Ein Wolf (Quelle: dpa/Arno Burgi)
Audio: Antenne Brandenburg | 29.06.2018 | Iris Wussmann | Bild: dpa/Arno Burgi

Interview | Wolfsexperte Markus Bathen zu Vorfall in Polen - "Ja, die Kinder wurden von einem Wolf angegriffen"

Trotz vieler Gruselmärchen: Der Wolf ist von Natur aus ein scheues Tier, Menschen meidet er. Dass er in Polen zwei Kinder angegriffen haben soll, ist ungewöhnlich - aber seit Freitag Gewissheit, sagt Wolfsexperte Markus Bathen. Das Wolfsland Brandenburg wird hellhörig.

Ein Wolf soll in Südostpolen, in der Urlaubsregion Bieszczady, zwei Kinder attackiert und verletzt haben. Polizeiangaben zufolge wurde das Tier von einem Jäger erschossen. Über die Ergebnisse einer Untersuchung, die Aufschluss über Art und Herkunft des Tieres geben sollte, hat rbb|24 mit Markus Bathen gesprochen. Er ist Wolfsexperte vom Naturschutzbund Deutschland NABU im Wolfsbüro Spremberg.

rbb|24: Herr Bathen, es wurde vermutet, dass es ein Wolf war, der die Kinder in Polen angegriffen hat. Die Rede war aber auch von einer Kreuzung aus einem Hund und einem Wolf. Was haben nun die Untersuchungen ergeben?

Wolfsexperte Markus Bathen mit dem Model eines Wolfsschädels in der Hand (Foto: rbb/Wussmann)
Wolfsexperte Markus Bathen | Bild: rbb/Iris Wussmann

Markus Bathen: Es war ein Wolf. Wir haben inzwischen von der polnischen Organisation "Wilk" genauere Informationen bekommen. Es war ein Wolf, der auch schon vor zwei Wochen eine Frau leicht ins Bein gebissen hatte. Sie konnte, genauso wie die Kinder, die am Dienstagabend von dem Tier verletzt wurden, nach kurzer Behandlung wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Die Verletzungen waren zum Glück nicht sehr schlimm. Schon vor zwei Wochen wurde entschieden, dass dieses Tier geschossen werden sollte, doch man konnte den Wolf nicht finden. Am Dienstagabend, kurz nach dem Angriff auf die zwei Kinder, wurde das Tier dann getötet. 

Es wurde schnell ausgeschlossen, dass der Wolf an Tollwut erkrankt ist. Haben die Experten bei der Untersuchung irgendetwas anderes festgestellt?

Es gab bisher nur eine äußerliche Untersuchung. Aber die Tollwut kann man ausschließen, weil über zwei Wochen eine Infektion oder eine Erkrankung dieser Krankheit einfach viel heftiger verlaufen wäre. Was die Biologen von der Organisation "Wilk" stutzig gemacht hat, ist, dass dieser etwa ein Jahr alte Rüde starke Schäden an den Zähnen und stark abgenutzte Krallen hatte.

Was kann man daraus schließen?

Das sind Merkmale, die man nicht von freilebenden Wölfen kennt, sondern eher von Zwingerhunden, die auf Betonböden leben und die versuchen, sich immer wieder durchs Gitter zu beißen. In Ostpolen hat man wiederholt Probleme mit im Prinzip illegalen Versuchen, privat Wölfe in Hintergärten aufzuziehen. Deshalb gibt es derzeit die starke Vermutung, dass dieses Tier in einem Käfig bei Menschen aufgezogen oder in Gefangenschaft gehalten wurde und dort ausgebrochen ist. Dann ist es natürlich entscheidend, dass dieser Wolf gewöhnt war, von Menschen Futter zu bekommen. Und das hat wahrscheinlich auch dazu geführt, dass er jetzt wieder Menschen angebettelt hat.

Auch, wenn nun klar ist, dass es sich um ein untypisches Wolf-Verhalten handelt, sind nach dem Vorfall nun speziell in der Wolfsregion Lausitz einige aufgeschreckt. Kann so etwas auch in Brandenburg passieren?

In der freien Natur ist nie alles ausgeschlossen. Das ist immer so gewesen und das wird auch immer so sein. Gerade bei Tieren, die so groß sind, dass sie einen Menschen tödlich verletzten können, wie Wildschweine oder auch Wölfe, kann und wird das immer wieder dazu führen, dass es Unfälle gibt. Bei Wildschweinen erleben wir jährlich, dass Menschen getötet werden. Bei Wölfen erleben wir das europaweit alle paar Jahrzehnte mal.

Wie verhalte ich mich richtig, wenn mir ein Wolf gegenübersteht?  

In 99,9 Prozent der Fälle haben Wölfe ein völlig normales Verhalten und es wird eine Zufallsbegegnung sein. Meistens kommt es nur zu dieser Situation, weil der Wolf auf etwas anderes konzentriert war und überhaupt nicht gemerkt hat, dass ein Mensch in der Nähe ist. Das heißt: Man kann ruhigen Gewissens stehenbleiben, sich die Szenerie angucken und wenn man sich unwohl fühlt, darf man den Wolf auch anbrüllen, anschreien, darf sich groß machen. Und durch dieses laute Brüllen macht man sich als Mensch bemerkbar - und der Wolf wird flüchten.

Angesichts der Ausbreitung von Wölfen in Deutschland hat der Bundestag am Donnerstag ein bundesweites Wolfsmanagement beschlossen - in Brandenburg gibt es so etwas schon. Was ist aus ihrer Sicht ein vernünftiges Wolfsmanagement?

Wir haben sowieso von der Europäischen Kommission die Auflage, dass Wölfe gezählt und letztlich auch überwacht werden. Und dadurch kann man auch einen guten Eindruck bekommen, ob unter den Wölfen vielleicht einer ist, der sich nicht so verhält, wie er sich verhalten soll. Darauf muss man sich auch verlassen, dass, wenn man einem Wolf begegnet, es qualifizierte Fachleute in der Lausitz und in den anderen Gebieten Deutschlands gibt, die einen Blick auf die Wölfe haben, die einen solchen Wolf frühzeitig erkennen und dann auch Maßnahmen durchführen können. Auch das ist ein Teil vom Wolfsmanagementplan. Der Wolf wird genauer beobachtet, um ihn vielleicht mit einem GPS-Sender zu versehen, um ihn in letzten Instanzen vielleicht auch mit Gummigeschossen zu beschießen oder zu töten. Auch das gehört zum Wolfsmanagement: Die Sicherheit des Menschen steht an erster Stelle.

Das Interview führte Holger Kessler, Redaktion Antenne Brandenburg, Studio Cottbus

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34 Kommentare

  1. 34.

    Die Abnutzung der Zähne und Krallen wurde von einer Naturschützerin BEHAUPTET und die These vom Zwingerwolf aufgestellt. Das steht für sich. Die Friseuse meiner Nachbarin behauptet auch immer viel und weiß alles ganz genau. Behauptungen interessengeleiteter Personen kann man glauben, muß man aber nicht. Ich glaube so etwas erst, wenn es neutrale Personen bestätigen. Soweit ich las, wurden die Zähne von Munition beschädigt. Wie die Frau da noch viel an den Zähnen erkannt haben will, bleibt ihr Geheimnis.

    Fakt ist, Sie haben gegen "die Polen" gehetzt. Das ist Rassismus. Ob Sie das leugnen, spielt keine Rolle.

  2. 33.

    Sie haben gegen "die Polen" gehetzt. Mit typisch doitschem Chauvinismus - Zitat: "Das es wiedereinmal die Polen sind... wundert mich nicht." Daß Sie diesen Chauvinismus selbst schon nicht mehr bemerken, macht es nicht besser. Und die Redaktion täte gut daran, solche rassistischen Entgleisungen konsequent einzudämmen. Bei anderer Gelegenheit tut sie es ja richtigerweise auch.

    Was die Hausmärchen der Gebrüder Grimm angeht, wurde hier schon alles gesagt. Sie müßten es nur lesen. Das Buch wurde in genau den Jahren veröffentlicht als in Deutschland 56 Kinder und 3 Erwachsene von Wölfen getötet wurden. Ich weiß nicht, was Sie daran lustig finden. Daran ist nichts lustig.

  3. 32.

    Lesen auch Sie den Bericht richtig. Der Wolf wurde in einem Zwinger gehalten, laut Aussage. Und meine Anfügung über den Polenmarkt treffen auch zu. Dort gibt es so ziemlich alles was das( rechte) Herz begehrt, auch Hundewelpen aus sehr fragwürdiger Zucht. Ich stehe zu dem was ich schreibe und bin nicht immer Einverstanden was von dort kommt. Mag deren konservative, einseitige Politik nicht, aus gutem Grund. Die vielen Obdachlosen aus Polen sprechen auch für sich.

  4. 31.

    Wo bleibt Ihre Rotkäppchen Geschichte? Ich habe nichts gegen die Polen. Trage selbst einen seltenen polnischen Nachnamen. Ihr Vorwurf trifft mich nicht, denn selbstredend habe ich nicht ALLE Polen gemeint. Aber Tatsache ist,das in Polen so manches schiefläuft. Vor allem auf politischer Ebene.

  5. 30.

    Jaja, wenn Sie Dinosaurier wiederhaben wollen, müssen Sie's nur sagen. Vielleicht läßt sich da was einrichten. Ganz Deutschland ist Kulturlandschaft. Und offene Landschaften gibt's hier nicht erst seit gestern. Die Tierarten, die sich dort im Laufe der Zeit angesiedelt haben, sind genauso erhaltenswert wie Ihr Wolf. Ohne Landschaftspflege werden diese Arten aussterben. Und ohne Schafhaltung wird es diese Landschaftspflege nicht geben. Den Spendensammlern ist das offensichtlich egal. Und vom städtischen Balkonbiologen kann man sowieso nicht erwarten, daß er die Zusammenhänge begreift.

  6. 29.

    Na klar, altbewährte Strategie. Einfach die Quelle als unseriös definieren. Nur doof, dass diese Webseite dabei nur seriöse Quellen wiedergegeben hat. Sie brauchen sich auch keine Sorgen um mein Allgemeinwissen machen. Mir ist durchaus bekannt, dass in Heidelandschaften eine ganz eigene Biodiversität entstanden ist. Daher werden sie ja auch erhalten und gepflegt. Nichts desto trotz bleiben es künstlich geschaffene Lebensräume und verdrängen ursprüngliche Tier- und Pflanzenarten. Das ist so lange völlig in Ordnung, wie man ursprünglichen Lebensräumen auch noch genug Platz einräumt.

  7. 28.

    Ja. Hätte mich auch gewundert, wenn Sie Argumente hätten vorbringen können. Außer "alte Geschichten" und Hetze gegen die Polen kommt da nicht viel.

  8. 27.

    Quer-denken.tv ist ungefähr so seriös wie Erich von Däniken. Wenn Sie sich auf neurechte Verschwörungstheoretiker berufen - Ihre Entscheidung. Ansonsten empfehle ich Ihnen dringend, sich mal über den Zusammenhang von Landschaftspflege und Biodiversität zu informieren. Dazu gibt es nämlich auch seriöse Quellen.

  9. 25.

    Zum Thema Landschaftspflege, übrigens nicht durch Schafe sondern Wölfe, ja Wölfe, richtig gelesen:
    https://quer-denken.tv/281-wie-woelfe-die-fluesse-veraendern-koennen/
    Schafe haben sicher auch die Umwelt verändert, sonst gäbe es keine Heide. Das ist aber kein natürlicher Vorgang sondern der Erhalt einer künstlichen Landschaft. Wölfe sind ein elementarer Bestandteil eines funktionierenden natürlichen Ökosystems. Wenn wir eine gesunde Natur wollen, neben unserer geformten Landschaft, dann gehören große Raubtiere zwingend dazu.

  10. 24.

    Alte Geschichten hinter den Ofen hervorholen sind für mich keine guten Argumente. Borniertheit führt da auch nicht weiter. Lesen Sie nochmal den Artikel, vielleicht fällt Ihnen dann ja etwas gravierendes auf an den reißenden Wolf. Das es wiedereinmal die Polen sind, die mit solch“ Experimenten“ daherkommen, wundert mich nicht. Verdienen sich ja auch an qualvoll herangezüchteten sogenannten Rassehunden eine goldene Nase. Was denen alles so einfällt um Reibach zu machen ist oft schon sehr grenzwertig. Siehe Polenmarkt.

  11. 23.

    In einigen Regionen in Polen und Nachbarländern ist es wohl leider immer noch so, dass Wolfswelpen aus der Natur entnommen werden und in Zwingern gehalten werden. Grausam das man das nicht abgestellt bekommt. Dieses menschliche Fehlverhalten ist übrigens zu 100% schuld an den wenigen Übergriffen die stattfinden. Könnte der Mensch diese Tiere einmal völlig in Ruhe lassen und bestenfalls einfach ignorieren, hätten wir solche Berichte überhaupt nicht.

  12. 22.

    Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Es gibt in Deutschland etwa 5 bis 7,4 Millionen Haushunde und etwa 600 Wölfe. Merkste selber, oder?

  13. 21.

    Ich spende nur an seriöse Vereine. Die Wolfslobby, die den Wolf nur als Spendenkuh benutzt und dem alle anderen Wildtierarten unterordnet, gehört natürlich nicht dazu. Das ist unseriös. Schon mal darüber nachgedacht, zum Erhalt welcher Arten Landschaftspflege mittels Schafen betrieben wird? Schon mal darüber nachgedacht, was Biodiversität ist? Nein, natürlich nicht. Der Wolf alleine und als heilige Kuh ist jedenfalls keine Biodiversität.

    Fakten sind Fakten. Wie alt sie sind, spielt überhaupt keine Rolle. Was ist das denn für ein armseliges "Argument"?

  14. 20.

    Ja genau. 1810. Das war die Zeit, als es hier noch Wölfe gab. Aber Geschichtsbanausen und sonstige Ignoranten sind natürlich davon befreit, überhaupt irgendetwas zu merken.

  15. 19.

    "Großmutter" Richtig. Dieses Buch der Gebrüder Grimm wurde 1812 erstveröffentlicht. Also genau zu der Zeit als die im 1. Kommentar aufgeführten 59 Menschen (davon 56 Kinder)Todesopfer der Wölfe wurden.

  16. 18.

    Bitte informieren Sie sich, was man unter einer Vermutung versteht. Und mit diesem Wissen lesen Sie bitte noch mal den Artikel.

  17. 17.

    Ohje was ein Aufschrei.
    Genau von den Politikern die es nicht schaffen Abbiegeassisten für LKW durchzusetzen.
    Soviel um die Sorge für unsere Kinder.
    Zu den anderen nur soviel,der Wolf muss abgeknallt werden ,sprachs und rauschte mit 50 Sachen am Kindergarten vorbei.

  18. 16.

    Naja, jedenfalls gehören Sie ganz sicher nicht zu den Spendenfreudigsten im Land. Alte Geschichten hier aufzutischen kommt noch dazu.

  19. 15.

    Die Einordnung als vermutlich im Zwinger illegal gehaltener Wolf macht die ganze Sache schon deutlich weniger spektakulär.

    Sollte es so sein, kann man weiterhin mit praktisch 100%iger Sicherheit sagen, dass von wilden (!) Wölfen überhaupt kein Risiko ausgeht.

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