Vor 75 Jahren in der Lausitz - Als ein Sonderzug mit dem Leichnam von Gerhart Hauptmann in Forst empfangen wurde

Übberführung Gerhart Hauptmann, Halt am Bahnhof Forst 1946 (Screenshot: DEFA-Stiftung/Der Augenzeuge)
DEFA-Stiftung
Audio: Antenne Brandenburg | 21.07.2021 | Anke Blumenthal | Bild: DEFA-Stiftung

21. Juli 1946. Am Bahnhof in Forst fährt ein Sonderzug ein. Im letzten Waggon: Der Sarg mit dem Leichnam von Gerhart Hauptmann. Dem Schriftsteller und dem großen Tross wird ein üppiger Empfang bereitet - mit Offizieren, Journalisten, Schaulustigen. Von Anke Blumenthal und Martin Schneider

Die Schicksale der kleinen Leute verdichtete er zu Weltdramen: Gerhart Hauptmann gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Naturalismus. Vor 75 Jahren starb der Literaturnobelpreisträger in Agnetendorf, dem heute polnischen Jagniątków, einem Stadtteil von Jelenia Góra (damals Hirschberg). Es war neben Berlin und Hiddensee einer seiner Wohnorte. Auf der Insel wurde er schließlich auch beigesetzt.

Undatierte Aufnahme des deutschen Dichters und Schriftstellers Gerhart Hauptmann (1862 - 1946) (Foto: picture alliance/dpa)
Undatierte Aufnahme von Gerhart Hauptmann (1862 - 1946) | Bild: picture alliance/dpa

Zuvor muss jedoch ein Sonderzug den Leichnam Hauptmanns und 46 Mitreisende aus Schlesien nach Hiddensee fahren. Gleich die erste Station hinter der neuen deutsch-polnischen Grenze ist am Sonntag, den 21. Juli 1946, der Bahnhof in Forst (Spree-Neiße). Hier stoppt der Zug für einen einstündigen Halt - mit großem Empfang.

Überführung im zugelöteten Zinksarg

Schon am frühen Sonntagmorgen haben sich viele auf dem Forster Bahnhof versammelt. Doch der Zug aus Schlesien verspätet sich. Überhaupt kommt dieser letzte Transport so kurz nach dem Kriegsende nur unter großen Schwierigkeiten zustande. Gerhart Hauptmann ist bereits sechs Wochen tot, liegt nun in einem zugelöteten Zinksarg in dem Sonderzug nach Deutschland.

Ein Zug, bestehend aus "acht schmierige[n] Güterwagen und zwei verdreckte[n] Personenwagen ohne Fensterscheiben“, heißt es in einem Zeitungsartikel der "Welt" vom 01.06.1996 (“Es folgten 52 Tage Odyssee“). An Bord sind Hauptmanns Mobiliar, seine Bibliothek, seine Gemälde. Im letzten Waggon befindet sich der "mit Blumen und Tanne geschmückte […] Sarg", schreibt die "Welt".

Um 12:40 Uhr erreicht der Zug schließlich direkt nach der Überquerung der Neiße den Bahnhof Forst.

Zeitungsartikel zur Überführung in der "Märkische Volksstimme" 1946 (Foto: Stadtarchiv Cottbus)
Zeitungsartikel zur Überführung in "Märkische Volksstimme" am 25. Juli 946 | Bild: Stadtarchiv Cottbus

Vier offizielle Reden für die erschöpften Reisenden

Mit großem Pathos wird der letzte Weg des Dichters medial begleitet. Die Wochenschau ist vor Ort, ein Sonderberichterstatter der "Tägliche Rundschau" ist da, ebenso die "Märkische Volksstimme".

"Als der Sonderzug von Hirschberg über Jauer, Liegnitz kommend, in Forst eintraf, bereiteten Vertreter der SMA [Sowjetische Militäradministration, d. Red.], der Ortskommandantur, der Stadt, der Parteien und des Kulturbundes dem toten Dichter, seiner Gattin und den sie begleitenden Freunden einen würdigen Empfang", heißt es in der Ausgabe vom 25. Juli 1946. Mit Gerhart Hauptmann wollen sich alle schmücken: die Deutschen und die Russen und die Polen.

“Während des einstündigen Aufenthalts in Forst geht das Ritual der neuen sozialistischen Festkultur in Form von vier offiziellen Reden über die erschöpften Reisenden nieder", schreibt der Autor Peter Sprengel in seinem Buch "Gerhart Hauptmann: Bürgerlichkeit und großer Traum" (Verlag C. H. Beck, 2012).

Artikel zur Überführung Gerhart Hauptmann im Wegweiser Forst 1962 (Foto: Sammlung Frank Henschel)
Artikel zur Überführung von Gerhart Hauptmann im "Wegweiser" der Stadt Forst, November 1962 | Bild: Sammlung Frank Henschel

Ein Zeitzeuge erinnert sich

Einer derjenigen, der an diesem Tag ebenfalls auf dem Bahnhof ist und sogar vor den Sarg von Gerhart Hauptmann tritt, ist Willi-Ernst-Linke. “Es war ein heißer Sommertag in jenem ersten Nachkriegsjahr“ erinnerte er sich 1962 im “Forster Wegweiser“, einem damaligen Veranstaltungskalender der Stadt mit historischem Teil.

"Auf dem Bahnhof drängten sich die Menschen." Nachdem der Sonderzug anhielt, stieg zuerst Margarete Hauptmann aus. Es folgten die "engsten Freunde des Verstorbenen", unter anderem der Dichter Gerhart Pohl. "Als Vertreter der Roten Armee sprach Major Smirnow […] der Witwe des Dichters sein tiefempfundenes Beileid aus. Nach ihm fand der damalige Oberbürgermeister der Stadt, Herr Maling, Worte der Anteilnahme."

Willi-Ernst-Linke selbst war als Vertreter der SED vor Ort. "An der Seite von Frau Hauptmann betrat ich den letzten Waggon, in dem der Sarg des Dichters stand. Still und ehrfurchtvoll verneigten wir uns vor dem größten deutschen Dichter seines Jahrhunderts und legten Kränze […] nieder."

DDR-Dokumentation stellt Sonderfahrt nach

Unter denen, die auf dem Forster Bahnsteig standen, sei auch der deutsch-jüdische Schriftsteller Peter Alfons Steiniger gewesen, schreibt der Autor Peter Sprengel in seiner Hauptmann-Biografie. Dessen Sohn Klaus Steiniger wird rund 40 Jahre später, Ende der 1980er, als Co-Autor an dem Film “Hauptmann-Transport“ mitarbeiten.

Die Dokumentation von Mathias Joachim Blochwitz liegt aktuell im Bundesarchiv [bundesarchiv.de]. Sie rekonstruiert "die Situationen jener abenteuerlichen Fahrt in einer schweren, heute schwer zu fassenden Zeit“, heißt es in einer Beschreibung der Internet-Filmdatenbank von “crew-united.com“. Dabei werde verschiedenes Material gemischt - unter anderem Spielfilmszenen, Interviews, Originalmaterial.

Bestattung auf Hiddensee

Eine Woche nach dem Halt am Bahnhof Forst wird Gerhart Hauptmann am 28. Juli 1946 auf der Insel Hiddensee beigesetzt.

"Es ist noch nicht an der Zeit, dir, Gerhart Hauptmann, den Nachruf zu widmen, der deiner Bedeutung gemäß wäre", sagt Johannes R. Becher, der damalige Präsident des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands und spätere Kulturminister der DDR bei der Trauerfeier für den Schriftsteller. 1945 hatte er den 83-jährigen Hauptmann um die Übernahme der Ehrenpräsidentschaft des Kulturbundes gebeten. Der Dichter willigt ein, konnte dieses Amt aber nicht mehr antreten.

Als er auf Hiddensee beerdigt wird, stehen auch Wilhelm Pieck und andere Größen der späteren SED an seinem Grab und nehmen Abschied von Gerhart Hauptmann - fast zwei Monate nach seinem Tod am 6. Juni.

2 Kommentare

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  1. 2.

    Der Maler und Grafiker Eggert Gustavs wurde als Zeitzeuge interviewt, ein kurzer Filmausschnitt “Hauptmann-Transport” (DDR 1987) 2’36 min. ist hier zu sehen: https://www.eggert-gustavs.de/videos/

  2. 1.

    . . . neben Gerhard Hauptmann hat es zahlreiche Versuche gegeben, Kultur(schaffende) für die DDR zu vereinnahmen, vielleicht nicht mit vergleichbarem Pomp (Thomas und Heinrich Mann, Bert Brecht, . . .)

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