Interview | Weltbrustkrebstag - "Ich habe die Entscheidung nie bereut"

Lena Truppel beim Interview im rbb-Studio Cottbus
Lena Truppel im rbb-Interview | Bild: rbb/Josefine Jahn

Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts erkranken jährlich etwa 70.000 Frauen in Deutschland an Brustkrebs, der häufigsten Krebsart bei Frauen. Die 23-jährige Lena Truppel aus Cottbus hat sich vor einem Jahr vorsorglich die Brüste abnehmen lassen.

rbb|24: Frau Truppel, sie hatten keine Krebs-Diagnose und haben sich dennoch mit 22 Jahren dazu entschlossen, sich beide Brüste abnehmen zu lassen. Was hat sie dazu bewogen?

Lena Truppel: In unserer Familie ist das Krebs-Gen sehr verbreitet, das heißt, wir haben ein sehr hohes Risiko, an Brustkrebs und an Eierstock-Krebs zu erkranken. Daran habe ich vor sechs Jahren auch meine Schwester verloren. In meiner Familie ist es bisher so, dass in jeder Generation bis zu meinen Ur-Großeltern mindestens zwei an Krebs erkrankt und daran auch gestorben sind.

Und aufgrund der Tatsache, dass meine Schwester, als sie an Krebs starb, 23 Jahre alt war - so alt, wie ich jetzt bin - bin ich in ein großes Loch gefallen. Ohne meine Familie und Freunde wär ich da nicht rausgekommen. Ich habe sechs Jahre mit mir gerungen, es hieß damals immer schon, es müsse mehr auf Vorsorge geachtet werden und es wurde mir geraten, darüber nachzudenken, meine Brüste zu verkleinern oder vorsorglich abnehmen zu lassen. Es gab viele Gespräche und schließlich hatte ich mich dazu entschlossen.

In mehreren Operationen wurden Ihnen die Brüste abgenommen und körpereigenes Gewebe eingesetzt. Dieser Prozess zog sich über mehrere Monate hin. Wie sehr hat Sie die operative Entfernung ihrer Brüste psychisch belastet?

Ich hatte sehr gute Ärzte, die mich beraten und mir gesagt haben, man könne die Brust wieder aufbauen mit Eigengewebe oder mit Implantaten, so dass die Weiblichkeit erhalten bleibt. Aber tatsächlich war es für mich, weil ich sehr große Brüste hatte, nach der ersten OP sehr schwer. Erstmal habe ich ganz doll geweint vor Freude, diese Last, die im Kopf war, war einfach weg. Nach sechs Wochen habe ich dann in den Spiegel geschaut und gesagt, das bin ich und das ist in Ordnung so. Aber das hat eine Weile gedauert.

Haben sie den Entschluss zur Operation jemals bereut?

Nein, auf gar keinen Fall. Es war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Ich habe auch viel Kritik mitbekommen, positive wie negative. Aber darum geht es ja nicht, es geht um meine Gesundheit. Und ich denke, das ist ein Thema, das viele Frauen betrifft, worüber sie nicht sprechen, es ist immer noch ein Tabu-Thema. Deswegen rede ich darüber auch offen, weil ich denke, es ist wichtig, Frauen und auch Männern zu zeigen, was es für Alternativen gibt. Sich mit der Früherkennung auseinander zu setzen, sich auch den Ultraschall einmal im Jahr beim Frauenarzt zu gönnen, auch wenn es viel Geld ist. Aber ich denke, für die Gesundheit ist das lohnenswert.

Sie sind verlobt, wie ist ihr Partner mit der Situation umgegangen?

Für ihn war das ganz schwer. Wir sind wenige Wochen vor dem Tod meiner Schwester vor sechs Jahren zusammengekommen. Radikal ist er in dieses Familiendrama reingerutscht und hat dann nicht nur meine psychische Last mitbekommen, sondern auch die meiner Eltern und Großeltern.

Aber er hat gesagt, ich habe mich in dich verliebt und möchte bei dir bleiben. Wir machen das hier zusammen. Ich hab damals zu ihm gesagt, du musst das nicht machen, du kannst gehen. Und er sagte, nein, ich hab mich für dich entschieden. Wir hatten viele Hochs und Tiefs. Ich denke, durch reden und die Hilfsangebote, die wir bekommen haben von Psychotherapeuten und Freunden, haben wir das ganz gut gemeistert. Aber für ihn war das eine ganz große Last.

Was können Sie anderen Betroffenen raten?

Schwierig, ich bin ja nicht weise und alt mit 23 Jahren. Aber grundsätzlich würde ich sagen, niemals aufgeben. Ich glaube, jeder Patient und seine Angehörigen kennen dieses Gefühl ganz genau, wenn man eigentlich nur noch aufgeben möchte und wartet, bis alles zu Ende ist. Ich denke aber, dass man mit der Psyche sehr viel steuern kann. Ich habe das bei mir selber gemerkt.

Und vor allem gute Ärzte suchen, denen man vertraut. Es ist ganz wichtig, dass man Ärzte, Freunde, Familie hat, die einen unterstützen und sagen, wir ziehen das hier durch bis es nicht mehr geht oder bis wir es geschafft haben. Und das man auf seinen Körper hört, wenn die Alarmglocken läuten und signalisieren, hier stimmt was nicht, sofort zum Arzt gehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch hat Josefine Jahn für rbb|24 geführt.

Sendung: Antenne Brandenburg, 01.10.2021, 15.10 Uhr

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1 Kommentar

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  1. 1.

    Meinen grössten Respekt für diese Entscheidung und alles Gute für Sie. Und danke an den RBB, dass hier über dieses Thema geschrieben wird.

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