Demonstranten protestieren auf dem Unabhängigkeitsplatz in Minsk gegen den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko © dpa/Ulf Mauder
Audio: Antenne Brandenburg | 20.08.20 | Christian Matthée | Bild: dpa/Ulf Mauder

Interview | Belarussin in Cottbus - "Die hätten auch für eine Ziege gestimmt, Hauptsache gegen Lukaschenko"

Christina stammt aus Belarus. Mit Sorge blickt die Cottbuserin auf die Lage in ihrem Heimatland. Selbst in Deutschland hat sie Angst vor dem Regime, Gespräche mit Verwandten überlegt sie sich genau.

Die Wiederwahl des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko sorgt international für Kritik. Die Opposition im Land geht von einer Wahlfälschung aus, die EU-Staatschefs haben beschlossen, das Wahlergebnis nicht anzuerkennen. Nach offiziellen Angaben hätten 80 Prozent der Wahlberechtigten für Lukaschenko gestimmt. Seit der Wahl am 9. August gibt es deshalb anhaltende Proteste im Land.

In Cottbus lebt die gebürtige Belarussin Christina (Name geändert). Sie blickt mit Sorge auf die Entwicklung in ihrem Heimatland.

rbb|24: Christina, wie schätzen Sie die Lage in Ihrem Heimatland ein?

Christina: Ich bin überhaupt nicht politisch. Ich glaube, ich habe nicht ein einziges Mal gewählt, weil ich immer gedacht habe, dass das eh nichts bringt. Es war das erste Mal, dass ich die Wahl richtig beobachtet habe. Voriges Mal, erinnere ich mich, war es so, dass Lukaschenko über 80 Prozent bekommen hat und alle haben gedacht, lustig, wie immer. Aber dieses Mal war es nicht mehr lustig. Die Menschen waren empört, ich auch. Das war ein Schlag ins Gesicht, weil viele Menschen für andere Kandidaten gestimmt haben, also echte Kandidaten. Es gab immer Kandidaten, die der Präsident bestimmt hat, Marionetten, die Konkurrenz spielen mussten. Ich kenne nur einen Verwandten, der für Lukaschenko gestimmt hat. Alle anderen, Verwandte, Bekannte waren für Swjatlana Zichanouskaja. Ich nehme an, dass das Ergebnis genau getauscht war. Es gibt bestimmt auch Menschen, die für Lukaschenko waren, aber die sind in der Minderheit.

Wird sich in ihrem Freundes- und Familienkreis offen über die Wahl unterhalten oder gibt es da Ängste?

Die Angst ist immer da. Ich habe hier Angst um meine Familie, deswegen möchte ich auch nicht, dass mein Name genannt wird. Meine Familienangehörigen unterstützen Zichanouskaja, aber ich weiß, dass sie das nicht offen sagen würden, weil sie auch Angst um ihren Arbeitsplatz oder um ihr Leben haben. Ich bewundere die Menschen, die trotz Angst auf die Straße gegangen sind.

Wie schätzen Sie das ein, werden die Demonstrationen weitergehen?

Ich hoffe, dass es mit den friedlichen Demonstrationen weitergeht, dass es Streik gibt, dass irgendwas passiert nach 26 Jahren. Ich hoffe nur, dass sich diese Gewalt nicht wiederholt. Die gab es, das stimmt, ich habe viele Kollegen, Ärzte, die das mit eigenen Augen gesehen haben. Ich glaube auch den Fotos. Menschen wurden umgebracht, viele sind verschwunden. Eine Kollegin hat mir erzählt, es wurden 37 Leichen gebracht - nicht identifiziert, bei denen man nicht weiß, welche Todesursache es gibt. Meine beste Freundin ist auch weggelaufen vor Polizisten, sie hat auch schon den Schlagstock am Rücken gespürt. Jedes Mal, wenn sie das Haus verlässt, hat sie Durchfall vor Angst. Sie hat auch zwei kleine Kinder. Ich würde das als Genozid bezeichnen. So etwas haben wir nicht erwartet.

Auch früher sind Menschen verschwunden, aber eher auf der politischen Seite, keine unbewaffneten Menschen. Das war der letzte Tropfen, der die Wut der Bevölkerung ausgelöst hat. Ärzte wurden aus Gefängnissen weggeschickt, weil sie zu viel Mitleid hatten. Ich selbst schlafe seit dem 9. August fast nicht, weil ich nicht begreifen kann, wie so etwas im 21. Jahrhundert in Mitteleuropa passieren kann. In den ersten Tagen hatten wir auch keinen Kontakt zu Verwandten, weil das Internet abgeschaltet wurde. Da hatte Lukaschenko gesagt, das wäre von Europa gemacht worden. Das ist natürlich auch Manipulation.

Die EU-Staaten haben nun gesagt, dass sie das Wahlergebnis nicht anerkennen. Ist das für Sie ein gutes Zeichen?

Ja, das ist unsere Hoffnung. Aber ehrlich gesagt verstehe ich nicht, was das für uns ändert. Unsere Politiker fühlen sich auch in Belarus wohl, die haben genug Geld und Macht und müssen nicht unbedingt nach Europa. Die haben Unterstützung von Russland, von China, von Venezuela und machen dann eben Urlaub woanders. Was das der Bevölkerung bringt, kann ich nicht nachvollziehen. Als Zeichen der Unterstützung, dass der Zustand gesehen wird, muss das sein. Aber ob das einen Wechsel im Land bewirkt, kann ich nicht sagen.

Was wäre denn ohne Lukaschenko anders?

Zumindest möchte man ohne Angst leben. Aber ich kann auch nicht sagen, dass meine Verwandten schlecht leben. Es ist ein friedliches Volk in einer Zeit ohne Krieg. Viele sehen das auch als Argument für Lukaschenko, dass es keinen Krieg gibt. Aber heutzutage möchte man etwas mehr. Freiheit, sagen was man will. Aber die wichtigste Sache für die Weißrussen war definitiv, gegen Lukaschenko zu stimmen. Die hätten auch für eine Ziege gestimmt, Hauptsache gegen Lukaschenko.

Wie nehmen Sie derzeit Kontakt zu Ihren Verwandten auf? Schreiben Sie E-Mails oder telefonieren Sie?

Das Internet funktioniert wieder und es wurden auch viele Informationen verbreitet, wie man diese Abschaltung umgehen kann. Ich denke trotzdem, dass alles mitgehört und verfolgt wird. Jedes Mal, wenn ich etwas schreibe, muss ich darüber nachdenken. Wenn ich etwas sage und irgendwelche Geräusche höre, denke ich, jemand hört mit. Ich weiß nicht, ob das schon Wahnvorstellungen sind, aber die Gedanken sind auf alle Fälle da.

Vielen Dank für das Gespräch.

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