Interview | Nebenklägeranwalt im Wachmann-Prozess - "Die Beteiligung am Mord verjährt nicht"

Di 28.06.22 | 12:53 Uhr | Von Lisa Steger
Der Anwalt Thomas Walther sitzt 2015 in Lüneburg (Niedersachsen) an seinem Computer.
Audio: rbb24 Inforadio | 28.06.2022 | Interview mit Thomas Walther | Bild: dpa

Fünf Jahre Haft wegen Beihilfe zur Ermordung von mehr als 3.000 Menschen lautet das Urteil gegen einen früheren Wachmann im KZ Sachsenhausen. Im Interview mit Lisa Steger spricht Nebenklägeranwalt Thomas Walther über den Prozess.

rbb: Herr Walther, neun Monate hat der Prozess gedauert, das war am Anfang nicht zu erwarten. Wie geht es Ihnen jetzt?

Thomas Walther: Ich bin erleichtert. Ich bin froh und dankbar, dass das Gericht in so einer angenehmen und rechtsstaatlich einwandfreien Weise diesen aufwändigen Prozess geführt hat.

Der Angeklagte war im Frühling zweimal wegen verschiedener Krankheiten in der Klinik. Er hatte Corona, er wurde operiert, zuletzt hat er noch mal eine Infektion bekommen, mit über 39 Grad Fieber. Auch das hat er überstanden. Aber er ist alt, ist hochbetagt. Hatten Sie manchmal das Gefühl: Jetzt reicht es. Man sollte aufhören zu verhandeln.

Nein. Ich hatte das Gefühl, dass die Störungen gesundheitlicher Art, die bei ihm aufgetreten sind, akute und keine chronischen Angelegenheiten sind. Und dass er entsprechend seiner allgemein stabilen gesundheitlichen Situation das Ganze dann auch gut überstanden hat. Also ich habe nicht das Gefühl, dass wir gegen einen insgesamt kranken Mann dort verhandelt haben. Das war nicht der Fall.

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Der Jurist Thomas Walther (Jahrgang 1943) war Richter und Ermittler der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Im Prozess gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning, den "Buchhalter von Auschwitz", vertrat er 31 Nebenkläger. Zuletzt war Walther Anwalt von elf Überlebenden und Hinterbliebenen der Opfer im Prozess gegen den KZ-Wachmann, der in Brandenburg an der Havel stattfand.

 

Ich berichte seit knapp neun Monaten über dieses Verfahren und bin während der ganzen Zeit immer wieder von Nachbarn, Bekannten, aber auch von Hörern und Hörerinnen angesprochen worden: Warum stellt man so einen alten Menschen noch vor Gericht, was bringt das? Was sagen Sie diesen Leuten?

Die Frage nach dem 'Warum jetzt noch' muss man verbinden mit der wesentlich wichtigeren Frage 'Warum erst jetzt?' Das Versagen der deutschen Justiz in den Jahrzehnten zuvor ist der Grund, warum jetzt ein sehr alter Mann vor Gericht gestellt werden muss. Die Beteiligung am Mord verjährt nicht. Die deutsche Justiz ist gezwungen und gehalten, jeden, der an einer noch verfolgbaren Straftat beteiligt war, auch tatsächlich zu verfolgen. Man kann das Verfahren nur dann einstellen, wenn die gesundheitliche Situation das nicht mehr erlaubt. Und das war hier nicht der Fall

Die heutigen Angeklagten, das sind Wachmänner oder wie zurzeit im Landgericht Itzehoe eine Sekretärin. Hingegen konnten viele hochrangige Nazis nach dem Krieg unbehelligt leben. Die wurden also gar nicht belangt. Ist das nicht in der Tat eine Schieflage?

Das ist die Schieflage der deutschen Justiz. Und diese Schieflage müssen wir verändern, dadurch, dass wir das wieder in die Balance bekommen. Das kann nicht dazu führen, dass wir nun bei einem bestimmten Alter sagen: Hier wird keine Strafverfolgung mehr betrieben. Das erlaubt das Gesetz nicht.

Warum hat es die Nachkriegsjustiz den NS-Tätern so leicht gemacht? Wir hatten im Prozess einmal das Beispiel des Henkers von Warschau: Heinz Reinefarth ließ nach dem Warschauer Aufstand als SS-Gruppenführer mindestens 20.000 Zivilisten erschießen. Aber nach dem Krieg wurde er Bürgermeister und Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein. Wie war es so etwas möglich?

Die deutsche Gesellschaft nach dem Krieg war eben auch die Gesellschaft, die bis kurz vor Ende des Krieges dort existierte. Also die Menschen, die Beamten, die in der Justiz arbeiten konnten und wollten, waren eben auch Angehörige dieses deutschen Volkes, das diesen Krieg geführt hatte. Und so ist die Frage, wie weit man nun Täter und Beteiligte verfolgt, auch die Frage an sich selbst: Wie weit würde ich gehen, und in meinen Beziehungen Verbrechen, Beteiligung an Verbrechen in der NS-Zeit anprangern? Das war eine Zeit, in der die deutsche Justiz von alten NS-Beteiligten durchdrungen war. Und die geistige Bereitschaft, dies in der Weise zu betreiben, wie es heute getan wird, war nicht vorhanden.

Sie waren Richter und Staatsanwalt in Bayern. Kurz vor der Pensionierung wechselten Sie zur Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Sie wollten selbst was tun. Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Weil ich meine Energie, die ich noch durchaus beruflich verspürte, in eine sinnvolle und weiterführende Angelegenheit einbringen wollte. Und da kam mir die Suche der Zentralen Stelle nach Ermittlern aus der aktiven Justiz durchaus recht. Es hat auch sicher etwas mit meiner eigenen Biografie zu tun. Da spielt meine Familiengeschichte eine große Rolle: Mein Vater war sehr engagiert, auch während der NS-Zeit, um bestimmten Menschen zu helfen. Es war vor allen Dingen auch das Gefühl: Es ist notwendig, dass sich etwas verändert.

Die Zentrale Stelle recherchiert die Fälle und gibt es dann weiter an die Staatsanwaltschaften vor Ort. Wie kooperativ waren dort die Kolleginnen und Kollegen?

Am Anfang wurden meine Gedanken etwas belächelt. Aber schließlich bekam ich den Auftrag, den Fall Demjanjuk zu recherchieren und zu ermitteln. Und das war dann der Durchbruch.

Sie haben elf hochbetagte Überlebende oder auch Angehörige von Menschen, die ermordet wurden, in diesem Prozess vertreten. Warum haben sich diese Menschen an Sie gewandt? Warum möchten die das überhaupt auf sich nehmen?

Der Grund für dieses Engagement in einem sehr fortgeschrittenen Lebensalter hat damit zu tun, dass sie all das, was sie dort an schrecklichen, fürchterlichen Dingen über Jahre erlebt haben, vor einem deutschen Gericht niemals artikulieren konnten. Und die Möglichkeit, vor einem deutschen Gericht wirklich zu sprechen und angehört zu werden, über all diese Ereignisse, das Leben, den Tod in diesem Lager zu berichten, das ist die Motivation für diese Menschen. Das riesengroße Unrecht, was ihnen angetan worden ist, vor einem deutschen Gericht zu erzählen und auch angehört zu werden.

Im November sagte der Israeli Emil Farkas aus. Als Jugendlicher war er in das KZ verschleppt und dann gezwungen worden, 40 Kilometer am Tag zu marschieren, um Schuhe zu testen für die deutsche Industrie. Am Schluss sagte er: Danke, dass ich hier sprechen durfte. Er ist fast umgebracht worden. Jetzt bedankt er sich bei uns. Wie kann das sein?

Diese Verbindung zum eigenen Leben und Leiden haben diese Menschen nie aus ihren Gedanken und Gefühlen entfernen können. Und jetzt hat die deutsche Justiz gesagt: Ja, du wirst eingeladen und darfst darüber sprechen. Wir haben Grund zu der Annahme, dass hier ein Mann ist, der an deinem Leiden mitgewirkt hat. Und deswegen ist diese Dankbarkeit bei ihm ein Gefühl, dass die deutsche Justiz, das, was sie über viele Jahrzehnte versäumt hat, nun nachholt. Das war für ihn ein Grund, sich zu bedanken.

Ein anderer Überlebender, Leon Schwarzbaum, ein hochbetagter Mann von 101 Jahren, hatte sich minutiös auf seine Aussage vorbereitet. Es ist aber nicht mehr dazu gekommen, dass er sie persönlich vortragen konnte. Er ist sehr kurz vorher gestorben. Sie haben dann das Manuskript verlesen. Woher nimmt so ein alter Mensch die Kraft her, sich das anzutun? Vor allem, wenn er sieht, dass der Angeklagte völlig uneinsichtig ist.

Leon Schwarzbaum war ein ganz besonderer Mann und hat sich über viele Jahre sehr, sehr intensiv mit seiner Zeit in Auschwitz und in den anderen Lagern, in denen er dann noch war, befasst. Es gibt über ihn einen sehr interessanten Film, an dem er mitgewirkt hat. Für ihn war diese Befassung mit seinem Leben auch ein Teil Lebenselixier. Diese Menschen nehmen sehr viel Kraft daraus mit, dass sie weiterhin reflektieren und das auch der Mitwelt zur Kenntnis bringen. Er war viel in Schulen unterwegs und hat Vorträge gehalten. Ihm war daran gelegen, daran mitzuwirken, dass eine Welt vielleicht auch eine bessere sein kann.

Sie sind 79 Jahre alt, wie geht es denn jetzt für Sie weiter? Wollen Sie noch weitere Hinterbliebene vertreten? Wollen Sie sich diesen Stress wirklich noch antun?

Es kann durchaus sein, dass ich noch in einem Verfahren, welches am Horizont sich entwickelt, nochmal mitwirke. Dies ist nach meiner jetzigen Vorstellung aber tatsächlich das letzte, was ich noch begleiten möchte. Für mich ist es eine große Befriedigung, dass es überhaupt dazu gekommen ist, dass so ein Umdenken möglich geworden ist, und auch einigermaßen stabil bestehen bleibt. Ich denke, dass es für die Zukunft auch in anderen Sachzusammenhängen, in anderen Konfliktfällen oder Kriegszuständen ein Zeichen dafür ist, dass die Verbrechen, an denen Menschen mitwirken und anderen Menschen dieses Leid zufügen, dass das von der Gerechtigkeit wieder eingeholt werden kann und Justiz auch wieder Recht sprechen kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Thomas Walther sprache Lisa Steger für rbb24 Inforadio. Das Originalgespräch können Sie mit Klick auf das Audiosymbol oben im Artikel nachhören.

Sendung: rbb24 Inforadio, 28.06.2022, 08:50 Uhr

Beitrag von Lisa Steger

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