Audio: Antenne Brandenburg | 28.02.19 | Iris Wussmann

Geschichte einer Zeitzeugin - Im DDR-Gefängnis zusammen mit Kindsmördern

Als junge Frau will Heidrun Breuer die DDR verlassen. Stattdessen kommt sie in das Frauengefängnis Hoheneck. Lange verdrängte sie ihre Haftzeit, doch dann begann sie ihre Geschichte in Schulen zu erzählen. Von Iris Wussmann

Das Leben von Heidrun Breuer verlief wie viele andere in der DDR. In Döbern ging sie zur Schule, danach machte sie eine Ausbildung zur Friseurin. Mit 18 Jahren heiratete sie, zog nach Guben und bekam mit 20 ihre Tochter.

Ihre Unzufriedenheit mit dem Staat und dem System, in dem sie lebte, begann mit einem Urlaub in Bulgarien. Während den Westdeutschen der rote Teppich ausgerollt worden sei, fühlten sie und ihre Familie sich wie Menschen zweiter Klasse. "Da ging die Unzufriedenheit los, da hat man vieles hinterfragt, was man vorher nicht so gemacht hat", erzählt sie.

Sie habe ein besseres Leben für ihre Tochter gewollt, wollte über ihr Leben frei entscheiden. Immer wieder stellte sie Ausreiseanträge, 17 Mal wurden diese abgelehnt. Heidrun Breuer mobilisierte Verwandte in Westdeutschland und ging zur ständigen Vertretung der BRD in Ostberlin. Damit war sie ihren Job im Chemiefaserwerk in Guben los.

Heidrun Breuer in ihrer Wohnung (Bild: Iris Wussmann/rbb)
Heidrun Breuer in ihrer Wohnung | Bild: rbb/Iris Wussmann

Inhaftiert mit Kindsmördern

Dann klingelte die Staatssicherheit an ihrer Tür. Zur Klärung eines Sachverhalts sollte Breuer mitkommen. Erst 18 Monate später konnte sie ihre Tochter wiedersehen: Wegen "Nachrichtenübermittlung an eine fremde Macht" wird Breuer verurteilt. An Helfer im Westen hatte sie persönliche Daten weitergegeben. Zweieinhalb Jahre sollte sie ins Gefängnis nach Hoheneck.

Besonders belastete sie die Inhaftierung mit anderen Kriminellen. "Da waren Kindesmörder dabei, die haben ihre Babys in die Waschmaschine gesteckt, Babys durch den Fleischwolf gedreht und dann Frikadellen gemacht", erzählt sie, immer noch mit Gänsehaut. In den Medien habe man von solchen Fällen nie etwas gehört, nun saß Heidrun Breuer selbst mit Kriminellen in einer Zelle.

Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Heidrun Breuer (Bild: Iris Wussmann/rbb)
Der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes | Bild: rbb/Iris Wussmann

Bundesverdienstkreuz für Zeitzeugenarbeit

Nach knapp einem Jahr wird Heidrun Breuer freigekauft, sie kommt in die BRD. "Wenn du dann mit Westdeutschen darüber sprichst, die haben dich angeguckt, als ob ich Märchen erzähle."

Jetzt erzählt sie ihre Geschichte in Schulen. "Bei den Schülern kommt das wahnsinnig gut an", so Breuer. "Die hängen an den Lippen, das können keine Schulbücher vermitteln, was ein Zeitzeuge rüberbringt."

Der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes ist für sie eine große Anerkennung. Gerne würde sie auch ihre Geschichte in ihrer früheren Heimat, in Guben oder Döbern erzählen, bisher gebe es aber keine Anfragen.

Am Donnerstag war Heidrun Breuer bei einer Gedenkfeier für die Toten von Hoheneck. Das Wiedersehen von Mithäftlingen ist ihr wichtig. "Wir geben uns gegenseitig auch Halt, wir wissen, wovon wir sprechen." Trotzdem, ergänzt sie, lebe sie nicht nur in der Vergangenheit. "Hoheneck ist da und das wird auch immer meine Geschichte bleiben, aber ich lebe auch jetzt und heute."

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