Interview | Traumaberatung für Opfer von DDR-Unrecht - "Die Gefühle kommen nicht hinterher"

Symbolbild: Das Grenzdenkmal an der früheren innerdeutschen Grenze in Hötensleben (Bild: dpa/Peter Gercke)
Bild: dpa/Peter Gercke

Ab Oktober gibt es Traumaberatungen für Opfer von DDR-Unrecht. Bei Sprechstunden in Senftenberg und Neuruppin steht den Betroffenen Petra Morawe zur Seite. Sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur.

rbb|24: Frau Morawe, Sie bieten ja bereits seit einigen Jahren Beratungen an, jetzt aber gezielt Traumaberatungen, warum?

Petra Morawe: Die Landesbeauftragte (Anm. d. Red.: Maria Nooke, Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur) hatte vor einiger Zeit eine Sozialstudie im Auftrag des Brandenburger Landtages durchgeführt. Im Ergebnis dieser Studie mussten wir feststellen, dass 43 Prozent der Betroffenen angaben, dass sie gern eine therapeutische Unterstützung wahrnehmen würden. Da es aber schwierig ist, dass jemand eine solche Unterstützung anbietet, der Kenntnisse von DDR und SED-Repressionen hat, soll mit der neuen Möglichkeit diese Lücke geschlossen werden. Und da ich Erfahrungen auf diesem Gebiet habe, war ich gern bereit, diese Aufgabe zu übernehmen.

Zur Person

Petra Morawe

Geboren 1953 in Ost-Berlin. Sie war in der DDR Bürgerrechtlerin, Mitgründerin des Neuen Forums und Sprecherin von Bündn is 90. Nach der Wende hat sie sich aktiv mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur beschäftigt. 2021 wurde sie mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik ausgzeichnet.

Es sind jetzt fast 32 Jahre seit dem Mauerfall vergangen, warum kommt dieses Angebot jetzt?

Mann muss sich das so vorstellen, das, was damals Menschen zugefügt worden ist, an Verletzungen seelischer und körperlicher Art, ist ja nichts, was einfach heilt. Wenn man als Mensch in seinen Grundfesten seiner Persönlichkeit erschüttert wird, so stand es direkt in den Handlungsanweisungen der Staatssicherheit, dann heilen diese Verletzungen nicht einfach. Weil man nicht daraus hervorgeht, sich schüttelt und feststellt, jetzt ist alles wieder gut.

Ist es denn eine Heilung überhaupt möglich?

Die betroffenen Menschen wissen, dass sie nicht mehr heil werden, das haben 90 Prozent angegeben, dass sie keine Heilung mehr erwarten. Aber sie wollen mit den Belastungen besser umgehen und in ihren Alltag integrieren. Sie wollen nicht ständig von diesen Belastungen behelligt und dadurch in ihrer Lebensführung beeinträchtigt werden.

Wie äußern sich diese Traumata?

Es ist zum Beispiel so, dass Menchen, die politische Verfolgung erlebt haben, durch Straßen gehen oder zu Hause sitzen und plötzlich gibt es ein Geräusch, einen Geruch, ein Ton, ein Wort. Durch diese Reize kann es passieren, dass diese Menschen in ihre Erinnerungen katapultiert werden. Und das nehmen sie so wahr, als würde es gerade jetzt passieren. Das ist der Zustand, den viele permanent erleben. Auch wenn sie wissen, dass wir im Jahr 2021 leben, kommen die Gefühle nicht hinterher. Dieser Vorgang ist etwas, was zu den belastenden Erscheinungen gehört. Und in der Traumaberatung, die ausdrücklich keine Therapie ist, kann man mit mir besprechen, wie man mit diesen Erinnerungen lernen kann, anders umzugehen. Um etwas mehr Lebensqualität am Ende des Lebens für sich zu gewinnen.

Können Sie das etwas konkretisieren?

Wenn jemand zum Beispiel in Haft saß und er hört jetzt ein lautes Schlüsselbund irgendwo klappern, dann gibt es nicht wenige Menschen, die bis heute bei diesem Geräusch zusammenzucken, weil es sie sofort in ihre Zelle zurückbeamt. Und sie müssen dann mit sich arbeiten, um dieses Gefühl, das sie damals hatten, dieses ausgeliefert und bedroht sein, die Angst, was jetzt gleich passiert, zu beherrschen. Diese Gefühlüberflutungen von damals passieren heute auch, vielleicht etwas abgeschwächt. Die Vergangenheit lässt die Betroffenen nicht los.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Das Gespräch hat Anke Blumenthal für rbb|24 geführt.

Sendung: Antenne Brandenburg, 04.10.2021, 14.40 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    In der DDR gab es natürlich den Sozialismus, aber die Staatsführung, von der die Diktatur ausging, waren erklärte Kommunisten. Von daher stimmt es schon, zumal das Gesellschaftsziel ja tatsächlich Kommunismus war und der Sozialismus nur als notwendige Zwischenstufe angesehen wurde.

  2. 2.

    Ach, kann man so stehen lassen.
    Sozialismus, bzw. soziale Gerechtigkeit gab es ja auch nicht.

  3. 1.

    „ Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur …)
    In der DDR gab es schon den Kommunismus? Das ist mir garnicht aufgefallen ….

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