Südbrandenburg - Preissteigerungen sorgen für "existenzielle Not" bei Tafeln

Mi 02.03.22 | 15:21 Uhr
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Ein Zettel an einer Scheibe der Cottbuser Tafel erklärt die Preissteigerung (Foto: rbb/Friedrich)
Audio: Antenne Brandenburg | 02.03.2022 | Daniel Friedrich | Bild: rbb/Friedrich

Essen, Strom, Benzin - all das wird teurer. Die Inflation ist auf über fünf Prozent gestiegen. Das trifft besonders diejenigen, die sowieso wenig haben, wie die Kunden der Tafeln. Doch die Einrichtung, die anderen helfen will, braucht nun selbst Hilfe. Von Daniel Friedrich

Die Tafeln in Südbrandenburg bekommen die Inflation nach eigenen Angaben sehr zu spüren. Von einer dramatischen Situation spricht Kai Noack, der Geschäftsführer des Brandenburger Albert-Schweitzer-Familienwerks. Es betreibt die Tafeln in Cottbus, Spremberg, Welzow (Spree-Neiße), Lübben, Luckau und Golßen (Dahme-Spreewald). Die Mehrkosten würden dazu führen, "dass viele Tafeln in existenzielle Not geraten", so Noack.

Seit März werden die Kunden der Cottbuser Tafel deshalb gebeten, pro Besuch eine Spende von drei Euro zu zahlen, um die gestiegenen Kosten abzudecken. Bisher waren es zwei Euro. Vor allem die Kosten für Strom und Benzin sind in den vergangenen Monaten gestiegen.

Vor allem Backwaren wie Brot und Kuchen sind deutlich teurer geworden. Die Nachfrage danach ist bei der Cottbuser Tafel gestiegen (Foto: rbb/Friedrich)
Vor allem Backwaren wie Brot und Kuchen sind deutlich teurer geworden. Die Nachfrage danach ist bei der Cottbuser Tafel gestiegen | Bild: rbb/Friedrich

Eine Idee der Bedürftigen

Der Anstoß für die Preissteigerung ist laut Noack von den Kunden selbst gekommen. Er habe sich gefreut, dass der Vorschlag gekommen sei, den Spendenobolus temporär zu steigern, solange die Preise steigen. "Sobald die Kosten wieder auf einem normalen Niveau sind, werden wir auch wieder zurückfahren", betonte Noack.

Die höheren Kosten spüren die Tafeln den Angaben zufolge an verschiedenen Stellen. Sie haben durch die Kühlräume für die Lebensmittel einen hohen Energiebedarf. Außerdem müssen sie ihre Autos regelmäßig betanken, um die Waren abzuholen. "Wenn wir vorher ein Fahrzeug für 65 Euro betankt haben und tanken jetzt für 105 Euro, dann ist das ein enormer Anstieg", so Noack. Sparmöglichkeiten gebe es kaum. Der Tafel-Chef rechnet in Cottbus für dieses Jahr mit Mehrkosten von rund 20.000 Euro - vor allem, weil Energie teurer geworden ist.

Der Chef der Cottbuser Tafel Kai Noack im rbb-Interview (Foto: rbb/Friedrich)
Der Leiter der Südbrandenburger Tafeln, Kai Noack | Bild: rbb/Friedrich

Hoffnung auf Hilfe

Auch wenn für die meisten Kunden die Preiserhöhung nachvollziehbar sei, kann sie aus Sicht von Kai Noack keine Lösung sein. Er will nun Gespräche mit Energieversorgern und der Stadt führen, um Unterstützung zu bekommen. "Wenn ich das hier auf Cottbus beziehe, würde ich mir schon wünschen, dass Tankstellen sagen: Wir richten ein Kontingent für die Tafel ein, wo ihr vielleicht ein, zwei Mal im Moment tanken könnt. Die Stadtwerke Cottbus könnten gerne sagen: Okay, wir erlassen euch einen Teil."

Veränderte Kundschaft durch Pandemie

Die Zahl der Bedürftigen, die in Cottbus auf Hilfe der Tafel angewiesen sind, liegt seit Jahren bei etwa 5.000. Zur Eröffnung von zwei neuen Ausgabestellen Anfang des Jahres sagte Kai Noack, dass sich das Publikum, auch durch die Corona-Pandemie, verändert habe.

"Es sind zum Beispiel viele Leute, die jetzt in Kurzarbeit waren, die vor ein bis zwei Jahren nicht damit gerechnet hätten, mal auf Hilfe der Tafeln angewiesen zu sein." Es seien aber auch Alleinerziehende, die einen Beruf haben und trotzdem auf ergänzende Hilfen des Staates angewiesen sind. Darüber hinaus seien viele Studenten hinzugekommen, die keine Verdienstmöglichkeiten, beispielsweise in der Gastronomie, mehr hatten.

Sendung: Antenne Brandenburg, 02.03.2022, 14:40 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Das Problem ist mir seit Jahrzehnten bekannt, aber auch der Politik, die sich all die Jahre geweigert hat das Problem anzugehen und zu beseitigen. Das Problem wird sich weiter ausbreiten die Verteilung der Waren komplizierter, aber auch die Beschaffung wird zu einen Streit der Kommunen/ Landkreise führen, weil einzelne Tafeln in Nachbar Landkreise schon wildern. Ein anderes Problem sieht man am Beispiel Sitzblockaden in Berlin Thema: Verderbliche Ware, wenn es diese nicht mehr gibt, wie soll dann noch die Lebensmittelausgabe der Tafeln funktionieren?

  2. 6.

    Es gibt mehr Bedürftige durch die Corona-Pandemie-MASSNAHMEN ! Das ist ein bedeutender Unterschied. Es ist zu wünschen dass das bei - hoffentlich nicht notwendigen - möglichen Maßnahmen im nächsten Herbst bedacht wird und es müssen ggf. andere Hygiene-Konzepte vorgenommen werden die die Armutsvergrößerung und Existenzbedrohung durch faktische Berufsverbote vermeiden.

  3. 5.

    Es wäre schön wenn wir in Deutschland einen Sozialstaat hätten, der die Tafeln überflüssig macht. Wenn doch nur mal eine sozialdemokratische Partei an der Regierung wäre, die könnten sowas vielleicht umsetzen.

  4. 4.

    Also das liegt doch an den Sanktionen, oder etwa nicht? Ansonsten Klimamaßnahmen, Fairtrade... hat eben alles Konsequenzen. Drehste hier am Rädchen, fällt irgendwo etwas anderes um.

  5. 3.

    Also das tut mir leid. 2 oder eben auch 3Euro sind von den Tafelkunden doch bestimmt aufzubringen. Die Miete umsonst, zusätzlich Geld zum Leben, extra Energiegeld, zusätzlich Geld für Kinder......Also ich weiß ja nicht, umsonst ist das Leben nicht.

  6. 2.

    Das Wort „Spende“ impliziert, dass es eine freiwillige Abgabe ist. Ansonsten wäre wohl von einem „Unkostenbeitrag“ die Rede. Somit sollten dort also auch Menschen, die diese 3€ partout nicht aufbringen können – also die, die es ganz besonders nötig haben – Lebensmittel bekommen. Es wäre ja zu schön, wenn sich ein etwas solventerer „edler Spender“ fände (oder vielleicht ein Unternehmen?), der (bzw. das) die Tafeln unterstützen und diese Erhöhung (evtl. auch nur anteilig) kompensieren könnte …

  7. 1.

    "Sind wir leider gezwungen unseren Spendeobolus" ... @rbb Ist das wirklich eine Spende, die freiwillig erbracht werden kann? Oder muss die gezahlt werden?
    Die Formulierungen wirken irgendwie so als ob mensch ohne die "Spende" nix bekommt.

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