13.05.2019, Brandenburg, Forst: Ein Sprengstoffexperte geht in Schutzausrüstung über die gesperrte Amtstraße. Zwei Männerleichen sind in einer Wohnung in der südbrandenburgischen Kleinstadt Forst (Spree-Neiße) entdeckt worden. Nach derzeitigem Erkenntnisstand wird davon ausgegangen, dass die Männer Opfer eines Gewaltverbrechens wurden, wie ein Polizeisprecher mitteilte. (Quelle: dpa/Pleul)
Audio: Antenne Brandenburg | 15.05.2019 | Bild: dpa/Pleul

Interview | Bandenkriege und der Doppelmord von Forst - "Es soll ein Exempel statuiert werden"

In Forst werden am Montag zwei Männerleichen in einer Wohnung gefunden. Laut Medienberichten ein Auftragsmord der Mafia in Montenegro. ARD-Korrespondent Clemens Verenkotte in Wien über mögliche Hintergründe und die Brutalität solcher Killerkommandos.  

rbb|24: Nach Presseberichten soll hinter den Morden in Forst der Mafia-Krieg in Montenegro stecken. Dort bekämpfen sich offenbar rivalisierende Banden, was wissen sie über diese Banden?  

Clemens Verenkotte: Das sind zwei Banden, die sich ursprünglich in Kotor, einer malerisch schönen Küstenstadt Montenegros, zusammengeschlossen hatten. 2014 hatte dann einer der Bandenteile 200 Kilo Kokain auf einem Raubzug im spanischen Valencia erbeutet.

Damit begann der Bandenkrieg, der sich über Länder und Kontinente hinweg erstreckt.  Ihm sind bisher nach Angaben von Medien aus Montenegro und Serbien mehr als 40 Menschen zum Opfer gefallen. Diese Auseinandersetzung wird mit allen Waffen geführt. Die Bandenmitgleider bringen sich gegenseitig mit Autobomben um, Sprengsätze werden unter den Fahrzeugen angebracht und zur Explosion gebracht. 

In Montenegro wurde ein Mann beim Freigang auf dem Gefängnishof von Scharfschützen erschossen, die auf einem Berg lauerten. Diese Brutalität geht also ungebremst weiter. Wir hatten hier auch in Wien einen im Dezember einen Vorfall am Stephansdom. Dort spazierten die Täter am helllichten Tag in ein bekanntes Schnitzelrestaurant und richteten  zwei Personen am Esstisch vor aller Augen hin. Ein Opfer war sofort tot, ein Mann überlebte schwer verletzt.

Jetzt zu den beiden Männern und dem Schwerverletzten, die in Forst aufgefunden worden sind. Die Medien in Montenegro haben zum Teil die Namen der beiden Todesopfer und den des Schwerverletzten. Einer der Toten war bis Ende März im Gefängnis in Montenegro, weil er vor einigen Jahren an der Entführung eines jungen Mannes aus dem Gegenclan beteiligt gewesen sein soll. Das zweite Todesopfer hat wohl die Wohnung in Forst angemietet. Die Attentäter haben die Männer nach Berichten deutscher Medien auf Grund eines Tipps gefunden. Der Schwerverletzte- der mit einer schweren Kopfverletzung im Krankenhaus liegt- soll das Hauptziel ihres Anschlags gewesen sein. Sein Bruder soll 2018 in Belgrad an der Erschießung eines gegnerischen Clanmitglieds beteiligt gewesen sein.   

Das lässt die Vermutung aufkommen, dass für den Schwerverletzten nach wie vor Lebensgefahr besteht ?

Sicherlich. An diesem mörderischem Bandenkrieg sind aber nicht nur die beiden verfeindeten Clans aus Kotor beteiligt. Alle Mitglieder verbrecherischer Organsiationen in Monenegro und Serbien ordnen sich- je nach Fall- der jeweiligen Seite zu. Bei anderen Anschlägen sind Familienmitglieder und Unbeteiligte ums Leben gekommen. Zum Beispiel ist ein Fußballspieler, der nach dem Spiel allein in den Katakomben war, vom Attentäter erschossen worden. In einem Café in der Hauptstadt Montenegros wurde ein Mann am helllichtenTag erschossen, dabei kam auch ein unbeteiligter serbischer Arzt ums Leben. Er war zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.

Also man schreckt dort offenbar vor roher Gewalt nicht zurück. Um noch einmal auf den Ausgangspunkt des Bandenkrieges - die 200 Kilogramm Kokain - zu kommen:  Das klingt relativ wenig, angesichts von 40 Toten? 

Da geht es auch nicht allein um die Menge. sondern auch um die Verteilung der Einnahmen aus diesen verbrecherischen Organisationsquellen. Seitdem laufen natürlich die Drogengeschäfte weiter und es geht um die Verteilung des Kuchens. Und wer immer einen Teil des Kuches wegnimmt, der steht im Verdacht, sich nicht mehr an die Abmachungen zu halten. Deshalb soll ein Exempel statuiert werden.

Es handelt sich natürlich auch um so etwas wie Blutrache. Bei der Ermordung eines Familienmitgliedes sind alle anderen aufgefordert, dafür Rache zu nehmen. Egal, wo sie ihn finden, in Montenegro, Serbien, Bosnien, Eu-Ländern. In Prag hatten wir so einen ähnlichen Fall, in Wien, wie angesprochen und jetzt eben in Deutschland, in Forst.

Was meinen Sie, warum sich dieser Bandenkrieg jetzt nach Forst, in das kleine 21.000 Einwohnerstädtchen ausweitet? 

Forst könnte ausgewechselt werden mit jeder beliebigen Stadt in Deutschland oder anderen EU-Ländern. Das Entscheidende für die Killerkommandos ist, dass sie einen Tipp bekommen. In Forst kannten sie offenbar auch die Wohnung und wussten, wer sie angemietet hat. In dem Moment, in dem sie es verifizieren können, sind diese Kommandos unterwegs. Das ist egal, ob das in Forst oder einem anderen Ort ist.

Diese Banden gibt es also seit einigen Jahren. Was können denn die Sicherheitsbehörden, die von der Existenz und vor allem von den Umtrieben dieser Banden wissen, dagegen tun?

Das ist sehr beschränkt. Ich gehe mal zum Ursprung der Banden nach Kotor. Kotor selbst ist eine alte venezianische Stadt mit alten Gemäuern, alten Gassen. Dort gibt es überall Überwachungskameras. Da denkt man sich: Aha, die Polizei passt hier auf, das ist ja gut. Das ist nicht der Fall. Das sind jeweils die Überwachungskameras der Clans, die jede Bewegung des gegnerischen Clanmitgliedes in der verwinkelten Stadt kontrollieren. Da hat die Polizei überhaupt keinen Zugriff darauf. Die Sicherheitsbehörden selbst versuchen natürlich gegenzusteuern. Es gab vor wenigen Wochen den Versuch, Immobilien zu konfiszieren. Das betraf 50 Immobilien, die mutmaßlich mit Drogengeld gekauft worden sind.

rbb|24: Die Täter von Forst sind ja offensichtlich nach wie vor unentdeckt. Wenn wir weiter davon ausgehen, dass es sich tatsächlich um Verquickungen mit der Mafia in Montenegro handelt- die zuständige Staatsanwaltschaft Cottbus hat dies bisher nicht bestätigt- aus ihrer Erfahrung heraus: Wie wird die Geschichte weiter gehen?

Wen man sich die letzten Monate und Jahre dieses Bandenkrieges über alle Ländergrenzen hinweg ansieht, dann werden wir vermutlich Meldungen erhalten, dass es in einer Stadt zu einem ähnlichen Vorfall gekommen ist. Dass Menschen nicht nur in einer Wohnung, wie jetzt in Forst, sondern in aller Öffentlichkeit am helllichten Tag ermordet werden. Damit ist zu rechnen. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass die verfeindeten Banden angesichts der Kosten und Todesopfer den Krieg einstellen. Vielmehr denke ich, dass es so weiter geht. An anderen Orten, in anderen Ländern, aber offenbar mit den gleichen Methoden.

Mit Clemens Verenkotte sprach Thomas Krüger, Antenne Brandenburg.  Für diese Online-Fassung wurde das Interview redaktionell bearbeitet. Das Original-Gespräch können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Artikels nachhören.

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Man kann diese Mafia-Kriminalität nur besiegen, wenn man die StPO ändert: Zeugen müssen nicht öffentlich und anonym aussagen können. Die Sicherheit der rechtsstaatlichen Prozedere lässt sich trotzdem mit etwas Grips gewährleisten!

  2. 1.

    Komisch! Im Nachhinein haben alle etwas Merkwürdiges bemerkt und sich gewundert.
    Getan wurde nichts!!! Typisch für unsere Gesellschaft...

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