Flutopfer aus Ahrweiler findet in Cottbus neues Zuhause - "Ich war kopflos. Ich habe nichts genommen, nur meine Gitarre"

Adelheit Hergert in Cottbus (Foto: rbb/Schomber)
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Audio: Antenne Brandenburg | 13.09.2021 | Jasmin Schomber | Bild: rbb/Schomber

Die Flut kommt, als Adelheit Hergert im Bett liegt. Plötzlich ist der Strom weg, an ihrer Wohnung schwimmen Gegenstände vorbei, das Wasser im Haus steigt. Die 80-Jährige kann sich retten. Wenige Tage danach findet sie in Brandenburg ein neues Zuhause.

Sie hat alles verloren, bis auf ihren Lebensmut, ein Adressbuch, einige Fotos - und ihre Gitarre. Adelheit Hergert hat mehr als zwei Jahrzehnte in Bad Neuenahr-Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) gelebt, bis Mitte Juli die Flut kam.

"Ich habe keinen Ausweis gehabt, kein Papier, nichts. Nur die Gitarre. Die habe ich hochgehalten, weil das Wasser dann schon bis hierhin war", sagt Adelheit Hergert und zeigt auf ihre Hüfte.

Plötzlich hat sie nur noch 20 Minuten

Das Hochwasser überrascht die Seniorin am späten Abend des 15. Juli, als sie schon im Bett ist. Die Ahr, eigentlich ein "kleines ruhiges Flüsschen", ist inzwischen schon sichtbar angeschwollen. "Der Fernsehen und das Licht gingen um elf Uhr aus. Da bin ich aufgestanden, gucke zum Fenster raus und da kommt ein riesiger lila Karton vorbei."

Adelheit Hergert wundert sich, guckt genauer hin und sieht die Flut. "Da schwimmt der Karton auf dem Wasser! Das begreift man ja erst gar nicht."

Im Hausflur kann die 80-Jährige zuschauen, wie das Wasser immer weiter steigt. "Ich hatte ungefähr 20 Minuten. Und da war ich kopflos. Ich habe nichts genommen, nur die Gitarre." Beim Erzählen kommen der Seniorin die Tränen. "Sie ist mir ans Herz gewachsen, die Gitarre."

Mit geretteten Fotos Richtung Lausitz

Im Schlafanzug und mit dem Instrument in der Hand läuft Adelheit Hergert eine Etage höher, zu einer syrischen Familie. "Dort durfte ich drei Nächte schlafen." Weitere zwei Nächte übernachtet sie im Krankenhaus, wird dort mit Seelsorge, Kleidung und Essen versorgt, dann holt sie ihr Sohn aus dem Hochwassergebiet in die Lausitz, wo er wohnt.

"Er ist noch mit der Polizei gesucht worden. Ich hatte doch keine Nummer im Kopf, nur die Anschrift." Der Sohn setzt sich in Cottbus ins Auto. Es folgen acht Stunden Fahrt nach Rheinland-Pfalz und am gleichen Tag wieder acht Stunden zurück.

Im Auto befinden sich die letzten Dinge, die Adelheit Hergert zusammen mit Helfern aus der verschlammten Wohnung retten konnte, darunter einige Fotos.

Adelheit Hergert und ihr Fahrrad (Foto: rbb/Schomber)
Adelheit Hergert und ihr neues Fahrrad | Bild: rbb/Schomber

Von wildfremder Cottbuserin beschenkt

Cottbus ist für die 80-Jährige kein unbekanntes Pflaster. Vor 50 Jahren war sie schon einmal in die Stadt gekommen, der Liebe wegen. "Und da waren wir hier, bis die Kinder pubertär wurden. Dann sind wir weggezogen."

Adelheit Hergert fühlt sich in Cottbus wohl. "Ich habe von einer wildfremden Frau ein Fahrrad geschenkt bekommen", berichtet sie lachend. "Ich habe gesagt: So ein Fahrrad, wie sie eins haben, bräuchte ich. Und da sagt sie: Ich habe eins im Keller, das bringe ich ihnen morgen."

Im Moment ist die Rentnerin noch in einer Pension untergebracht. Doch am 15. September kann sie ihre neue Wohnung in Cottbus beziehen - genau zwei Monate, nachdem die Flut ihre alte genommen hat.

Mit Informationen von Jasmin Schomber.

Sendung: Antenne Brandenburg, 13.09.2021, 16:40 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    das ist so rührend , die Gtarre als Trostspender ......................Kann ich gut verstehen , bin 72 , Krebskrank und hab mir jetzt eine Bassgitarre gekauft............

  2. 1.

    Man kann Frau Hergert nur alles Gute wünschen.
    Und manches in diesem Bericht ruft bei mir den Gedanken an die Digitalisierung auf den Plan...
    Wieviele Dokumente muss man aufbewahren... man braucht einen Personalausweis...
    Sicher: So manches wie das Einscannen und Hochladen von Dingen, die nicht in Papierform vorliegen müssen (wie z. B. Familienfotos) liegt in der Verantwortung des Benutzers.
    Aber wäre es nicht zumindest eine KLEINE Erleichterung, wenn man sich in einer solchen Situation keine Gedanken mehr über Dokumente machen müsste?

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