Fachkräftemangel durch Corona in der Gastronomie - "Meine Köchin ist jetzt bei Amazon und will nicht mehr zurückkommen"

Zusammengeräumte Tische und Stühle stehen am 06.04.2021 vor einem geschlossenem Restaurant in Berlin © imago images/Christian Spicker
Zusammengeräumte Tische und Stühle stehen am 06.04.2021 vor einem geschlossenem Restaurant in Berlin | Bild: imago images/Christian Spicker

Ab Donnerstag gelten in Brandenburg lockerere Regeln für die Gastronomie. Es kann wieder losgehen - sofern genug Personal da ist. Der monatelange Lockdown mit Kurzarbeitergeld hat Spuren hinterlassen. Bei einigen könnte sich die ersehnte Öffnung noch verzögern.

Die Gaststätten in Brandenburg dürfen ab Donnerstag auch in den Innenräumen wieder Gäste empfangen, für die Außengastronomie entfällt die Testpflicht. Die Brandenburger Gastronomen bereiten den Neustart nach dem monatelangen Lockdown vor. Doch viele stehen vor dem großen Problem Personalmangel.

Während sich die Urlaubsregionen in Brandenburg, beispielsweise das Lausitzer Seenland oder der Spreewald langsam wieder mit Touristen füllen, hängen an Restauranttüren in genau diesen Regionen aktuell immer häufiger Zettel mit Stellenausschreibungen. In zahlreichen Gaststätten fehlen die dringend gebrauchten Fachkräfte. Weil viele von ihnen während des Lockdowns seit November mit Kurzarbeitergeld leben mussten, kehren einige zur Wiederöffnung nicht mehr in die Betriebe zurück. Der lange erhoffte Neustart der Branche könnte für einige Gastronomen verzögert werden.

Fachkräftemangel durch Corona verschärft

Tim Sillack betreibt im Branitzer Park in Cottbus das "Cavalierhaus". An 100 Tischen wollte er ursprünglich seine Gäste bedienen. Aktuell ist nur die Terrasse erlaubt, wegen der Abstandsregeln stehen dort nur 38 Tische. Eine große Fläche ist noch frei. Dort wird Sillack vorerst keine Tische aufstellen, ihm fehlt das Personal, um das Essen zu den Gästen zu bringen.

Seine Betriebsleitung habe ihm im November erklärt, sie habe nicht fünf Jahre studiert um in Kurzarbeit zu gehen, erzählt Sillack. "Wäre ich nicht der Küchenchef und der Inhaber, hätte ich selber gekuckt, ob es in der Schweiz Arbeit gibt", wie er sagt. Selbst Betriebe, die das Kurzarbeitergeld aufgestockt haben, hätten viele Leute verloren, berichtet der Koch.

"Fachkräftemangel war vorher schon ein Riesenthema und das verschärft sich noch mal", so Sillack. Zuvor habe man sich untereinander noch geholfen, erzählt er. Jetzt würden sich die Gastronomen teilweise gegenseitig die Leute abwerben.

Seine Lösung: "Es muss viel mehr ausgebildet werden. Da muss ich mir auch an die eigene Nase fassen. Wir müssen noch aktiver nach Auszubildenden suchen", sagt er.

Keine Bewerbungen für Gastronomiestellen

Sechs Leute hat Sillack verloren, zwei Angestellte haben direkt die Branche gewechselt. Dass es einen Trend gibt bestätigt auch Heinz-Wilhelm Müller, Vorsitzender der Geschäftsführung der Cottbuser Arbeitsagentur. Doch genaue Zahlen liegen der Agentur bislang noch nicht vor.

Auch Philip Gärtner, Inhaber des "Prima Wetter" am Cottbuser Hauptbahnhof, kennt die Probleme. "Unsere Köchin arbeitet jetzt bei Amazon und will nicht mehr zurückkommen", sagt er. Per "Ferndating" wie er sagt, habe er inzwischen einen Koch aus Ibiza engagiert.

Ab dem 1. Juli soll es bei ihm wieder losgehen, auch ein kleiner Abiball hat sich schon eingebucht. Wie die Gäste bedient werden sollen weiß Gärtner aber noch nicht. Seine Pauschalkräfte hat er alle verloren, ob jemand zurückkommt ist noch nicht klar.

Vier feste Stellen für Servicekräfte hat Philip Gärtner ausgeschrieben - beworben hat sich niemand. Ihn und viele andere Gastronomen plagt nun erneut die Unsicherheit, mit und ohne das Coronavirus.

Sendung: Antenne Brandenburg, 01.06.2021, 16:40 Uhr

16 Kommentare

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  1. 16.

    Vielleicht essen Sie auch nur in den falschen Restaurants?

  2. 15.

    Das Billiglohnland Deutschland hat seine Vor- und Nachteile. Die Deutschen möchten so viel wie möglich Ware für ihr Geld, die Qualität steht an zweiter Stelle. Deutschland ist auch ein billiges Urlaubsland und deshalb sehr beliebt. Nirgendwo in den beliebtesten Ferienorte ist es so billig zu übernachten wie hier. Wenn jetzt niemand mehr den Teildienst machen will in der Gastronomie und Hotellerie, werden sich die deutschen Gäste umsehen. Es gibt schon Hotels, in denen die Gäste Getränkegutschein erhalten, wenn sie auf den Zimmerservice verzichten - vor Corona. Vielleicht helfen ja wieder unsere europäischen Nachbarinnen aus. Die Menschen gleichen durch das Währungsgefälle den deutschen Geiz aus.

  3. 14.

    Da stimme ich Ihnen100% zu! Für Qualität muss ganz einfach mehr gezahlt werden. Klasse statt Masse. Der Service lässt oft zu wünschen übrig. Ungelerntes Personal ist zu oft überfordert und als Gast merkt man das. Abfütterungs—Gastronomie ist häufig zu beobachten.

  4. 13.

    Also wenn jemand lieber bei Amazon arbeitet, dann ist Amazon entweder nicht so schlecht wie sein Ruf oder der Inhaber des "Prima Wetter" sollte sich tatsächlich fragen ober den Laden lieber in "Prima Essen" umbenennen soll. Denn dann scheint es mit seinem Laden absolut vorne und hinten nicht zu stimmen.

  5. 12.

    Erstaunlich, wo man doch bei Amazon vorgeblich so superwenig verdient. So, wie ja angeblich auch Erzieher so wenig verdienen. Jaja, das stimmt alles nicht! Die Wahrheit ist aktuell, dass man als Ingenieur in Berlin derzeit kaum eine Anstellung finden kann und die Wohnungs-Mieten exorbitant explodiert sind.

  6. 11.

    Tja - sollte sich die gesamte Branche und auch die lieben Gäste vielleicht mal Gedanken machen.

    Mein Gedanke ist: Ich besuche gerne Restaurants in denen ich sogar nach Jahren noch die selben Mitarbeitenden antreffe wie beim letzten Besuch. Allerdings kosten dort das Schnitzel keine 8, geschweige denn auch keine 17 Euro. Wenn ich also vernünftige Bezahlung und angemessenen Arbeitsbedingungen (Die in der Gastronomie muss man schon wirklich mögen) fordere - tja, dann sollte ich vielleicht als Gast bei mir anfangen. Und auch zahlen, dann bekomme ich auch etwas feines - und zwar von Menschen, die es gerne tun.

    Viel Erfolg, den Gastronomen, mit ausschließlich netten Gästen... (Die Billigheimer mögen bitte ihre Stulle im Park essen)

  7. 10.

    Die meisten Restaurants sind doch mit mittelmäßiger Küche und schlechtem Service(fast immerAushilfen, die zwar Teller tragen können) eher Abfütterungsstationen für Touristen oder Versorger für die Mittagspause. Es gibt wenige Restaurants mit guter Qualität und gelungenem Service. Deren Personal ist auch da. Als Gast möchte ich ja besser essen als Zuhause, etwas Besonderes geniessen, eine angenehme Umgebung erleben. Schnitzel mit Bratkartoffeln und Salatdeko kann ich selbst zubereiten. Meist ist das belegte Brötchen.vom Bäcker qualitativ besser als das Gastroessen..

  8. 9.

    Ich keine einige, die im Gastro gejobbt haben und nun in Testzentren arbeiten. Das ist leichter und man verdient gut Geld.

  9. 8.

    Gastro mit schlechtbezahlten 400 Euro jobs sollte was für Studenten sein, aber nicht für Familien"
    Quatsch. Schlechtbezahlte Jobs sind für niemanden in Ordnung.

  10. 7.

    "Unsere Köchin arbeitet jetzt bei Amazon und will nicht mehr zurückkommen","
    Das spricht ja nicht gerade für den Laden, wenn selbst Amazon als bessere Alternative angesehen wird.

  11. 6.

    Auch ein 8 euro Schnitzel will bezahlt werden, vor allem wenn man Kinder eine Frau und uch noch Schulden zum Abzahlen hat. Gastro mit schlechtbezahlten 400 Euro jobs sollte was für Studenten sein, aber nicht für Familien
    Ernährung. Gilt im uebrigen auch für andere Branchen wo man glaubt Mindeslohn reicht dem Arbeitnehmer
    schon. Hat noch nie gereicht und wird auch in Zukunft nicht reichen. Zufriedenheid im Job ist anders.

  12. 5.

    Pardon, aber in der Gastronomie und in der Hotellerie sollte auch mal ein wenig Demut und Selbstkritik einkehren. Sowohl die Arbeitszeiten, als auch die Arbeitsbedingungen, als auch die Bezahlung sind unter aller "S.." Irgendwann rächt sich das massiv. Jetzt ist es halt so!

  13. 4.

    Das Problem hat nicht nur Brandenburg, sondern auch andere Bundesländer, wir sind in Bayern und ein Restaurant mit guter Küche gibt es selten.
    Hier gibt es mehr Ruhetage als Öffnungen. Ich glaube es kommt nicht mehr das Niveau wie vor der Pandemie. Schade für die jungen Leute wir hinterlassen euch ein Land mit sehr sehr vielen Problemen.

  14. 3.

    Wenn Amazon schon bevorzugt wird gegenüber einer Arbeit in der Küche, dann muss das was heißen. Nämlich wie erschreckend schlecht die Arbeitsbedingungen und Bezahlung in der Gastro sind. Da kann ich die Frau verstehen.
    Bald gibts wohl nur noch Aufstocker im Gastro-Gewerbe und wir alle zahlen dann fleißig dem Restaurantbesitzer die Arbeitskräfte durch unsere Steuern. Super Konzept.

  15. 2.

    Wenn der Lohn stimmen würde, käme die Köchin wieder zurück von Amazon. Tolle Sache, diese Marktwirtschaft. Zuweilen funktioniert sie erstaunlich gut.

  16. 1.

    hmm, wenn die Köchin lieber zu Amazon geht, zeigt es doch das eigentliche Problem an : Gehalt und Arbeitsbedingungen... die Zeiten für das 8-Euro Schnitzel sind vorbei, es müssen einfach höhere Lohnkosten mit eingepreist werden. Muss ja nicht gleich auf einen Schlag sein, kontinuierlich auf ein gesundes Niveau anheben.. .

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