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Interview | Mit-Iniator des Sorbisch-Sprachprojektes - "Wenn nichts passiert, dann stirbt die Sprache"

Die Sprache der sorbisch-wendischen Minderheit in Brandenburg ist akut bedroht. Ein neues Projekt richtet sich jetzt ganz gezielt an Erwachsene. Im Interview erklärt Mit-Initiator Gregor Kliem aus der sorbischen Redaktion des rbb, wie es funktioniert.

rbb|24: Herr Kliem, es gibt bereits zahlreiche Versuche, in Kindergärten und Schulen die sorbische Sprache zu vermitteln. Ihr Projekt "Zorja" richtet sich an Erwachsene, die an einer einjährigen "Sprachreise" teilnehmen sollen. Danach sollen sie fließend sorbisch sprechen. Wie ist das zu schaffen?

Gregor Kliem: Das Besondere ist Sprach-Immersion, also die Art, wie auch Kinder ihre Muttersprache lernen. Ich lerne dabei nicht mit Grammatiktabellen, sondern direkt in Aktion, beim Spielen, Kochen, Sport machen, Musik hören und so weiter. Überall im Alltag soll die Sprache präsent sein und mich dazu bringen, vom ersten Tag an zu sprechen. Das ist wie im Auslandsjahr: Zunächst verstehe ich nur Bahnhof, aber wenn ich wochenlang ständig die Sprache höre und ja auch irgendwie meine Brötchen bestellen will, dann geht das ziemlich fix, dann lerne ich schnell! Und bei "Zorja" ist das auch so: Sprachkontakt fünf Tage die Woche, sechs Stunden am Tag in einer Gruppe von zehn Leuten. Andere Völker, wie die Waliser in Großbritannien oder die Bretonen in Frankreich zeigen uns, dass es funktioniert.

Die Teilnehmer sollen bezahlt werden - das dürfte kein geringer Betrag sein. Woher soll das Geld kommen?

Zunächst muss man ganz klar sagen: Das ist nicht mehr Freizeit, hier geht es um die Wiederbelebung der Sprache, das ist ein ernster Job. Und damit die Teilnehmer nicht nebenbei arbeiten müssen, bekommen sie ein Stipendium. In der Tat kommt eine Menge Geld zusammen. Es geht um eine sechsstellige Summe, die Verhandlungen dazu laufen noch. Aber wollen wir die Sprache zurück, müssen wir investieren. Es besteht die Chance, dass "Zorja" etwas vom Strukturwandel-Kuchen abbekommt. Die Sorben haben ein Recht auf Strukturgelder. Die Förderung sorbischer Sprache und Kultur bringt schließlich etwas: Identifikation mit der Region, Rückkehrer,Tourismus. Die Sprache spielt also eine wichtige Rolle.

Wie steht es mit dem Interesse? Wer soll mitmachen?

Alle merken jetzt: So wie es ist, geht es nicht weiter. Dann stirbt die Sprache wirklich. Deswegen ist das Interesse vonseiten der Sorben groß. Wenn man jetzt auf die Webseite zorja.org schaut, dann stehen dort alle Informationen in deutscher Sprache. Warum? Weil ich nicht die erreichen will, die schon sorbisch sprechen, sondern diejenigen, die es noch nicht können.

Das ist mir wirklich wichtig: Die sorbische oder wendische Sprache geht nicht nur die Sorben oder Wenden etwas an. Das ist Erbe und Zukunft hier für die ganze Region. Und es gibt so viele Menschen, die die sprichwörtliche sorbische Urgroßmutter haben. Also hier ist jeder gefragt, der sich interessiert, der vielleicht an seine Wurzeln anknüpfen oder eine Chance auf einen Job haben will. Sorbisch sprechende Menschen werden händeringend gesucht! In der Schule, in den Kitas, in der Kultur oder im Tourismus.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christofer Hameister.

Gregor Kliem an seinem Arbeitsplatz in der sorbischen rbb-Redaktion (Quelle: rbb/Krüger)Gregor Kliem

4 Kommentare

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  1. 4.

    Bislang hat es die Gesellschaft nicht vermocht, Beides zu denken: Eine übergreifende Sprache und eine sehr spezifische, lokale bzw. regionale Sprache. Sorbisch geht genau wie friesisch sogar noch über diesen Status hinaus.

    Die Eskimos sind in der Lage, alle eine gemeinsame Sprache zu sprechen, dies, wenn alle zusammenkommen. Untereinander reden die Stämme ihre eigene Sprache. Das kann Ideal sein: Kein Deduktion vom Großen, vom Weltumspannenden bis zum allerletzten Dorf hin, sondern vom jeweils originären Dorf hineinkommend in etwas Größeres.

    Die gesellschaftlichen Zeichen scheinen nicht danach zu stehen, kulturell ist aber genau das unabdingbar, wenn eine Gesellschaft nicht dem Trugschluss verfallen sein soll, ausschließlich technisch vereinigt zu sein, wirklich (spezifisch) kulturell aber nicht.

  2. 3.
    Antwort auf [Jörg] vom 20.04.2021 um 15:33

    Doch. Ich brauche es. Aber Sie dürfen mich gern Keiner nennen.

  3. 2.

    Wer kann ein Jahr lang seinen Job an den Nagel hängen, oder wird dafür freigestellt? Und so einfach geht das wohl auch nicht mit dem Bezahlen. Ich glaube auch nicht, dass in der Niederlausitz sprachlich da noch viel zu erreichen ist.

  4. 1.

    Also meine Unterstützung ist gewiss. Dort gibt es gewisse Probleme diskriminierungsmäßig eher nicht. Wie sagt man wendisch-sorbisch: "Mörder*innen sind auch Täter*innen"? - Wenn verstanden wird...

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