Symbolfoto: Älterer Mann beim Spaziergang
Audio: Antenne Brandenburg | 12.06.2019 | Jasmin Schomber | Bild: imago images / photothek

Interview | Bevölkerungsrückgang in Ostdeutschland - "Der Osten ist in Teilen regelrecht ausgeblutet"

Die Einwohnerzahl in Ostdeutschland ist laut einer Studie auf den Stand von 1905 zurückgefallen. Gleichzeitig leben im Westen so viele wie nie zuvor. Das Auseinanderdriften hat auch Einfluss auf das Wahlverhalten der Menschen, sagt Studienleiter Felix Rösel.

rbb: Herr Rösel, in Ostdeutschland leben laut ihrer Studie so wenige Menschen wie seit 1905 nicht mehr, nämlich 13,6 Millionen. Auf westdeutschem Gebiet leben dagegen mehr als 68 Millionen Menschen - Anfang des 20. Jahrhunderts waren es 32,6 Millionen. Wie kommt es zu dieser Entwicklung?

Felix Rösel: Ein Hintergrund ist die deutsche Teilung. Das ist der Kern des Auseinanderdriftens zwischen Ost und West. Bis 1945 hat sich der Osten eigentlich genauso entwickelt wie der Westen. Danach gab es zwei große Ereignisse, die das Land förmlich auseinander katapultiert haben. Das ist einmal die Massenabwanderung nach der deutschen Teilung bis zum Mauerbau. Und das Gleiche passierte nochmal nach 1990, nach der Wiedervereinigung.

Cottbus profitiert wie andere mittelgroße Städte davon, dass wir momentan eine starke Bewegung vom Land in die Stadt sehen. Das kaschiert die Gesamtentwicklung.

Felix Rösel

Es gibt aber zum Beispiel in Cottbus das Phänomen, dass sich die Einwohnerzahl auf dem Level von etwa 100.000 etabliert hat - anders, als vor einigen Jahren prognostiziert. Woran liegt das?

Das muss man erstens in einer ganz langen Frist sehen. Da hat Cottbus natürlich genauso Einwohner verloren, wie viele andere ostdeutsche Großstädte auch - oder ist einfach nicht so stark gewachsen, wie vergleichbare westdeutsche Großstädte. Zum Zweiten profitieren Cottbus oder auch andere mittelgroße Städte davon, dass wir momentan eine starke Bewegung vom Land in die Stadt sehen. Die Leute verlassen die Dörfer, verlassen vor allem die Kleinstädte. Cottbus profitiert ein wenig vom Umland. Das kaschiert die Gesamtentwicklung. Aber für Brandenburg insgesamt bedeutet das keine Verbesserung.

Glauben Sie, dass sich der in der Studie beschriebene Trend fortsetzt, also auch die Bewegung von Ost nach West weitergeht?

Die Abwanderung ist eigentlich gar nicht mehr so das Problem. Der Trend wird sich fortsetzen - aber aus anderen Gründen als in der Vergangenheit. In der Vergangenheit hatten wir eher mit Abwanderung zu tun. Inzwischen ist es das riesige Geburtendefizit im Osten. Wir haben deutlich mehr Sterbefälle als Neugeborene. Und wenn das auf Dauer so ist, sinkt die Einwohnerzahl weiter. Abgewandert sind eben vor allem die jungen Leute, die, die Nachwuchs haben. Dieser Nachwuchs ist genau der Nachwuchs, der jetzt im Westen da ist und im Osten fehlt. Ähnliches wird irgendwann auch in Westdeutschland passieren. Aber nicht in absehbarer Zeit.

Sie sagen in ihrer Studie auch, dass diese anhaltende Wucht der deutschen Teilung bis heute in der Öffentlichkeit völlig unterschätzt wird. Wie haben Sie das festgestellt?

Ich glaube meistens wird diskutiert, dass wir in der Wirtschaftskraft noch nicht ganz den Westen erreicht haben. Aber die Botschaft ist immer: Wir nähern uns weiter an, das klappt schon irgendwann. Was wir dabei aber übersehen ist, dass wir im Osten viel weniger Einwohner haben. Dieses Auseinanderdriften wird dadurch sichtbar, dass die Städte zwar schön saniert sind, Geld ist da, aber es wohnen immer weniger Einwohner in den Dörfern. Das heißt: Wenn jedes zweite Haus leer steht, irgendwann die Schule geschlossen werden muss, dann hat das natürlich auch Auswirkungen auf die Psyche vor Ort. Und natürlich hat das sicherlich auch einen Einfluss auf das Wahlverhalten. Wenn gleichzeitig immer erzählt wird, dass es allen besser geht, wir den Aufschwung haben und der Osten vielleicht irgendwann den Westen erreichen wird, dann passt die Wahrnehmung vor Ort nicht zu den Botschaften, die wir in der Politik hören. Und ich glaube dieser Unterschied wird bisher noch nicht genügend gewürdigt.

Wenn jedes zweite Haus leer steht, irgendwann die Schule geschlossen werden muss, dann hat das natürlich auch Auswirkungen auf die Psyche vor Ort. Und das hat sicherlich auch einen Einfluss auf das Wahlverhalten.

Felix Rösel

Was vermissen Sie in der politischen Wahrnehmung bei dem von Ihnen beschriebenen Szenario?

Ich glaube das große Opfer, das Ost-Deutschland mit dieser doppelten Massenauswanderung gebracht hat, spielt in der Diskussion noch eine viel zu geringe Rolle. Der Osten ist in Teilen regelrecht ausgeblutet. Der Westen hat profitiert und das zweimal - einmal direkt nach dem Krieg, einmal nach der Wiedervereinigung. Ich glaube, die zwei völlig unterschiedlichen Entwicklungen zwischen Ost und West werden heute noch gar nicht so verstanden. Es ist überhaupt nicht im Bewusstsein der meisten Leute, wie deutlich dieses Auseinanderdriften ist.

Was müsste ihrer Ansicht nach passieren, um dem Trend entgegenwirken?

Es gibt Ideen und Vorstellungen, die Förderung des ländlichen Raums im Osten einzustellen. Das halte ich für hochgefährlich. Ländlicher Raum in Ostdeutschland sollte uns genauso viel wert sein, wie auch der städtische Raum in Ostdeutschland gefördert werden muss. Ein zweites Mittel ist, die Leute vor Ort mehr selber entscheiden zu lassen. Wenn ich so dramatische Entwicklung in vielen Dörfern und Kleinstädten habe, brauchen die Leute Möglichkeiten, vor Ort Einfluss darauf zu nehmen und selber diese Änderungen gestalten zu können. Und sie dürfen nicht das Gefühl haben, dass ihnen alles aus Potsdam oder Berlin vorgegeben wird.

Ragt in Brandenburg eine Gegend oder ein Landkreis hervor, wo die Abwanderung besonders deutlich spürbar ist?

Ich war leider nicht in der Lage, es auf einzelne Regionen herunterzubrechen. Das ist schade, weil natürlich die regionale Dynamik nochmal sehr unterschiedlich ist. Was ich aber sagen kann ist, dass Brandenburg insgesamt gar nicht so schlecht dasteht, wie zum Beispiel Sachsen. Sachsen hatte damals einen Aufnahmestopp für Vertriebene aus den Ostgebieten, den gab es in Brandenburg nicht. Dieser Unterschied ist heute noch sichtbar. Sachsen hat zum Beispiel seit 1945 durchweg Einwohner verloren. Das ist etwas, das wir in Brandenburg nicht sehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Thomas Krüger, Antenne Brandenburg, Studio Cottbus.

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Version.

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51 Kommentare

  1. 51.

    Wir sind eine Kleinstadt im Havelland mit 6500 Einwohnern. In den nächsten Jahren kommen Baugebiete für weitere 1500 bis 2000 Einwohner dazu. Ein Haus mit Grundstück, kostet mittlerweile 350000 Euro und gewählt, werden bei uns, demokratische Parteien. Wir brauchen kein Mitleid, wir brauchen nur eine vernünftige Landesplanung Berlin-Brandenburg, die sich auch ausreichend um kleinere Städte und deren Entwicklung kümmert und nicht, neue Baugebiete für neue Einwohner be- und verhindert. Früher, waren es Ziegeleiarbeiter aus Polen, dann Sachsen für die Zuckerfabrik und dem ersten Untergrundgasspeicher der DDR und heute sind es Süddeutsche, Potsdamer und Berliner für die neuen Häuser und Wohnungen. So war es, bei uns schon immer. Wo ist da, das Problem ??? Der Wohnungsleerstand, beträgt höchstens 5 Wohnungen und die werden gerade renoviert. Jeder ist willkommen, aber genügend Geld, sollte er schon selber mitbringen und der Gesellschaft auch immer, etwas zurückgeben. Vielen Dank.

  2. 50.

    Natürlich hat er recht.
    Im Osten wurde die Chance des Jahres 1989 nicht genutzt. Hätte man damals richtig aufgeräumt und nicht die Leute an den Schaltstellen gelassen, an denen sie schon vor der Wende gesessen haben, würde vieles anders aussehen. Aber die Leute bei Euch haben nur eine Perspektive, wenn sie etwas ändern wollen und das ist, die Ecke zu verlassen, in der sich nur der Name des Landes geändert hat. Nebenbei bemerkt wollte ich als ehemaliger DDR-Bürger, der es GsD noch vor der Wende schaffte, die Ostzone zu verlassen, auch zu DDR-Zeiten noch nicht mal tot in Eurer Ecke überm Gartenzaun hängen....

  3. 49.

    Sie sind selber Ossi schreiben sie. Sie meinen sie ziehe über niemanden her im Osten. Gleichzeitig unterstellen sie den Ossis aber diese sein an der jetzigen Lage in der ehemaligen Zone selber Schuld. Was eben vollkommen falsch ist. Erkennen sie wirklich nicht den Widerspruch? Aber sie sind auch der Meinung die US-Wirtschaft sei es gut bestellt.

  4. 48.

    Folge den Links dann verstehen sie was für ein ........ sie reden.
    Bruttoinlandsprodukt real - in Prozent
    https://www.deutschlandinzahlen.de/tab/bundeslaender/volkswirtschaft0/bruttoinlandsprodukt/bruttoinlandsprodukt-real
    BIP USA
    https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaft_der_Vereinigten_Staaten

  5. 47.

    Ich habe nirgends behauptet ein Experte zu sein - ganz am Anfang ging es um meine Lebenserfahrung im ländlichen Sachsen Anhalt und dass man mir nicht glauben wollte, dass ich mich in Berlin und anderen Großstädten wohler fühle.
    Die Sache mit den USA und UK verstehe ich nicht - in den USA gibt es bereits seit 8 Jahren ein Wirtschaftswachstum. Dann sagen Sie mir doch, warum der Osten so viele Jahrzehnte nach der Wende immer noch nicht auf die Beine kommt? Wird es nicht langsam peinlich sich hinter der Treuhand zu verstecken? Nochmal - auch wenn Sie es vielleicht immer wieder überlesen, ich bin selber Ossi und ziehe über niemanden her - was soll ich mit AfD Wählern denn bereden? Die weltlichen Ansichten sind einfach zu extrem unterschiedlich - sobald ich ein "wird man wohl mal sagen dürfen" höre schalte ich innerlich ab.

  6. 46.

    Sind also doch kein Experte. Die Ossis sind also selber Schuld hierher Meinung nach. Blöd nur das es viele Gegenbeispiele gibt die ihre These widerlegen. Keine wirtschaftliche Entwicklung in USA oder UK. Aber solche wie Sie die lieber über die Ossis herziehen als mit ihnen zu reden sind immer noch die besten Wahlhelfer der AfD.

  7. 44.

    Sehe ich anders. Die Toleranzschwelle in Metropolen wie Berlin ist m.E. ungleich höher. Homophobe und Ewiggestrige gibt es natürlich auch hier, aber das wird nicht so offen zur Schau gestellt. Leben in einer Kleinstadt einige wenige Homosexuelle, die leider immer noch polarisieren, ist das in Berlin völlige Normalität geworden.

  8. 42.

    Zitat: 'Allein die Diskussionen über meinen homosexuellen Bruder auf dem Land sind einfach wie von einer ganz anderen Welt für mich.'
    Es wird Ihnen und Ihrem Bruder in Teilen von Berlin nicht anders ergehen. Ist auch in Köln und besonders in Düsseldorf so.

  9. 41.

    Im Kern nicht ganz falsch, aber plump und undifferenziert rausgehauen, um Stimmung zu machen. Sie sollten in die Politik gehen...

  10. 40.

    Ich verstehe den Sinn Ihres Kommentares nicht. Meine Gäste, denen ich denselbigen vorlas, auch nicht. Liegt das wirklich an unserer Begriffstutzigkeit?^^

  11. 39.

    So viele Jahrzehnte nach der Wende liegt es bestimmt nicht mehr nur an den Wessis oder der Treuhand. Ich bin selber Ossi, mache aber dieses jammerspiel nicht mit. Selbst wenn sie Treuhand den Osten heruntergezogen hat, ist nun mittlerweile genug Zeit vergangen. Andere Länder erholen sich in der Zeit von Katastrophen und Krieg.

  12. 38.

    Nachbarn. Ihr versteht den Sinn der AfD echt nicht. Die AfD soll unzufriedene von Links und Rechts einbinden. Wenn ich mich recht erinnre steht hinter einen der Gründer eine große Unternehmensberatung. Man stelle sich nur vor die Hälfe der AfD würde die Linken.

  13. 37.

    An den Experten. Warum liegt der Osten den nun Brach? Liegt an den Ossis? Auf die Antwort bin ick schon gespannt.

  14. 36.

    Die Grünen haben Belgrad bombardieren lassen und Hartz4/Agenda 2010 verbrochen. Künast und Cohn-Bendit haben sich für die Bombardierung Libyens stark gemacht. Von den Transatlantikern und ihrer Rolle während des und nach dem Kiewer Putsch ganz zu schweigen.

  15. 35.

    Egal um welches Thema, es wird sofort Gift und Galle gegen uns Berliner gespuckt. Egal wie umsichtig formuliert wird, es wird scharf geschossen. Berlin und Brandenburg werden niemals zusammenwachsen. Mag der Berliner vielleicht manches Mal großstädtisch arrogant rüberkommen (hier bisher aber niemand!), der Brandenburger scheint dagegen extreme Minderwertigkeitskomplexe zu haben. Mich ficht das nicht an, es ist aber schon bemerkenswert^^. Des Brandenburgers rote Tuch, der Berliner schlechthin... ;-) Im Übrigen soll jeder froh werden wie er es möchte. Der Eine im AfD-Städtchen, der Andere im schmutzigen und verrückten Trubel Berlins. Über Geschmack läßt sich nicht streiten. Ich wohne in einer recht beschaulichen, grünen und friedlichen Ecke Berlins. Mit netten Nachbarn aus aller Welten Länder und viel Anregung zur Verschönerung des Alltags. Berlin ist nämlich auch ganz viel schöööön:-) Peace

  16. 34.

    Da stimme ich Ihnen zu. Es tröstet auch, es sind ja letztendlich noch die Mehrheit nicht AfD-Wähler. Meine Schilderung vom Bestensee war nur ein Vorfall, es gab schon mehrere und nicht nur mit uns. Letztendlich leiden ganze Ortschaften z.b. unter diesen Nazi-Musikspektakeln im Sommer, egal wie sie sich dagegen verwehren. Sich fernzuhalten ist keine gute Idee, mag sein. Aber es spielt auch eine Menge Frust mit rein, dass dieses schöne Bundesland so runter kommt. Und ja, das ist unsere Meinung und bestürzt uns.

  17. 33.

    Ehe Sie sich wieder populistisch ihren Feierabend versüßen, lesen Sie bitte die Kommentare in Ruhe durch. Es wirft niemand mit Steinen. Alle bringen faire und differenzierte Argumente. Wenn in ihrer Eitelkeit verletzte ganz Berlin versifft und widerlich nennen, ist das dann aber okay? Und mal nebenbei bemerkt...Ihr letzter Satz ist so absurd, da lohnt es sich nicht einmal drauf einzugehen. Du lieber Himmel...

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