Der israelische Journalist Itay Mashiach im Gespräch mit Groß Gaglowern.
Audio: Antenne Brandenburg | 21.03.2019 | Bild: Haaretz/Ayala Gazit

Interview | Rückübertragung von Grundstücken - Der "Fall Groß Gaglow" wird jetzt auch in Israel diskutiert

Seit Monaten bangen Familien im Cottbuser Ortsteil Groß Gaglow um ihre Häuser. Die Jewish Claims Conference fordert die Rückübertragung der Grundstücke, die einst jüdischen Siedlern gehörten. Nun erreicht der Fall auch die israelische Öffentlichkeit.

Seit Monaten leben mehrere Familien im Cottbuser Ortsteil Groß Gaglow mit der Sorge, dass sie aus ihren Häusern ausziehen müssen. Sie haben Post von der Jewish Claims Conference (JCC) bekommen: Weil die Häuser der betroffenen Groß Gaglower auf Grundstücken gebaut wurden, die einst jüdischen Siedlern gehörten, fordert die JCC die Rückübertragung.

Zum ersten Mal hat mit Itay Mashiach jetzt auch ein israelischer Journalist Groß Gaglow besucht und mit den betroffenen Einwohnern gesprochen. Sein Artikel in der "Haaretz" hat in seinem Heimatland auch Kritik an der JCC ausgelöst.

Hilfe vom Bund offenbar nicht zu erwarten

Das Bundesfinanzministerium teilte im vergangenen Herbst mit, dass es keine Entschädigung der ehemaligen Siedler durch die Bundesregierung geben werde. Das sehe das Vermögensgesetz in solchen Fällen nicht vor. Stattdessen wurde den Groß Gaglower Familien eine Einigung mit der JCC empfohlen.

Die JCC ist ein Zusammenschluss jüdischer Organisationen. Sie vertritt seit ihrer Gründung im Jahr 1951 Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus und von Überlebenden des Holocaust.

rbb|24: Herr Mashiach, Sie haben sich in Groß Gaglow mit den Familien getroffen, die Angst haben, ihre Häuser zu verlieren. Wie war denn Ihr Eindruck?

Itay Mashiach: Mein Eindruck war sehr positiv. Groß Gaglow ist ein schönes Dorf und vor allem die Bewohner, die wir dort kennengelernt haben, waren sehr freundlich. Den Fall finde ich immer noch sehr kompliziert. Das war bestimmt eine der schwierigsten Storys, über die ich geschrieben habe. Und obwohl diese Geschichte sehr lokal ist, stellt sie grundsätzliche Fragen nach Gerechtigkeit. An diesem Punkt finde ich diese Geschichte sehr kompliziert.

Wie wird das Thema der Rückübertragung in der israelischen Community gesehen?

Auf der einen Seite ist die Claims Conference, die nach Gerechtigkeit für die damaligen jüdischen Siedler sucht. Im Artikel erzähle ich übrigens auch ihre Geschichte. Sie waren deutsche Nationalisten, alte Frontsoldaten aus dem Ersten Weltkrieg, die an die Zukunft des deutschen Judentums glaubten und versuchten durch die Landarbeit ein gegenseitiges Verstehen mit den Nichtjuden aufzubauen. Kurz danach wurden sie aus ihren Häusern vertrieben. Eine ganz tragische Geschichte. Auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe von netten Rentnern, die nichts mit den NS-Verbrechen zu tun haben und die natürlich auf keinen Fall für dieses Verbrechen büßen müssen.

Mit welchem Eindruck haben Sie Groß Gaglow verlassen?

Mein Eindruck war vor allem, dass eine schnelle Lösung nötig ist, weil die Unsicherheit für diese Menschen echt zerstörend ist und es nicht so schwierig sein sollte, eine kreative Lösung zu finden. Ich hoffe, dass sowohl die Claims Conference als auch die deutsche Regierung eine solche Lösung bald finden.

Welche Rolle spielte es bei Ihren Recherchen, dass Sie selbst Israeli sind?

Meine Herkunft sollte ja eigentlich gar keine Rolle spielen. Man muss kein Jude sein, um über das Verbrechen, das in Groß Groß Gaglow stattgefunden hat, entsetzt zu sein. Und man muss auch kein Deutscher sein, um Sympathie zu haben für unschuldige deutsche Menschen, die dabei sind, ihre Häuser zu verlieren. Ich glaube, es wäre gut in diesem Fall und auch generell, wir würden uns weniger auf diese Identitäten konzentrieren. Hier geht es vor allem um Menschen und dass man sich fragt: Was ist hier gerecht?

Wie waren denn die Reaktionen auf Ihren Bericht in Ihrem Heimatland?

Wir haben mittlerweile viele Reaktionen von Lesern bekommen. Die hebräische Version ist schon vor einer Woche erschienen und viele haben die Konferenz auch kritisiert. Es ist kein Tabu in Israel, Kritik an der Claims zu äußern. Der wichtigste Kommentar für mich war der  von meiner Oma. Ich habe sie angerufen kurz vor der Veröffentlichung und ihr die ganze Geschichte erzählt. Ich habe ihre Meinung ein bisschen gefürchtet. Meine Oma ist 95 Jahre alt und Holocaust-Überlebende. Ich war nicht sicher, was sie sagen würde. Sie hat mir geduldig zugehört und dann sofort gesagt, dass es da ein Problem gibt, wenn unschuldige Menschen in diesem Alter ihre Häuser verlassen müssen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Also wenn die JCC damit erfolgreich ist, würde ich das analog im heutigen Polen versuchen. Meine Familie hätte Anspruch auf ein Grundstück in Niederschlesien...

    Die JCC scheint sehr geduldig zu sein. 1951 gegründet - und schon 2019 werden Ansprüche geltend gemacht? Oder wird vielleicht auch die Wirtschaftslage berücksichtigt? In der DDR wäre kaum was zu holen gewesen. Mit der Zahlungsaufforderung an die französische Staatsbahn wurde ja ebenfalls bis vor wenigen Jahren gewartet. Da war vorher nicht mal ein Ostblock im Weg. In Berlin wurde kürzlich eine Immobilie rückübertragen - und unverzüglich gewinnbringend weiterveräußert.
    Vieles damals Geschehene ist bedauerlich und nicht zu rechtfertigen. Ob Jahrzehnte später wieder Menschen aus den Häusern zu vertreiben der richtige Weg ist, das aufzuarbeiten, stelle ich allerdings in Frage.

  2. 1.

    Es ist ganz einfach: die JCC will Geld und keine Grundstücke. Also müssen die Eigentümer zahlen - für alle Ewigkeit.

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