Interview | Situation in Afghanistan - "Wir sind wieder im Jahr 2001"

Mo 16.08.21 | 17:29 Uhr
Taliban-Kämpfer patrouillieren an Bord von Polizeifahrzeugen in Kabul © kyodo/dpa
Audio: Antenne Brandenburg | 16.08.2021 | Gespräch mit Riza Sharifi | Bild: kyodo/dpa

Mit Sorge blickt Riza Sharifi aus Afghanistan auf die Situation in seinem Heimatland. Seit Jahren lebt er zwar in Cottbus, Familienangehörige leben aber noch immer in Kabul. Im Interview spricht er über die aktuelle Lage und über seine Ängste.

In Afghanistan überschlagen sich derzeit die Ereignisse. Nachdem die USA und unter anderem auch Deutschland ihren Militäreinsatz beendet haben, rückt die Taliban unaufhaltsam vor. Die Regierung hat das Land verlassen, die Hauptstadt Kabul ist in die Hände der radikal-islamistischen Bewegung gefallen. Deutsche und afghanische Ortskräfte sollen noch am Montag ausgeflogen werden.

Mit vielen Sorgen beobachtet auch Riza Sharifi die Situation in seinem Heimatland. Der Afghane lebt und arbeitet zwar seit Jahren in Cottbus, wo er gerade auch seine Doktorarbeit schreibt, hält aber weiter Kontakt zu Verwandten in Afghanistan, auch in Kabul. Im Interview spricht er über seine Ängste und Befürchtungen.

rbb24: Riza Sharifi, Sie sehen die Bilder von Menschen, die das Land verlassen, die vor der Taliban fliehen. Wie empfinden Sie diese Bilder?

Riza Sharifi: Ich bin, wie viele Leute, völlig schockiert, dass diese Wendung so schnell gekommen ist. Manchmal denke ich, es ist ein Albtraum. Aber es ist die Wahrheit. Wenn ich mit meiner Schwester oder Freunden in Kabul spreche, dann wissen die selbst nicht, wie das so schnell passieren konnte. Die haben jetzt große Angst. Glücklicherweise ist noch nichts passiert. Aber niemand weiß, was morgen kommt. Wir wissen gar nicht, was ist jetzt in diesem Land passiert. Gestern hatten wir noch Präsidenten, heute hören wir, er ist weg. Vor zwei Tagen war Afghanistan eine Republik, jetzt ist es ein islamisches Emirat. Wir haben Angst vor der nahen Zukunft.

Wie oft haben Sie Kontakt zu Familie und Freunden?

Jeden Tag und jede Stunde. Wenn ich mit meiner Schwester spreche und dort klopft es an der Tür, denke ich, dass die Taliban kommen. Ich denke, alle Afghanen können zur Zeit nicht gut schlafen. Ständig fragen wir am Morgen: Was ist passiert? Wie können wir helfen?

Was berichtet ihre Schwester denn aktuell aus Kabul?

Gestern und Vorgestern war sie sehr ängstlich. Heute Morgen haben wir telefoniert, ihr ging es gut. Sie bleibt zu Hause und geht nicht nach draußen. Sie war jetzt drei Tage nicht draußen und kann nur auf eine bessere Situation warten. Lokale Militärs raten den Leuten, im Haus zu bleiben und sich nicht draußen aufzuhalten.

Wie funktioniert denn momentan das alltägliche Leben in Kabul? Gibt es Strom? Wie geht man Einkaufen?

Gestern und vorgestern waren alle Geschäfte zu. Heute haben einige langsam wieder geöffnet. Bäckereien und kleinere Geschäfte sind offen, einige gehen Einkaufen.

Wie reagieren denn die Afghanen auf die Machtübernahme? Gibt es auch Hoffnung?

Mit der Taliban, das ist unsere Erfahrung, gibt es keine klare Zukunft oder gar eine bessere Zukunft. Meine Familie und ich denken immer, wenn es so leicht ist, dass die Taliban vorrücken und die Armee nichts macht, dann waren die letzten 20 Jahre und die zehntausenden Soldaten umsonst. Jetzt sind wir nach zwanzig Jahren wieder zurück im Jahr 2001. Ich weiß genau, was in diesem Zeitraum passiert ist. Das ist alles in zehn Tagen verschwunden. Ich habe solche Angst und mache mir Sorgen um alles. Nur ein Afghane kann gerade verstehen, was ich meine. Meine Frau hat immer geweint, wenn sie mit ihrem Bruder telefoniert hat.

Welche Befürchtungen haben Sie denn für die nächste Zeit, wenn die Taliban nun einen islamischen Staat installieren?

Afghanistan ist ein Land mit vielen verschiedenen Religionen und ethnischen Gruppen. Wir denken, es wird genauso wie zwischen 1995 und 2001. Angehörige anderer Religionen und ethnischer Minderheiten wurden getötet. Das ist die erste Sache. Die zweite Sache ist der Umgang mit Frauen. Für die wird es wieder wie ein großes Gefängnis sein. Wir hoffen, dass die internationale Community eingreift. Doch die sind da gewesen und haben es nicht richtig gemacht. Sie haben unser Land sehr schnell verlassen. Was nun alles passieren wird, weiß ich nicht.

War es ein Fehler, dass die Amerikaner Afghanistan nun so schnell verlassen haben und sich auch die Bundeswehr zurückzieht?

Ich denke, das war nicht der Fehler der Amerikaner oder der Deutschen. Ich entschuldige mich dafür, aber das war der Fehler der Afghanen, dass sie vertraut haben. Wir sind Afghanen, dieses Land gehört uns. Und wir dürfen nicht auf andere vertrauen, dass sie unser Land besser machen. Wenn beispielsweise die Amerikaner kommen, verfolgen die bestimmte Ziele. In Washington ist es nicht wichtig, was mit meiner Schwester in Kabul passiert. Also denke ich, die Amerikaner haben ihren Teil erfüllt, die Afghanen haben Chancen verpasst.

Fürchtet Ihre Familie im Moment um ihr Leben?

Ja, natürlich. Wir kennen die Taliban. Das ist nicht eine Gruppe, sondern zusammengemischt aus vielen. Die haben keine systematische Meinung. Manchmal denken sie, dass eine bestimmte Minderheit nicht in einer Stadt sein darf oder sie getötet werden muss. Das ist jetzt in Afghanistan das leichteste, andere Menschen töten. Das ist die Wahrheit.

Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Thomas Krüger für Antenne Brandenburg.

Sendung: Antenne Brandenburg, 16.08.2021, 14:10 Uhr

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