Gegen Nachwuchssorgen in der Pflege - Cottbuser Klinikum setzt auf Pflegenachwuchs aus Vietnam

Ein Kameramann filmt die Pflegekräfte aus Vietnam bei einem Patienten am CTK Cottbus (Foto: privat)
Video: Brandenburg Aktuell | 04.08.2021 | Anke Blumenthal | Bild: privat

Brandenburg steht in der Pflege vor einer personellen Herausforderung. Zehntausende neue Leute werden in den nächsten Jahren gebraucht. Die Kliniken schauen sich im Ausland um. Das Cottbuser CTK hat nun Nachwuchs aus Vietnam angeworben. Von Anke Blumenthal

Weil die Gesellschaft in Brandenburg altert, werden bis zum Jahr 2030 rund 44.000 neue Pflegekräfte gebraucht. Schon längst werden über bundesweite Programme wie "Triple Win" angehende Pflegefachkräfte aus der ganzen Welt rekrutiert.

Das Carl-Thiem-Klinikum (CTK) in Cottbus wurde nun für ein Pilotprojekt in Vietnam fündig. In dem Land herrscht ein Fachkräfteüberschuss.

Ursprünglich wollte das Krankenhaus einen Versuch mit etwa fünf Personen starten, doch das "habe sich irgendwie verselbstständigt", sagte eine Sprecherin rbb|24. Nach einem Online-Bewerbungsverfahren seien alle 19 Frauen und fünf Männer genommen worden. "Der Bedarf an Pflegekräften ist einfach da", so die Sprecherin.

Azubis mit Medizinerfahrung und Empathie

Seit März lernen die Pflege-Azubis an der Medizinischen Schule des CTK. In dieser Woche waren sie zum ersten Mal auf Station, bei den Patientinnen und Patienten.

"130 zu 80", verkündet Hung Tran am Krankenbett. Soeben hat er unter Aufsicht der Praxisanleiterin Doris Schützka Blutdruck gemessen. Für ihn ist das Routine, denn der 32-Jährige hat in seiner Heimat Vietnam bereits vier Semester Medizin studiert. Dann hörte er vom Triple-Win-Programm der Arbeitsagentur und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, schrieb sich in Hanoi in einen Sprachkurs ein und bewarb sich.

Auch bei Tringh Woong testet Praxisanleiterin Doris Schützka während der Pulsmessung, ob sie alles richtig verstanden hat. Die Antwort der 29-jährigen Anästhesie-Technikerin kommt routiniert, der Tross verlässt das Patientenzimmer. Doch Trinh Woong bleibt unaufgefordert zurück, beugt sich zum Patienten, hilft ihm in den Rollstuhl und fragt "Haben Sie Schmerzen?". Erst dann verabschiedet auch sie sich.

"Sie bringen gute fachliche Voraussetzungen mit, weil sie schon in dem Beruf Erfahrungen in Vietnam gemacht haben. Aber vor allem dieses Empathische, das tut jedem Patienten gut", sagt Doris Schützka.

Auch wenn die fachlichen Voraussetzungen gut sind, durchlaufen alle Azubis die komplette Ausbildung. Eine Anerkennung der Vorkenntnisse sei aufgrund der unterschiedlichen Bildungsabschlüsse im Rahmen dieses Modells nicht möglich, heißt es vom CTK. "Es ist aber für den Eintritt in die praktische Ausbildung sehr hilfreich, hier bereits Bezugspunkte zu haben."

Konsequent Deutsch sprechen

Oberarzt Dai Que Vu aus der Chirurgie lässt sich öfter bei den Neuen im Krankenhaus sehen. Seit elf Jahren lebt und arbeitet er in Cottbus, nun hat er plötzlich 24 junge Landsleute im Haus, für die er ansprechbar ist - vor allem wenn es Probleme mit der Sprache gibt.

Beim Ausfüllen der Patientenakte geht er mit den Azubis noch einmal die Fachbegriffe durch, konsequent auf Deutsch. "Damit sie weiter auf dieser Linie bleiben. Sie müssen auch am deutschen Patienten arbeiten, sie müssen Deutsch sprechen!" Noch fällt es ihnen allen schwer, ein flüssiges und gut verständliches Deutsch zu sprechen. Um das zu ändern, findet zweimal pro Woche ein Sprachkurs auf dem Klinikgelände statt.

Die Pflegekräfte aus Vietnam beim Essen in ihrer WG in Forst (Foto: privat)
Die angehenden Pflegerinnen und Pfleger in ihrer WG in Forst (Spree-Neiße) | Bild: privat

Anschluss-Finden mit Hindernissen

Untergebracht sind die Azubis im 25 Kilometer entfernten Forst. Ihre WG ist spartanisch eingerichtet. Wenn sie frei haben, schauen sie zusammen Fußball oder Olympia und kochen vor allem Gerichte aus der Heimat. Heimweh? "Oh ja, aber ich telefoniere zweimal täglich mit meiner Familie, dann verringert sich das", sagt Hung Trang. Seine beiden Söhne sind vier und sechs Jahre alt. Er hofft, seine Familie nach der Ausbildung nach Deutschland holen zu können.

So richtig angekommen sind sie in der neuen Heimat allerdings noch nicht. Der Lockdown habe Vieles verhindert, sagt die Integrationsbeauftragte der Medizinischen Schule, Katrin Pischon. Ein Willkommensfest in Forst zum Beispiel, oder ein erstes Treffen mit dem Verein der Vietnamesen in Cottbus. 300 Mitglieder hat er, es sind vor allem die ehemaligen Gastarbeiter aus der DDR. Aber auch der Oberarzt Dai Que Vu hat hier vor elf Jahren Anschluss gefunden.

Ausbildung zu heiß begehrten Arbeitskräften

Knapp drei Jahre werden die 24 jungen Frauen und Männer in Cottbus auf der Schulbank sitzen, dann sind sie Pflegefachkräfte, die überall in Deutschland heiß begehrt sein werden. Wenn das Klinikum gute Bedingungen bietet, werden die Azubis auch bleiben, hofft Katrin Pischon.

Am CTK arbeiten laut einer Sprecherin aktuell gut 1.000 Pflegekräfte, die Azubis nicht mitgerechnet. Ihr Altersdurchschnitt liegt bei 47 Jahren. Weitere Verstärkung gibt es ab dem Herbst: Im Oktober sollen erneut 14 Pflege-Azubis aus Vietnam kommen.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 04.08.2021, 19:30 Uhr

18 Kommentare

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  1. 18.

    Warum sollte man das beantworten? Ich habe eher den Eindruck, dass du halt keine Einwanderung willst, als das dich wirklich interessiert, was in den Herkunftsland los ist.
    Da die Geburtenrate dort um einiges höher ist als in Deutschland, nimmt man nichts weg. Es gibt genug Nachkommen.

  2. 17.

    Vielleicht hättest du mal den Artikel sorgfältig lesen sollen. Die Ausbildung wird hier durchlaufen. Daher ist deine Unterstellung von Betrug lächerlich.

  3. 15.

    Okay!
    Und jetzt zurück zu meiner Frage:
    Ist es sinnvoll, dass die "reichen" Länder Arbeitskräfte aus "armen" Ländern holen und dann dort das Gesundheitswesen zusammenbricht?
    Etwas überspitzt!

  4. 14.

    Weil bei asylsuchenden der Aufenthaltsstatus nicht geklärt und damit nicht sicher ist, ob sie für die Dauer der Ausbildung bleiben können!
    Den Menschen aus Vietnam hilft es auch, weil das Geld häufig dorthin abfließt und der Familie zugute kommt, Bildungschancen verbessert, usw! Die unseriösen Agenturen sind ein Problem,nicht das Projekt!

    Ausserdem gilt auch für Asylsuchende die freie Berufswahl nach GG und keine Zwangsarbeit leisten zu müssen, auch wenn ihnen das scheinbar ein rassistischer Dorn im Auge ist.

  5. 13.

    Ja, es gibt natürlich auch Asylsuchende, die in Deutschland arbeiten, auch in Pflegeberufen.

  6. 12.

    Erstmal ja, aber nach 3 Monaten sieht es wieder anders aus.
    Sie dürfen doch dann mit Genehmigung und unter bestimmten Voraussetzungen arbeiten, oder?

    https://www.bmas.de/DE/Arbeit/Fachkraeftesicherung-und-Integration/Migration-und-Arbeit/Flucht-und-Aysl/arbeitsmarktzugang-fuer-fluechtlinge.html

  7. 11.

    Menschen, die hier Asyl suchen, dürfen erstmal gar nicht arbeiten.

  8. 10.

    Die reichen westlichen Länder "kaufen" sich Arbeitskräfte in ärmeren Ländern.
    Und wer versorgt dann dort die Alten und Kranken?
    Warum werden nicht die Menschen ausgebildet, die hier Asyl suchen?
    Zu teuer? Unwillig? Nicht geeignet?

  9. 9.

    Seit Jahren werden ausländische , sehr gut ausgebildete Fachkräfte in die Pflege gelockt und müssen enttäuscht feststellen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Ein großes Unternehmen in Berlin betreibt das ebenfalls& ich weiss aus vorderster Linie, dass es bei den meisten die größte Enttäuschung ist. Schlecht Qualität&Vergütung, verheizt werden sie wie alle anderen Pflegekräfte auch. Zu allem Übel gibt es dann Verträge, die dem Sklavenhandel gleichen. Ganz zu schweigen von dem Schuldenberg der sich über drei Jahre "Ausbildung" anhäuft. Darüber sollte vielleicht mal berichtet werden, lieber RBB
    Mein Beileid an die viatnamesischen Kollegen!!

  10. 8.

    Und wer ist Ansprechpaetner für die Patienten, die weder Pfleger noch Ärzte verstehen? War vor einer Weile Patientin im CTK. Bei der Visite drei Ärzt*innen, alle konnten schlecht deutsch und hatten eine verschiedene Muttersprache. Da bekommt man Angst als Patient. Und es gibt in Cottbus auch niedergelassene Ärzt*innen, die nach jahrelangem Aufenthalt schlecht deutsch sprechen und verstehen. Meine Frage:Warum werden nicht mal die Arbeitsbedingungen für Pfleger und Schwestern verbessern? Das könnte Wunder wirken.

  11. 7.

    Ich bin Angehöriger einer im Pflegeheim bei Vivantes wohnenden. Das Modell beschäftigt mich schon seit Jahren. Es wurde hochgejubelt, und keiner bekommt ein Feedback zum Thema Übernahme, Bezahlung, oder Rückkehr in die Heimat. Fakt ist aber, und das wissen die wenigsten, daß die Ausbildungsvergütung einzig von den Bewohnern bezahlt werden muss. Es ist alles mit dem Senat vereinbart und unanfechtbar, das SGB deckt diese, aus meiner Sicht unsoziale Regelung, ebenfalls. Es ist festzuhalten, daß ein einziger Bewohner zur Zeit monatlich ca. 170,-€ für die Ausbildung eines solchen Modells bezahlt. Viel Spaß in Cottbus mit der zu erwartenden Erhöhung der mtl. Kosten. Für die Konzerne ist gibt es da auch keine Probleme, sollten Bewohner oder Angehörige die Kosten nicht mehr zahlen können, dann zahlt das Sozialamt. Gewinner ist immer der Konzern oder der Betreiber des Hauses.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ralle

  12. 6.

    Ich schliesse mich Ihrer Meinung völlig an. Genau so ist es , es wird nur als Sprungbrett genutzt und dann die ganze Familie nachgeholt.
    Ich glaube wir haben schon genug Kräfte, sie müssten nur ordentlich bezahlt werden und die Arbeitsbedingungen müsen besser werden.

  13. 5.

    Nun ja, wenn man die hiesigen Kräfte besser bezahlen würde, verpasst man die Möglichkeit, kostengünstigere Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben und neben Fallpauschalen und Co noch mehr Profit aus dem Gesundheitssystem zu schlagen, für Aktionäre, Investoren und um Pharmakonzerne zu bezahlen; die nächsten Preisverhandlungen kommen bestimmt, wie für die 3. Impfung z. B., wo die Preise ja auch gestiegen sind.
    Interessant wäre doch für diesen Beitrag gewesen zu erfahren, ob die "Azubis" ebenfalls nach Tarif bezahlt werden, wie die "Ausbildung" hier aussieht (z. B. verkürzt, wenn bereits 4 Semester Medizin studiert wurde) und wie sehen die Übernahmeverträge aus? Befristung, Tariflöhne oder gibt es hier besondere Bedingungen? Kommen die Personen dann in Festanstellung in den Kliniken oder werden sie in Tochterunternehmen angestellt und verleast?
    Ich wünsche allen beteiligten, dass es diesmal vernünftig läuft und nicht neue "Nebelkerzen" sind.

  14. 4.

    Das mit dem "Fachkräfteüberschuss" hat mich auch verwundert. Zumal hier dann doch noch einmal 3 Jahre Ausbildung absolviert werden.
    Es ist ja zu begrüßen, dass Fachkräfte auch im Ausland geworben werden, aber auch die werden nach ein paar Jahren Pflege und Krankenhaus-Alltag ausgebrannt sein. Selbst mit der höchsten Empathie ist das scheinbar kein Traumberuf mehr.
    Es müssen bessere Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Dazu müsste sich aber mehr ändern, als nur die zu ersetzen, die die letzten Jahre frustriert und ausgebrannt ihren Job verlassen haben.

  15. 3.

    Haben Sie wirklich geschrieben, in Vietnam herrsche ein "Fachkräfteüberschuss"?
    Die Menschen dort leben in Armut und besuchen Pflegeschulen als Sprungbrett nach Europa, um ihre Familien versorgen zu können.
    Vielleicht schauen Sie mal nach Großbritannien. Hier werden seit Jahrzehnten "Fachkräfte " importiert, wurden die Regeln des Qualifizierungsnachweise aus gegebenem Anlass drastisch verschäft....!

  16. 2.

    Das gleiche hat in Berlin Vivantes auch schon versucht. Vielleicht könnte man da mal nachfragen wie viele von den Kollegen geblieben sind? Soviel ich weiß ist ein Großteil wieder zurück weil die Kollegen bei solchen Arbeitsbedingungen nicht arbeiten wollten.
    Einige sind auch wieder zurück weil sie großes Heimweh hatten. Die Ausbildung in Vietnam ist deutlich anspruchsvoller wie bei uns. Und vielleicht könnte man einfach die eigenen Pflegekräfte besser bezahlen, und endlich für bessere Arbeitsbedingungen Sorgen, dann müsste man die Pflegekräfte nicht vom anderen Ende der Welt einfliegen lassen.

  17. 1.

    Sparen um jeden Preis. Die tausenden Pflegekräfte die aus Überlastung und Unterbezahlung hingeworfen haben, sind ja noch da. Es gibt keinen Personalmangel, nur einen Unwillen der Träger und der Politik richtig zu bezahlen. Aber leider würde das die rosigen Renditen schmälern und so bleibt nur den Klinik- und Pflegekonzernen der Griff nach ausländischen Kräften. Das die dann zumeist wenig bis kein Deutsch verstehen, ist egal, wie auch die Menschen am Ende der Kette, denn es geht nur um Profit! Renditen von 10-16% müssen ja erspart werden ...

    Bevor wieder irgendwelche Anmerker kommen - wir haben eine Seniorin im Pflegeheim, die auch des öfteren ins Krankenhaus musste.

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