Sebastian Gröger von der Aidshilfe Lausitz im rbb-Studio. (Bild: rbb/Mastow)
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Interview | Welt-Aidstag - "HIV ist immer noch mit dem Image behaftet: Selbst schuld!"

Steffen Gröger ist 44 Jahre, lebt in Ruhland (Oberspreewald-Lausitz) und ist HIV-positiv. Er engagiert sich unter anderem in der Aids-Hilfe Lausitz und trifft noch oft auf Vorurteile und Diskriminierung.

rbb|24: Wie haben Sie von ihrer HIV-Infektion erfahren?

Steffen Gröger: Ich war 2006 wegen einer Gürtelrose im Krankenhaus. Ein Zeichen, dass mit dem Immunsystem etwas nicht in Ordnung ist. Damals meinte die Ärztin, es wäre nicht schlecht, mal einen HIV-Test zu machen. Der war dann leider positiv. Die Ärztin hat mir das zwischen Tür und Angel gesagt, so nach dem Motto: "Sie wissen das bestimmt schon." Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich hatte damals dieses Aids-Bild im Kopf, dass man ziemlich schnell stirbt, musste erstmal lernen damit umzugehen. Bei der weiteren Behandlung wurde dann festgestellt, dass ich schon fünf bis zehn Jahre positiv gewesen sein muss.

Haben sie denn etwas gemerkt oder geahnt?

Gemerkt habe ich nichts, war auch nicht häufig krank. Ich habe auch nie zu den Risikogruppen gehört, hatte keinen Sex mit Männern, keine Drogen genommen. Deshalb habe ich immer gedacht, es betrifft mich nicht. Leider doch. Ich habe dann meine Partnerinnen informiert. Vor der Diagnose war ich fünf Jahre mit einer Frau zusammen, mit der ich auch ein Kind habe. Eigentlich hätte ich sie infizieren müssen, weil ich hochansteckend war. Deshalb war es mir wichtig, sie zu informieren, damit sie sich testen lässt. Sie war negativ, es war aber trotzdem ein hartes Gespräch. "Danke" hat keine der Frauen gesagt. HIV ist immer noch mit dem negativen Image behaftet, dass man selbst schuld ist, wenn man sich infiziert. Wo ich mich angesteckt habe, weiß ich bis heute nicht.

Wie geht es Ihnen jetzt ?

Ich nehme meine HIV-Medikamente. Das sind zum Glück nur noch drei Tabletten am Tag. Seit 2008 bin ich damit so gut eingestellt, dass das Virus im Blut nicht mehr nachweisbar ist und ich keinen mehr infizieren könnte, egal auf welchem Wege. Wenn es nicht einen Riesensprung in der Forschung gibt, werde ich die Tabletten bis an mein Lebensende nehmen müssen. Aber man gewöhnt sich daran, das ist ein Automatismus. Alle drei Monate bin ich beim Schwerpunktarzt, dann wird alles durchgecheckt. Ich bezeichne mich als HIV-positiv, aidskrank bin ich nicht. Das ist mit den heutigen Medikamenten auch gut in den Griff zu bekommen.

Haben Sie derzeit eine Partnerin?

Ja, habe ich. Wir sind noch ziemlich frisch zusammen. Die hat sehr cool und locker reagiert. Das ist auch nicht selbstverständlich.

Sie engagieren sich, wollen aufklären. Wo arbeiten Sie mit ?

Ich arbeite in verschiedenen Projekten der Deutschen Aidshilfe mit, zum Beispiel bei "Buddy.HIV". Da können sich frisch Infizierte einen Buddy, also einen HIV-Positiven suchen. Die sind auf einer Website bundesweit aufgelistet. Das ist eine Hilfe auf Augenhöhe bei den ersten Schritten. Ein sehr schönes Projekt, da habe ich viele positive Rückmeldungen. Ich kann mich gut in die Unsicherheit der frisch Infizierten hinein versetzen, helfe gern mit meinen Erfahrungen.

Inwiefern sind Sie jetzt durch die Corona-Pandemie eingeschränkt?

Aids-Hilfe lebt von persönlichen Kontakten. Wenn man sich jetzt nicht treffen kann, ist das schwierig. Bei der Aidshilfe-Lausitz mit Sitz in Cottbus haben wir viel auf Video-Chats umgestellt. Hier können sich auch gern Schulen melden, da finden wir Lösungen, um Präventionsveranstaltungen per Video machen. Ich hoffe, dass das besser angenommen wird.

Ich erzähle dann von meinem Leben, wie ich die Diagnose bekommen habe, wie die Reaktionen im Freundeskreis waren, auch von Diskriminierungserfahrungen. Die gibt es, leider auch gerade im medizinischen Bereich. Ich erlebe oft, dass ich nur schwer oder überhaupt keine Termine bei Ärzten bekomme. Im Wartezimmer oder Krankenhaus wurde ich auch schon vor anderen Patienten als derjenige mit bekannter HIV-Infektion bezeichnet. Von Datenschutz kann da keine Rede sein.

Insgesamt macht mir die Aufklärungsarbeit in den Schulen unheimlich Spaß. Die Schüler können mich als HIV-Positiven alles fragen, was sie interessiert. Die Lehrer bleiben draußen. Und wenn sich die Schüler später mal im richtigen Moment an den Verrückten erinnern, der da mal im Klassenzimmer vor ihnen saß und was von Kondomen erzählt hat, dann ist schon viel gewonnen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Daniel Mastow, Antenne Brandenburg.

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