das ist so und es wird Zeit, dass das endlich geändert wird und die Fluggesellschaften diese Steuern ebenfalls bezahlen müssen. Ich hoffe die Grünen werden das, wie versprochen auch durchsetzen.

  13. 85.

    Musste mir erstmal die Lachtränen wegwischen.
    "SxF hatte schon immer 10-12 Millionen Fluggäste, jetzt kommt TXL noch dazu."
    Dazu "Neues Deutschland":Da selbst die »Neue Passagierabfertigung« schnell zu klein war, musste die Kapazität 1985 durch einen Erweiterungsbau aufgestockt werden. Denn das Passagieraufkommen hatte sich von 521 090 im Jahr 1965 auf 1,6 Millionen 1975 erhöht. Im Wendejahr 1989 erreichte Schönefeld mit 2 898 148 Passagieren seine höchste Auslastung.
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1143568.ber-berlin-schoenefeld-reloaded.html
    Also wenn sie mir jetzt erklären, wo sie die fehlenden Millionen hergezaubert haben, sind sie Anwärter für einen Lehrstuhl in Beauxbatons Academy of Magic.

  14. 84.

    Siehe Kommentar 1 (!)
    Eine "verlogene" Standortwahl ist mit Wegzug nicht zu heilen...

  15. 83.

    Bahn zahlt Storm- und Ökosteuer, die Fluglinien keine Korsin- oder Ökosteuer. Dann ist klar warum es so billig ist. Kleine Flughäfen werden übrigens auch vom Steuerzahler subventioniert.

  16. 81.

    Läuft wohl darauf hinaus EasyJet zuverklagen. Die Twitter Ausrede von denen ist auch lustig, Sicherheit und Wohlbefinden, was hat das mit Lärm bei den Anwohnern zu tun? Achso die Kunden haben mehr Rechte als die Anwohner, da werden auch schon mal Gesetze oder Planungsfestellungssachen gebrochen.

  17. 80.

    Warum begrenzt man die Start- und Landezeiten nicht auf 9 bis 17 Uhr? Niemand muss um 5.30 in Schönefeld abfliegen und tausende von Menschen aus dem Tiefschlaf reißen.

  18. 79.

    Sie verstehen wohl den Unterschied zwischen viel und wenig nicht. Viele Flugzeuge machen viel Lärm. Während der DDR sind wenige geflogen, also weniger Lärm.

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