Ein Vater mit seinem Pflegekind (Bild: rbb)
Video: Brandenburg Aktuell | 06.01.2019 | Anke Blumenthal | Bild: rbb

Brandenburgs Jugendämter suchen Pflegeeltern - "Im Foyer des Kinderheims haben wir erst einmal geheult"

Die Brandenburger Jugendämter warnen: Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen steigt seit Jahren, Pflegefamilien für betroffene Kinder gebe es zu wenige. Eine Cottbuser Pflegefamilie zeigt, wie man mit Herausforderungen umgeht. Ein Porträt von Anke Blumenthal

Das Cottbuser Jugendamt schlägt Alarm. Seit Jahren werden dringend Pflegeeltern gesucht. 106 Familien in Cottbus haben dezreit Pflegekinder aufgenommen. Nach Aussage des Jugendamtes müssten es knapp doppelt so viele sein.

Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen steige seit Jahren. 2012 waren es 4.500 im Land Brandenburg, mittlerweile deutlich über 7.000.

Die Pflegefamilie am Tisch (Bild: rbb)
Die Cottbuser Pflegefamilie | Bild: rbb

Vorgeschichte der Kinder oft unbekannt

John-Luka ist eines von den Kindern, die auf eine Pflegefamilie angewiesen sind. Seit er ein Kleinkind war, lebt er bei seinen beiden Pflegevätern. Vor sechs Jahren bekam der heute Elfjährige noch eine kleine Schwester dazu, die damals zweijährige Layla-Maike. 

Ein großes Thema für John-Luka sind seine leiblichen Eltern. Seinen Vater hat er vor kurzem erst kennengelernt, seine Mutter wollte ihn eigentlich im vergangenen Dezember besuchen. Gekommen ist sie nicht.

Layla-Maike besucht eine Förderschule. Das war vor sechs Jahren nicht absehbar. Ihre Mutter habe bei der Schwangerschaft stark getrunken, ein Umstand der bei der Vermittlung oft verschwiegen werde.

Pflegefamilie als Job im Auftrag des Jugendamtes

All diese Dinge müssen André Noack und Stefan Simonides, die Pflegeväter, beachten. Obwohl die wenigsten Pflegefamilien Erziehungsprofis seien, bräuchte niemand Angst vor der Aufgabe zu haben, finden sie. "Da muss man sich natürlich reindenken", sagt Noack, "man kriegt sehr wohl eine gute Untertstützung durch das Jugendamt."

Bei Layla-Maike seien die beiden dennoch an ihre Grenzen gestoßen. Das Fetale Alkoholsyndrom der Achtjährigen zieht Kraft und Nerven. Vor zwei Jahren mussten beide selbst um eine kurze Auszeit bitten, das Mädchen kam für zwei Tage ins Kinderheim. "Danach haben wir sie abgeholt und im Foyer des Kinderheims haben wir dann erstmal beide geheult und dann war wieder soweit alles in Ordnung", erzählt André Noack.

Yvonne von Deparade vom Jugendamt Cottbus (Bild: rbb)
Yvonne von Deparade vom Jugendamt Cottbus | Bild: rbb

Unterstützung vom Jugendamt

Yvonne von Deparade, stellvertretende Leiterin des Cottbuser Jugendamtes, betont, dass das Jugendamt hilft, wenn es nötig ist. Layla-Maike hat beispielsweise inzwischen einen Pflegegrad, ihre Väter damit mehr Anspruch auf Entlastung. Die Pflegeeltern müssen aber auch ehrlich sein. "Da brauchen wir auch ganz viel Transparenz um wirklich zu wissen, was passiert auch emotional mit einem", sagt von Deparade.

Ausschlusskriterien für aufnehmende Familien gebe es kaum, erklärt sie. Auch Alleinerziehende oder ältere Paare können sich melden. "Wichtig wäre natürlich; keine Straftäter. Ein Führungszeugnis und solche Sachen müssen vorgelegt werden. Oder man ist in einer hohen Verschuldungssituation, das geht natürlich nicht", schränkt von Deparade ein.

Das Jugendamt Cottbus sei aber offen für Bewerber. Besonders ältere Kinder müssten auch vermittelt werden, damit diese nicht in einem Heim aufwachsen.

Auch wenn es für die Pflegeeltern eine Herausforderung ist, die Frage, ob sie es wieder so machen würden, beantworten André Noack und Stefan Simonides mit einem klaren: Ja.

Sendung: Antenne Brandenburg, 07.01.2019, 14:40 Uhr

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Ehrlich gesagt, als ich diesen Artikel und die Kommentare hier gelesen habe, hab ich auch erstmal geheult. Ich wünsche allen, die das können, alles Gute. --> Lothar: Respekt!

  2. 7.

    Ganz so neu ist das aber nicht. Als ich mit 8 Jahren i.d.50er Jahren Vollwaise wurde bekam ich beim Jugendamt Münster eine Aktennummer und damit hatte es sich. Keine Hilfe nur Heimaufenthalte. Bin heute noch stolz als 18 jähriger mich selbst durchgesetzt zu haben, da ich endlich einen eigenen Wohnraum für mich beanspruchen wollte und ihn dann auch bekam. Wäre ich besser begütet, würde ich mich für ein Pflegekind einsetzen.

  3. 6.

    Da gehen die Meinungen und Erfahrungen auseinander. Hilfe vom Jugendamt Cottbus ist für Pflegeeltern nicht zu erwarten, für Frau........ sind Kinder nur Nummern in ihrem System. Seit Monaten werden hilflose Kinder Opfer dieses Jugendamtes, durch ihnen wird grobe fahrlässige Kindeswohlgefährdung begangen und Gesetze mißbraucht. Ein Kind hat dort keinen Vorrang. Niemand erkundigt sich nach dem Wohlbefinden eines dieser Kinder.

  4. 5.

    Ich finde die Arbeit der Pflegeeltern wird oft viel zu wenig gewürdigt.
    Ich war selbst Pflegemutter seit 1993 - einer wohnt noch immer bei uns - und ist in zwischen 29J..
    Ich habe einen Verein mitgegründet - der leider geschlossen wurde als man merkte das die die den Vorsitz übernehmen wollte in ihre eigene Tasche wirtschaftete - leider.
    Meine Freundin hatte 4 Pflegekinder - jeweils zwei Geschwisterpaare. Der eine ist geistig behindert was leider erst viele Jahre später festgestellt wurde - sie hatte auch nur den normalen Pflegesatz erhalten. Aber darum geht es nicht - hier geht es um Kinder die ein schönes zuhause erhalten sollen und darum das man ihnen hilft.

  5. 4.

    Danke rbb, dass Ihr mit diesem Beitrag unsere Arbeit würdigt. Ich würde mir öfter Beiträge wünschen, die auf die Situation der uns anvertrauten Kinder aufmerksam machen.

  6. 3.

    Ich kenne kein Jugendamt in Barnim was Pflegeeltern unterstützt.Diese lehnen die Unterstützung schriftlich ab
    und schieben Ihre Verantwortung an das Amt für Gesundheit und Verbrauerschutz ab.Dort werden Pflegeeltern wie arbeitsunwillige Hartz IV Empfänger behandelt und ständig versucht die dem behinderten traumatisierten Kind zustehende Unterstützung zu kürzen oder ganz abzulehnen.Also man braucht gute Nerven und viel Herzblut in Brandenburg.Ihr Beitrag spiegelt leider nicht die Realität wieder !



  7. 2.

    Na ich hoffe mal, die Namen wurden verändert (müsste nicht darauf hingewiesen werden?), und nicht etwa eine Diagnose öffentlich mit vollem Namen veröffentlich?

  8. 1.

    Zitat: "Da muss man sich natürlich reindenken" - Ohne Emotionen und Gefühle?

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