Interview | Kükentöten ab 2022 verboten - "In Nachbarländern können Küken weiter getötet werden"

Mo 24.05.21 | 14:51 Uhr
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Archivbild: Blick auf frisch geschlüpfte Küken in der FL Brüterei am 28.012020. In der ersten Bio-Brüterei von Mecklenburg-Vorpommern sind die ersten 25 000 Küken geschlüpft. (Quelle: dpa/Danny Gohlke)
Bild: dpa/Danny Gohlke

Der Bundestag hat ein Verbot des Tötens männlicher Küken beschlossen. Der Präsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft begrüßt das Gesetz, fordert aber eine europäische Lösung. Denn in den Nachbarländern ist das Kükentöten weiterhin erlaubt.

rbb: Das massenhafte Töten von männlichen Küken wird ab Anfang nächsten Jahres verboten. Macht diese neue gesetzliche Regelung den Unternehmen Ihres Verbandes zu schaffen?

Friedrich-Otto Ripke: Das Gesetz ist weltweit das einzige. Es ist ethisch völlig vertretbar und wir unterstützen es auch, dass aus dem Kükentöten ausgestiegen wird. Aber es wird im Wettbewerb ums Ei für uns mit Beschwernissen verbunden sein. Auch wenn wir es aus Überzeugung mittragen. Wir wollten deshalb eine europäische Lösung, keine rein deutsche. Damit zum Beispiel auch die holländischen Kollegen, die 30 Prozent der in Deutschland verbrauchten Eier hierher liefern, unter die gleichen Bedingungen fallen. Und das tun sie im Moment nicht.

Wie sähe eine Lösung aus Ihrer Sicht aus?

Wir wollten von vornherein, dass eine europäische Lösung geschaffen wird. Die deutsche Ratspräsidentschaft hätte eine gute Plattform gegeben, um das auf die Tagesordnung zu setzen und zu versuchen, es zu erreichen. Denn das deutsche Gesetz eröffnet eine Reihe von Umgehungstatbeständen. Zum Beispiel können weibliche Küken aus Nachbarländern importiert werden, wo männliche Küken weiterhin getötet werden. Das ist nicht das, was man am Ende unbedingt erreichen wollte.

Nun ist es so und wir haben das nationale Gesetz. Wir stellen uns darauf ein und arbeiten bereits vorbereitend daran. Wir verzögern nicht. Im Gegenteil gibt es schon Eier aus Kükentöten-freien Lieferketten in den Ladentheken. Aber wir möchten jetzt im Nachhinein, dass die Europa-Lösung geschaffen wird und nicht, weil wir ein deutsches Gesetz haben, nach hinten geschoben wird.

Die Europa-Lösung würde also heißen, dass das, was in Deutschland gilt, überall in Europa gilt?

Genau. Die deutsche Bundesregierung muss mit dem Gesetz nach Brüssel und dafür werben, dass andere Länder mitziehen. Frankreich war 2020 bereit, sich mit Deutschland abzustimmen, aber hat diesen kurzfristigen Termin nicht realisieren können. Es strebt 2023 an und wir haben die Hoffnung, dass es in Europa zu einer ähnlichen Lösung kommen kann. Damit unsere Legehennen-Halter, ob aus Brandenburg oder Niedersachsen, nicht mit dem Zwei-Cent-Kostennachteil dauerhaft beaufschlagt sind, sondern dass es sich europaweit löst.

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Es heißt praktisch auch, dass die nötige Technik angeschafft werden muss, um das Geschlecht der Küken zu erkennen.

Es gibt zwei Lösungsansätze: einmal die Bruderhahnmast, wo die männlichen Küken, die schlüpfen, gemästet werden. In Deutschland ist es nicht ganz einfach, genügend Mastplätze zu finden, weil wir keine Genehmigungen für Stallneubauten bekommen. Deshalb wird ein großer Anteil der Brüderhähne im Ausland, beispielsweise in Polen, gemästet. Der zweite Lösungsansatz ist die Geschlechtsbestimmung. Da haben wir noch keine ausreichende Durchsatzleistung. Wir brauchen im Grunde genommen 40 Millionen Küken, die am Leben bleiben sollen, beziehungsweise geschlechtselktiert werden im Ei. Da reichen die Feststellungsverfahren noch nicht aus.

Auch die Messgenauigkeit ist nicht so, wie es sich die deutsche Geflügelwirtschaft wünscht. Messgenauigkeit ist ein technischer Begriff. Praktisch formuliert heißt das, wenn zehn Prozent Hähne in die Legehennen-Ställe kommen, wo die weiblichen Hennen sitzen, gibt es Unruhe durch die Hähne. Es kann zu Federpicken und Kannibalismus kommen. Das bedeutet auch einen Tierschutznachteil. Deshalb müssen die Geschlechtsbestimmungsverfahren weiterentwickelt werden und das sollen sie auch. Wir machen das selbst in unserer Branche auch mit in der Hoffnung, dass wir praxisreif werden, so schnell wie möglich.

Man geht also aus Ihrer Sicht mit noch nicht ausgereifter Technik an den Start?

Wir schaffen 2022 den Ausstieg aus dem Kükentöten, weil wir gut vorbereitet sind und mehrere Geschlechtsbestimmungsverfahren verwenden. Aber die detektieren relativ spät am neunten Tag nach dem Brutbeginn. Das Gesetz sieht ja auch vor, dass wir nach 2024 früher das Geschlecht bestimmen sollen, nämlich vor dem siebten Tag. Ob wir das schaffen, ist völlig offen. Überall in Deutschland arbeiten Forscher an einer Lösung. Aber man kann es auch nicht erzwingen, man muss es abwarten.

Müssen sich die Kunden auf steigende Preise einstellen?

Wir würden darum bitten, dass die Verbraucher künftig Eier aus einer Kükentöten-freien Lieferkette kaufen. Wir brauchen auch die Akzeptanz der Verbraucher. Dafür werbe ich, weil unsere Legehennenhalter auf ihre Kosten kommen müssen. Mehr Tierwohl kostet auch Geld. Das muss man einfach akzeptieren und auch deutlich sagen.

Stimmt es, dass ein Großteil der Eier in die Industrie geht, beispielsweise in die Nudelproduktion?

Die Deutschen essen pro Kopf im Jahr 230 Eier. Das sind etwa 17 Milliarden im Jahr. Davon sind mehr als die Hälfte Schaleneier, die nicht verarbeitet werden, sondern die wir zum Frühstück aufschlagen. Die Eiprodukte, die in Nudeln oder Keksen stecken, machen etwa weniger die Hälfte des Marktes aus. Auch die Ei-Produkte sollen in die Kükentöten-freie Lieferkette übernommen werden. Im Moment importieren sie viele Eier. Auch das verhindert das neue Gesetz nicht, es greift nur in Deutschland. Das ist noch ein Argument, dass wir eine europäische Lösung brauchen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Friedrich-Otto Ripke führte Iris Wussmann, Studio Cottbus.

22 Kommentare

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  1. 22.

    Deutschland rettet wieder mal die Welt und alle anderen machen weiter wie bisher. Find ich Klasse.

  2. 21.
    Antwort auf [Rudi] vom 25.05.2021 um 14:07

    Ich glaube nicht, das hier irgendeiner jemanden vorschreiben will was er wann zu essen hat. Und die steigenden Preise zahlen nicht nur die Rentner. Jeder ist selbstverständlich selbst dafür verantwortlich was er wann und wie einkauft. Wie weit allerdings meine persönlichen Kosten steigen, habe ich durchaus weitestgehend selbst im Griff. Übrigens was hat das Impfdesaster mit Kükentöten zu tun? Ein pauschaler Rundumschlag wie schlecht alles ist bringt keine Änderung. Es beginnt im kleinen und damit meine ich ganz sicher nicht "grünes" Möchtegern Geschwafel.

  3. 20.

    Bestellen Sie hin u.wieder beim Asiaten gebratenen Eireis? Auch dieser wird nur mit den billigsten Legebatterie Eiern zubereitet. Und noch so manch andere Köstlichkeiten. Überlegen beim nächsten Einkauf im Diskounter o.Supermarkt wäre schon mal ein Anfang.

  4. 19.

    In was für einer abartigen perversen und Profitgeilen Welt leben wir?
    Jegliche Tiere scheinen heutzutage nur noch ein scheissdreck zu sein!?
    Ey das sind alles Lebewesen begreift es endlich

  5. 18.

    Na bei anderen Themen sind Ihnen die "linksgrünen Phantasien" doch recht. Oder irre ich mich da und es gibt mehrere @Bürger/Pm?

  6. 17.

    Danke Liebe Alice. Genauso meinte ich es auch. Es gibt Legebetriebe, die Fischmehl den Hühnern zum Futter geben. Dementsprechend schmecken auch die Eier wenn man diese nur ins kochende Wasser gibt fürs Frühstücksei. Igitt.
    Und ja, wer es wirklich möchte, dem stehen sehr gute Angebotspaletten wie Du sie hier beschreibst zur Verfügung. Man muß nur wollen. Zudem tut man noch gutes für diese Händler in der Region, die sehr sorgsam mit unseren Lebensmitteln umgehen. Beispiel. Ich kaufte Bio Kartoffeln und zuhause beim schälen rieche ich noch den Düngemist an den Schalen. Zuerst dachte ich, die Kartoffeln sind nicht mehr gut. Aber Irrtum, sie haben ganz hervorragend geschmeckt.

  7. 16.

    Natürlich klappt das nicht bei allem. Aber deshalb kann man doch nach seinen Möglichkeiten alles tun. Wenn jeder bei sich anfängt und nur ein wenig zugunsten Klima, Umwelt und Tierschutz tut dann ist schon eine Menge getan. Nicht darauf warten, dass andere oder größere damit anfangen. Aber mal abgesehen von den Eiern. Verarbeitete Lebensmittel schaue ich mir genau an. Wenn es schon sein muß.

  8. 15.

    Vor allem können Sie das bei verarbeiteten Lebensmitteln sehen. Da es da keine Kennzeichnungspflicht gibt.

  9. 14.

    Nee, Lothar schrieb "Fischeier" - also die Dinger, die aussehen wie ein Ei und nach altem Rollmops schmecken.

    Lecker frische Eier ... von der B2 Richtung Fahrland, kurz vorm Örtchen, rechte Seite - im Ort is' auch 'n Lekker Bäcker (linke Seite). Oder in Wustermark, vll. 300 Meter nach dem Imker, beim "Marmeladenwägelchen". Hofladen Seeburg. Vierfelderhof in Gatow. Hofladen Falkensee - mit Milchtankstelle :-). Gibt soviel gute Angebote.

  10. 12.

    Liebe Angelika. Sie kommentieren alles hier vollkommen richtig. Ich kaufe z.B. längst keine“Billigeier. Für mich ein No Go. Lieber zahle ich für 10 Bio Eier schon jetzt um die 5 Euro. Aber solange es in den Supermärkten Stapelweise diese, ich nenne sie immer Fischeier, im Superangebot gibt, greifen die Kunden danach.

  11. 11.

    Was ist denn daran eine linksgrüne Phantasie?
    Wer kann denn ernsthaft wollen, dass die Hälfte aller dieser Küken umgebracht wird, nur weil die Aufzucht weniger wirtschaftlich wäre, also weniger Geld brächte?
    Das sind doch lebende Wesen!
    So etwas verstehe ich nicht...

  12. 10.

    Was soll das? Sie können doch schauen wo das Ei herkommt. Es muss nicht aus dem Ausland kommen. Jeder kann für sich im kleinen anfangen. Nicht immer darauf warten, daß sich das Große Ganze ändert. Dazu müssen einem Natur, Umwelt und auch Tiere wichtig sein.

  13. 9.

    Wir lieben doch Alleingänge...
    KKWs schaffen auch nur wir ab. Unsere Nachbarn bauen und betreiben sie weiter.
    Die Sinnfrage macht nicht immer Sinn.

  14. 8.

    Bisher hat man uns doch nur vorgepredigt, dass Hähnchen- ( die echten männlichen )aufzucht sich nicht lohnt weil die viel langsamer Fleisch ansetzen. Sozusagen-die Schwester wäre längst geschlachtet. Warum verkauft man überall Hähnchenfleisch wenn es gar nicht von Hähnchen stammt ? Ist es in Polen nun billiger oder haben die unbegrenzt Stallgrößen zur Verfügung ? Glaube euch fast nix mehr.

  15. 7.

    Aber es wird im Wettbewerb ums Ei "
    Ist das nicht eine wunderschöne Formulierung. Der Wettbewerb ums Ei.
    Alleine dafür sollten wir auf das Verbot von Kükentöten verzichten und alle Gedanken an ein Verbot der Hallenmassenhaltung für alle Zeiten vergessen.
    Es geht ja schließlich um den globalen Wettbewerb ums Ei.
    Und das Deutsche Ei steht halt im Wettbewerb mit dem chinesischen und überhaupt dem Alleländerei.
    Das Kulturgut Ei-darum lohnt der Wettbewerb.
    Und das müssen diese selbstsüchtigen Küken auch mal einsehen. Es geht um Höheres.
    Nämlich den Wettbewerb ums Ei.

  16. 6.

    Nein, aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man auch mit weniger Einkommen sehr gut bewusst einkaufen kann. Das klappt nicht immer zu 100 %. Aber wenn jeder nur etwas bewusster mit Lebensmitteln umgeht ist schon ein großer Schritt getan. Tierische Produkte müssen nicht täglich auf den Tisch. Lieber schauen wo es herkommt. Auch beim Gemüse regional kaufen. Ist preiswerter und schmeckt besser.

  17. 5.

    .. nutzlose männliche küken. .. Haben Sie eigentlich eine Ahnung was Sie da behaupten? Wenn Sie solche Angst haben, daß diese ins Ausland zur Aufzucht gegeben werden warum sind dann hier alle gegen neue Ställe zur Aufzucht? Sie wollen billiges Fleisch. Damit nehmen sie solches in Kauf.

  18. 4.

    Genau solche Leute habe ich mit meinem Kommentar gemeint. Ich habe auch keine linksgrüne Phantasie. Ich züchten als Hobby und zum essen selbst Hühner und Enten und ich kann ihnen versichern das ich da schon die dümmsten Fragen zu erhalten habe. Die beste war - was ist das mit den roten Ding auf dem Kopf- gemeint war eine Ente. Es wird nur gejammert das es teurer wird. Ja, das ist dann eben so. Und ob man davon reich werden kann? Was kostet gerade ein Ei im Supermarkt. Ziehen Sie davon den Verdienst des Marktes, des Zulieferer usw.ab und Sie wissen was am anderen Ende ankommt.

  19. 3.

    Frage: "Müssen sich die Kunden auf steigende Preise einstellen?"
    Antwort: "Das muss man einfach akzeptieren ... "
    Das nur der Eier im Preis steigen, wie uns im Interview vermittelt werden soll, zeigt, wie Blauäugig man uns einschätzt. Alle Produkte, die mit Eiern hergestellt werden, werden teurer.
    Und wieder wird der Verbraucher zur Kasse gezwungen, um linksgrüne Phantasien zu bezahlen und die Erzeuger Reich zu machen, die, wenn sie schlau sind, die nutzlosen männlichen Küken ins Ausland zu verbringen.
    Mindestlöhner, Hartz4er und Rentner werden die finanzielle Last schon tragen.

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