Spreeschule und OSZ in Cottbus - Wie geistig behinderten Schülern der Weg in den Arbeitsmarkt ermöglicht werden soll

Mi 29.06.22 | 16:42 Uhr
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Förderschüler in Cottbus bei der Küchenarbeit (Bild: rbb/Jahn)
Audio: Antenne Brandenburg | 29.06.2022 | Josefine Jahn | Bild: rbb/Jahn

In Cottbus gibt es ein brandenburgweit einzigartiges Projekt: Schüler einer Förderschule können das Oberstufenzentrum besuchen - und so fit für den Arbeitsmarkt werden. Es geht vor allem um mehr Akzeptanz.

Es ist eigentlich kein ungewöhnlicher Anblick: in der Lehrküche des Oberstufenzentrums 2 (OSZ) Spree-Neiße stehen zahlreiche Jugendliche und bereiten ein Buffet vor. Das Buffet wird für ein Jubiläum gebraucht, genauer für das 30-jährige Bestehen der Cottbuser Spreeschule.

Das Besondere ist, die Cottbuser Spreeschule ist eine Förderschule - und die Jugendlichen, die das Buffet vorbereiten, sind allesamt Schüler dieser Förderschule. In einem brandenburgweit einzigartigen Projekt kooperieren die Förderschule und das OSZ und wollen den Jugendlichen so einen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt ermöglichen.

Lernen für das eigene Leben - oder den Beruf

Für die Jubiläums-Feierstunde soll alles gut vorbereitet sein. Jeder Schüler hat seine Aufgabe. Anna schneidet beispielsweise Geewürzgurken zu Fächern. "Das ist nicht einfach, aber es wird schon, Übungssache", sagt sie und fügt hinzu: "In der Küche macht es immer Spaß."

Angeleitet werden die Schüler von Koch und Küchenmeister Bernd Soltysiak. Er ist als Quereinsteiger an das OSZ gekommen und bildet die Förderschüler mit Leidenschaft aus. "Für ihr selbstständiges Leben einerseits, oder auch für den Beruf, zum Beispiel als Koch oder Beikoch, aber auch für den Gartenbau oder die Hauswirtschaft", erläutert Soltysiak.

Den Fokus Selbstständigkeit betont auch der Leiter des Oberstufenzentrums, Michael Bagola. 24 geistig behinderte Jugendliche lernen aktuell praktisch am OSZ. Einige, so Bagola, sind bereits in Praktika bei regionalen Unternehmen vermittelt worden.

Projekt soll als Leuchtturm dienen

Bagola ist aber auch ehrlich, wenn es um den Erfolg des Projektes geht. Denn Ausbildungsplätze sind bislang aus der Kooperation, die es bereits seit acht Jahren gibt, noch nicht hervorgegangen.

"Man muss aber sagen, dass die Schülerinnen und Schüler, die diese Jahre hier verbracht haben, auch in Werkstätten mehr Kompetenzen mitbringen und dort auch eine Führungsrolle einnehmen können", so Bagola.

Voraussetzung für das Projekt ist allerdings genügend pädagogisches und fachlich geschultes Personal. Das könne nicht jedes Oberstufenzentrum leisten. Bagola hofft dennoch, als Vorbild zu dienen. "Ich hoffe, dass es nicht zeitlich begrenzt ist, dass es Leuchtturmcharakter hat", sagt er.

Die Schüler zeigen sich allesamt begeistert von ihrem praktischen Unterricht. Und auch, wenn beispielsweise Issa wohl keine Ausbildung als Koch beginnen wird, sein Wissenshunger ist geweckt. "Ich gehe erstmal in eine Werkstatt in Peitz und dann will ich mein Leben lang immer mehr lernen", sagt der Jugendliche.

Sendung: Antenne Brandenburg, 29.06.2022, 15:40 Uhr

9 Kommentare

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  1. 9.

    Ich kann Ihnen nur Recht geben. Meine Erwachsene behinderte Tochter besucht schon seit Jahren eine Werkstatt. Sie fühlt sich dort sehr wohl und wird anerkannt.
    Die Arbeitsbeschaffung für die Werkstätten ist ja auch nicht immer ganz einfach.

  2. 8.

    Behindertenwerkstätten haben den Auftrag, Menschen mit Behinderung auf den regulären Arbeitsmarkt zu vermitteln. Doch über 99 Prozent derjenigen, die in Werkstätten arbeiten, finden nie einen echten Job. In den Werkstätten produzieren sie jedoch für den regulären Markt. Davon profitieren Unternehmen, die die Produkte viel günstiger einkaufen, als sie auf dem regulären Arbeitsmarkt hergestellt werden könnten. Unser Video der Reihe "Jetzt mal konkret" zum Thema zeigt ausführlicher die Kritikpunkte am Werkstattsystem: https://www.youtube.com/watch?v=4rs4ATqPhIY

  3. 7.

    99 Prozent derjenigen, die in Werkstätten arbeiten, finden nie einen regulären Job, obwohl sich das viele wünschen. Die Behindertenwerkstätten haben zwar den Auftrag, Menschen auf den regulären Arbeitsmarkt zu vermitteln, Mitarbeitende kritisieren aber, dass sie dabei nicht unterstützt werden. Unser Video "Jetzt mal konkret" zum Thema zeigt ausführlicher, die Kritikpunkte am Werkstattsystem: https://www.youtube.com/watch?v=4rs4ATqPhIY

  4. 6.

    Das stimmt so nicht. Werkstätten sind gGmbH und daher gemeinnützig. Darüber hinaus wird ein Großteil des Überschusses an die behinderten Beschäftigten ausgeschüttet. Das kann in Form von begleitenten Angeboten ect passieren.

    Außerdem wird oft vergessen, dass gerade geistig behinderte Menschen kaum belastbar sind und niemals die auf dem 1. Arbeitsmarkt erforderlichen Normen schaffen. Die Werkstatt bietet einen geschützten Rahmen, in dem jeder nach seinen Fähigkeiten eingesetzt und freiwillig tätig ist.

    Außerdem wird der Vorteil des Rentenprivilegs vergessen. Nach 2o Jahren besteht Anspruch auf eine volle EM Rente und die Altersrente liegt deutlich über dem Grundsicherungsniveau.

    Letztlich haben Umfragen gezeigt, dass viele Mitarbeiter mit ihrer Tätigkeit in einer WfbM durchaus zufrieden sind. Wer wechseln möchte, erhält alle erforderliche Hilfe und kann jederzeit auch wieder zurückkehren.
    Leider schätzen gerade Eltern behinderter Kinder die Fähigkeiten falsch ein.

  5. 5.

    Zuviele Menschen verdienen Geld auf Kosten behinderten r Menschen? Bitte begründen Sie diese Aussage.

    Viele Werkstätten sind eine gGmbH. Sie wissen, dass diese keine Gewinne machen?

    Schon gewusst, dass über 80% der Beschäftigten in Werkstätten gerne dort tätig sind. Und auch viele Vorteile haben? Das Rentenprivileg, Schutz vor Überforderung, nutzen der begleitenden Angebote. Tagesstruktur ect.

    Ja. Inklusion ist an den Anforderungen und Erwartungen der Eltern gescheitert.

  6. 4.

    Ausbildung auf dem 1. Arbeitsmarkt für gezstig behinderte Menschen bedeutet aber auch, dass Leistungsfähigkeit ect genauso sind. wie bei einem nicht behinderten Menschen.

    Viele Menschen mit Behinderung verfügen über große Einschränkungen in der Leistungsfähigkeit.

    Das System Werkstatt ist gut und freiwillig. Es wird niemand gezwungen, dort zu arbeiten.

    Inklusion ist an den viel zu hohen Anforderungen und Erwartungen der Eltern gescheitert.

  7. 2.

    Hallo,
    ich gebe Ihnen durchaus Recht das Inklusions "Werkstätten" aus heutiger Sicht nicht mehr zeitgemäß sind. Die Handwerkskammer Cottbus hat dies schon vor einigen Jahren erkannt und einen eigenen Inklusionsberater für Jugendliche geschaffen um diese direkt in den. 1. Arbeitsmarkt über Ausbildung zu integrieren+Begleitung bis zum Ausbildungsende. Hier haben wir sehr gute Erfolge und dankbare Fachkräfte und Unternehmer. Nehmen Sie mit uns doch Mal Kontakt auf..? Gruß HWK Cottbus.

  8. 1.

    Alles nur bla bla, bla! Inklusion gibt es bei uns in Deutschland nur in der Theorie. Es ist nicht gewollt das Menschen mit geistiger Beeinträchtigung auf den 1. Arbeitsmarkt kommen! Dazu ist das System " Werkstatt " zu dominant. Zu viele Leute verdienen viel Geld auf Kosten der Leute mit geistigen Beeinträchtigungen. Ich spreche aus Erfahrung, da ich selbst einen Sohn habe mit geistiger Beeinträchtigung.

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