Symbolbild: Drei junge Geflüchtete arbeiten in einem Ausbildungszentrum. (Quelle: dpa/Monika Skolimowska)
Bild: dpa/Monika Skolimowska

Ausländische Arbeitnehmer - Wie eine Beratungsstelle für mehr Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt sorgt

Viele Geflüchtete oder Studierende aus dem Nicht-EU-Ausland müssen oft prekäre Arbeitsbedingungen und Ausbeutung in Kauf nehmen. Für diese Fälle setzt sich die Beratungsstelle "Faire Integration" in Cottbus ein. Von Vera Block

Ein Geflüchteter arbeitet in einem Brandenburger Baubetrieb. Alles läuft gut. Nur die Lohnauszahlung kommt dem Mann komisch vor. Einen Teil erhält er auf sein Konto überwiesen. Einen anderen - im Briefumschlag überreicht.

Das ist nicht in Ordnung so, denkt der Arbeiter und wendet sich an die Beratungsstelle "Faire Integration" in Cottbus. Denn er will nicht Gefahr laufen, der Schwarzarbeit beschuldigt zu werden.

Susanne Riepe erinnert sich noch gut an ihren ersten Fall als Leiterin des Projekts "Faire Integration", das durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert wird. Damals, im Winter 2019, konnte sie zwischen dem Geflüchteten und der Baufirma nicht vermitteln. Das Arbeitsverhältnis wurde beendet.

Edris Rasuly und Susanne Riepe sitzen im Büro der "Fairen Integration" in Cottbus (Quelle: rbb/Vera Block)
Edris Rasuly und Susanne Riepe vom Verein "Faire Integration" | Bild: rbb/Vera Block

Die Beratungsstelle "Faire Integration" ist da gerade mal ein halbes Jahr alt und gewinnt langsam an Bekanntheit. Gegründet wurde sie auf Initiative des bundesweiten Förderprogramms "Integration durch Qualifizierung (IQ)". Die Zielgruppe sind sogenannte "Drittstaatler", etwa Geflüchtete, aber auch internationale Fachkräfte, die in Deutschland eine Anstellung gefunden haben oder Studierende von außerhalb der EU, die ihren Unterhalt durch Nebenjobs finanzieren müssen.

Sie alle, so Franziska Lohse vom IQ Netzwerk Brandenburg, laufen immer wieder Gefahr, am Arbeitsplatz unfair behandelt zu werden: "Menschen mit Migrationsgeschichte sind überproportional häufig nicht ihren Qualifikationen entsprechend und prekär beschäftigt."

Manchmal läge es daran, dass ihre berufliche Qualifikation nicht anerkannt wird, an rassistischen Vorurteilen und oft an dem komplexen deutschen System des Arbeitsrechts, das viele nicht verstehen. Das IQ Netzwerk Brandenburg betreibt das Projekt in Kooperation mit dem Caritasverband der Diözese Görlitz.

"Was habe ich unterschrieben?"

Die häufigsten Fragen in den Beratungsstunden, erzählt Susanne Riepe, sind: "Ich habe meine Arbeit verloren und weiß nicht, was ich machen soll. Ich weiß auch nicht, was ich unterschrieben habe. Dann gucken wir, haben sie einen Aufhebungsvertrag unterschrieben? Oder eine Quittung, weil sie den Schlüssel abgegeben haben?" Oft müsse auch die Berechnung von Kurzarbeitergeld überprüft werden.

Gerade Geflüchtete, über deren Aufenthaltsstatus noch entschieden wird, sagt Susanne Riepe, wollen oft durch einen bestehenden Arbeitsvertrag nachweisen, dass sie auf dem Weg der Integration sind. Und lassen sich eher auf prekäre Arbeitsverhältnisse ein.

In der Beratung prüft Riepe also: "Wird die Arbeitszeit dokumentiert? Was steht im Arbeitsvertrag? Wie ist die Überstundensituation? Was passiert, wenn Arbeitnehmer vom Arbeitgeber untergebracht werden?"

Auch Verdachtsfälle rassistischer Diskriminierung gehören zu den häufigen Themen der Beratungen. Diese erweisen sich zu oft als wahr, so Franziska Lohse vom IQ Netzwerk Brandenburg. Aber die Arbeit des Projekts habe inzwischen auch Früchte getragen: In bestimmte Betriebe vermitteln die Jobcenter nicht mehr. Sollten die Ratsuchenden der "Fairen Integration" aufgrund diskriminierender Erfahrungen kündigen wollen, "werden ihnen nicht, wie sonst bei Eigenkündigung, die Bezüge gestrichen."

Viermal so viele Beratungen während der Pandemie

Mit dem Beginn der Pandemie vor einem Jahr ist die Arbeit der Beratungsstelle Faire Integration mehr geworden: Vom 2019 zu 2020 ist die Zahl der Beratungen um das Vierfache gewachsen. "Im Moment", so Susanne Riepe, "haben wir viel mit Menschen zu tun, die sich in Quarantäne-Verordnung befinden, wo der Arbeitgeber aber verlangt, dass sie zu Arbeit kommen."

Wie im Fall eines minderjährigen Azubis mit Fluchtgeschichte. Als in der Kita seiner Schwester ein Corona-Fall bekannt wird, bekommen alle Familien einen Brief mit der Bitte, sich in Quarantäne zu begeben. Doch der Ausbildungsbetrieb verlangt vom Lehrling, weiter zur Arbeit zu erscheinen.

Der junge Geflüchtete sucht Rat bei der "Fairen Integration". Dort hilft man ihm, eine Bescheinigung vom Gesundheitsamt zu bekommen. Dennoch wird dem jungen Flüchtling in der Probezeit gekündigt. Jetzt sucht er mit der Unterstützung der "Fairen Integration" Hilfe bei einer juristischen Beratungsstelle.

Beratung in den Sprachen des Nahen Ostens

Während der Corona-Pandemie, sagt Riepe, sind die Fälle komplexer geworden. Es gibt mehr "Verschuldung, Ängste vor Restriktionen, auch vom Jobcenter oder Arbeitsagentur. Alles dauert länger und versetzt Leute zunehmend in Stress." Denn vor allem Geflüchtete müssen bei den Behörden Fristen einhalten und riskieren sonst ihren Status zu verlieren.

Das kriegt vor allen Edris Rasuly mit. Der Afghane spricht neben Deutsch und Englisch auch viele Sprachen des Nahen Ostens und berät bei der "Fairen Integration" viele in ihren Muttersprachen. Die allgemeinen Probleme, die die Pandemie auf dem Arbeitsmarkt verursacht, würden die Arbeitnehmende mit Fluchtgeschichte besonders stark betreffen. Die Zukunftsängste, Einsamkeit und die Untätigkeit im Lockdown belasten die ohnehin traumatisierten Menschen doppelt, so Rasuly.

Und die, die Arbeit haben, sind bereit viel zu akzeptieren um die Stelle nicht zu verlieren. "Manche Unternehmen nutzen die Situation der Arbeitnehmenden aus", meint Franziska Lohse und beklagt: "Es fehlen Kontrollen. Wo kein Kläger, da kein Richter."

Internationale Studierende kämpfen um ihre Existenz

Seit dem Beginn der Pandemie hat sich auch eine weitere Gruppe Ratsuchender gebildet – Studierende der Brandenburger Hochschulen, allen voran der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU). Dort stammt rund ein Drittel der Eingeschriebenen aus dem Ausland, die meisten aus China, Indien, Syrien, Iran und Nigeria. Viele von ihnen haben als erste in der Region ihre Aushilfsjobs verloren - und damit die finanzielle Grundlage ihres Studiums in Deutschland.

Etwa Amar (Name geändert) aus dem Iran. Er hat als Kellner in einem Restaurant gejobbt: "Das war mein einziges Einkommen und muss meine Lebenshaltungskosten, meine Miete, Lebensmittel, alles mit diesem Geld bezahlen, ich habe keine Unterstützung von meinen Eltern, genau wie viele andere Studenten."

Auch Sozialleistungen stehen Studenten aus Drittstaaten oft nicht zu. Also wird in den Beratungen der "Fairen Integration" genau geprüft, was in den Arbeitsverträgen der Studierenden steht, ob das Unternehmen nicht doch zahlen muss oder ob ein Arbeitsverhältnis rechtmäßig beendet wurde.

Inzwischen haben knapp Tausend Menschen die "Faire Integration" konsultiert. Und der Bauarbeiter, den Susanne Riepe einst als ersten beriet, hatte kurz darauf eine neue Anstellung gefunden. Die hält bis heute.

Beitrag von Vera Block

2 Kommentare

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  1. 2.

    Ich lese neuerdings immer von den "Geflüchteten" oder von Personen mit "Fluchtgeschichten". Solche rechtlich undefinierten Begriffe sind wolkige Bezeichnungen, die wenig geeignet sind, eine realistische Einschätzung zur Situation des Ausländers zu erlangen.

  2. 1.

    Da hat RBB24 eine interessante Titelgeschichte und erzählt Sie nicht zuende. War also Rechtens und wird zu Unrecht instrumentalisiert. In einer Zeit wo Desinformation eigentlich immer von den Bösen kommt, eigentlich...

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