Bahn sieht wenig Aufkommen - Nicht barrierefreie Fußgängerbrücke in Lauchhammer führt zu viel Kritik

Blick auf die Fußgängerbrücke Bahnhof Lauchhammer (Foto: rbb/Jahn)
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Audio: Antenne Brandenburg | 21.07.2021 | Josefine Jahn | Bild: rbb/Jahn

Der neue Übergang am Bahnhof in Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) ist nicht barrierefrei. Über die Überführung kommt man von Gleis eins auf Gleis zwei - aber nur, wenn man gut zu Fuß ist. Ein Fahrstuhl, der die Barrierefreiheit garantieren würde, fehlt.

Wer schlecht zu Fuß oder mit einem Kinderwagen oder Rollstuhl unterwegs ist, hat ein Problem. Deshalb gibt es viel Kritik an dem Bauwerk.

Martin Große vor der Fußgängerbrücke am Bahnhof Lauchhammer. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen. Den Umweg von anderthalb Kilometern schafft er ohne fremde Hilfe nicht. (Foto: rbb/Jahn)
Martin Große vor der Fußgängerbrücke am Bahnhof Lauchhammer. | Bild: rbb/Jahn

Zu wenige Fahrgäste für einen Fahrstuhl

"Es ist unbegreiflich für mich", sagt eine Passantin mit Blick auf die Brücke ohne Fahrstuhl. "Wenn ich ganz ehrlich bin, fühle ich mich wie im falschen Film", sagt Manuela Krengel, Behindertenbeauftragte von Lauchhammer. "Wir wissen alle, dass Barrierefreiheit ein Grundrecht ist."

Martin Große fährt Bahn und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Für ihn bedeutet die jetzige Situation einen Umweg von anderthalb Kilometern, teilweise über Schotter. Das sei ohne fremde Hilfe nicht zu bewältigen, sagt er. Er verstehe das Argument der Bahn nicht, dass ein Aufzug erst ab 1.000 Fahrgästen pro Tag vorgesehen sei: "Sich hinzustellen und zu sagen, das lohnt sich nicht, ist schon Wahnsinn."

Ein Weg aus Schutt, darauf ein Rollstuhl (Foto: rbb/Jahn)
Der Umweg führt teilweise über Schotter. | Bild: rbb/Jahn

Die Deutsche Bahn begründet die fehlende Barrierefreiheit mit einem geringen Personenaufkommen von 300 Reisenden pro Tag. Ab 1.000 Reisenden müssten Aufzüge von der Bahn ansonsten über Drittmittel finanziert werden.

Amtierender Bürgermeister kritisiert Umsetzung

Seit mehreren Jahren wird von der Deutschen Bahn der Übergang geplant, der Hauptteil steht jetzt, im September sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein. Bislang sind Reisende direkt über die Schienen zum anderen Gleis gekommen - ein Bahnmitarbeiter hat dafür eine Absperrung geöffnet.

Amtierende Bürgermeister von Lauchhammer, Jörg Rother, am Bahnhof Lauchhammer (Foto: rbb/Jahn)
Jörg Rother | Bild: rbb/Jahn

Dass das bei geplant höherem Güterzugaufkommen gefährlich ist, sehen alle ein. Aber dass die Überquerung jetzt erschwert wird, ist aus Sicht des amtierenden Bürgermeisters Jörg Rother (parteilos) nicht nachvollziehbar. "Jedes kommunale Objekt, bei dem eine Baumaßnahme erfolgt, muss behindertengerecht erschlossen werden", sagt er.

Die Bahnüberführung sei nicht nur für Menschen mit einer Behinderung ein Problem. "Für manche ist es beschwerlich, also Senioren, junge Mütter oder Väter mit Kinderwagen, selbst Radfahrer könnten ein beachtliches Problem haben", so Rother.

Stadt will Druck machen

Im 20 Kilometer entfernten Ortrand (Oberspreewald-Lausitz) ist der Bahnhofumbau in ein Drittmitttelprogramm der Bahn aufgenommen worden, das wollen die Lauchhammeraner nun auch. Alles andere würde einen Rückschritt bedeuten, sagt Manuela Krengel, die Behindertenbeauftragte von Lauchhammer.

"Sich hinter Zahlen zu verstecken, zu sagen: 'Das ist zu wenig, wir brauchen gar keinen Übergang für Menschen mit Einschränkungen', halte ich wirklich für sehr, sehr frech. Man könnte denken: Mit Meilenstiefeln zurück in eine Zeit, in der es total egal war, wer hier reinkommt und wer nicht."

Bereits vor zwei Jahren habe die Stadt das erste Mal gegen fehlende Aufzüge in den Plänen protestiert. Jetzt wollen der Bürgermeister und Bürger mehr Druck gegenüber der Deutschen Bahn und dem Ministerium für Infrastruktur des Landes Brandenburg aufbauen.

Jeder dritte Bahnhof in Brandenburg nicht barrierefrei

In Brandenburg gibt es 343 Bahnhöfe. Laut dem Verkehrsbund Berlin-Brandenburg (VBB) sind 201 davon barrierefrei (Stand: September 2020). 118 Bahnhöfe – also mehr als jeder dritte – ist gar nicht barrierefrei. 24 sind es zumindest teilweise, mal fehlt ein Blindenleitsystem, mal ein stufenloser Zugang.

2 Kommentare

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  1. 2.

    Die Haltung der Deutschen Bahn offenbart nicht nur Zynismus und unerträgliche Arroganz (wir bauen das nur wenn andere das bezahlen), sondern sie ist schlicht rechtswidrig und verstößt gegen europäische Richtlinien.

  2. 1.

    "DER REALE IRRSINN" ! Liebe Sommergrüße an das NDR-Satiremagazin "extra 3", Ihr habt wieder etwas Futter aus dem rbb-Sendegebiet. Hier im rbb gibt es solch ein herrliches Satiremagazin leider nicht. Oder habe ich da was übersehen/ überhört?!
    Für die Betroffenen ist natürlich die Situation vor Ort natürlich seitens der Deutschen Bahn nicht nur frech, sondern schon sehr arrogant gegenüber ihren Nutzern . Und für die Deutsche Bahn war dieser Brückenbau wohl nur Peanuts, die Bausumme wird jedenfalls nicht erwähnt.
    So wird das nichts mit der erstrebten Barrierefreiheit in Berlin/ BRB Bahnhöfen, und ein Anreiz zur Nutzung der Deutschen Bahn im Umland ist es auch nicht.
    Aber; ist der Ruf erst ruiniert, macht die Deutsche Bahn weiter ungeniert...
    Ich wünsche der Gemeinde Lauchhammer - und auch evtl. anderen betroffenen Gemeinden- viel Kraft beim Kampf gegen die Selbstherrlichkeit der Deutschen Bahn.

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