Studie über den Wandel in Ostdeutschland - Ostdeutsche Kommunen sind krisenfest und innovativ

Archivbild: Der Uhrenturm des ehemaligen Nähmaschinenwerkes Singer/Veritas der Stadt in der Prignitz. Im Rahmen der Städtebauförderung hat Wittenberge fünf Millionen Euro bekommen. (Quelle: dpa/S. Stache)
Video: Brandenburg Aktuell | 06.10.2021 | A.B. Hewel/F. Tenner | Bild: dpa/S. Stache

Eine neue Studie zeigt Positives über Ostdeutschland: Viele Kommunen haben den Wandel der letzten 30 Jahre gemeistert und dabei innovative Ideen entwickelt, die andernorts übernommen werden. Drei Beispiele aus Brandenburg. Von Oliver Soos

Die Bundesregierung wollte gut 30 Jahre nach der Wiedervereinigung einen Eindruck bekommen, wie es den Kommunen ist Ostdeutschland geht, nach all den Umbrüchen, Aufbrüchen und Krisen. Das beauftragte Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat deshalb zwölf Kommunen in Ostdeutschland genauer unter die Lupe genommen, Städte und Dörfer, die breit über die Landkarte verteilt sind.

Institutsdirektorin Catherina Hinz sieht insgesamt eine positive Entwicklung. "Ostdeutsche Kommunen haben es vor dem Hintergrund einer immensen demographischen, wirtschaftlichen und sozialen Transformation geschafft, nicht nur zu überleben, sondern auch Innovationen anzustoßen und sich auf zukünftige Entwicklungen einzustellen", sagt Hinz.

Aus Brandenburg haben Wittenberge (Prignitz), Herzberg (Elbe-Elster) und Golzow (Märkisch-Oderland) an der Studie teilgenommen. Alle drei Orte hatten stark mit dem demographischen Wandel nach der Wiedervereinigung zu kämpfen. Wittenberge schrumpfte von damals gut 28.000 Einwohnern auf heute knapp 17.000. Herzberg von gut 12.000 auf knapp 9.000 und Golzow von gut 1.200 auf knapp 800.

Doch während die beiden Städte wieder wachsen, konnte das Oderbruch-Dorf Golzow den Trend der Schrumpfung nur verlangsamen, aber noch nicht umkehren.

Wittenberge - von der grauen Industriestadt zum Ort der Vielfalt

Die Studie beschreibt als eine der schwierigsten Herausforderung für alle ostdeutschen Kommunen den wirtschaftlichen Strukturwandel. Wittenberge stand nach der Wiedervereinigung vor einem kompletten Neuanfang. "Wittenberge war eine klassische Industriestadt mit Altindustrien, also grau geworden, ziemlich auf Verschleiß gefahren, auch was das Wohnen angeht", erzählt Bürgermeister Oliver Hermann.

Seiner Meinung nach war aber gerade der damalige radikale Umbruch, bei dem 8.800 Jobs verloren gingen, zugleich auch eine Chance für die Stadt. "Das hat man häufiger in Krisen, dass der Wille der Entscheidungsträger gestärkt wird. Denn man muss etwas tun", sagt Hermann.

In den letzten 30 Jahren wurden in Wittenberge gut 70 Millionen Euro für den Stadtumbau investiert. Die Stadt hat sich nach der Ansicht ihres Bürgermeisters "komplett gedreht" und das auch im wörtlichen Sinne. "Früher lag die Elbe hinter der Stadt und war Schifffahrtsweg und Abwasserkanal für die Industrien. Heute liegt die Elbe vorne. Am Fluss wird gewohnt, da gibt es Tourismus, Kultur und Einkaufsbummel. Statt ausschließlich Industrie haben wir eine Vielfalt von Arbeitgebern", sagt Hermann.

"Summer of Pioneers" - eine Idee, die in Westdeutschland kopiert wird

Die Forscher des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hoben bei der Veröffentlichung ihrer Studie den Ideenreichtum ostdeutscher Kommunen hervor. In Wittenberge sei das Projekt "Summer of Pioneers" aus dem Jahr 2019 besonders beeindruckend gewesen. Damals lud die Stadt 20 Menschen aus der Digitalbranche für ein halbes Jahr nach Wittenberge ein und stellte ihnen günstige Wohnungen und einen Coworking-Space zur Verfügung. Dafür mussten sie etwas für die Stadt entwickeln.

Das Projekt war so erfolgreich, dass es mittlerweile kopiert wird, erzählt Susanne Dähner vom Berlin-Institut. "Fast der Hälfte der Projektteilnehmer gefiel es in Wittenberge so gut, dass sie ihren Aufenthalt verlängern oder sogar ein zweites Standbein in der Stadt aufbauen wollten. Mittlerweile wurde das Projekt in Nordrhein-Westfalen, in Nordhessen und im Süden des Schwarzwalds übernommen", sagt Dähner.

Das Forschungsinstitut sieht als positive Entwicklungen in Herzberg, dass es hier viele unterschiedliche Schulen mit einem großen Einzugsgebiet gibt, sowie ein Pilotprojekt einer Online-Bürgerbeteiligungsplattform. In Golzow, dem Dorf aus der bekannten Dokumentation "Kinder von Golzow", seien einige Handwerkbetriebe neue gegründet worden. Das Dorf schrumpfe immerhin nicht mehr so schnell wie direkt nach der Wiedervereinigung.

Sendung: Inforadio, Der Abend, 06.10.2021, 18:25 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    Leute mit narzisstischen Neigungen und wenig Kenntnisse versuchen immer wieder auch als "Sprachverschandeler*innen" aufzutreten/aufzufallen, weil sie nichts anderes haben. Das muss man wohl aushalten, man wird die nicht los...
    Die Idee in Wittenberge ist gut...Machern fällt was ein... und sie geben etwas um auch was zurückzubekommen. Sogar die Reihenfolge hat hier gestimmt.

  2. 5.

    Ja the one and only, das Eine und Einzige, ich hab nichts gegen Amerika, nur so viel zu dem Kuscheltier: Die Bezeichnung ,,Teddybär " ist seit langem Bestandteil der deutschen Sprache genau wie
    ,, Kindergarten " Bestandteil der englischen Sprache ist.

  3. 4.

    Was sich schon seit den Jahren seit der vorvorigen Jahrhundertwende angedeutet hat - der Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jh. - ist in den folgenden Jahrzehnten eher noch deutlicher geworden: Die einseitige Ausrichtung allein auf die Industrie bringt eine Monostruktur hervor und führt tendenziell dazu, dass Städte stranden und wegkippen.

    Nun also das Aufbauen auf einem etwas breiteren Fundament. Wittenberge ist sowohl mit der Bahn als auch mit der Elbe großgeworden. Jetzt weiß es wieder, dass die Elbe wieder etwas mehr sein kann als ein recht billiger "Vorfluter" zum Nutzen industriellen Wirtschaftens.

    P. S.: Es soll ja Etliche in den Ministerien in Potsdam gegeben haben, die erstmal penibel auf die Landkarte schauen mussten, um festzustellen, dass Wittenberge im Land Brandenburg, nicht aber etwa in Mecklenburg-Vorpommern oder in Sachsen-Anhalt liegt.

  4. 3.

    Warum "Teddybär" und nicht "Kuscheltier" ?
    So viel scheinen sie ja nicht gegen Amerika zu haben.
    Ist doch schön.
    Zum Thema: Hoffentlich hält der kleine positive Trend mal etwas länger an.
    Wäre der Region zu wünschen.

  5. 2.

    Warum ,, Summer of Pioneers"? Ich dachte bisher wir sind in Deutschland, nicht in Amerika.

  6. 1.

    „ "Ostdeutsche Kommunen haben es vor dem Hintergrund einer immensen demographischen, wirtschaftlichen und sozialen Transformation geschafft, nicht nur zu überleben, sondern auch Innovationen anzustoßen und sich auf zukünftige Entwicklungen einzustellen", sagt Hinz.“
    Nach der Wende kam eine Unternehmensberatung in unsere Firma und da sagte schon einer von denen „Ihr könnt wirklich aus Schei…. noch Bonbons machen.“

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