Interview | Gescheiterter Fluchtversuch aus der DDR - "Politische Gefangene waren in der Hackordnung ganz unten"

Fr 13.08.21 | 14:39 Uhr
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Eroeffnung der "Gedenkstaette Zuchthaus Cottbus" - Fassade Hafthaus 1 auf dem Zuchthausgelaende. (Quelle: dpa/Andreas Franke)
Bild: dpa/Andreas Franke

Peter Keup wollte im Juli 1981 aus der DDR flüchten. Doch sein Fluchtversuch über Ungarn scheiterte. Er wurde zu zehn Monaten Haft in Cottbus verurteilt. Knapp 30 Jahre später ist er an genau diesen Ort zurückgekehrt und hat mit rbb|24 gesprochen.

rbb|24: Herr Keup, Sie wurden 1958 in Radebeul im Bezirk Dresden geboren. 1981 versuchten Sie aus der DDR zu fliehen. Warum hatten sie denn beschlossen, Ihrer Heimat und Ihrer Familie mit gerade einmal 23 Jahren den Rücken zu kehren?

Peter Keup: Ich habe die DDR schon immer als sehr eng empfunden, obwohl ich damals noch in Freiheit war. Aber die Freiheit hatte ja doch auch ganz enge Grenzen. Und ich habe irgendwann angefangen die DDR zu hassen. Meine Großeltern lebten in der BRD. Und je älter ich wurde, desto mehr habe ich das auch hinterfragt. Und ich habe damals immer weniger der DDR-Propaganda geglaubt, sondern meinen Großeltern und meiner Mutter, die selbst aus Essen stammte und die aus Liebe zu meinem Vater, einem bekennenden Kommunisten, mit in die DDR gegangen ist.

Ein Schlüsselerlebnis für Ihre Flucht war ein Besuch bei Ihrer Cousine in Berlin. Damals haben Sie als 13-Jähriger zum ersten Mal die Berliner Mauer und die Siegessäule gesehen. Was haben Sie damals in dem Moment gedacht?

Der Westen war so nah, aber trotzdem eine Welt, die unerreichbar ist. Fast so, als würde man zum Mond gucken. Da kann man auch hinfliegen. Es gab schon Menschen, die da waren, aber es ist relativ unwahrscheinlich, dass man selbst dort hingelangt. So habe ich mich damals gefühlt. Und das hat dieses Engegefühl in mir hervorgerufen und das wurde ich dann auch nicht mehr los. Ganz konkret wurden meine Fluchgedanken, als mir damals eine West-Zeitschrift in die Hände gekommen ist, in der über die Flucht zweier Familien aus der DDR mit einem Heißluftballon berichtet wurde. Und das fand ich so spannend und inspirierend, dass ich gedacht habe, wenn das zwei Familien mit einem dreijährigen Kind schaffen, dann musst du das irgendwie auch hinkriegen.

Peter Keup (Quelle: Menschenrechtszentrum-cottbus)
Peter Keup | Bild: Menschenrechtszentrum Cottbus

Wie genau sah denn Ihr Fluchtversuch 1981 aus?

Ein Jahr später (Anm. der Redaktion: nach der geglückten Flucht der beiden Familien) wollte ich dann von Ungarn nach Österreich fliehen, wollte durch einen Seitenarm der Donau schwimmen, der war Teil des Grenzgebietes. Das war mein Plan. Ungarn zu verlassen, also den kommunistischen Einflußbereich und im freien Land Österreich anzukommen. Ich habe mich vorbereitet. Ich lebte ja damals in Radebeul in der Nähe von Dresden. Ich bin sogar durch die Elbe geschwommen mehrfach, um diese Erfahrung zu machen: durch einen Fluss zu schwimmen.

Aber das hätte ich mir alles sparen können. Ich bin dann sehr schnell bei der Einreise in die Tschechoslowakei verhaftet worden. Aus welchen Gründen auch immer wurde ich vom Schaffner nach einer Rückfahrkarte gefragt und die konnte ich nicht vorweisen. Und dann hat mich die Militärpolizei aus dem Zug geholt. Und dann bin ich stundenlang in einem dunklen Raum, in dem nur zwei Lampen auf mich gerichtet waren, befragt worden. Mein Gegenüber habe ich gar nicht gesehen, ich bin immer nur gefragt worden: "Wollen sie die DDR ungesetzlich verlassen?".

Irgendwann wurde die Situation unerträglich und dann habe ich meine Flucht zugegeben. Aus meiner Stasi-Akte weiß ich mittlerweile, dass das Verhör mehr als 30 Stunden gedauert hat. Und ich habe mich als Looser gefühlt. Ich habe meiner Mutter damals gesagt, ich rufe Dich an, sobald ich im Westen bin und dann wurde ich nur ein paar Kilometer weiter verhaftet. Das war ein beschissenes Gefühl.

Nach Ihrem Geständnis kamen Sie zunächst für drei Monate in Untersuchungshaft.

Das war für mich eigentlich die schlimmste Zeit. Ich war immer allein, hatte wochenlang keinen Kontakt zu meiner Familie. Ich wusste ja nicht einmal, ob meine Mutter weiss, dass ich noch lebe. Ich habe mich bei ihr nicht gemeldet, obwohl ich es versprochen hatte. Das Versprechen also nicht eingelöst. Man war so zerrissen, man wusste nie, wo man ist. Man wurde als Nummer bezeichnet, man durfte nichts fragen, man bekam keine Information. Das war wirklich eine ganz harte Zeit.

Sie wurden anschließend wegen versuchter Republikflucht zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt und mussten diese Zeit in Cottbus absitzen, bis sie 1982 schließlich von der Bundesregierung freigekauft wurden. Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit im Gefängnis in Cottbus?

Die Wärter in Cottbus haben die politischen Gefangenen als am verachtenswürdigsten angesehen. Das spürte man schon in der Behandlung. Viel Schikane und Idotie spielte da mit. Politische Gefangene waren in der Hackordnung ganz unten. Es war ein sehr unangenehmes Miteinander. Aber auch wenn die Stimmung brutal und aggressiv war, für mich war Cottbus schon eine Verbesserung gegenüber der dreimonatigen Untersuchungshaft, wo ich 24 Stunden am Tag ganz allein war.

Nach dem Sie von der Bundesrepublik freigekauft wurden, gingen Sie nach Essen, wo Sie heute noch leben. Trotz des Erlebten und der Schikanen hat es sie aber auch wieder nach Cottbus gezogen. Aus dem ehemaligen Gefängnis ist das Menschenrechtszentrum geworden, wo Sie heute arbeiten.

Nach dem Fall der Mauer habe ich erfahren, dass mein Bruder inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war. Ich konnte ihn aber nicht mehr dazu fragen, weil er mittlerweile verstorben war. Hat er die Familie bespitzelt? Darauf bekam ich also keine Antwort. Und das hat in mir etwas ausgelöst. Ich habe meinen Beruf an den Nagel gehängt und noch einmal studiert: Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt deutsch-deutsche Geschichte. 2017 habe ich zum ersten Mal den Schritt gewagt, wieder nach Cottbus zu kommen. Zwei Jahre später kam ich dann ein Job-Angebot vom Menschenrechtszentrum. Die erste Zeit war natürlich sehr schwierig, vor allem emotional. Aber so peu à peu konnte ich diesen Ort für mich zurückerobern.

Ich lebe aber immer noch in Essen. Nach Cottbus zu ziehen, soweit würde ich glaube ich nicht gehen.

Das Gespräch führte für rbb|24 Aline Lepsch.

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Das im Oktober 2007 gegründete Menschenrechtszentrum Cottbus e. V. [menschenrechtszentrum-cottbus.de] ist seit 2011 Eigentümer des ehemaligen Gefängnisses in der Bautzener Straße und Träger der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus, in der zahlreiche Ausstellungen und Musterzellen besichtigt werden können. Der Verein, dessen Mitglieder zum größten Teil ehemalige politische Häftlinge der DDR sind, setzt sich zum Ziel die Aufklärung über die Rolle des Cottbuser Zentralgefängnisses, insbesondere während der Zeit der beiden deutschen Diktaturen.

Der Verein möchte nach eigenen Angaben einen Beitrag zur Versöhnung leisten und in Aufarbeitung der Unrechtsgeschichte an diesem Ort Verständnis und Hilfsbereitschaft für Menschen wecken, die in anderen Staaten dieser Welt politisch, rassisch oder religiös verfolgt werden.

1 Kommentar

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  1. 1.

    Komisch, da hört man von den üblichen Verfechtern des Sozialismus nichts. Passt wohl nicht so recht in die eigene Blase. Die DDR war eine lupenreine Diktatur. Nur die Aufarbeitung ist noch lange nicht so ehrlich und konsequent, wie die zum NS-Regime. Im Gegenteil, Sozialismus wird schon wieder salonfähig gemacht und verklärt. Da heißt es so schön: "Es war nicht alles schlecht!". Das stimmt natürlich, aber so haben die Deutschen nach 1945 auch die NS-Zeit schön geredet. Es war nach dem verheerenden Krieg und den Millionen ermordeter Juden und anderer Menschen nur nicht so glaubwürdig. Wir müssen aufpassen, dass unsere Demokratie gegen alle freiheitsbeschränkenden Ideologien verteidigt wird!

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