Mehr Artenvielfalt - 60.000 Hektar sollen in Brandenburg zur Wildnis werden

Fr 27.05.22 | 14:25 Uhr | Von Aline Lepsch
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Symbolbild:Auf einer Weide unweit der brandenburgischen Ortschaft Neuzelle (Oder-Spree) begegnen sich ein Uhu und eine neugierige Kuh. (Quelle: dpa/P. Pleul)
Video: rbb24 Brandenburg aktuell | 26.05.2022 | Aline Lepsch | Bild: dpa/P. Pleul

Zwei Prozent der gesamten Landesfläche in Deutschland sollen zu Wildnisgebieten werden. Während Naturschützer den Plan begrüßen, befürchten Touristiker, dass viele Flächen für die Nutzung verlorengehen - und der Wald noch mehr Schaden nimmt. Von Aline Lepsch

Ein Waldstück bei Neu Zauche im Landkreis Dahme-Spreewald: Es zwitschert und zirpt. Ein Stück unberührte Natur. "Wir brauchen diese Rückzugsräume, um die Artenvielfalt in Brandenburg zu erhalten", sagt der Leiter des Biosphärenreservates Spreewald, Eugen Nowak, "dazu sind wir auch durch gesetzliche Regelungen verpflichtet."

Laut dem Bundeswildniskonzept sollen sich zwei Prozent der Landfläche in Deutschland ohne Eingriff durch den Menschen entwickeln, bei den Waldflächen sind es fünf Prozent. Die Natur bleibt dann sich selbst überlassen. In Brandenburg sollen insgesamt 60.000 Hektar als Rückzugsorte für Tiere und Insekten dienen - etwas mehr als die Fläche des Bodensees.

Eugen Nowak, Leiter des Biosphärenreservates Spreewald (Bild: rbb)
Eugen Nowak, Leiter des Biosphärenreservates Spreewald | Bild: rbb

Verzicht auf Forstwirtschaft könnte einiges sparen

30.000 Hektar seien vom Bund bereits anerkannt, sagt Nowak. "Jetzt sind wir dabei, aus dem Wald, der dem Land Brandenburg gehört, 15.000 weitere Hektar zusammenzusuchen, die dann dem Bund vorgeschlagen werden", so der Leiter des Biosphärenreservates Spreewald.

Das können ehemalige Truppenübungsplätze oder Tagebaulandschaften sein - aber eben auch Waldgebiete wie das im Spreewald. So liegt der Kahnhafen Neu Zauche genau zwischen einem bereits anerkannten Waldgebiet und einem Teilgebiet, das demnächst anerkannt werden soll.

Laut Nowak ergibt das Sinn. "Hier im Spreewald ist die Forstwirtschaft im Moment defizitär", sagt er. Das Holz könne nur mit sehr viel Aufwand aus dem Wald geholt werden, beispielsweise mit Seilkränen. Das sei teuer. Wird die Forstwirtschaft in dem Gebiet um Neu Zauche eingestellt, würde das Land Brandenburg sogar sparen.

Anwohner befürchten schlechteren Zustand der Natur

Doch nicht alle Spreewälder sind von dem Plan begeistert. Einige befürchten Einschränkungen in der einzigartigen Natur- und Tourismuslandschaft. Die Sparmaßnahmen würden auf Kosten des Hochwaldes gehen, sagt beispielsweise Kahnfährmann Yves Schwarz. Die Schwarzerlen seien durch Stürme und Hochwasser ohnehin schon in Mitleidenschaft gezogen - sie bräuchten die Bewirtschaftung, damit sich der Wald erholen kann, so Schwarz.

"Das war der dichteste, schönste Hochwald, den es je gegeben hat. Das ist traurig, den heute so zu sehen, dass er sich selbst überlassen wird", sagt der Kahnfährmann beim Anblick der geschundenen Bäume.

Auch Jens Martin, parteiloser Bürgermeister von Alt Zauche-Wußwerk ist gegen die Wildnis. "Es passiert dann Folgendes: es verkrautet und verlandet. Die Fließe fließen nicht mehr", sagt Martin. Das Wasser würde sich noch mehr stauen, die Bäume würden noch mehr Schaden nehmen, ist er sich sicher: "Das kann so nicht weitergehen."

Das geplante Wildnisgebiet im Spreewald (Bild: rbb)Das geplante Wildnisgebiet im Spreewald

Wasser- und Wanderwege sollen erhalten bleiben

Auch bei der jetzt neu geplanten Wildnisfläche würde das passieren, befürchten Schwarz und Martin. Anwohner hätten Angst, dass nun alles zur Wildnis werden soll und damit auch keine Fließe mehr befahren und Waldwege nicht mehr genutzt werden können.

Reservatsleiter Nowak hält dagegen. Die Wasser- und Wanderwege sollen bleiben, der Tousimus nicht eingeschränkt werden, versichert er. "Sodass man diese wunderbaren Wildnisflächen wirklich auch erleben kann", so Nowak. Denkbar wäre also, dass die Wege weiter gepflegt werden, auch wenn der Wald drumherum sich selbst überlassen bleibt.

Yves Schwarz und Jens Martin zweifeln dennoch. "Es wurde uns zu viel mündlich versprochen. Wir fordern jetzt Verträge, die wirklich wasserdicht sind, auf die wir uns verlassen können", sagt Bürgermeister Martin. Damit, ist er sich sicher, würde den Leuten die Angst vor den Plänen genommen werden.

Noch ist unklar, ob der Hochwald komplett zur Wildnis wird. Und unklar ist für viele auch weiterhin, welcher Weg der beste für die Natur ist: das absichtliche In-Ruhe-Lassen - oder das aktive Erhalten.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Beitrags hieß es, zwei Prozent der Waldfläche sollen zu Wildnisgebieten werden, es sind aber zwei Prozent der Landfläche und sogar fünf Prozent der Waldfläche. Am Ende soll es 60.000 Hektar Wildnis geben. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 26.05.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Aline Lepsch

16 Kommentare

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  1. 16.

    Zwei Prozent ist Mindestvorschrift. Dazu hat sich Deutschland schon längere Zeit verpflichtet, das Ziel aber nicht eingehalten. Natürlich müssen dann zuerst wieder die Bedenkenträger zu Wort kommen. In Ländern, die wir gerne kritisieren, ist der Anteil viel höher. Bei uns jedoch wird verhindert und verweigert.

  2. 15.

    In der Tat. Das Tierchen freut sich und hilft bei der Umgestaltung mit. Taufrisch (27.05.2022 ) bei ...
    https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/klima-wald-borkenkaefer-harz-100.html
    Wie der Borkenkäfer dem Wald hilft, zu heilen

    Aber keine Sorge, die Schrankwand "Eiche rustikal" dürfte sicher sein.

  3. 14.

    Den Borkenkäfer freut es. Im Harz hat er ja schon gezeigt, wie er ohne Bekämpfung arbeitet!

  4. 13.

    NABU und co und auch Stiftungen haben große Waldflächen in ihrem Besitz, wollen aber dafür nicht viel Flächen zur Verfügung stellen! Da wäre auch Potenzial, man sollte auf die Menschen vor Ort hören.

  5. 12.

    Die Bezugsgröße für die 2% ist die Landesfläche und nicht die Waldfläche. Die Landesfläche beträgt 2,9 Mio. Hektar. Auf die Waldfläche bezogen sollen 5% der Natur gewidmet werden. Insgesamt ist die Initiative des Landes sehr zu begrüßen.

  6. 11.

    .. mehr Widnis wagen ist sehr gut, es braucht mehr sich selbst überlassenen Wald, sich selbst überlassene Landschaft, als wenigstens diesen Ausgleich zur allörtlichen Regulierung und Gestaltung durch den Menschen. Wenn der Hochwald mich hält, hält er nicht, die Wildnis kann halten und Wasser am besten regulieren helfen.

  7. 10.

    Ist bei meinem Hektar schon seit Jahren der Fall:
    Reh, Fuchs, Waschbär,... Abends kommen sie alle :)

    Nur der Wolf war leider noch nie da.

    Ich träumte schon oft ihn heulen zu hören.

  8. 9.

    sorry, könnt ihr alle mal klar denken. wir haben alle nix davon, wenn ihr mit paragraphen kommt, es geht um die Natur

  9. 8.

    Es sind wohl deutlich mehr als zwei die Zweifel am (Nichts-) Tun für die Wildnis haben. Der Spreewald war und ist eine vom Menschen behutsam gestaltete Natur- und Kulturlandschaft. Dazu gehörte immer die Nutzung kleinteiliger Flächen für die Landwirtschaft und der rabattenartige Anbau von Schwarzerle zur Holznutzung. Und dafür hat jeder Landnutzer auch etwas getan, er lebte ja schließlich davon. Es wurden Abläufe (Zirren) angelegt, die Hochwässer und Staunässe haben abfließen lassen. Gräben und Abläufe wurden gepflegt. Es blühte und zwitscherte. Schon der zweite Satz von Herrn Nowak beschreibt das Desaster, dass man: "durch gesetzliche Regelungen verpflichtet ist...". Seit Bestehen des Biosphärenreservates "Spreewald" im Jahr 1990 denkt man sich ja das alles viel besser geworden wäre. Leider gehen uns Leittierarten seit Jahren verlustig. Man sollte über eine verfehlte Naturschutzpolitik in Brandenburg nachdenken.

  10. 7.

    Mehr Wildnis wagen!

  11. 6.

    Truppenübungsplätze sind auf jeden Fall geeignet. Dort entfaltet sich die Natur eh schon und tut dies auch weiter, weil wir Menschen nicht rein dürfen. Aus meiner Sicht viel sinnvoller, als diese zu roden und darauf Solarzellen zu bauen. Dafür können wir Dächer und Brachen verwenden.

    https://www.bz-berlin.de/brandenburg/370-hektar-brandenburger-wald-weg-fuer-solarpark

  12. 5.

    Weiterführendes kann man bei https://www.bfn.de/wildnisgebiete lesen. Dort ist auch ein Link zur Stiftung Naturlandschaften Brandenburg https://www.stiftung-nlb.de/de/wildnisgebiete . Gleich auf der Startseite eine kleine Grafik wo ersichtlich ist, das allein die ehem. Truppenübungsplätze einen wohl größeren Umfang als die Stiftungsflächen haben. Es ist also viel Platz für "Unordnung".

  13. 4.

    60.000 Hektar und 2 % Flächlein sind nicht viel. Die kann man den restlichen Mitlebewesen ruhig überlassen. Es bleiben schließlich noch 98% Fläche für Profit oder / und menschlichen Eigennutz.

  14. 3.

    Klingt Interessant - bitte am Thema dran bleiben.

  15. 2.

    Wer hat in Mathe nicht aufgepasst? Brandenburg hat meines Wissens rund 1,1 Millionen Hektar Wald. 2% davon sind nach meiner Rechnung 22000 Hektar, nicht 60000.

  16. 1.

    Nicht klar ist, warum 2% statt "2,45%" der richtige Wert ist und wie ausgewählt wird. Die "Forst-Kassenlage" oder ob Förster "Karl" Rentner wird wäre kein Hinweis auf Naturschutz/Waldumbau, eher Alibi der "Nichtstuer". Die Spreewälder, u.a. vor Ort, sollte man schon ernst nehmen und zuhören. Was die sagen stimmt, weil die vor-Ort-Kenntnisse haben. Die "Schreibtisch-NIMBYs" tragen die Folgen nicht...

    P.S. Sieht man auch an Seen, wo man das Schilf nicht mehr zurückschneidet: kaum noch Singvögel, aber jede Menge Raubtiere, plus Neue invasive Raubtierarten...

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