ARCHIV - 17.08.2020, ---, Arktis: Das Handout des Alfred-Wegener-Instituts zeigt das deutsche Forschungsschiff «Polarstern», das sich in der Arktis dem Nordpol nähert. Am 12.10.2020 kehrt die «Polarstern» nach einem Jahr in der Arktis in den Heimathafen Bremerhaven zurück.
Video: Brandenburg aktuell | 12.10.2020 | Alexander Goligowski | Bild: Alfred-Wegener-Institut/dpa/Graupner

Interview | Polarstern-Kapitän Thomas Wunderlich - Zurück aus dem Eis: "Es ist komisch und surreal, wieder da zu sein"

Fast ein halbes Jahr war Thomas Wunderlich als Kapitän des Forschungsschiffes "Polarstern" im Nordpolarmeer unterwegs. Eigentlich kommt er aus Burg im Spreewald. Am Montag hat das Schiff in Bremerhaven angelegt. rbb|24 hat mit dem Kapitän unmittelbar danach gesprochen.

Seit insgesamt einem Jahr ist das Forschungsschiff "Polarstern" im Nordpolarmeer unterwegs. An Bord 60 Wissenschaftler aus 20 Nationen und eine knapp 40-köpfige Besatzung.

Auf der "Mosaic"-Expedition machen die Forscher umfangreiche Messungen im Ozean, im
Eis und in der Atmosphäre. Die Wissenschaftlicher erhoffen sich neue Erkenntnisse über das Klimasystem. Monatelang driftete das Schiff mit einer riesigen Scholle mit. Ende Juli war die Scholle in der sommerlichen Arktis zerbrochen.

rbb|24: Wie geht es Ihnen denn jetzt, wieder mit festem Boden unter den Füßen?

Thomas Wunderlich: Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Unser Einlaufen in Bremerhaven war wie im Drehbuch. Es war kaum Wind, die Sonne ist hinterm Horizont aufgegangen, herrliches Orange. Wir wussten, dass eine Willkommens-Armada an Schiffen auf uns warten würde, die haben uns bis Mitte Bremerhaven begleitet. Das war wirklich ein sehr imposantes Bild. Dann haben wir angelegt. Und Sie können sich vorstellen, nach einem halben Jahr weg und an Bord, ist es ein komisches, surreales Gefühl, wieder da zu sein. Auf der anderen Seite ist es auch so, als wäre man gar nicht weg gewesen. Das muss man mit den Eindrücken aus dem letzten halben Jahr und denen von heute erst einmal verarbeiten.

Welches Ereignis im letzten halben Jahr hat Sie am meisten beeindruckt?

Alles zusammen war es einfach top, wenn man die Wissenschaftler mit ihrem Enthusiasmus gesehen hat, wie sie auf der Scholle gearbeitet haben, die Infrastrukturen, die geschaffen worden sind, die Versorgungseisbrecher, die zu uns gekommen sind. Und es lief für diese extremen Entfernungen und Situationen, die wir hatten, fast wie am Schnürchen. Es hat einem förmlich das Herz erwärmt.

Die Polarstern ist ja auch zeitweilig mit einer Scholle gedriftet, wie schwierig war das für Sie als Kapitän, so ein Schiff zu steuern?

Die kurze Unterbrechung, wo die Polarstern die Scholle verlassen hat, um unter anderem neues Personal an Bord zu nehmen, war zwischen zwei Welten. Kurz vorher war das Schiff fast festgefroren im Eis und kam dann sozusagen in die Sommersaison, wo das Eis angefangen hatte zu brechen. Und wir hatten im zweiten Teil von MOSAIC damit zu tun, aktiv an der Scholle zu bleiben. Das heißt, das Schiff permanent an unserem Liegeplatz am Eis zu halten. Das ist ein 24-Stunden-Betrieb, dafür zu sorgen, dass die Gangway im Logistikbereich bleibt, dass die Leute sicher aufs Eis und wieder aufs Schiff kommen können. Das war oft Millimeter-Arbeit, die die Offiziere auf der Brücke zu leisten hatten.

Herr Wunderlich, im letzten halben Jahr hat hier das Coronavirus unser Leben bestimmt, welche Rolle hat Corona denn an Bord der Polarstern gespielt?

Wir waren so die letzte kleine Enklave, vielleicht noch die Neumayer-Station und die Raumstation ISS, die frei von Corona war. Wir waren vorher zwei Wochen in Quarantäne, die letzte davon in Einzelquarantäne. Wir haben diverse Abstriche bekommen und waren damit einigermaßen sicher, dass wir keinen Corona-Fall in unseren Reihen haben. Damit konnten wir uns an Bord natürlich frei bewegen. Und es war ein komisches Gefühl, wenn wir uns beim Morgenmeeting mit Handschlag begrüßen konnten. Das hatte man ja vorher schon einige Wochen nicht mehr gemacht. Und wir mussten auch nicht auf Abstandsregeln achten. Und hatten dadurch ein kleines, nettes Leben, was das betrifft. Und da können Sie sich vorstellen, das erste was angeliefert wird, wenn das Schiff an Land festgemacht hat, sind Masken und Desinfektionsmittel, die an Bord kommen. Da muss man erstmal das eigene Weltbild wieder ein bisschen zurechtrücken.

Für die Wissenschaftler beginnt jetzt die Phase der Auswertung, was machen Sie als Kapitän, wenn das Schiff im Hafen liegt?

Ich habe noch aktive Tage, das Schiff muss komplett entladen werden damit es am Wochenende fertig ist zum Eindocken. In der Werft beginnen Wartungsarbeiten, Maschinenteile werden auseinandergenommen, das muss alles dokumentiert werden. Es wird nicht langweilig.

Am Sonnabend kommen Sie wieder nach Hause, nach Burg im Spreewald, worauf freuen Sie sich am meisten?

Das ist wieder eine andere Welt. Ich freue mich schon auf die lange Autofahrt nach Burg. Dann kommt man so ganz langsam an. Ich freue mich auf meine Familie, die Freunde. Allein schon in Ruhe auf der Terrasse zu sitzen und auf den Garten zu schauen.

Thomas Wunderlich (Quelle: rbb/Tom Ehrhardt)

Haben Sie denn ein Erinnerungsstück von dieser Expedition im Gepäck?

Ja tatsächlich. Ich habe einen ganz kleinen Stein, der von einer Küste ins Eis gekommen sein muss. Der war, bis ich ihn gefunden hatte, im Eis, und wäre wahrscheinlich mit schmelzender Scholle untergegangen. Jetzt kommt er auf meinen Schreibtisch.

Thomas Wunderlich, vielen Dank für das Gespräch!

Mit Kapitän Thomas Wunderlich hat rbb-Redakteur Dirk Schneider gesprochen. Für die Onlinefassung wurde das Gespräch redigiert.

Sendung: Antenne Brandenburg, 12.10.2020, 15.40 Uhr

2 Kommentare

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  1. 1.

    Danke für diesen Bericht ganz großes Kino.

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