Kollage: Zwei Boote liegen auf einem lausitzer See, im Hintergrund Kohlekraftwerke; Kohlebagger in der Lausitz fördert im Winter Kohle. (Quelle: dpa/Franke)
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Jahresvorschau | Lausitz - "Strukturwandel fängt in den Köpfen an"

Für über eine Million Lausitzer wird sich in den kommenden Jahrzehnten vieles ändern – Wohnumfeld, Job und alte Gewissheiten. Private Investoren haben viel vor, es soll schnell gehen. Die Verwaltungen stehen vor einer Marathonaufgabe. Von Rico Herkner

Die Cottbuser Außenstelle der brandenburgischen Staatskanzlei ist für viele Unternehmen die erste Anlaufstelle, wenn es um Ideen und neue Jobs in der Lausitz geht. Nahezu im Stundentakt empfängt Lausitzbeauftragter Klaus Freytag Firmenchefs und Unternehmens-Gründer. Viele fragen, wann sie loslegen können. Doch noch immer bremst das fehlende Strukturstärkungsgesetz des Bundes den unternehmerischen Elan.

Im Februar 2020 will es der Bundestag voraussichtlich verabschieden. Im Frühjahr geht das Gesetz dann in den Bundesrat: Hier müssen auch etliche Länder zustimmen, die von dem Geld nicht profitieren. Kurz darauf folgt das damit zusammen hängende Kohleausstiegsgesetz mit einem verbindlichen Fahrplan für die Abschaltung der Braunkohlekraftwerke. Wenn beide Gesetze in Kraft sind, beginnt für fast alle Lausitzer eine neue Zeitrechnung.

Lausitz als Modellregion für den Strukturwandel

Abgasfreies Fliegen, Elektromobilität, autonomes Fahren, Wasserstoff- und Medizintechnik sollen die Säulen für tausende neue Jobs in der Lausitz werden.

Zahlreiche Projekte befinden sich bereits auf den Entwurfs-Computern der Ingenieure und Projektentwickler. Im kommenden Jahr werden voraussichtlich viele dieser Planungen bei den Genehmigungsbehörden eintreffen. Eine Auswahl:

  • Produktion Flugzeugkomponenten aus dem 3D-Drucker (Airbus Industries)
  • Kompetenzzentrum hybridelektrische Triebwerke: Entwicklung und Produktion (Rolls Royce)
  • Instandhaltungswerk ICE4 (DB AG)
  • Bau von Brennstoffzellen-Lokomotiven (DB AG)
  • Universitätsklinik Cottbus in Partnerschaft mit Klinik- und Softwarekonzernen (digitales Leitkrankenhaus Deutschland)
  • Ausbau des Auto-Testzentrums Lausitzring (Dekra)
  • Produktion von Wasserstoff-Heizzentralen (start up)
  • Produktion von digital gesteuerten Paket-Zustellanlagen (Start-up)
  • Elektrobus-Entwicklung  und Produktion (Start-up)
  • Pilotprojekt-Wasserstoff-Speicherkraftwerk mit 10 MW Leistung (u.a. Leag)
  • Fertigstellung zweite Papierfabrik Schwarze Pumpe

Erweitert BASF den Standort in Schwarzheide?

Im November kündigte Tesla an, in Grünheide (Oder-Spree) eine Fabrik für Elektroautos bauen zu wollen. Dies zog nur wenige Wochen später eine weitere Nachricht für die Lausitz nach sich: Der BASF-Konzern will nach eigenen Angaben Anfang 2020 entscheiden, ob er seine Batteriechemie-Sparte in seinem bestehenden Werk in Schwarzheide in der Niederlausitz konzentriert. In dem 400 Millionen Euro Projekt würden Bestandteile für eben jene Batterien gefertigt, ohne die kein Elektroauto fahren kann.

Zwischen der möglichen Produktion von Kathodenmaterial in Schwarzheide und der Tesla-Akkuproduktion in Grünheide ist jedoch noch eine technologische Lücke zu schließen: die Fertigung von Akkuzellen als Vorprodukt des Akkus. Fachleute gehen nun davon aus, dass ein weltweiter Kooperationspartner von BASF und Tesla diese Zellenproduktion in der Lausitz platzieren wird. Auch diese Milliarden-Entscheidung dürfte im Jahr 2020 fallen.

Anreize für Batterie-Recycling und Brennstoffzellen

Auch für das Recyling der Batterien bestätigen die Experten der Lausitz beste Standortbedingungen. Neben Forschungseinrichtungen sei dies eine künftig gut ausgebaute Infrastruktur. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Berliner IMU-Instituts in einer Studie, die im November vorgelegt wurde. So würde dieser neue Wirtschaftszweig Berufsgruppen benötigen, die derzeit noch in der Braunkohlebranche angesiedelt sind. Erste Überlegungen zum Batterie-Recycling laufen insbesondere beim Lausitzer Akku-Hersteller Li-Tec im sächsischen Kamenz.

Angezogen von dieser Dynamik suchen nach rbb-Informationen auch Hersteller von Brennstoffzellen Möglichkeiten für ein Investment in der Lausitz. Das Ziel: die Massenproduktion für Baumaschinen, Landwirtschaftsfahrzeuge und LKW. Bislang dominiert der kanadische Hersteller Ballat Power Systems den weltweiten Markt für Brennstoffzellen nahezu monopolartig. Mit einem möglichen Entwicklungs- und Produktionszentrum in der Lausitz will Europas Industrie den technologischen Rückstand aufholen.

Universität als Innovationstreiber

Die Brandenburgische Technische Universität (BTU) soll nach den Konzepten von Brandenburgs Landesregierung die Technologien für neue Produkte liefern. 16 Forschungsinstitute bzw. Forschungsgruppen befinden sich darum in der Gründungsphase. Statt auf Grundlagenforschung sollen sich die Universitätsstandorte Cottbus und Senftenberg stark auf Industrieforschung konzentrieren. Das Ziel: möglichst schnell neue Jobs schaffen. Deswegen halten Fraunhofer- und DLR-Einrichtungen in Cottbus Einzug, Max-Planck-Institute bleiben hingegen aus. Doch der Universität fehlt nach dem Wechsel von Jörg Steinbach (SPD) ins Amt des Wirtschaftsministers bis heute ein gewählter Präsident. So wirkt Brandenburgs einzige TU aktuell eher vom Strukturwandel getrieben – als ihn selbst voranzutreiben. Darum will die Universität 2020 das Präsidentenamt zügig mit einer Person von internationalem Format neu besetzen.

Cottbus als Innovationsmetropole

Die Forscher des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsforschungsinstituts (RWI) drängen darauf, Cottbus zu einem Wissenschaftszentrum auszubauen. Das thüringische Jena stehe da Vorbild. In einer Studie für das Bundeswirtschaftsministerium sehen die Wissenschaftler darin die einzige Chance, dass der Lausitzer Strukturwandel klappt. Denn der Landstrich sei die einzige deutsche Kohleregion ohne Metropole.

Die Stadt Cottbus selbst macht ihre Verwaltung fit für die neuen Herausforderungen. Mit mehr Personal in der Bauverwaltung, schnelleren Entscheidungswegen und vielen Konzeptplanungen will Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) den Umbau der Stadt meistern: Straßenbahnerweiterungen werden untersucht, der Bau eines klimaneutralen Wohnquartiers geplant und für die innere Altstadt strebt die Verwaltung eine möglichst autofreie Zukunft an.

Für 2020 sind strategische Entscheidungen fällig: Wie will die Stadt ihre Gewerbefläche TIP (Technologie- und Industriepark) mit dem Autobahn- und Bahnnetz verbinden, welche Wohnhäuser müssen weichen, um der Universitätsklinik die erforderliche Baufläche zu verschaffen? In der Landesregierung gehen Fachleute unterdessen vom Abriss eines ganzen Stadtteils aus, um Platz zu schaffen für neue Kliniklabore, Bettenhäuser und Hörsäle. Planungen für Ausweichquartiere mit neuen Wohnungen laufen an.

Cottbus investiert in Verkehr

Beim Verkehr hat Cottbus Ende 2020 ein jahrzehntealtes Problemfeld weniger: Land und Bahn werden bis dahin weit mehr als 100 Millionen Euro in den Hauptbahnhof investiert haben für neue Signale, Weichen, zehn Bahnsteige und ein neues Bahnhofsumfeld. Es ist das  einzige Projekt "Zukunftsbahnhof" der Deutschen Bahn in Brandenburg. Doch damit nicht genug: Nach rbb-Informationen stationiert ein großer europäischer Logistiker seine ersten Wasserstoff-Fahrzeuge schon bald in Cottbus – ein Erfolg der kommunalen Wasserstoff-Initiative. Außerdem startet der Bau der östlichen Ortsumgehung für täglich 25.000 Fahrzeuge. Nebenbei erhält Cottbus dadurch einen dritten Autobahnanschluss.

Land will klare Strukturen und schnellere Abläufe

Sechs Landkreise, 35 kommunale Wirtschaftsförderungsgesellschaften, die Lausitzrunde, zwei Industrie- und Handelskammern, zwei Handwerkskammern, die Innovationsregion, die Wirtschaftsregion, zwei Revierbeaufragte (Brandenburg und Sachsen) und zwei Landesregierungen: Alle fühlen sich zuständig für den Lausitzer Strukturwandel. Viele Beteiligte sprechen vom Zuständigkeits-Chaos. Schon Anfang Januar soll damit Schluss sein. Dann sollen erste Einrichtungen zusammengelegt beziehungsweise aufgelöst werden.

Brandenburgs Landesregierung will außerdem eine gemeinsame, schlagkräftige Lausitzer Verwaltung mit Sachsen aufbauen. Die Gespräche darüber starten schon zu Jahresbeginn. Ziel ist eine schnelle Weiterleitung der Strukturmilliarden und eine einfache Zusammenarbeit zwischen Brandenburg und Sachsen. So will sich der Freistaat an folgenden brandenburgischen Projekten beteiligen: Universitätsklinikum  Cottbus (akademisches Lehrkrankenhaus für Sachsen), autonomes Fahren Lausitzring (Bosch Dresden), Wasserstoff-Modellstadt Cottbus (Siemens-Kompetenzzentrum Görlitz), BTU-Industrieforschung (Andocken einer sächsischen Software-Uni Hoyerswerda mit 3.000 Studierenden), E-Mobilität Schwarzheide (Li-Tec Kamenz).

Neid auf die Lausitz?

Wie kein anderer Landstrich in Ostdeutschland steht die Lausitz vor einem rasanten Strukturwandel, so die Meinung von DIW-Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz. Bei seinen regelmäßigen Streitgesprächen in der Region fordert er eine Art Soli-Beitrag wirtschaftsstarker Regionen in Brandenburg und Sachsen.

Doch Stadtoberhäupter wie in Frankfurt (Oder) und Bernau wehren sich gegen einen angeblichen Lausitz-Boom. Auch sie hätten in ihren Städten Probleme und würden Unterstützung brauchen. Die Grünen-Chefin im Landkreis Spree-Neiße, Heide Schinowsky, konterte im persönlichen Gespräch mit Bernaus Bürgermeister: Im Gegensatz zum Berliner Speckgürtel seien in der Lausitz jahrzehntelang keine Milliarden in die öffentliche Infrastruktur geflossen. Auch ist von den angekündigten Struktur-Milliarden für den Süden Brandenburgs noch kein Cent angekommen. Die Lausitzer hätten auch darum ein Recht auf Gleichbehandlung. Brandenburgs Landesregierung spürt diese offensichtliche Neiddebatte und will darum schon bald nach Lausitzer Vorbild Regionalbeauftragte in allen Landesteilen einsetzen. 

Lausitzer teils skeptisch

Noch fehlt der brandenburgisch-sächsischen Lausitz eine einfache Erzählung. Viele Lausitzer glauben nicht an die hochfliegenden Pläne einiger Investoren. Andere sehen ihre Region als von der Politik abgeschriebenes Wolfserwartungsland.

Brandenburgs Lausitzbeauftragte Klaus Freytag will das ändern: 2020 gehe die Lausitz online mit Ideen-Briefkästen, Job-Angeboten und aktuellen Meldungen über Projektstände. Die Menschen zu begeistern, sei nun wichtig. Denn die Lausitzer sind schließlich die wichtigsten Verkäufer ihrer Region, so der Lausitzbeauftragte: "Strukturwandel fängt in den Köpfen an, sonst flüchten Unternehmer." Sagt's – und eilt zum nächsten Investorentermin. 

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12 Kommentare

  1. 12.

    Das Bild 4/14 ist ungünstig beschrieben. Der Bagger wird grade erst zusammengebaut. Die Kommentare zu den Bilder sind recht tendenziell. Das Wort "zerstört" ist nur bei der Lausitz in Nutzung beim RBB. Wenn es um Potsdam um den Abriss der Innenstadt für Rosa Klotz und co. geht, da lesen wir nie "zerstört ".
    Bild 4/14 ist ungünstig beschrieben da steht
    "Noch 1958 stehen die Großmaschinen teilweise auf einer bewachsenen Fläche mit Wiesen und Sträuchern. In den darauffolgenden Jahren graben sie sich immer tiefer in die Erde. Das Revier wird in der DDR zum Energiebezirk Cottbus und versorgt einen Großteil des Landes mit Strom."

  2. 11.

    Faktencheck Wie viel Geld wurde bislang in den Klimaschutz gesteckt und wie viel Co2 gespart?

  3. 10.

    Schon deutlich länger als nötig gewesen wäre. Dass wir aus der Kohle rausmüssen ist seit über dreißig Jahren bekannt.

  4. 9.

    Packt Eure Koffer und geht in den Westen die Lausitz wird abgewickelt. Liste der Erfolge der Unplanwirtschaft:
    - Lausitzring
    - Solarzellen
    - Cagolifer
    - Windräder
    - Chipherstellung


  5. 8.

    Ich bin für Kohle.

  6. 7.

    Tja, hat sich wohl schon ausgeblüht. Und das nicht nur zur Sommerzeit, ...

  7. 5.

    Ohne Kohle keine Energie!!!

  8. 4.

    Hört sich alles wie das Märchen von den blühenden Landschaften an.

  9. 3.

    Immer wieder die gleiche Leier. Wie lange hat die Kohle wohl ihren Hintern gewärmt und die Wohnung mit Strom versorgt???

  10. 2.

    Genau genommen hat die Lausitz etwa 1,3 Millionen Einwohner! Etwas mehr als dreihunderttausend leben im polnischen Teil der Lausitz!

  11. 1.

    Eine Million Lausitzer? Na jedenfalls freue ich mich, wenn dann irgendwann tatsächlich ein Ende gemacht wird mit dem Irrsinn der Braunkohlenutzung.

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