Armut im Alter - "Ich trage jeden Freitag Zeitungen aus, damit ich 100 Euro mehr habe"

Di 28.06.22 | 08:02 Uhr
  71
Symbolbild: Eine Senioren an der Treppe zum Konzerthaus auf dem Gendarmenmarkt. (Quelle: Karl-Heinz Spremberg)
Audio: Inforadio | 28.06.2022 | Lukas Kuite | Symbolbild | Bild: dpa/Karl-Heinz Spremberg

Trotz anstehender Rentenerhöhung bleibt Altersarmut ein großes Problem. Die Hälfte aller Rentner in Deutschland bekommt monatlich eine Rente von weniger als 1.000 Euro. Auch wenn es Hilfen gibt: Echte Teilhabe am Leben sieht aber anders aus.

Zum Thema Altersarmut gibt heute einen rbb-Bürgertalk um 20:15 Uhr - im TV und Stream

Im Mehrgenerationenhaus in Großräschen (Oberspreewald-Lausitz) treffen Bedürftige auf Ehrenamtler. Oft sind sie beides - wie die 63-jährige Petra*. "Ich trage jeden Freitag noch Zeitungen aus, damit ich 100 Euro mehr habe", erzählt sie. 800 Euro Witwenrente bezieht sie, Grundsicherung steht ihr nicht zu, weil sich ihr Sohn mit 250 Euro an ihrer Miete beteiligt. Deshalb achtet sie genau auf jeden Euro, besonders in Zeiten steigender Lebensmittelpreise. "Da gucke ich schon ganz genau hin", sagt Petra.

Fünf Kinder hat sie großgezogen, konnte in den vergangenen 20 Jahren aber nur durch vereinzelte Maßnahmen etwas dazuverdienen. Eine großzügige Rente hat Petra deshalb nicht zu erwarten.

Alleinstehende Männer besonders betroffen

Vor allem eine Gruppe sei in der Lausitz von Altersarmut betroffen, sagt Schuldnerberaterin Simone Hahn vom Mehrgenerationenhaus: die Alleinstehenden, insbesondere die Männer. "Die tun sich ganz schön schwer. Frauen auch, aber Frauen sind oft erfinderischer, zum Beispiel beim Essen kochen", erzählt Hahn.

Altersarmut in Berlin und Brandenburg

Wer als Single-Haushalt weniger als 1.126 Euro netto im Monat zur Verfügung hat, gilt laut Paritätischem Wohlfahrtsverband als arm. Schaut man sich in Berlin und Brandenburg nur die gesetzlichen Renten an, trifft der Status "arm" auf 56 Prozent aller Frauen und 49 Prozent aller Männer zu, die gerade in Rente gegangen sind. Wenn das gesamte Einkommen als Rentner unter 924 Euro liegt, kann ein Anspruch auf Grundsicherung (Sozialhilfe) geprüft werden.

Besonders gefährdet seien jene, die nach der Wende arbeitslos geworden sind und auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr Fuß fassen. Doch selbst Schuld seien die Betroffenen nicht, stellt Simone Hahn klar. "Sind wir ehrlich, da waren Berufe dabei, die gab es dann später gar nicht mehr", so die Schuldnerberaterin.

In Großräschen habe es zur Wendezeit beispielsweise nicht viele Möglichkeiten zum Arbeiten gegeben. Das durchschnittlich geringe Einkommen habe es vielen Menschen nicht erlaubt, sich etwa Autos anzuschaffen und dadurch mobil zu werden.

Der Boom der letzten Jahre, neue Arbeitsplätze, der Wandel hin zum Tourismus, kommt für viele derzeitige und baldige Rentner zu spät. Hahn beobachtet auch, dass die Durchschnittsrente in der Region in den letzten Jahren spürbar gesunken ist. "Die Renten sind nicht mehr so hoch, wie vor ein paar Jahren, als wir noch die Renten aus dem Bergbau hatten", erklärt sie.

Ehrenamt leistet größte Unterstützung

Ein Teil der von Altersarmut Betroffenen findet sich nun im Mehrgenerationenhaus wieder, dort sitzen auch die örtliche Möbelbörse und die Tafel. Petra kommt beispielsweise täglich hierher - seit 14 Jahren.

Ohne gegenseitige Unterstützung würde nichts funktionieren, sagt die Chefin des Hauses, Heidrun Mader. "Wenn wir die Ehrenamtlichen hier nicht hätten, wäre es kritisch", sagt sie. Insbesondere die Älteren, so wie Petra, würden zum Helfen kommen, auch bei der Tafel. Dort sei der Andrang aktuell besonders groß.

Selbst, wenn die Rente zum Überleben reicht, die Essensversorgung durch die Tafel gesichert ist, kaputte Möbel günstig bei der Möbelbörse ersetzt werden können - vieles fällt für die betroffenen Rentner aus. "Wenn hier Stadtfest ist, das können sie wirklich nicht besuchen. Oder auch an der Kultur teilnehmen, sich mit jemandem treffen, das fällt flach. Das ist entwürdigend", sagt Mader.

Auf die Frage, was sich ändern müsste, schlägt Schuldnerberaterin Hahn eine Mindestrente von monatlich 1.000 Euro vor. Petra wiederum wünscht sich, dass Rentner beispielsweise vom Rundfunkbeitrag befreit werden. Doch von der Politik ist sie enttäuscht: Sie versteht nicht, warum Rentner die Energiekostenpauschale von 300 nicht erhalten sollen. Auch die angekündigten Rentenerhöhungen hält sie nicht für ausreichend.

Petra muss sich also weiterhin finanziell über die Runden hangeln: "Man muss einfach damit klarkommen", sagt die 63-Jährige.

* Name von der Redaktion geändert

Sendung: Inforadio, 28.06.2022, 6:00Uhr

rbb-Fernsehen: Wir müssen reden!, 28.06.2022, 20:15Uhr

 

71 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 71.

    Nochmal, die Schule kann behilflich sein aber nicht die dauernde Vermittlung eines einfachen Prinzips gegen Altersarmut im Elternhaus ersetzen: Lange viel einzahlen.
    Wer glaubt, dass durch Verteilungskämpfe umgehen zu können wird „hart aufschlagen“.

  2. 70.

    "Wer sich nicht für Kunst oder Sport interessiert"
    Sport ist für eine gesunde Entwicklung sehr wichtig und Kunst gehört zur allgemeinbildung dazu. Den Lehrplan gibt es doch nicht zum Ärgern der Kinder, sondern um ihnen gute Chanchen für ihr späteres Leben zu geben oder wollen sie auch Mahtematik für alle abschaffen, die es nicht mögen?

  3. 69.

    Wenn für "Sport + Bewegung = Gesundheit" kein Interesse besteht, dann bitte aber auch "Wie ernähre ich mich gesund"-Unterricht einführen.
    Sonst könnte evtl. "Altersvorsorge"-Unterricht umsonst sein.

    Eine - für mich - sehr merkwürdige Einstellung.
    Wie viele Kinder haben wegen Bewegungsmangel in der Corona-Pandemie mächtig zugelegt?
    Wie viele Kinder verbringen den ganzen Tag vor dem Computer ohne Bewegung?
    Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas usw. bei Kinder nehmen stark zu.
    Haben Sie schon mit Kindern gesprochen, die wegen starkem Übergewicht ausgegrenzt werden?
    Wollen Sie dies wirklich?

  4. 68.

    Wiso nur 1000.-Euro Mindestrente? Zu den Forderungen von FRANKREICHS Mélenchons Bündnis gehört eine Mindestrente von 1500 Euro einzuführen, das Rentenalter von 62 auf 60 Jahre zu senken....
    Ohne Worte

  5. 67.

    Sie haben Ihre Meinung - ich die meine.
    Und die Deutungshoheit hat diesbezüglich m. W. niemand, denn Pädagogik ist ein zu umfassendes Thema für Verkürzungen und Dogmen.
    Insgesamt gesehen scheint es mir nur schlichtweg vernünftig, sich bez. der Schulbildung von Heranwachsenden ab und an zu fragen, welche Kenntnisse und Fertigkeiten die Mehrheit von ihnen voraussichtlich braucht, wie sehr oder wie häufig.
    Wer sich nicht für Kunst oder Sport interessiert, sollte das auch nicht lernen müssen, denn Interesse lässt sich nicht erzwingen.
    Kenntnisse über die eigene Altersversorgung sind aber zu wichtig um sich diesbezüglich auf ein "Die Eltern werden's schon machen" zu verlassen.
    Danke für den Lesetipp. Ich empfehle umgekehrt "Robinson Crusoe" von Daniel Dafoe, das den Wert praktischer Kenntnisse veranschaulicht.

  6. 66.

    Sie haben eine Meinung, die Deutungshoheit über Lehrinhalte hat wer?
    Ich empfehle Ihnen was erheiterndes: "Die Heiden von Kummerow" von Ehm Welk. Da ist bestens beschrieben wie Kinder groß werden und von der Gemeinschaft geführt werden, wenn man "an einem Strang" zieht...

  7. 65.

    Wenn wir andere Länder nicht nur als billige Rohstofflieferanten betrachten wollen, sondern auch dafür sorgen wollen, dass sich die Menschen dort unsere aus deren Rohstoffen hergestellte Produkte leisten können, kommen wir um Entwicklungshilfe nicht herum. Muss man natürlich nicht mögen.

  8. 64.

    So kann man wohl nur schreiben, wenn man in einem reichen Land geboren wurde, wohlbehütet aufwachsen durfte und nie wirklich ums Überleben kämpfen musste.
    Aber ja, weniger Konsum und dadurch weniger Ressourcenverbrauch wären wohl gut, sind aber andere Themen und helfen den Rentnern nicht. Die Armut in Deutschland ist oft nur ein Matheproblem, mit gleichem Geld würde man in vielen anderen Ländern als reich gelten.

  9. 63.

    Also auch keine Sexualkunde mehr?
    Meiner Meinung nach sollte sich Schule nicht zu schade sein, den Schülern JEDWEDES Wissen zu vermitteln, das sie später voraussichtlich brauchen werden (natürlich von Ausnahmen wie Körperpflege und Umgangsformen mal abgesehen).
    Wie gesagt: In manchen Fächern lernt man so gut wie nichts, dafür in anderen nur eher spezielle Dinge.
    Aber die Rente betrifft so gut wie jeden.
    Übrigens bin ich der Meinung, dass auch Erste Hilfe und ev. Grundlagen der IT-Sicherheit in der Schule gelehrt werden sollten - wer bekommt schon keine E-Mails?.

  10. 62.

    Da platzt mir regelmäßig der Kragen wenn ich sowas lese. Wenn wir in Deutschland nicht den Rest der Welt ständig & überall mit sinnlosen Entwicklungshilfegeldern in Miliardenhöhe unterstützen würden, wäre hier bei uns im eigenen Land auch endlich genug Geld da. Bildung, Infrastruktur usw....Renten, Kampf gegen Kinderarmut, Altersarmut usw. Stattdessen wird die Kohle überall nur so rausgehauen....
    Mfg

  11. 61.

    So ein Quatsch als ob sich normal arbeitende ständig StadtFeste und so weiter leisten können, die sind genauso abgehängt wie alle anderen sollen aber noch mehr als 50% ihres Gehaltes abgeben oder wie?

  12. 60.

    dieser Wohlstand:

    verseuchte Gewässer, verseuchte Böden, verseuchte Luft,
    gestresste gehetzte unsoziale Einzelkämpfer gegen einen "Abstieg" statt sozialer Verbundenheit?

    dem Lohnarbeitswahn verfallene Getriebene, die (wenn überhaupt) erst auf dem Sterbebett innehalten (müssen und ggf. einmal reflektieren, was ihr Lebens-Verhalten für alle anderen bedeutet hat)

    Wenn Sie sich bescheiden würden, sagen wir, auf 50%, (die Gemeinschaft ebenfalls), wäre das ein Mehr oder Weniger für Sie? Wir alle wissen, dass wir die gesamte Welt mit unserem Stil zu eine Vorhölle bzw. Hölle für viele gemacht haben:
    Plastik allüberall, Mikro-/Nanoplastik, Mikro-/Nano-Gifstoffpartikel, Leben auf Kosten der Armen (v. a. global), Massen-Tierqualen etc. pp.

    Sorry, kann nicht folgen, wo der Wohlstand sich versteckt.

  13. 59.

    Es kann jeder machen wie er mag, aber dann muss er sich womöglich in Bescheidenheit üben, die er selbst gewählt hat.
    Im Dorf in gewohner Umgebung, aber von HARTZ IV leben, tja wer es will...

  14. 58.

    Wer redet von Dörfen dicht machen, man kann auch eine Anfahrt von ca 30 Kilometern akzeptieren, und wenn einige Bewohner vom Dorf wegziehen geht dieses auch nicht unter.
    Seit über 100 jahren ziehen die Menschen der Arbeit hinterher, und die meisten Dörfer sind nicht untergegangen.
    Übrigens, keiner wird gezwungen, aber das man den Arbeitsplatz ein lebenlang vor Ort serviert bekommt, das ist wirklich aus der Zeit gefallen

  15. 57.

    Wenn jemand über der Bemessungsgrenze einzahlt, um höher seine Verpflichtungen im Alter erfüllen zu können/müssen, denn das gibt es bereits wenn man dem Staat mehr traut als den Privaten, dann liegt die Rente bei ca. 2000-2900 €. Die können Sie nicht einkürzen für Ihre „Höchstrente“ um Schwächere zu bedienen. Deshalb gibt es Grundsicherung.
    Wieviel wollen Sie denn Wenigen wegnehmen, um Minimales zu erreichen? Zahlen bitte...

  16. 56.

    Ab welchem Gehalt ist denn die Würde gegeben? Darf man sich das aussuchen?

  17. 55.

    Der Wohlstand, welchen Sie neu verteilen wollen, muss auch erwirtschaftet werden und mit Ihren Ideen der Entlohnung wird das leider nicht gelingen. Siehe DDR...

  18. 53.

    Eine der größten Ungerechtigkeit ist das Arbeitnehmer mit 48% abgespeist werden und Beamte etwa 75 % bekommen alle sollten in die Rentenkasse einzahlen in anderen Staaten geht's doch auch.

  19. 52.

    Nein, es gibt dann tatsächlich auch Höchst-Renten … Aber eben endlich auch absichernde Mindest-Renten … Das ist dann der Solidarbeitrag der „breiteren Schultern“ … Mit denen diese sich aber eine sozial einigermaßen ausgeglichene und friedliche Gesellschaft (um sich herum) schaffen bzw. sichern ... Kein neuer Aspekt im Sozialstaat für "die Einkommensstarken".

Nächster Artikel