Symbolbild: Jugendliche bei dem Besuch eines Bergwerks im Landkreis Elbe-Elster. (Quelle: imago/Joko)
Audio: Inforadio | 13.12.2018 | Daniel Friedrich | Bild: imago/Joko

Lausitz vor dem Strukturwandel - Jugend ohne Kohle

An den Lausitzer Braunkohle-Kraftwerken hängen viele Arbeitsplätze - und auch die Identität der Region. Aber Strom aus Kohle geht bald nicht mehr, auch das ist Thema auf der Klimakonferenz in Kattowitz. Wie sehen junge Leute in der Lausitz ihre Zukunft? Von Daniel Friedrich

Wer auf dem Marktplatz von Peitz steht, hat die grauen Rauchschwaden aus den mächtigen Schornsteinen des nahen Kraftwerks Jänschwalde stets im Blick. Die Kleinstadt, 15 Kilometer von Cottbus entfernt, ist umgeben vom Braunkohletagebau. Und die Kohle ist der größte Arbeitgeber in der Region: Bis zu 24.000 Jobs hängen in der Lausitz direkt und indirekt mit ihr zusammen.

Der 20-jährige Marcel Paprosch steht hier mitten in der Ausbildung zum Schweißer. Im Kraftwerk repariert er die Maschinen. Vor einem halben Jahr ist der junge Peitzer Vater geworden und rundum glücklich. "Ich bin jetzt im vierten Ausbildungsjahr, hab gestern meine Prüfung absolviert. Habe ein gutes Gefühl. Gerade wenn man jetzt einen kleinen Sohn hat, das motiviert einen immer richtig."

Marcel ist stolz auf seine Heimat, die Lausitz. Doch die Diskussion um einen Ausstieg aus der Kohleverstromung setzt hier vielen Menschen zu: Über Generationen war die Kohle das wirtschaftliche Rückgrat der Lausitz, sie prägte das Selbstverständnis der Region. Nun steht die Zukunft der Kohlekumpel und die ihrer Heimat auf der Kippe. "Es geht ja nicht nur um die Arbeitsplätze im Kraftwerk. Da hängen noch ganz viele Zulieferer mit dran. Oder der Bäcker, der hier in Peitz ist, wo früh die ganzen Arbeiter heranfahren um sich ihre Brötchen zu holen. Der Bäcker macht auch Plus mit dem Kraftwerk hier. Das vergessen viele Leute", sagt Paprosch.

Maurice Paprosch. (Quelle: rbb/Daniel Friedrich)Schweißer-Azubi Marcel Paprosch aus Peitz

60 Millionen Tonnen Kohle werden in diesem Jahr voraussichtlich aus dem Lausitzer Boden geholt. Doch Deutschland will sich von fossilen Brennstoffen verabschieden. Wer in einem der Lausitzer Kraftwerke eine Ausbildung beginnt, wählt also einen Beruf auf Abruf. Warum hat sich ein junger Mann wie Marcel Paprosch dann überhaupt dafür entschieden? "Weil ich mich einfach wohlfühle. Das ist meine Heimat und hier möchte ich bleiben. Ich bin hier geboren, ich kenn hier alles, meine Freunde sind hier. Ich hab ein Kind, Verwandte, Bekannte, alles Mögliche." Außerdem sei er nach seiner Ausbildung vielfältig einsetzbar erzählt er: "Der Beruf "Konstruktionsmechaniker Fachrichtung Schweißtechnik“ wird nicht nur in der Kohle gesucht zu –  zu Schweißen gibt es immer etwas."  

Die Lausitzer Braunkohle sichert weit über die Grenzen Brandenburgs hinaus die Stromversorgung ab. Doch der Rauch aus den Kraftwerksschloten am Himmel wirft nicht nur Schatten auf die Lausitz. Er trübt auch die Ökobilanz Deutschlands. Allein die drei Lausitzer Kraftwerke stießen 2016 rund 55 Millionen Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid aus. Die politischen Klimaziele sind damit nicht erreichbar.

Das weiß auch Vincent Niethammer. Der 23-Jährige ist in der Lausitz aufgewachsen und arbeitet beim Kraftwerksbetreiber LEAG im IT-Bereich. Vor fast zwei Jahren hat er seine Ausbildung abgeschlossen, war Jugend-Auszubildendenvertreter. Was wäre, wenn ab morgen keine Kohle mehr gefördert würde? "Ich denke, das ist ein schwieriges Szenario. Gerade weil ja die Wertschöpfung der LEAG eigentlich von der Kohle abhängt. Das Einzige, was von der LEAG noch zu tun wäre, wäre alles wieder zurückzubauen – was Rekultivierung und alles angeht. Aber ich denke, die Vorstellung, von heute auf morgen aus der Kohle auszusteigen, ist ein bisschen illusorisch", sagt Niethammer.

Vincent Niethammer. (Quelle: rbb/Daniel Friedrich)Auch ITler Vincent Niethammer arbeitet bei der LEAG

Nach der Schule wollte er, wie viele seiner Mitschüler, in der Heimat bleiben. Eine Ausbildung in der gutbezahlten Kohle-Branche sei für viele ein Traum gewesen, erzählt er. Doch die einst so sicheren Jobs in der Braunkohle sind es heute nicht mehr. Nie war das Geschäft so überlagert von der Politik wie heute. Niethammer wünscht sich mehr Zeit für den Kohleausstieg und den Strukturwandel. Immerhin sorgt die Braunkohle für jährlich 1,3 Milliarden Euro an Wertschöpfung in der Lausitz: "Die Politik muss dafür sorgen, dass wir bei der LEAG die Zeit bekommen, auch uns selbst im Strukturwandel einzubringen, vielleicht in neue Geschäftsfelder einzutreten".

Ginge der Ausstieg aus der Kohle zu schnell, dann könnte die Stimmung in der wirtschaftlich ohnehin nicht besonders gesegneten Lausitz noch weiter kippen, befürchtet Niethammer. So wie Anfang der 90er Jahre schon einmal, als nach der Wende über 70.000 Arbeitsplätze in der Kohle wegbrachen. Eine weitere Abwanderung würde die Region nicht verkraften, da sei er sich sicher, sagt Niethammer. "Wenn hier mit Zahlen in den nächsten Jahren herumgeworfen wird, dass es nur noch fünf Jahre oder so geht, dann gehen viele weg, und es kommt auch keiner mehr in die Region. Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Stück weit zum Aussterben der Region führt."

"Die Stadt Cottbus zieht mich nicht so an"

Die Lausitz am Aussterben? Am Cottbuser Pückler-Gymnasium legt Monique Thiele im kommenden Jahr ihr Abitur ab. Die 17-Jährige hat sich schon ihre Gedanken gemacht über die Zukunft der Lausitz. "Windenergie und Solar finde ich super. Vielleicht mit Elektroautos, schöne Parks erbauen lassen. Man braucht dann natürlich Leute, die die Technik übernehmen, wenn man in die Richtung von Solar und Windenergie geht." Windenergie, Elektroautos oder einfach nur schöne Parks? Die Perspektiven für die Lausitz liegen wohl irgendwo dazwischen. Für Monique Thiele soll es nach dem Abitur zum Studium nach Dresden gehen. Ob sie danach wieder nach Cottbus zurückkehrt? "Eher weniger. Nicht weil ich hier keine Freunde oder Familie habe, sondern weil mich die Stadt Cottbus an sich nicht so anzieht. Ich finde sie nicht so überragend schön. Da gibt es andere Städte, die mich mehr anziehen würden."

Monique Thiele mit Freundin Kira Marie Wolter. (Quelle: rbb/Daniel Friedrich)Schülerin Monique Thiele und Freundin Kira Wolter aus Cottbus

Knapp drei Milliarden Euro Fördermittel flossen in den vergangenen fünf Jahren in die Lausitz, um den Strukturwandel zu bewältigen. Mit dem Geld entsteht beispielsweise auf dem Gelände der Universität in Cottbus ein Gründerzentrum für innovative Unternehmensideen. 1.000 Arbeitsplätze verspricht das Vorhaben. Das allein wird nicht reichen, um den Kohleausstieg aufzufangen. Was müsste eine Stadt wie Cottbus für Monique Thiele bieten, um sie zu halten? "Jobchancen vielleicht. Auch was das Studium betrifft, hat man hier nicht so die Möglichkeit. Und auch die Unternehmungsmöglichkeiten sind nicht besonders. Wenn man jetzt Berlin oder Dresden anguckt, da hat man ja viel mehr Platz, hat man Möglichkeiten, was zu machen."

Mit seinen 100.000 Einwohnern sind die Möglichkeiten von Cottbus freilich begrenzt. Doch die Chancen, die Zukunft der Lausitz aktiv mitzugestalten, waren noch nie so groß wie heute. Vincent Niethammer jedenfalls lässt sich nicht verunsichern. Er rechnet damit, dass auch in den kommenden Jahren noch Lausitzer Braunkohle gefördert wird. "Erst einmal gehe ich davon aus, dass ich noch ein paar Jahre bei der LEAG arbeiten kann, dass ich mich dort noch ein Stück weiter verwirklichen kann." Und dann? "Dann habe ich einfach die große Hoffnung, dass andere Möglichkeiten geschaffen werden." Damit er in der Region bleiben kann.   

Im Februar will die Strukturkommission der Bundesregierugn ihre Empfehlung dazu abgeben, wann sich die Lausitz von der Kohle trennen muss.

Sendung: Inforadio, 13.12.2018, 09:45 Uhr  

Beitrag von Daniel Friedrich

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1 Kommentar

  1. 1.

    Dass ein Ausstieg aus der Kohle kommen muss ist doch schon seit Jahrzehnten bekannt. Wieviel mehr Zeit für einen Strukturwandel will die Region denn noch?

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