Symbolbild: Eine schwangere Frau sitzt und hält ein Glas mit Rotwein (Bild: picture alliance / dpa)
Video: Brandenburg aktuell | 09.09.20 | Phillip Manske | Bild: picture alliance / dpa-tmn

Tag des alkoholgeschädigten Kindes - "Man muss aufpassen, dass man die Mutter nicht verteufelt"

Wenn Schwangere Alkohol trinken, kann das schwerwiegende Folgen für die Kinder haben, bis hin zu schweren Behinderungen. Phillip Manske hat eine Pflegefamilie in Byhleguhre (Dahme-Spreewald) besucht, in der ein betroffenes Kind aufwächst.

Lukas war noch nicht geboren, als er zum ersten Mal Alkohol bekam. Seine leibliche Mutter war mit ihm schwanger, und hat trotzdem getrunken. Die Folge: Lukas kam mit dem Fetalen Alkoholsyndrom (FASD) zur Welt. Im Alter von 15 Monaten ist er zu seinem Pflegevater Gunther Kellert nach Byhleghure (Dahme-Spreewald) gekommen. "Mit meiner damaligen Partnerin sind wir kinderlos geblieben", sagt der 52-Jährige. Da kam der Gedanke, ein Pflegekind aufzunehmen. Es sei auch die Überlegung gewesen, sich nützlich einzubringen."

Von FASD hatte er bis dahin nichts gehört. Er wusste auch nicht, dass Lukas das Syndrom hat. Das wurde ihm erst bewusst, als der Junge das erste Mal in der Kita war. "Dann gab's da Vorfälle, dass er am Stuhl gewackelt hat, ein Kind um geschmissen hat, im sozialen Bereich diese Auffälligkeiten waren." Schließlich hat der Kindergarten Lukas gekündigt.

Gunther Kellert und Beatrice Fritzsche (Foto: rbb)
Die Pflegeeltern Gunther Kellert und Beatrice Fritzsche im Beratungsgespräch | Bild: rbb

Wie erklärt man es dem Kind?

Der Alkohol im Mutterleib wirkt auf Kinder wie ein Gift. Schon ein einziges Glas könne schlimme Folge haben, erklärt Kristina Kölzsch, Kinderärztin am Carl-Thiem-Klinikum Cottbus. "Ich vergleiche das immer mit einem Autounfall: Sie können Glück haben und haben nur eine Schramme abbekommen, aber sie können auch Pech haben und es gibt einen ganz großen Schaden." Das Hauptstörungsgebiet sei das zentrale Nervensystem in seiner Entwicklung.

Doch wie erklärt man Kindern, dass sie nur deshalb krank sind, weil ihre Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat? Es war eine Herausforderung für Pflegevater Gunther Kellert. "Man muss natürlich aufpassen, dass man die leibliche Mutter nicht verteufelt. Wir haben ihm dann gesagt, dass sie damals noch sehr sehr jung war und die Schwangerschaft auch sehr spät erst bemerkt hatte."

Lukas und der Alkohol

Lukas gehe mit seiner Krankheit und der Ursache dafür gelassen um, sagt sein Pflegevater. Er ist mittlerweile 15. Es geht ihm gut. Er ist intelligent, lebt aber in seiner eigenen Welt. Wenn etwas nicht so läuft, wie er es sich vorstellt, ist Lukas schnell gestresst. Deshalb hat die Familie einen strukturierten Wochenplan in dem vermerkt ist, wann welche Aufgaben zu erledigen sind. Lukas hält sich daran.

Wenn aber etwas spontan dazwischenkommt, ist das für den Jugendlichen ein Problem. "Aktuelles Beispiel: wir sind eingeladen worden, er hatte andere Pläne,“ erzählt der Pflegevater. Für Lukas sei es schwer, dieses Nein zu akzeptieren. Früher sind da schonmal Sachen geflogen, heute knallt eine Tür.

Alkohol hat Lukas selbst bisher noch keinen getrunken. Doch er ist 15, das Thema wird kommen und seine Pflegeeltern sind unsicher, wie sie damit umgehen sollen. Verbieten sei keine Option, dann bestehe die Gefahr, dass er heimlich trinke, sagt Pflegemutter Beatrice Fritzsche. Allerdings sei Lukas durch seine Krankheit maßloser als andere. Wenn jemand etwas macht, wolle er noch "einen draufsetzen“. Es ist der Punkt, über den die Pflegeltern zur Zeit mit am meisten nachdenken.

BTU Cottbus-Senftenberg arbeitet an Hilfe-Broschüre

Annemarie Jost von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg forscht seit Jahren am Fetalen Alkoholsyndrom. Gerade arbeiten ihre Studenten an einer Broschüre, die Eltern helfen soll, ihren Kindern zu erklären, warum sie krank sind. "Wir lieben dich so, wie Du bist. Du bist wertvoll. Da kannst Du nichts für, erst mal so entlasten", rät die Leiterin des Fachgebietes Sozialpsychiatrie, Jost. "Entlasten davon, dass das Kind sich verantwortlich fühlt für seine eigenen Beeinträchtigungen." An dieser Stelle sollten die Eltern einen "sicheren Raum" geben.

Pflegeeltern sollten bei der Aufklärung auch immer berücksichtigen, dass die Kinder besondere Stärken haben und sich nicht nur auf Schwächen und Behinderungen konzentrieren. Auch Annemarie Jost warnt davor, im Gespräch mit dem Kind die Mutter zu verteufeln. Das mache etwas mit dem Selbstbild des Kindes.

Außerdem sollte das Kind nicht überfordert werden. Die Kinder seien im Entwicklungsalter zurück und sie hätten Gedächtnisstörungen. "Das heißt, man sollte ihnen in kleinen Portionen, vielleicht auch mit Büchern untermalt, Themen erklären - und mehrfach erklären."

Kristina Kölzsch, Kinderärztin am Carl-Thiem-Klinikum Cottbus (Foto: rbb)
Kristina Kölzsch, Kinderärztin am Carl-Thiem-Klinikum Cottbus | Bild: rbb

Mindestens jede fünfte Schwangere trinkt Alkohol

Das Risiko von Alkohol während der Schwangerschaft werde oft unterschätzt, sagt der Chefarzt für psychosoziale Gesundheit am Klinikum Niederlausitz, Karsten Wolff. "In Deutschland gibt es rund 10.000 Kinder, die einen Alkoholschaden haben."

Es gebe viel Unwissenheit. "In Deutschland trinken relativ viele Schwangere Alkohol, gelegentlich zumindest 20 bis 25 Prozent." Der Gedanke, dass ein Gläschen in der Schwangerschaft nicht schade würde, sei weit verbreitet, aber falsch. "Wir wissen aus Studien, dass ein Glas in der Woche, andere Studien sagen zwei oder drei Gläser, schon Schäden beim Kind setzen können", sagt Wolff.

Die Cottbuser Ärztin Kristina Kölzsch behandelt insgesamt 80 Kinder und Jugendliche mit FASD, Tendenz steigend. "Man weiß später, dass zwei Drittel nicht selbständig leben können, dass sie immer eine Regelung und Kontrolle von außen haben muss." Auch Lukas wird ein Leben lang auf die Hilfe seiner Pflegeeltern angewiesen sein.

Hintergrund

Deutschlandweit wird am 9. September das Schicksal alkoholgeschädigter Kinder in den Mittelpunkt gerückt, am Tag des Fetalen Alkoholsyndroms, kurz FASD. Es wird durch den Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft ausgelöst und hat lebenslange Folgen für das betroffene Kind - Konzentrationsstörungen, Gedächtnislücken, Aggressionen bis hin zu schweren Behinderungen.

Beitrag von Phillip Manske

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

3 Kommentare

  1. 3.

    Und wo wollen sie die Grenze des nicht erlaubten Alkoholgenusses setzen?
    Spiritousen -> muss nicht!
    Wein und Bier -> muss nicht!
    schon angegorene Fruchtsäfte ?
    angematschte Früchte ?
    Rumrosinen ?
    Praline ?
    Kindermilchschnitten ? -> letztgenannte können alle Alkohol in kleinen Mengen enthalten!

    Eigentlich dürften Frauen dann nur in der ersten Zyklushälfte, zwischen Periode und Eisprung, Alkohol zu sich nehmen,
    danach könnten sie ja schon schwanger sein, ohne es zu wissen ...

  2. 2.

    Man sollte endlich einen Straftatbestand hierfür schaffen. Es ist nicht mehr erlaubt zb im 8. Monat abzutreiben, aber jede Mutter kann fröhlich saufen und rauchen und wissentlich und nachweislich seinem Kind schaden. Solche Kinder gehören vom Jugendamt überwacht und die Mütter wegen vorsätzlicher Schädigung in den Bau!

  3. 1.

    Es gibt leider Frauen,die machen sich mehr Gedanken,was sie beim Klamottenkauf bedenken müssen,als bei einer Schwangerschaft. Auch wenn man das fetale Alkoholdydrom nicht kennt, ist mittlerweile hinlänglich bekannt, dass Alkohol,Drogen und Nikotin dem Ungeborenen schadet. Aufklärung gibt es in der Schwangerschaft auch und da es eben mein Kind treffen kann,gibts auch keine Entschuldigung für russisch Roulett,nach dem Motto,wird schon nichts passieren. Diesen Leichtsinn müssen die Kinder ihr Leben lang ausbaden.Die Frauen,die die Schwangerschaft erst spät bemerken meine ich nicht. Ich finde es immer wieder erschreckend,Kinder bekommen können die Meisten aber mit dem Verantwortungsbewusstsein,ist es bei Manchen nicht weit her. Ich ziehe meinen Hut vor der Leistung und dem Einsatz von Pflegefamilien,die sich ,auch um diese Kinder kümmern.



Das könnte Sie auch interessieren