Unterricht für ukrainische Geflüchtete - "Deutsch bringe ich mir selbst bei, der Kurs ist zu weit weg"

Mi 29.06.22 | 15:33 Uhr
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Deutschlehrerin Sophia Ziegner (Quelle: rbb/Van Capelle)
Bild: rbb/Van Capelle

Die Hilfsbereitschaft für ukrainische Kriegsflüchtlinge war von Beginn an hoch - doch mittlerweile wirken die Mühlen der Bürokratie. Ukrainische Lehrerinnen dürfen nicht unterrichten, ukrainische Schüler kämpfen mit dem deutschen Unterricht.

Bei der Integration ukrainischer Flüchtlingskinder gibt es nach wie vor große Probleme in Brandenburg. Trotz guter Voraussetzungen verhindern Bürokratie und fehlende Ausstattung ein unkompliziertes Unterrichten der Kinder - wie das Beispiel der Grundschule Walddrehna (Dahme-Spreewald) zeigt.

Dort sitzt Svitlana Dytynnik in einem kleinen Raum mit acht ukrainischen Kindern. Sie bringt den Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren deutsche Vokabeln bei - am Mittwoch zum Beispiel zum Thema Sommer. Dytynnik ist im März selbst aus der Ukraine geflüchtet, nun ist sie Assistenzlehrerin im Deutschunterricht - kann selbst aber gar kein Deutsch.

Lediglich acht Wochenstunden für ukrainische Lehrerin

Ein paar Grundlagen beherrsche sie, erzählt Dytynnik auf Englisch. "Ich bringe es mir gerade selbst bei", sagt sie und ergänzt: "Es gibt einen Deutschkurs, aber der ist zu weit weg." Sie habe selbst zwei Kinder, dazu ihren Job in der Schule - und für den Kurs müsste sie fast zwei Stunden mit Bussen hin und zurückfahren. Ihr ukrainischer Führerschein gilt in Deutschland nicht.

Die fehlenden Deutschkenntnisse wirken sich nicht nur ganz konkret auf den Unterricht, sondern auch auf Dytynniks Perspektiven aus: "Wenn ich Deutsch könnte, könnte ich als richtige Lehrerin mit mehr Wochenstunden arbeiten", sagt sie. Zur Zeit werden ihr lediglich acht Wochenstunden bezahlt.

Schuldirektorin Heike Turkewitsch (Bild: rbb/Van Capelle)
Schuldirektorin Heike Turkewitsch | Bild: rbb/Van Capelle

"Es tut sehr weh, dass das Kind nicht weiterkommt"

Neben diesem Unterricht auf Ukrainisch verbringen die Kinder die restliche Unterrichtszeit in den regulären Schulklassen. Schulleiterin Heike Turkewitsch ist da zwiegespalten. "Ja klar, sie sollen integriert werden", sagt sie. "Sie müssen in die Klassen auch rein." Doch es fehle an Stunden, in denen die Kinder gezielt unterrichtet werden können. "Ich habe in meiner Matheklasse einen Jungen. Wie will ich ihm erklären, was wir gerade mit Bruchrechnung machen, wenn ich seine Sprache nicht kann und er meine nicht versteht?", fragt die Schulleiterin. Es tue ihr weh zu sehen, dass das Kind nicht weiterkomme und sie ihm nicht helfen könne. "Man versucht es dann mit Händen und Füßen", so Turkewitsch.

Dabei gäbe es neben Svitlana Dytynnik sogar noch eine weitere ausgebildete Lehrerin vor Ort - die Mutter eines ukrainischen Schülers. Eine Anstellung scheiterte aber immer wieder an bürokratischen Hürden, beispielsweise an einem fehlenden Nachweis über eine zweite Masernimpfung.

Fester Ansprechpartner gefordert

Der Bürgermeister der Gemeinde und damit der Verantwortliche für die Grundschule, Frank Deutschmann, hat kein Verständnis dafür. "Wir haben hier zwei ukrainische Lehrerinnen, die sind seit März hier. Die haben eine gute Ausbildung, sind auch Englischlehrer", so Deutschmann. Das einzige, was ihnen fehle, seien ausreichende Deutschkenntnisse. "Aber da kümmert sich niemand drum", so der Bürgermeister.

Das Brandenburger Bildungsministerium habe einige Flyer für ukrainische Fachkräfte geschickt, doch die würden nicht helfen. Deutschmann wünscht sich deshalb einen festen Ansprechpartner, entweder beim Ministerium oder beim zuständigen staatlichen Schulamt in Cottbus.

"Das sind Sachen, die will keiner hören, und es setzt sich auch niemand mit uns an einen Tisch und sagt: Jetzt besprechen wir das", so Deutschmann. "Derjenige, der meint, dafür verantwortlich zu sein, kann sich gern mal bei uns melden, dann sprechen wir miteinander", fährt er fort.

Deutschmann hofft, dass die Ferien beispielsweise für Intensivsprachkurse genutzt werden. Bis dahin bringt sich Svitlana Dytynnik weiter selbst Deutsch bei - aktuell mit "Harry Potter".

Sendung: Antenne Brandenburg, 29.06.2022, 14:40 Uhr

20 Kommentare

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  1. 20.

    ich würde mal sagen: ja und nochmal ja und noch dazu kommen jetzt die Sommerferien/-pause.
    Da wird wohl bis September sehr wenig passieren. Würde mich aber gern eines besseren belehren lassen.

  2. 19.

    Ich hatte mich im Bezug auf den Führerschein vertan.
    Dachte an den EU-Führerschein, aber soweit ist es ja noch nicht.
    Wissen Sie, ob Frau Dytynnik dann eine "Nachprüfung" reichen würde oder müsste sie eine "komplette Fahrschule" machen?

    P.S. Die Verkehrszeichen sind europaweit (fast) identisch. Dies hatte ich mir vor dem Kommentar angeschaut. ;-)

  3. 18.

    Hier haben Sie aber das Problem, dass diese Menschen durch den Krieg vertrieben wurden und am liebsten zurückkehren würden. Die Kinder sollten ihre Muttersprache auch in der Schule beibehalten, daneben aber Intensivunterricht in Deutsch bekommen um auch eventuell Wurzeln zuschlagen. Für die Erwachsen sollte es wie damals 2015 Intensivdeutschkurse geben. Das sollte doch das Land ermöglichen oder haben wir auch hier wieder mal ein strukturelles Versagen?

  4. 17.

    Nun man sollte hier nicht Sankt-Bürokratius an die Front stellen. Es wäre auch damit getan, wenn von Seiten der Strassenverkehrsämter oder dem TÜV/Deka eine Synopse der abweichenden Vorschriften erstellt wird und so zumindestens für eine Übergangszeit eine Gültigkeit der Führerscheine zu ermöglichen.
    Im Übrigen da ich trotz eines Führerscheines seit Jahren nicht gefahren bin würde ich vor der Nutzung eines PKW freiwillig ein paar Fahrstunden nehmen um wieder Routine zu bekommen!

  5. 16.

    Dann frage ich Sie wo sind die Gelder hin, die am Anfang der Corona-Pandemie vom Bund den Ländern für die Digitalisierung der Schulen überwiesen wurden? Gab es in BB dafür keinen nachhaltigen Plan über den Zeitraum der Pandemie hinweg? Scheint wohl ein Versagen der Landesregierung zu sein, wie auch auf anderen Gebieten!

  6. 15.

    Ich stimme Ihnen voll und ganz zu.
    Kinder (und auch Erwachsene) lernen eine Sprache ganz schnell, wenn sie MÜSSEN. Ich bin mit 17 J. nach Kanada ausgewandert und habe perfektes Englisch nach 5 Monaten gesprochen - einfach nur, weil ich es musste. Es gab dort keine deutsche Kommunity. Mit meinem Sohn, der in Kanada geboren ist, bin ich zurück nach Deutschland als er 8 Jahre alt war. Wir hatten in Kanada nie Deutsch gesprochen. Somit konnte er die Sprache überhaupt nicht. Nach 6 Monaten in Deutschland (und natürlich auch in der Schule hier) konnte mein Sohn Akzentfrei Deutsch sprechen als hätte er nie eine andere Muttersprache gehabt. Kinder lernen soooo schnell.

  7. 14.

    Das was Sie schreiben, passiert bereits in Brandenburg. Ukrainische Lehrer unterrichten ein paar Stunden ukrainische Kinder. Allerdings möchten diese gerne Vollzeit arbeiten, nur geht dies nicht auf Grund fehlender Sprachkenntnisse.

    https://www.pnn.de/potsdam/169-fluechtlinge-in-potsdamer-schulen-auch-lehrer-aus-der-ukraine-eingestellt/28347252.html

  8. 13.

    Ich könnte schon im Strahl.... wenn ich erfahre, dass ukrainische Führerscheine hier nicht gelten. Wow. Da muss also mangels EU-Entscheidung und durch Bockbeinigkeit Deutschlands bei der Umschreibung in einen deutschen Führerschein eine neue PRÜFUNG (Theorie: leider ist die Ukrainische Sprache nicht dabei, dafür aber Hocharabisch... Praxis: ausschließlich in Deutsch, offenbar sind die Prüfer bio-deutsch und ü80...) abgelegt werden! (Klar, geprüft wird nur, wer x Autobahnstunden und Nachtfahrten, pipapo... hat).
    So, DAS gilt, sobald man einen festen Wohnsitz hier hat. Der einem ja aufgenötigt wird, um zu arbeiten, AUCH, wenn man nicht vor hat, dauerhaft in D zu leben oder gar Deutscher zu werden!

    Na dann halt nicht... Deutschland braucht keine MOBILEN Arbeitnehmer oder gar LKW-Fahrer. Ne. Läuft bei uns. Vor allem offenbar zu Fuß!

    Den Rest der Bürokratie lasse ich bewusst unkommentiert....

  9. 12.

    Bei mir war es genau andersrum: Nach meinem Wechsel vom Gymnasium auf die Realschule musste unser Englischlehrer mehrmals in der nächsten Stunde eingestehen, dass mir (unter anderem durch amerikanischen Rap) Ausdrücke geläufig waren, die sprachlich sehr wohl korrekt waren (also kein Slang), er jedoch einfach noch nie gehört hatte. Das war immer ein Spaß – weil der nämlich wirklich doof war ; )

  10. 11.

    Es gibt ab auch viele Apps um Sprachen zu lernen, ob "Harry Potter" das richtige Medium ist....?

  11. 10.

    Genau so hat mir eine schottisch geprägte Englischlehrerin Englisch beigegebracht.Umgansengenglisch wurde deutlich verbessert,nur erkannten die nachfolgenden Lehrer der Realschule meine Ausdrucksweise nicht an.Ein Urlaub auf der Insel war da schon erfreulicher,aber so ist das halt mit Schulbildung

  12. 9.

    „Man muss schon Deutsch sprechen können um Kinder in Deutschland unterrichten zu können.“

    Eine ukrainische Lehrerin könnte ja vielleicht auch erst mal (und sei es nur ein paar Stunden in der Woche) ukrainische Kinder auf ukrainisch unterrichten, die dann aber natürlich trotzdem parallel dazu Deutsch lernen, oder? So könnte den Schüler:innen auch weiterhin Wissen vermittelt werden, noch bevor sie die deutsche Sprache so gut beherrschen, dass sie dem regulären deutschen Unterricht auch wirklich folgen können …

  13. 8.

    Man muss schon Deutsch sprechen können um Kinder in Deutschland unterrichten zu können. Wie soll eine ukrainische Lehrerin ohne Deutschkenntnisse Englisch unterrichten und vor ihr sitzen zu 99% deutsche Kinder? Wie sollen die Kinder Fragen stellen können, wenn sie etwas nicht verstanden haben? Wohl nicht auf Englisch. Ausbildungen werden bei entsprechenden Nachweisen auch anerkannt. Und ein parallel stattfindender Unterricht nur für ukrainische Kinder kann nicht das Ziel sein. Denn dann findet keine Integration statt. Kinder lernen schnell und vor allem eine Sprache. Keiner benötigt eine Parallelgesellschaft.

  14. 7.

    Hier fällt dem Bildungssystem als Bsp. wieder einmal die mangelnde Digitalisierung auf die Füße.
    Sprachkurse könnten online angeboten werden, wenn die techn. Voraussetzungen mit entsprechender Ausstattung vorhanden wären. Z.B. ist Norwegen, was den online-Unterricht betrifft, ein absoluter Vorreiter, weil ein Präsenzunterricht aufgrund der Entfernung von Schulen in ländlichen Regionen einfach nicht möglich ist. Wir haben Freunde in Norwegen, deren Kinder grundsätzlich per Laptop mit allen vernetzt sind und wunderbar lernen können. Sie kennen es nicht anders. In unserer bürokratischen Wüste fehlt es jedoch schon am Willen, überhaupt etwas in Gang zu setzen.

  15. 6.

    Das nicht in der EU erworbene Führerscheine nicht dauerhaft gelten, ist auch für andere so. Wenn man in den USA seinen Führerschein erworben hat, muss man auch in Deutschland zur Nachprüfung. Und außerdem kann man den Theorieprüfung bei der DEKRA in verschiedenen Sprachen ablegen. Und ehrlich gesagt, wünsche ich mir, dass auch manch ein Deutscher nochmal die Praxis wiederholen sollte. In jedem Land gibt es andere Verkehrszeichen und die sollte man schon beherrschen und z.b. nicht falsch rum parken am Straßenrand etc.

  16. 5.

    Dass jemand ausgerechnet die Hauptschule vielleicht nicht unbedingt mit dem allerbesten Deutsch verlässt, wundert Sie tatsächlich? Zumal, wenn dieser jemand allein dort ganze NEUN JAHRE (WTF?!) verbracht hat? Vielleicht „ermitteln“ Sie doch noch mal ein bisschen weiter …

    Wie schnell jemand in der Lage ist, eine (neue) Sprache zu erlernen, hat auch immer etwas mit der persönlichen Intelligenz, dem Eifer und – last but not least – natürlich auch der sprachlichen Begabung desjenigen zu tun. Der eine tut sich eher schwer damit und spricht die erlernte Sprache sein Leben lang gebrochen – die andere hat sie innerhalb von ein paar Jahren nahezu perfekt drauf – alles kann, nichts muss … Ihr Ansatz, Geflüchtete per sé mit Hauptschüler:innen gleichsetzen zu wollen, ist auf jeden Fall einfach mal kompletter Mumpitz.

  17. 4.

    Wenn es bei den deutschen Kindern nicht klappt inerhalb von 9 Jahren Hauptschule ein vernünftiges Deutsch und ein wenig Bildung zu ermitteln,wie soll es dann selbst bei lernenwilligen Flüchtlingen, welcher Zugehörigkeit auch immer, klappen?

  18. 3.

    Nichts ist vorbereitet und die Deutschlernklassen werden zum Sommer geschlossen.
    Dazu werden die Schulleiter angewiesen, alle aufzunehmen, auch über die Regelgrössen der Klassen hinaus… 30/31/32 und mehr kn einer Klasse sind möglich - Willkommensplanung sieht anders aus!!!

  19. 2.

    Manchmal kann man wirklich den Eindruck gewinnen, dass Flüchtlingen absichtlich das Leben schwer gemacht wird.
    Warum zählt z.B. der Führerschein nicht?
    Bekommt Frau Dytynnik zeitnah einen "Prüfungstermin", wenn sie selbst deutsch gelernt hat oder zählt nur der Kurs an sich?

  20. 1.

    Brandenburger (Anti-)Lösung: Ukrainische Lehrerinnen werden nicht voll anerkannt um Gehalt zu sparen? Ukrainische Schüler sind in der Praxis, ohne Lehrer/Klassenvorbereitung, einfach da...
    Die Bildungsverwaltung sagt: "WIR" bereiten alles vor...
    Das kann unmöglich so "laufen" oder?

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