Interview | Im Lockdown aufs Land - Brandenburger Rückkehrer-Initiativen sehen "Trendwende"

Symbolbild Ein Mann vermisst eine Wand (Foto: dpa/Klose)
Audio: Antenne Brandenburg | 10.05.2021 | Jasmin Schomber | Bild: dpa Themendienst

Die Pandemie zeigt: Arbeiten geht in vielen Bereichen auch im Home-Office. Und wer vom Arbeitsplatz unabhängig ist, wird flexibler bei der Wohnortsuche. Warum also nicht wieder zurück in die Heimat ziehen? Brandenburger Rückkehrer-Initiativen beobachten einen Trend.

Die Corona-Pandemie und vor allem das Home-Office treiben einige Menschen von der Stadt aufs Land. Das beobachtet das Netzwerk "Ankommen in Brandenburg". In diesem sind alle Rückkehrer-Initiativen des Landes verbunden, die sich vermehrt nicht mehr nur um Rückkehrer, sondern auch um Zuzügler kümmern.

Trotz vieler Arbeitsplätze beispielsweise in Dresden, Berlin oder Leipzig nutzen immer mehr Leute die Chance, auf das Land zu ziehen und dann zu Hause zu arbeiten, sagt Sandra Spletzer, die Leiterin des Netzwerks "Ankommen in Brandenburg".

rbb|24: Frau Speltzer, wann hat es denn die letzten Anfragen gegeben, weil jemand nach Brandenburg zurückkommen wollte?

Sandra Spletzer: Die Anfragen sind eigentlich ein stetiger Strom. Kein Strom im Sinne von einem reißenden Fluss, aber doch ein kleines, kontinuierliches Bächlein. Das sind ganz unterschiedliche Anfragen und wir sehen jetzt eine Trendwende.

Wie sieht die aus?

Die Netzwerkpartner berichten, auch speziell für die Lausitz, dass Immobilien verstärkt in den Fokus rücken. Vorher sagte der klassische Rückkehrwillige: Okay, ein soziales Netzwerk vor Ort ist noch rudimentär vorhanden, Familie ist da und eine Immobilie klärt sich meistens auch. Da war die zentrale Frage wirklich die des Arbeitsplatzes. Jetzt haben wir den Trend, dass die Leute verstärkt Immobilien suchen, weil der Firmensitz zunehmend vom Arbeitsort entkoppelt ist. Wir sehen jetzt nicht mehr Jobwechsler, sondern Ortswechsler. Fachkräftemangel ist flächig, auch in Hamburg oder München ist jeder froh, wenn er einen eingearbeiteten, gut geschulten Arbeitnehmer behalten kann. Da wird auch vieles möglich gemacht.

Wann haben Sie mitgekiregt, dass sich etwas durch Pandemie und Home-Office verändert?

Mit dem ersten Lockdown haben wir die ersten Anfragen bekommen, bei denen man das ein bisschen ausmachen konnte. Ich glaube, dass die Leute erstmal die Pause auch primär genutzt haben, um Planungen voranzutreiben, die eigentlich schon lange im Hinterkopf waren. Und ich glaube, zum zweiten Lockdown haben die Leute eher generell die Entscheidung überdacht, in der Stadt zu wohnen. Da kommen dann Home-Office, Remote-Work, zunehmende Digitalarbeit und so weiter zusammen.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für die Entwicklung?

In Guben (Spree-Neiße) war noch vor drei, vier Jahren so, dass gebrauchte Immobilien frei erhältlich waren. Sie sind auch überwiegend an Einheimische oder Rückkehrer gegangen. Aktuell ist es so, dass der Netzwerkpartner "Guben tut gut" berichtet hat, dass die Immobilien sehr gerne auch von Berlinern aufgekauft werden. Das machen wir ein Stück weit auch an diesen Remote-Work-Modellen fest. Einige sagen auch, dass sie ihren Arbeitsplatz mitbringen. Es ist natürlich auch ein Teil, der sagt, dass er wegen der verhältnismäßig günstigen Immobilie kommt.

Was bedeutet der Trend hin zur Immobilliensuche für Ihre Arbeit? Sie sind ja keine Makler.

Wir geben einfach kleine Tipps. Ganz wichtig sind Buschfunk, Facebook-Gruppen und ganz klassisch auch die Schwarzen Bretter am Supermarkt. Wir haben vor Ort einfach ein gutes Netzwerk und wissen, mit wem man zusammenarbeiten kann und auch, wo was geht: 'Da steht jetzt eine Scheidung an, das Haus kommt auf den Markt, frag doch mal nach.' Das ist jetzt vielleicht ein etwas makaberes Beispiel, aber so ist es ja praktisch nun einmal.

Es geht also um ganz konkrete Hilfe?

Oft haben wir festgestellt: Sie wenden sich an uns, weil sie einen Job, eine Immobilie oder Kinderbetreuung brauchen. Aber man bemerkt nach und nach beim Häuten der Zwiebel ein anderes Motiv. Es geht darum, ein bisschen Mut zugesprochen zu bekommen. Manchmal fehlt noch der letzte Schub, die Perspektive auf Augenhöhe, also jemand, der selbst zurückgekehrt oder zugezogen ist und sagen kann, wie es geklappt hat. Es sind halt viele Leute in den Zeiten weggezogen, als es nicht so rosig lief. Sie haben oft noch dieses Bild von der Region, kommen nur an den Feiertagen nach Hause. Da hat man einfach andere Themen in der Familie zu besprechen als Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt - weil die unmittelbaren Familienmitglieder oft entweder am Ende ihres Arbeitslebens stehen oder schon in Rente sind und einfach nicht mehr so den Kontakt haben zum Aktuellen. Wo wird expandiert? Wo wird investiert? Welche Firma baut aus? Welche Firma baut eine Produktionsstrecke? Welches neue Unternehmen hat sich angesiedelt? Und wer könnte Fachkräftebedarf in Ihrem Bereich haben?

Als die Rückkehrerinitaitiven in Brandenburg vor circa zehn Jahren gestartet waren, war der Anfang durchaus schwer und kleinteilig. Bemerken Sie, dass die Initiativen inzwischen mehr an Bedeutung gewonnen haben?

Wenn man es ein Stück weit an der Anerkennung festmacht, die uns für unsere Arbeit auf regionaler und Landesebene entgegengebracht wird, kann man sagen, dass die Wertschätzung definitiv gewachsen ist. Die Diskussionen 'Ja, die kommen doch sowieso von selber wieder, das braucht doch keine Unterstützung' gehören der Vergangenheit an. Die Frage der Existenzberechtigung oder der eigentlichen Bedeutung hat uns schon ganz lange niemand mehr gestellt.

Woran liegt das?

Ich glaube, weil die belebende Wirkung von Zuzug für die Regionen Brandenburgs allgemein erkannt werden. Und auch an den Sekundäreffekten. Dass jemand zuzieht, bedeutet natürlich erst einmal, dass eine Arbeitskraft kommt. Aber es bedeutet auch, dass jemand neue Ideen in die Region bringt und eine Region sozusagen stolz ist. Einfach weil Menschen sagen, dass sie sich bewusst dafür entschieden haben. Als ich 2011 wiedergekommen bin, da hieß es noch: Was willst du denn hier? Hier ist doch nichts. Da habe ich gesagt: Na ihr wohnt doch auch hier, also muss ja irgendwas gut sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Anke Blumenthal für Antenne Brandenburg.

Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung.

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10 Kommentare

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  1. 10.

    Wer verliert Prozesse um Mindestbezahlung bei Lehrern, Polizisten und Feuerwehrleuten?

  2. 9.

    Irgendwie putzig dieses Brandenburg. Rückkehrerinitiative - lustig. Wieso sollen die eigentlich zurückkommen?? Ist doch jedem seien eigene Sachen wo er lebt. Und wennes an Leuten fehlt, na da muss ich doch nicht auf Ehemalige zurückgreifen sondern versuchen Leute in mein Dorf zu locken.

  3. 8.

    Hierzulande wird die Lohnpolitik nicht durch den Staat vorgenommen oder bestimmt, sondern von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften (Tarifvertragsparteien), die in Tarifverhandlungen die Höhe von Löhnen und Gehältern, aber auch die sonstigen Arbeitsbedingungen für die Arbeitnehmer einer Branche oder eines Tarifgebietes aushandeln.
    Sorry, aber bei der "Lohnpolitik" kann man sein linksgrünes Steckenpferdchen gerade nicht reiten.

  4. 7.

    Ich kann es auf alle Fälle nur unterstützen, dass sich auch die Mieter nicht nur in Berlin sondern in der gesamten Metropolregion Berlin-Brandenburg ansiedeln. Hier sollte der Takt des Nahverkehrs noch besser ausgebaut und mehr Anreize geschaffen werden, damit zusammenwächst, was zusammengehört: Die Metropolregion Berlin-Brandenburg!

  5. 6.

    Mit der FDP in der Regierung hätte es sicher höhere Löhne gegeben oder wie? Ist Linksgrün jetzt ein Synonym für "mag ich nicht"? So oft waren die Grünen nicht an der Regierung beteiligt in den neuen Bundesländern.

  6. 5.

    Liest sich gut aber unter dem Strich schrumpfen die Ränder weiter und die Angebote mit.
    Fahrt mal nach Eisenhüttestadt in meine alte Heimat. Da werden gerade weitere Wohnungen abgerissen und der Bürgermeister erhält zukünftig weniger Gehalt da die Stadt so geschrumpft ist, dass eine geringere Gehaltsstufe gilt. Rückkehrer sind super, haben auch sehr lange immer wieder den Plan gehabt. Am Ende scheitert es daran, dass man ins Büro fahren muss. Erst wenn nach Corona tatsächlich die Ausnahmen die Regel werden und Mobile Arbeit endlich verbindlich, dann könnte es tatsächlich helfen Regionen vor dem Aus zu bewahren. Man hofft nur, dass die Regionen dann nicht schon so unattraktiv sind, weil alles weg ist an Angeboten. Siehe Hütte, da gehen nun im Baumarkt die Lichter aus.

  7. 4.

    Was ? Nein ! Natürlich werden gewaltige Beton-Gruften, mit extrem vielen Mietschachteln gebaut. Viele, viele, viele Menschen, die möglichst völlig unterschiedlche Lebensentwürfe haben, werden sich verwirklichen. Genau deshalb wollen die gelangweilten Städter ja ins tobende, lebendige Brandenburg. Ist doch klar ......

  8. 3.

    Die Metropol-Region Berlin-Brandenburg ist super dafür geeignet, hier allen Menschen mit den verschiedensten Anforderungen Wohn- und Lebensraum zur Verfügung zu stellen. Ich hoffe, dass hier nicht nur Einfamilienhäuser oder kleinere Mehrfamilienhäuser im Berliner Umland entstehen, sondern auch günstige Mietwohnungen in großer Stückzahl und mit guter Anbindung an die City, wenn man dann doch 2x pro Woche ins Büro muss. Die Metropolregion Berlin-Brandenburg sollte hier mehr Diversivität und Durchmischung verschiedenster Bevölkerungsschichten zulassen.

  9. 2.

    Ale die in den letzten 30 Jahren in Brandenburg geblieben sind, werden niedrigere Renten bekommen - Dank der linksgrünen Lohnpolitik. Wie sagte noch Herr Stolpe: "Bleiben Sie hier, es wird sich lohnen".

  10. 1.

    Was denn nun, wieviel sind weggezogen, wieviel davon wiedergekommen...gibts keine Zahlen. oder sind die peinlich. Warum fragt der Jounalist nicht nach.....

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