"A serbski?" - Zahlreiche Straßenschilder in Cottbus mit sorbischer Botschaft überklebt

Fr 27.05.22 | 15:46 Uhr
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Mehrere beklebte Schilder in Cottbus (Bild: rbb/Lepsch)
Video: rbb|24 | 29.05.2022 | Material: rbb24 Brandenburg aktuell | Bild: rbb/Lepsch

Nachdem in Cottbus sorbischssprachige Straßenschilder überklebt worden waren, gibt es nun offenbar eine Retourkutsche. Auf Schildern, auf denen die vorgeschriebene Zweisprachigkeit nicht eingehalten wird, prangt nun eine sorbische Botschaft.

Anfang des Jahres wendet sich Torsten Mack an den rbb. Mack ist Mitglied des Regionalvorstandes der Domowina - dem Dachverband der Sorben und Wenden. In mehreren Fällen hatten Unbekannte damals die niedersorbischen Straßenbezeichnungen in Cottbus überklebt. In allen Fällen war der deutsche Straßenname noch lesbar, der niedersorbische häufig nicht mehr.

Mack sagte damals, er gehe von einer gezielten Aktion gegen die Zweisprachigkeit in der Stadt aus. Auch der Domowina-Pressesprecher Marcel Braumann sprach von einer vorsätzlichen Tat.

Laut Stadt sollten die Überklebungen schnell entfernt werden. Unbekannte haben nun aber offenbar mit einer Retourkutsche reagiert. Zahlreiche Straßen- und Verkehrsschilder in Cottbus, die nicht zweisprachig sind, sind nun ihrerseits mit sorbischen Botschaften überklebt worden.

75 Prozent aller Schilder sind zweisprachig

Auf den markanten roten Stickern, die nun in der Cottbuser Innenstadt, vor allem in der Bahnhofsstraße, zu sehen sind, steht kurz: "A serbski?" - zu deutsch: Und sorbisch? Sie sollen offenbar die Frage aufwerfen, warum die Schilder nicht zweisprachig beschriftet sind. Die zweisprachige Frage, "Wie heißt es auf Sorbisch?" ist kleiner darunter geschrieben.

Der Vorwurf geht offenbar an die Stadt selbst. Cottbus habe aber einen "sehr guten Stand der Zweisprachigkeit", wie die Sorbenbeauftragte Anna Kossatz-Kosel sagt. Etwa 75 Prozent der Straßenschilder seien zweisprachig - Tendenz steigend. Schilder würden grundsätzlich dann zweisprachig, wenn sie erneuert werden oder etwas neu gebaut würde, so Kossatz-Kosel.

Die Stadt gehe sogar noch über ihre gesetzliche Verpflichtung hinaus, indem beispielsweise auch Parkautomaten die niedersorbische Sprache anböten. Für alle Schilder sei die Stadt aber nicht zuständig, sondern auch Land und Bund. Kossatz-Kosel verweist dabei auf die Verkehrszeichen nach der Straßen-Verkehrsordnung. Auf diese habe Cottbus keinen Einfluss.

Die Sorbenbeauftragte begrüßt die Sticker-Aktion inhaltlich sogar. Die Macher der Aktion würden damit nur die gesetzliche Vorgabe einfordern. Sie würde gern mit den Menschen ins Gespräch kommen, sagt sie dem rbb. Doch die Macher sind unbekannt. Auch dem Dachverband Domowina sind die Initiatoren nicht bekannt - Kossatz-Kosel geht von wahrscheinlich jüngeren Menschen aus.

Weiteres beklebtes Schild in Cottbus (Bild: rbb/Ludwig)Weiteres beklebtes Schild in Cottbus

Filmische Vorlage für Sticker-Aktion?

Auch Torsten Mack von der Domowina begrüßt die Aktion. Er selbst würde sich beispielsweise eine zweisprachige Beschriftung der Cottbuser Arbeitsagentur wünschen, wie er sagt. "Warum sollen Landes- oder Bundesbehörden nicht auch zweisprachig sein?", fragt er. Cottbus biete viele gute Beispiele für gelebte Zweisprachigkeit, Mack wünscht sich dennoch noch mehr, wie er sagt. Insbesondere Orte mit sorbischer Geschichte sollten zweisprachig beschildert sein, so etwa der Cottbuser Gerichts- oder Schlossberg, der ursprünglich ein sorbischer Burgwall gewesen sei.

Auch Mack kennt die Köpfe hinter der Aktion nicht, bemerkt aber, dass die Sticker mittlerweile gezielter eingesetzt werden. Nach wie vor kämen neue hinzu.

Vor zehn Jahren gab es so eine Aktion auch schon in der Oberlausitz - allerdings auf Obersorbisch. Bei der "Lausitzer Filmschau" im Rahmen des Cottbuser Filmfestivals war 2012 bereits ein Kurzfilm zu sehen, in dem eine Gruppe junger Sorben ebenfalls mit Stickern Schilder ihrer Region überzieht. Der Kurzfilm behandelte das, was jetzt viele auch als Ursache für die Aufkleber in Cottbus sehen: die Unterrepräsentanz der sorbischen Sprache im angestammten Siedlungsgebiet der Sorben und Wenden.

Verursacher bleiben unbekannt

Viele vermuten hinter der Sticker-Aktion das "Kolektiw Wakuum" - eine junge Cottbuser Aktionsgruppe, die sich für das Niedersorbische einsetzen will. Vertreter versicherten dem rbb aber, sie hätten mit den Aufklebern nichts zu tun.

Hagen Stoletzki, selbst zwar nicht Mitglied des "Kolektiw", aber "zumindest Sympathisant", wie er selbst sagt, steht dennoch hinter der Aktion. "Zweisprachigkeit wird oft auf Straßenschilder reduziert", bemängelt er. Er und die Mitglieder des Kolektiw Wakuum wollen sich vor allem für niedersorbische Kultur und Kunstwerke einsetzen, beispielsweise für wendische Wandgemälde, die in den letzten Jahren vermehrt aus dem Stadtgebiet verschwunden sind.

Kritisch sieht aber auch Stoletzki die Aufkleber in der Stadt nicht. "Aufkleber verkleben ist kein Verbrechen. Wenn die Schilder zweisprachig wären, dann wäre es ja auch gar nicht notwendig", sagt er.

Auch Hagen Stoletzki fordert, wie viele andere, mehr Konsequenz bei der Umsetzung der Zweisprachigkeit. Alle Haltestellen müssten in der Straßenbahn auch auf Niedersorbisch angesagt werden, nicht nur einige, sagt er beispielhaft.

So bleiben die Aufkleber in Cottbus ein Zeigefinger, der auf die Umsetzung der gesetzlichen Zweisprachigkeit pocht. Echte Kritiker der Aktion sind nicht bekannt - die Verursacher bleiben dennoch weiter unbekannt.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 27.05.2022, 19:30 Uhr

11 Kommentare

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  1. 11.

    Also nun mal richtig, die Sachsen verlangen dann auch ihre zweisprachigen Schilder, die Bayern auf bayerisch, die Norddeutschen auf platt und die Urberliner auf berlinerisch u.s.w. Sind ja irgendwie alles Minderheiten in Deutschland. Außer natürlich die Bayern. Und nun ist die Ironie zu Ende.

  2. 10.

    Und wo sehen Sie im vorliegenden Fall so eine "erhebliche und nicht nur vorrübergehende" Veränderung?
    Das nennt man groben Unfug ....!

  3. 9.

    Und extra für Sie: Strafbar ist, wenn eine fremde Sache NICHT NUR unerheblich und vorübergehend verändert wird. Das Anbringen von Aufklebern, wie in diesem Fall, zählt daher ganz sicher nicht dazu. Also wenn Sie hier schon (naseweis) Gesetzestexte zitieren, sollten Sie zuvor deren Sinn erfasst haben, "Ungläubiger".

  4. 8.

    Extra für Sie:
    "
    (2) Ebenso wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert."
    Link: www.gesetze-im-internet.de/stgb/__303.html

  5. 7.

    Verkehrszeichen sind in der StVO bis ins Detail genau definiert und vorgeschrieben. Schon kleinste Abweichungen davon führen zur Ungültigkeit der gesamten Schilder-Kombination. Eine Zweisprachigkeit ist daher rechtlich gar nicht möglich, ohne dies in die StVO aufzunehmen, was angesichts des kleinen Geltungsgebietes doch etwas übertrieben wäre. Am Ende verlangt die dänische Minderheit das auch und wir haben drei Varianten vieler Verkehrszeichen. Man sollte es einfach mal nicht übertreiben. Es ist richtig und gut, dass die sorbische Minderheit sichtbar ist, aber sie ist eben nun mal ein Teil von Deutschland.

  6. 6.

    Sie irren leider. Eine Substanzschädigung ist gar nicht erforderlich, um den Tatbestand zu erfüllen. Bereits die Tatsache, dass jemand die Aufkleber nur wieder mit einem gewissen Aufwand entfernen kann, reicht aus. Die ganze Aktion ist kindisch und man hat sich damit auf das gleiche Niveau wie die Hohlbirnen vorher herabbegeben.

  7. 5.

    Dass touristische Hinweisschilder zweisprachig ausgeführt werden, wäre diesem auch touristisch als sorbisch / wendisch vermarktetem Gebiet angemessen. Aber amtliche Verkehrsschilder außer in der Amtssprache Deutsch noch in anderen Sprachen auszuführen, geht dann doch ein wenig übers Ziel hinaus.
    Hoffentlich sind dies Folienaufkleber, dass der Stadtbauhof oder wer auch immer die Dinger leicht wieder abziehen kann, damit sich dieser Sturm im Wasserglas wieder legt.

  8. 4.

    ...das sehe ich auch. Man muss darauf aufmerksam machen und die Aktion ist gelungen. Es wird darüber berichtet und die beklebten Schilder nehmen nun wirklich keinen Schaden...

  9. 3.

    Sachbeschädigung!
    Wo bitte genau liegt hier eine Substanzverletzung vor?
    Jetzt lasst mal brav die Kirche im Dorf und kriegt Euch wieder ein. Die Botschaft dahinter ist das eigentlich Interessante und sollte zum Nachdenken bewegen!

  10. 2.

    Sachbeschädigung ist zwar kein Verbrechen, aber ein Vergehen - auf jeden Fall ist es eine Straftat.

  11. 1.

    Dass u.a. das Serbski Dom, das 'Wendische Haus', nur auf Deutsch angezeigt wird, ist schon kurios. Tatsächlich sollten hier 100% der Schilder zweisprachig sein. In der Tram die Schillerstr auch als Schillerowa droga anzusagen, hat m.E. nicht so viel sprachkulturellen Mehrwert, aber warum nicht. Zweisprachige Verkehrszeichen scheinen mir aber unnötig. Deutsch ist nun mal hiesige Verkehrssprache und sollte fürs Amtliche benutzt werden. Sorbisch kann für die schöneren Dinge lebendig gehalten werden.

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